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Okt 2020

Ikonenschändung: Otto Waalkes ist (nicht) CATWEAZLE

Themen: Film, TV & Presse |

Natürlich bin ich ein Nostalgiker, natürlich halte ich die Helden meiner Kindheit für sakrosankt. Es wird keinen Captain Kirk geben wie William Shatner, keinen James Bond wie Sean Connery, keine Pipi Langstrumpf wie Inger Nilsson.

Und keinen Catweazle wie den vor drei Jahren verstorbenen Geoffrey Bayldon, der den depperten Zauberer in einer grandiosen Kinderserie ab 1970 spielte:

Mit seiner Kröte Kühlwalda und der Furcht vor dem modernen "elektrik-trick" war er prägend. So und nicht anders konnte und musste Catweazle sein.

Dann kam vor einiger Zeit die Meldung, dass es einen neuen CATWEAZLE geben würde – mit Otto Waalkes in der Hauptrolle.

Versteht mich nicht falsch: Waalkes ist AUCH Kult, AUCH ein Held meiner Kindheit. Aber eben als Otto Waalkes. Otto ist Otto, Catweazle ist Catweazle. Daraus folgt: Otto ist nicht Catweazle. Mr. Bean ist auch nicht Han Solo und Dieter Hallervorden nicht Indiana Jones.

Weil ich aber Profi bin und weit entfernt davon, jede nostalgische gefärbte Empörung in einen Shitstorm zu verwandeln, stellte ich meine Erwartungen erstmal auf neutral. Die ersten Fotos von Otto in Kostüm und Maske bewiesen, dass er zumindest äußerlich perfekt für die Rolle ist. Er ist ja sogar älter, als Bayldon es war.

Aber dann wurde dieses Bild veröffentlicht:

Foto: Bob Leinders/Tobis Film

Da können Makeup und Requisite leisten, was sie wollen – das ist nicht Catweazle, das ist eben doch wieder nur Otto Waalkes. Der manische Blick, die hüpfende Haltung. Tausend Mal gesehen. Es wurde schmerzhaft offensichtlich, dass Otto Waalkes kein Interesse hat, sich seinen Rollen unterzuordnen. Die Rollen haben sich ihm unterzuordnen. Fairerweise müsste es im Vorspann nicht heißen "Otto Waalkes als Catweazle", sondern "Catweazle als Otto Waalkes."

Und trotzdem – ich bin mittlerweile ein "angry old man" und es soll Fälle gegeben haben, bei denen ich voreilig negativ geurteilt habe. Abwarten und Tee trinken.

Gestern wurde der Trailer veröffentlicht:

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Das ist nicht schlecht. Das ist nicht schlimm. Das ist… grausam.

Und es ist exakt das, was ich befürchtet hatte. Abgesehen davon, dass der britische Charme des Konzepts mal wieder dem geopfert wurde, was man in krasser Verkennung der Tatsachen eine "deutsche Komödie" nennt, kann ich in diesem Trailer Catweazle nicht finden. Ich sehe nur den alternden Otto Waalkes, der in einem Lumpenkostüm seinen ausgelutschten "shtick" abzieht. Keine Gefangenen. Nur Opfer.

Es bietet sich ein Vergleich an.

Man kann Otto mögen und Dieter Hallervorden ablehnen (besonders, wenn man Anekdoten von ihrem Verhalten am Set kennt), aber es ist unbestreitbar, dass Hallervorden immer zuerst Schauspieler sein wollte. Er schlüpft in Rollen, kann durchaus ernst, sogar gefährlich wirken (siehe DAS MILLIONENSPIEL). Der hat auf der Bühne klassische Rollen gespielt und in den letzten Jahren darauf geachtet, seinem Alter gerechte, mitunter tragische Figuren darzustellen.

Otto – ist Otto. Mag seine manische Bühnenpersona auch nicht mit dem Privatmann Otto Waalkes deckungsgleich sein, so ist sie doch alles, was er jemals an Comedy-Charakter entwickelt hat. Und dieser Charakter, der von seiner jugendlichen Unschuld und Begeisterung lebt, wurde spätestens in den 90ern erst sehr ermüdend, dann sogar nervig. Otto hat nie den Versuch unternommen, sich anzupassen, sich zu verändern, sich zu entwickeln – er hat einfach darauf gesetzt, dass er mit seinem Publikum altern kann. Und rein wirtschaftlich mag sich das gelohnt haben.

Nun ist die Figur "Otto" leider nicht für eine große Bandbreite tauglich. Die kindliche Ignoranz, die lärmende Fahrigkeit – das ist alles nur Oberfläche. Anders als z.B. Mr. Bean spürt man nie einen Mensch hinter der Figur, man traut ihr keine tatsächliche Tragik oder wenigstens ernsthafte Empathie zu. Die Figur Otto steht immer für sich allein, interagiert nicht mit der Umwelt, liebt nicht, hasst nicht, trauert nicht.

