21
Nov 2020

TV Kritik: QUEEN’S GAMBIT

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Es ist zugegebenermaßen nicht leicht, im Wust der neuen Miniserien, Serien und TV-Blockbuster (zu denen sich immer mehr Filme gesellen, die fürs Kino vorgesehen waren) das zu finden, was einem wirklich gefällt. Spoilt for choice nennt man das, oder etwas teutonisch fatalistischer: die Qual der Wahl. Hinzu kommt, dass die LvA und ich viele, aber nicht vollständige Schnittmengen in Sachen Fernsehgeschmack haben: amerikanisiertes Drama und billige Action scheren sie nicht, trübe skandinavische Serienkiller-Dramen lassen mich kalt. Aber man findet eigentlich immer "the best of both worlds".

Nach diversen Staffeln BAKE OFF aus vier Kontinenten sollte es mal wieder Fiction sein und mehrere Facebook-Freunde hatten auf die neue Miniserie QUEEN’S GAMBIT verwiesen, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Walter Tevis von 1983. Ein sehr kompaktes, schnörkelloses Buch, aus dem Netflix sieben Episoden mit Laufzeiten zwischen 40 und 65 Minuten gedrechselt hat. Das, was man in den 70ern noch eine "Maxi-Serie" genannt hätte.

Inhaltlich geht es strikt chronologisch um den Aufstieg der fast autistisch introvertierten Beth Harmon vom Heimkind zur Schach-Weltmeisterin in den 60er Jahren. Das Leben und die Menschen um sich herum nimmt sie dabei fast nur am Rande wahr – lediglich das Brett und das Spiel können sie fesseln und ihr Fokus geben. Große Mengen Tabletten und Alkohol helfen auch..

Wahrlich, ich sage euch, QUEEN’S GAMBIT ist Champagner-Fernsehen, ein Flug in der ersten Klasse der TV-Unterhaltung, mit gedämpfter Jazz-Musik und Kaschmirdecke. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal eine Produktion gesehen habe, die sich derart an ihren Kulissen, ihren Requisiten und Kostümen besäuft. Hier werden nicht die 60er bebildert – hier wird ihnen ein Denkmal gesetzt mit einem prachtvollen Fotoband in Technicolor. Sollte der Taschen-Verlag jemals Miniserien produzieren, würde so etwas wie QUEEN’S GAMBIT dabei herauskommen. Mode, moderne Architektur, Deko – Postkarten der Ära werden wieder lebendig. Lifestyle als Soap Opera:

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In Anya Taylor-Joy, deren Loblied ich schon des Öfteren hier gesungen habe, hat das Design von QUEEN’S GAMBIT die perfekte personifizierte Entsprechung gefunden. Audrey Hepburn mit den Augen einer Anime-Figur, eine junge Frau, die nur aus Blicken und Taille zu bestehen scheint. Die 60er, komprimiert in einer einzigen zierlichen Person:

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Zu MARROWBONE schrieb ich seinerzeit:

Letztlich belegt "Marrowbone" nur eins: dass die erwartete Großkarriere der bezaubernden Anya Taylor-Joy ("Witch") tatsächlich unvermeidlich ist.

Isso. War Taylor-Joy bisher ein Geheimtipp der Auguren der Filmbranche, so muss QUEEN’S GAMBIT als ihr fulminanter Durchbruch bezeichnet werden. Taylor-Joy wird kein Star – sie ist einer. Es haben nur noch nicht alle gemerkt. Sie liefert eine Performance, die keine zwei Meinungen zulässt. Phänomenal.

Und so vergehen die sieben Folgen wie Flug, im wahrsten Sinne, wenn wir Beth nach Cincinnati begleiten, nach Las Vegas, nach New York, schließlich nach Paris und Moskau. Auf der Suche nach dem Titel des Schach-Weltmeisters ebenso wie auf der Suche nach sich selbst.

Gedreht wurde das fast alles übrigens in Berlin.

Dabei werden Figuren und Tropen, die üblicherweise in Klischees ersaufen, erfreulich ambivalent gehalten: das Waisenhaus ist keine Kinderhölle, die saufende Mutter kein Wrack, der russische Großmeister kein Bösewicht. QUEEN’S GAMBIT vermeidet billiges Drama zugunsten einer deutlich introvertierteren Erzählweise.

