25
Okt 2020

STAR TREK DISCOVERY: Weiter, aber nicht vorwärts

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Weil ich ein dummes Schaf bin, habe ich NATÜRLICH auch die zweite Folge der dritten Staffel angeschaut. Es steht STAR TREK drauf – was soll ich machen?! Ich möchte allerdings erneut keine komplette Kritik schreiben, weil das andere Leute besser können, die den aktuellen Nachgeschmack der Franchise nicht mit Pepto Bismol runterspülen müssen. Stattdessen hier einfach ein paar ungeordnete Gedanken, die mir auf halber Strecke gekommen sind.

Folge 2 bringt uns zum titelgebenden Schiff zurück und schon das ist bizarr: wie in der ersten Staffel scheint man nicht der Meinung zu sein, dass das Schiff Dreh- und Angelpunkt der Serie ist oder zumindest sein sollte. Wir erinnern uns, dass die ersten beiden Folgen von DISCO ebenfalls null Discovery enthielten. Nun konnte man da noch argumentieren, dass dieser Einstieg im free TV bei CBS verschossen wurde und man die Zuschauer dann zum Pay-Kanal locken wollte. Man muss es nicht mögen, aber die Verlegung der wirklich großen "reveals" in das Abo war betriebswirtschaftlich richtig, wenn auch erzählerisch frustrierend.

Gerade weil die Episode der letzten Woche aber so unbefriedigend und dünn war, darf man durchaus fragen, warum die Ereignisse von "The hope is you" und "Far from home" nicht ineinander geschnitten wurden. Das hätte BEIDE Folgen erheblich spannender gestaltet – und man hätte von Anfang an die Discovery wieder im Spiel gehabt.

Das bringt mich zu einer weiteren Auffälligkeit: in keiner bisherigen Trek-Serie gab es einen derartigen Disconnect zwischen Protagonist und Location. Kirk/Picard/Archer und die Enterprise, Sisko und DS9, Janeway und Voyager – das war immer ein Arsch und ein Eimer, eine fast mythische Verbindung wie zwischen Michael Knight und KITT. Man spürte eine echte Beziehung, eine gemeinsame Geschichte, ein gemeinsames Schicksal gar. Als Kirk die Enterprise sprengte war das, als hätte der Lone Ranger sein Pferd erschossen.

Schaut man sich die ersten beiden Episoden der neuen DISCO-Staffel an, dann wird schmerzhaft deutlich, dass Burnham das Schiff so egal ist wie Burnham dem Schiff. Das greift natürlich wieder zurück auf das Problem, das ich letztes Mal angesprochen hatte – Burnham ist nicht Captain des Schiffes, sie bestimmt nicht seinen Kurs, sie ist nicht mal wirklich freiwillig an Bord gegangen. Für mich war die fast symbiotische Beziehung von Captain und Schiff ein integraler Bestandteil von STAR TREK – und das ist hier verloren.

Wie viele Captains hatte die Discovery in gerade mal 30 Episoden? Lorca, Georgiou, Pike, Saru? Keiner davon Burnham. Wo ist da die emotionale Bindung?

Schaut man sich die neuste Folge DISCO an, dann denkt man unwillkürlich: Die könnten jetzt auch ohne Burnham weitermachen. Die Protagonistin ist in ihrer eigenen Serie verzichtbar. Bei KEINER bisherigen Star Trek-Serie war das so. TOS ohne Kirk? TNG ohne Picard? DS9 ohne Sisko? Undenkbar. Die Serien wären zerbröselt.

Denken wir das mal weiter: wenn das titelgebende Raumschiff nicht der Mythos ist, um den sich die Serie rankt, was ist es dann? Bei DISCOVERY ist das nach mehr als zwei Staffeln sehr klar und deshalb hätte man die Serie vielleicht auch eher STAR TREK: FEDERATION nennen sollen.

Die Föderation, die in TOS immer nur ein vages Konstrukt im Hintergrund war und später als brüchiges, zutiefst chauvinistisches Machtkonstrukt entlarvt wurde, wird in DISCO endgültig zu einer Art Religionsersatz, zu einem so vagen wie allumfassenden Heilsbringer. Sie ist das Ideal, dem alle nachstreben, ihr Untergang läutet den Untergang der galaktischen Multikulti-Zivilisation ein. Jenseits der Föderation warten nur Rechtlosigkeit, Verzweiflung und Verfall.

Das ist natürlich Quatsch und eine absolut unangemessene Überbewertung der Föderation, weil DISCO augenscheinlich keine anderen mythischen Aufhänger finden konnte – ohne dass die älteren Serien solche gebraucht hätten, aber das steht auf einem anderen Blatt. Wir hatten ja schon festgestellt, dass einfach "losfliegen und Abenteuer erleben" keine Option war. Es muss alles aufgepumpt werden mit Message und Mythos wie ein Bodybuilder mit Steroiden.