So etwas funktioniert, solange man die Kunstfigur in ihrem Umfeld belässt, solange man ihr Welten baut, die sich um sie drehen und keinen Anspruch an eine Realität haben. Aber die Figur Otto KANN nicht Catweazle sein – weil Catweazle Angst hat, verwirrt ist, sich um andere Menschen sorgt. Er mag ein exzentrischer alter Kauz sein, aber sich selbst sieht er als Person von großem Respekt und würdiger Autorität.

Die Figur Otto hingegen sieht weder andere Menschen noch sich selbst – Introspektion war kein Thema für die Kleinkunst-Bühnen der 70er, für die Waalkes seinen "Otto" entwickelt hat.

Otto Waalkes hätte das erste Mal in seiner Karriere, nach 50 Jahren, von seiner Figur lassen müssen. Hätte eine tatsächlich neue Rolle spielen müssen, die nicht seinen Hampelmann Otto in den Mittelpunkt rückt.

Vielleicht war das auch zu viel verlangt.

Und darum ist es so enttäuschend wie eigentlich unvermeidlich, dass CATWEAZLE nur wieder ein neuer OTTO-Film ist, diesmal halt in Kostüm.

P.S.: Es bieten sich vermutlich Vergleiche zur aktuellen Neuauflage von PAN TAU an, aber ich konnte mich nicht dazu bringen, mir das anzuschauen.



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Gerrit
Gerrit
29. Oktober, 2020 09:50

Danke für die Warnung. Schade, wäre vermutlich gerade der einzige Film gewesen, den ich mir dieses Jahr noch im Kino gegeben hätte – so bleiben es Tenet

SvenBr.
SvenBr.
29. Oktober, 2020 09:58

Schwieriges Thema, weil ich persönlich Catweazle nur vom Hörensagen kenne und daher null Bezug zu ihm habe.
Den Trailer fand ich jetzt zwar recht unterhaltsam, gebe Dir aber uneingeschränkt recht, dass das halt OTTO ist und niemand anderes.
Dabei hätte der Stoff definitiv mehr hergegeben – schade drum.

Ich finde es prinzipiell auch schade, dass sich Otto null weiterentwickelt hat, seit ich ihn vor fast 40 Jahren kennengelernt habe.

Achim
Achim
29. Oktober, 2020 10:01

Vor über 30 Jahren mochte ich Otto.
Aber ich hasse das, was aus Otto geworden.

Und dieser Film wird beim immer noch treuen Otto-Publikum vermutlich sogar ankommen, auch wenn aus einem unerklärlichen Grund Otto mit Catweazle angesprochen wird. Nur wird er keine neuen Fans für einen richtigen Catweazle bringen.

Thomas Bunzenthal
Thomas Bunzenthal
29. Oktober, 2020 11:08

Otto Waalkes rutscht aus, ein dickes Kind kriegt ’ne Flasche an die Birne… ich würde einen größeren Betrag wetten, daß irgendwer ’ne Torte ins Gesicht bekommt.

Ich hab mir vor ein paar Jahren mal eine Folge der Serie angesehen und fand sie ausgesprochen altbacken und fade. Zeiten ändern sich, man wird älter…
Aber das hier… ekelhaft.
Herr Waalkes ist echt sowas von drüber. Seit 30 Jahren.

Dietmar
Dietmar
29. Oktober, 2020 18:31

Schade. Ich hätte es so gefeiert, wenn Waalkes gelungen wäre, was John Wayne im Alter gelang: Sich über eine Rolle neu zu definieren.

Ich würde das "Vielleicht" wegnehmen: Es war ganz offenbar zu viel verlangt, denn Otto ist kein Schauspieler und hat diese Ambitionen auch nicht.

Last edited 1 Monat zuvor by Dietmar
Tom
Tom
29. Oktober, 2020 20:35
Reply to  Dietmar

Worauf spielst du an in Hinsicht auf John Wayne? Ich will nicht widersprechen, aber mir fällt gerade nichts ein.

Dietmar
Dietmar
30. Oktober, 2020 05:10
Reply to  Tom

Ich spiele auf "Der Marshal" an, wofür er dann ja schließlich seinen Oscar bekam.

Last edited 1 Monat zuvor by Dietmar
Olaf
Olaf
30. Oktober, 2020 13:08
Reply to  Dietmar

Wayne hätte den Oscar für “The Searchers” oder “Red River” bekommen müssen. 1970 gab es genug andere Kandidaten die ihn eher verdient hätten. Voight oder Hoffman in “Midnight Cowboy sind nur 2 übergangene…

Tom
Tom
29. Oktober, 2020 20:39

Herr im Himmel, sogar der Trailer wirkt unglaublich altbacken.

Teleprompter
Teleprompter
29. Oktober, 2020 21:43

Warum auch immer – ich habe mal zwei der neuen Pan Tau Doppelfolgen gesehen, und habe es halbwegs schmerzfrei überlebt.