Und dennoch, dennoch dürfen die hochklassige Ausstattung und der beinah lautlos spannende Ablauf nicht darüber hinweg täuschen, dass QUEEN’S GAMBIT erzählerisch doch nicht Literatur, sondern nur Leichtgewicht ist. Die Handlung hängt sich so hündisch an Beth, dass ihr Umfeld immer nur beiläufig an ihr vorbei schwimmt und die Dramaturgie keinerlei unerwartete Wendungen nehmen kann. Die Miniserie ist wie an einem Lineal entlang erzählt, in den Einsätzen linear steigend, ohne jemals zu überraschen.

Hinzu kommt, dass Beth keinerlei wirkliche Dramen oder Brüche erlebt (sieht man mal vom Tod der Mutter ab). Beim Schach ist sie von Anfang an praktisch unschlagbar, alle Männer sind furchtbar nett zu ihr, selbst die Alkohol- und Tablettensucht scheint niemals ein wirkliches Hindernis zu sein und wird am Ende von Folge 6 relativ nonchalant entsorgt. Würde ich noch als Skript-Doktor arbeiten, hätte ich QUEEN’S GAMBIT dringend ein paar Twists und Beth ein paar Niederlagen empfohlen. Es ist nicht TSCHERNOBYL – muss es aber auch nicht sein.

Es gibt außerdem noch einen Elefanten im Raum, ein Thema, das man ansprechen muss, auch wenn es Augenrollen verursacht: QUEEN’S GAMBIT ist natürlich ein funkelndes Stück "female empowerment", in dem die model-schöne Hauptfigur allen Männern nicht nur äußerlich, sondern auch intellektuell überlegen ist. Sie hat ein "sassy black girlfriend", einen "gay best friend" und diverse "simps". Sie ist der feuchte Traum der modernen Frau von 2020, nicht von 1965: unabhängig, erfolgreich, dabei total sexy und begehrt.

Tatsache ist aber, dass es nie eine Beth Harmon gab. Dies hier ist kein Biopic:

As of 2020, no woman has ever been the world champion. 

So gesehen muss man QUEEN’S GAMBIT weniger als Drama sehen und mehr als Märchen. Und ich frage mich, ob die Message dieses Märchens wirklich eine gesunde ist. Oder was die Message überhaupt sein soll.

Dennoch: Die beste, vor allem schönste TV-Produktion des Jahres 2020 und ein weiterer Triumph des Streaming-Booms, der alle Miesepeter Lügen straft, die in Netflix & Co. den Untergang des Entertainment-Abendlands sehen wollen.

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S-Man
S-Man
21. November, 2020 11:57

Ich habe mich erst von Beschreibung und Titelbild bei Netflix abhalten lassen, mich dann aber auch zu durchgerungen, es mal zu testen. Ich fands super. War mal was anderes.

Andy
Andy
21. November, 2020 13:50

Ich hätte mir es vermutlich gar nicht angesehen aber meine Frau meinte den sollten wir uns ansehen. Was soll ich "sagen" einer der (Mini) Serien Highlights des Jahres und Netflix kann es doch noch.

heino
heino
22. November, 2020 18:10

Insgesamt kann ich dir zustimmen, das ist alles sehr sauber und in den Details erschreckend perfekt produziert und in einer gerechten Welt wäre spätestens "New Mutants" der Durchbruch für Taylor-Joy gewesen. Aber in diesem Punkt hier bin ich anderer Meinung:

"So gesehen muss man QUEEN’S GAMBIT weniger als Drama sehen und mehr als Märchen. Und ich frage mich, ob die Message dieses Märchens wirklich eine gesunde ist. Oder was die Message überhaupt sein soll."

Es ist in meinen Augen einfach nur eine Romanverfilmung, deren vermutlich überkommene Figurenkonstellation (da aus den frühen 80ern) den heutigen Verhältnissen angepasst wurde. Eine Message sehe ich da nicht, außer dass Frauen auch in Männerdomänen reüssieren können. Ein ganz übles Beispiel für Message-TV und Geschichtsklitterung war die Mini-Serie "Hollywood" von Ryan Murphy, bei der sogar im Abspann stand, dass es das Hollywood schildert, wie es in den 40ern hätte sein sollen. Das ist zwar in der Aussage richtig, aber in den Details schäbig (besonders in der Darstellung von Rock Hudson).

heino
heino
22. November, 2020 19:24
Reply to  Torsten Dewi

Naja, das musst du dann aber dem Romanautoren vorwerfen. Und keine Ahnung, ob sie nicht ferngehalten wurden, aber wundern würde mich das nicht. Ob Männer prädestinierter sind, ist eine gute Frage, vielleicht ist das Interesse auf weiblicher Seite auch einfach zu gering.