Aber da wird es auch wieder spannend – weil ich glaube, dass die Föderation für etwas ganz anderes steht als das, was sich die Figuren in langweiligen Proklamationen zusammen stammeln: die Föderation steht für STAR TREK selbst, bzw. verwechseln die Macher beides miteinander. Sie behandeln die Föderation, als wäre diese ein glückseliges Konstrukt wie STAR TREK, irgendwie für alle und doch ganz individuell, strikt und gleichzeitig frei. Ein Ideal, das nicht in Frage gestellt werden darf, obwohl es doch keine wirklichen Antworten bereit hält. Etwas, das sich in dauerhafter Gefahr befindet und mit Zähnen und Klauen verteidigt werden muss – und wenn es mal nicht mehr ist, muss es selbstverständlich neu gebaut werden. Weil seine Notwendigkeit als gesetzt gilt und somit unvermeidlich.

Die Romulaner, die Klingonen: sie sind mittlerweile Stellvertreter von THE EXPANSE, BATTLESTAR GALACTICA, LOST IN SPACE – feindliche Mächte, die die Vormachtstellung der Föderation bedrohen, die es mit aller Kraft zurück zu drängen gilt.

Wenn die Föderation fällt, fällt die Galaxis.

Wenn Star Trek fällt, fällt die Science Fiction.

Beides ist so anmaßend wie falsch. Und dabei mache ich gar nicht erst das Fass auf, dass die Föderation und Star Trek damit natürlich auch wieder für Amerika stehen und die Serie somit den Bogen zum Original von 1967 zurück schlägt. Nur dass man den Erfolg diesmal nicht mit bescheidenen Mitteln, aber viel Herz und Intelligenz, sondern mit Geld und brachialer Gewalt erkämpfen will. Es werden dereinst Doktorarbeiten über diese Parallelen geschrieben, glaubt es mir.

Und so fallen die Puzzleteile der verschiedenen Defizite wieder in ein Meta-Bild: der unfassbare Aufwand der Serie erklärt sich aus der Verzweiflung eines zu groß gewordenen Leviathans, dem die Beweglichkeit und der Furor der Jugend abhanden gekommen sind und der diese nun durch Geld und Aufwand zu ersetzen versucht. Die Spezialeffekte von DISCO sind wie der Porsche des Managers mit Schmerbauch, das Lifting der alternden Geschäftsfrau. Nicht anerkennen, was ist, nicht damit leben können.

Ich erinnere mich an so viele Artikel über TNG aus der Vor-Internet-Ära, in denen dokumentiert wurde, wie schwer es die Serie hatte, die wöchentlichen Anforderungen in Sachen Effekte und Kostüme und Requisiten zu erfüllen. Jede Weltraumschlacht, jeder Phaserschuss und jedes neues Raumschiff wurden nochmal und nochmal überdacht, immer mit der Maßgabe: wie viel können wir davon zeigen, ohne das Budget zu sprengen? Können wir was recyceln, können wir zwei oder drei der Shots zusammen legen? Was auf dem Bildschirm erschien, war immer der kleinste gemeinsame Nenner, ein Kind von Not und Eile – und es war großartig.

Ich sage das bewusst provokant: DISCO scheißt CGI. Hier achtet niemand darauf, ob ein Spezialeffekt wirklich in diesem Umfang nötig ist, man streckt Sequenzen, die sich in drei, vier Shots erzählen lassen würden, auf dreißig oder vierzig. Pomp, Bombast, Pathos – weil weder die Figuren noch die Geschichten was reißen. Kann man nicht besser sein, will man wenigstens größer sein, teurer, lauter.

Die Entwicklung von DISCO sehe ich mit zunehmender Fassungslosigkeit, weil niemand bei Paramount/CBS ernsthaft glaube kann, hier ein gutes Produkt abzuliefern, weil niemand willens scheint, die offensichtlichen Fehler zu benennen und zu beseitigen.

Ich habe dieses Shakespeare-Zitat in meiner Bloggerzeit schon mehrfach verwendet, aber noch nie war es so angebracht wie hier:

"A tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing."

Mag sein, dass ich zu alt bin, dass DIESER Trek nicht mein Trek sein kann und soll. Aber ich schaue DISCO und denke:

"Können die nicht mal was wie 'Inner Light' machen? Oder wie "The city on the edge of forever'? Ich würde sogar Tribbles nehmen."

Oder um ein ganz schräges Bild zu bedienen: für echte SF-Fans war STAR TREK immer Pommes. Keine Delikatesse, sehr einfach gestrickt, aber verdammt lecker. Konnte man immer wieder essen. Aber die Pommes schmecken neuerdings scheiße, weil das Fett längst ranzig ist und die Kartoffeln von neuen, dümmeren Bauern kommen. Und was macht die Pommes-Bude? Schüttet Ketchup und Mayonnaise drüber, bietet im Menü eine Cola für 50 Cent Aufpreis – und mit dem Kassenbon kann man einen Ferrari gewinnen.

Das Problem sind die Pommes.