Ich denke, in allen Fällen hat die Wahrnehmung der Neuauflagen auch ein bisschen was damit zu tun, ob einem die Originale jetzt mal unabhängig von der Hauptfigur wirklich nahe standen. Für mich heißt das – Kirk ja, Pan Tau, Mork, Catweazle eher nein, speziell die zwei letztgenannten waren mir schlicht zu albern, aber das muss ja letztlich jeder selbst gewichten.

Insofern fand ich die Neuauflage vom Pan Tau durchaus zeitgemäß für eine neue Generation / Zielgruppe, deren Aufmerksamkeitsspanne deutlich verkürzt ist und deren Themenbreite sich trotz der ganzen neuen Technik, um die es da auch geht und die passabel eingebunden ist, jedenfalls mal nicht verbreitert hat. Nur dieser leicht überdrehte Brite ist kein Simanek und damit auch kein Pan Tau (eher so eine jugendkompatible Superheldenversion). Dass die alten Rollen nicht mehr vernünftig neu besetzbar sind, das haben die Neuauflagen offenbar gemeinsam.

Dietmar
Dietmar
30. Oktober, 2020 05:17
Reply to  Teleprompter

Niemand, wirklich niemand, kann an den liebenswerten, unverfänglich väterlichen, dabei aber kindlichen Charme des Otto Simanek herankommen. Er ist Pan Tau mit jeder Faser seines Seins. Untrennbar. So, wie "Löwenzahn" immer Peter Lustig sein wird. Oder Marty McFly immer Michael J. Fox.

Galaktika
Galaktika
30. Oktober, 2020 08:29
Reply to  Dietmar

Wobei ich ja zu Löwenzahn anmerken muss: Peter Lustigs Nachfolger, Guido Hammesfahr, macht das gut, sehr gut sogar. Gerade weil er eben nicht versucht, auch nur in die Nähe der Person Peter Lustig zu kommen.

Das bewahrt ihn vor allzu scharfen Vergleichen, denen auch immer der oben geprägte Vorwurf der Ikonenschändung innewohnt.

(Ja, ich gebe zu, ich schau das als Erwachsener und habe keine Kinder, die als Alibi herhalten könnten.)

S-Man
S-Man
30. Oktober, 2020 13:07
Reply to  Galaktika

Sehe ich auch so.

Dietmar
Dietmar
31. Oktober, 2020 00:26
Reply to  Galaktika

Ja, "Fred Fuchs" macht das fairerweise gesagt ausgezeichnet, das sehe ich auch so.

S-Man
S-Man
31. Oktober, 2020 10:45
Reply to  Dietmar

Fritz… 😉

Dietmar
Dietmar
31. Oktober, 2020 17:52
Reply to  S-Man

Ups …

Fred war Feuerstein.

Oder so.
🙂

Last edited 29 Tage zuvor by Dietmar
Holger Kreymeier
30. Oktober, 2020 20:50

Bei Pan Tau reicht dir ja vielleicht der kurze Beitrag, den ich darüber gemacht habe… https://www.youtube.com/watch?v=HtZUcL5cHEk

Solus
Solus
1. November, 2020 17:52

Die neue Pan Tau Serie hat tatsächlich ein Casting-Problem. Aber nicht der Hauptdarsteller, der macht das eigentlich ganz nett. Das Problem sind die "Kinder" – 20jährige spielen 15jährige, die (mit schlechten Synchronstimmen) Sätze sagen wie "Pan Tau kann nur von Kindern gesehen werden." Irgendwas ist da bei der Zielgruppenanalyse schief gelaufen und ich kann mir nur schlecht vorstellen, dass sich echte Kinder in der Serie heimisch fühlen. Die Geschichten im übrigen, die ich beim Reinzappen mitbekommen habe, waren recht seicht. Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder haben, oder eine Tochter, die anstatt mit den Freundinnen mit ihrem peinlichen Vater in den Camping-Urlaub fahren muss. Nachdem ich als Kind die Originalserie aber auch schon recht schnarchig fand, ist es ja dann vielleicht doch gar keine so schlechte Neuauflage…

Andreas 1703
Andreas 1703
2. November, 2020 10:21

Hatte ein sehr ähnliches Erlebnis vor Jahren bei der Verfilmung von Tommy Jaud´s Vollidiot, ich habe diese Romane damals verschlungen und hatte Bauchweh vom vielen Lachen. Dann las ich die Meldung das Oli Pocher die Hauptrolle spielt und dachte für mich "Passt". Hat es nicht. Oli Pocher spielte Oli Pocher, nur mit anderem Namen. Man kann ihn auch mögen, ich tu es nicht. Jedenfalls ging es komplett an der Figur Simon Peters vorbei

Oibert
Oibert
3. November, 2020 00:47

Grausam! Otto hat auch seit den 70ern keinen neuen Witz mehr gemacht – zumindest keinen der sich nicht wie die 70er anfühlt. Und dann sich an Catweazle wagen? Wer ist da überhaupt die Zielgruppe? Bestimmt keine Leute unter 40. Weil der Jugend gehen sowohl Otto als auch Catweazle garantiert meilenweit am Hinterteil vorbei…