Heino
Heino
23. November, 2020 07:13
Reply to  Torsten Dewi

Gut, ich kenne den Roman nicht, das war eine Vermutung von mir. Aber es gibt genug Filme und Serien, die den Aufstieg von Männern ebenso schildern, deshalb nehme ich das der Serie nicht übel. Ist halt ein gängiges Klischee, für mich steht da keine Agenda hinter.

Heino
Heino
23. November, 2020 14:01
Reply to  Torsten Dewi

Das ist richtig, aber wie gesagt fand ich das bei "Hollywood" viel schlimmer, weil es dem Zuschauer da immer penetrant mit dem Holzhammer eingeprügelt wurde. Und immerhin hat diese Serie hier es geschafft, mein Interesse an Schach wiederaufleben zu lassen. Allein dafür hat es sich schon gelohnt

Tim
Tim
23. November, 2020 10:20

Danke für die präzise Kritik.
Es gibt imho zwei große Probleme, die viele moderne (Netflix-) TV-Erzählungen killen: Erstens die Längen (mein Vorzeigebeispiel: Umbrella Academy), zweitens moralische linksidentitäre Belehrungen (80% aller Serien generell). Die Serie ist (bis auf die letzte Folge) nicht zu lang und mit dem moralischen Wettrüsten hält sie sich auch zurück.

Matts
Matts
23. November, 2020 15:56

Bin sehr erfreut, das hier zu lesen. In meinem persönlichen Internet-Dunstkreis hab ich bisher kaum Kritikten zu "Queen´s Gambit" gesehen.
Ich war auch extrem angetan von der Serie – vom Production Design und von Frau Taylor-Joy sowieso. Endlich kommt ihr Können auch bei Anderen außer uns Genrefilm-Fans an.
Besonders gefällt mir diese Beschreibung:

Audrey Hepburn mit den Augen einer Anime-Figur

Hätte ich die Serie nicht schon gesehen, hätte ich hier gerufen: "GEKAUFT!"

Galaktika
Galaktika
23. November, 2020 16:19

Als großer Schachfreund bin ich skeptisch.

Der Wortvogel schreibt es schon: Es ist ein Märchen, nichts anderes. Ist es ein Märchen, das wirklich in einem meiner Lieblingsmilieus, des Schachs in der Vor-Computerschach-Ära angesiedelt ist, oder ist es ein Märchen, dass das Schach nur als historisierende Kulisse für eine Biographie einer fiktiven Modellfrau für die heutige Zeit nutzt? Keine Ahnung, ich fürchte aber zweiteres.

Schach bietet etliche spannende Geschichten, die es zu erzählen gäbe. Diese hier wirkt aber vor dem Hintergrund der Realitäten im Schach einfach zu absurd. Ehrlich: Ein Mädchen, das es bei Real Madrid in der Männermannschaft zur Spielführerin schafft und dann die Champions League gewinnt, wäre in etwa genauso realistisch – und schafft es mit Recht allenfalls in irgendeine Anime-Serie. Wer glaubt, die Story einer Frau, die alle Männer im Schach besiegt, ist hanebüchen für jeden, der sich auch nur oberflächlich mit der Sache auseinandersetzt.

Dazu sei angemerkt: Ich verehre die tatsächlich beste Schachspielerin der Welt, die unvergleichliche Judith Polgár, und kann nur davon träumen, die Brillanz ihres Spiels irgendwann mal in Ansätzen zu begreifen.

Galaktika
Galaktika
24. November, 2020 12:40
Reply to  Torsten Dewi

Darauf läuft es auch hinaus: Vermutlich wird das eher keine verschenkte Lebenszeit sein. Ich kann ja an den Abenden schauen, an denen ich sonst im Verein am Brett sitze, die fallen ja bis auf weiteres weg.

Außerdem gibt es nicht so viel Entertainment mit Schach-Bezug, das Letzte, was ich da gesehen habe, war "Bauernopfer" mit Tobey Maguire als Bobby Fischer. Das war trotz einiger Schwächen ein Vergnügen, denn Tobey Maguire WAR Bobby Fischer, das war beängstigend gut gespielt.