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Heino
Heino
25. Oktober, 2020 19:07

Ich wollte die Serie ja ignorieren und habe das bisher auch geschafft, aber vielleicht muss ich doch mal einen Blick riskieren, um zu sehen, wie schlimm das ist. Auf FB lese ich immer nur Verrisse, aber bei sf-fan.de sind viele begeistert. Diese Diskrepanz weckt meine Neugier

Dietmar
26. Oktober, 2020 07:13
Reply to  Heino

Ich fürchte, Du wirst nicht viel entdecken außer die Tatsache, dass die, die das jetzt gut finden, nicht wissen, was am Alten gut war. Der bonbonbunte Bombast und die Achterbahnfahrt sind Selbstzweck geworden. So, wie es in "Game Of Thrones" am Ende nur darum ging, die gewaltigste Schlacht des TV auf den Bildschirm zu bringen und die Charaktere und ihre Entwicklung egal waren oder "Ghostbusters" nichts vom Humor des Originals versteht, aber in leuchtenden Farben Remmidemmi macht und so weiter und so fort.

Last edited 1 Monat zuvor by Dietmar
Heino
Heino
26. Oktober, 2020 10:38
Reply to  Dietmar

Ich glaube auch nicht, dass es mir gefallen wird. Ich will nur wissen, wie schlimm es tatsächlich ist:-)

Heino
Heino
26. Oktober, 2020 12:30
Reply to  Torsten Dewi

Naja, wenn dann starte ich am Anfang. Ob ich bis zur dritten Staffel durchhalten würde, bezweifle ich selbst

Heino
Heino
26. Oktober, 2020 16:56
Reply to  Torsten Dewi

Okay. Ich muss vorher noch "Stateless" beenden (das übrigens großartig ist), dann mache ich mich an das Projekt Magenumdrehen:-)

Joris
Joris
27. Oktober, 2020 06:01
Reply to  Heino

Discovery ist eine nette science fiction Serie aber eben eine schlechte Star Trek Serie. Das könnte die Diskrepanz erklären.
Mein Dad schaut auch Picard und findet die Serie unterhaltsam. Ich finde sie nur frustrierend. Selbes Problem.

jimmy1138
jimmy1138
28. Oktober, 2020 09:42

Also Discovery ist ein bißchen wie ein Autounfall – man muß einfach hinsehen.
Nach der zweiten Folge frage ich mich ja, warum die erste überhaupt notwendig war. Alles was man in Folge eins an Erkenntnisgewinn hatte, kann man in einer dreiminütigen "briefing room"-Szene unterbringen. Generell wären wohl beide Folgen in TNG gefühlt auf zwei Drittel einer Folge verdichtet worden – Effizienz beim Storytelling wird da Effektsequenzen geopfert.
Mit der Crew werde ich noch immer nicht warm. Nachdem die Steuerfrau ihren Job macht (und alle eben nicht draufgehen läßt) klatscht die Brückencrew wie Touristen die zum ersten Mal auf Mallorca landen. Saru (auch wenn noch mitunter der beste Character) hat für mich nicht die Ausstrahlung eines Star Trek Captains – bei dem würde ein "corbomite maneuver" komplett in die Hose gehen. Georgiu und Jett Reno sind für mich exemplarisch für das, was Roddenberry in seiner TNG-"Series bible" explizit ablehnte – "Star Trek is not melodrama. Melodrama is a writing style that does not require believable people. Believable people are at the heart of good star trek scripts."
Ein anderer Punkt, den Roddenberry da als unerwünscht erwähnte "treating space as a local neighourhood" – also ein Hin- und Herhüpfen zwischen Planeten und kein (realistisches) Gefühl für Distanzen. Das ist in meinen Augen auch ein Markenzeichen von New Trek. Sowohl Burnham als auch die Discovery kommen aus einem Wurmloch und kollidieren direkt mit einem Objekt. Die Wahrscheinlichkeit, daß das einmal passiert ist schon astronomisch, zweimal praktisch unmöglich.

"TOS ohne Kirk? TNG ohne Picard?"

Ist das eine "Urban Legend" oder war tatsächlich geplant, in TNG Picard durch Jellico zu ersetzen, falls da die Vertragsverhandlungen geplatzt wären? War ja im Berman Trek eine nette Tradition Staffeln mit der ersten Hälfte einer Doppelfolge zu beenden, wo so ziemlich jeder sterben hätte können.
Und in der Phase II-Serie wäre Kirk (aufgrund der Gehaltsforderungen von Shatner) eventuell auch nach Staffel eins raus gewesen.

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[…] hatte in meinem letzten Beitrag ja schon ausgeführt, dass die Figur Burnham massiv darunter leidet, dass sie keine konkrete Beziehung zum titelgebenden […]

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[…] ich habe auch, wie mehrfach erklärt, eine sehr genaue Vorstellung davon, was Star Trek ist. Und so wenig wie VOYAGER Star Trek war und […]