31
Okt 2020

Filmverbrechen-Fotostory: SO SPIELT DAS LEBEN… IN KITZBÜHEL oder: die einmalige Shopping-Soap

Themen: Film, TV & Presse, Fotostory |

Ich habe mich in den letzten Wochen mit meinen Fotostorys zurück gehalten, weil einfach anderweitige Arbeit drängte und ich es auch müde war, immer wieder den ollen Ohrner oder irgendwelche Backfisch-Brüste der bundesrepublikanischen 80er zu protokollieren. Ich habe mich intensiv auf die Suche nach einer neuen Erfahrung gemacht, nach Trash, den kaum einer kennt und der es verdient, einem größeren Publikum bekannt gemacht zu werden.

Aus diesem Grund geht mein Dank an Martin Beck, der mich in die richtige Richtung gestupst hat – was seltsam ist, denn den Kanal, von dem diese Perle stammt, habe ich selbst erst neulich bei den DREI SCHWEDINNEN AUF ST. PAULI für eines der Fiedler-Videos heran gezogen.

Im ersten Augenblick dachte ich: Eine Schmonzette aus den 90ern ohne Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Was soll DARAN denn für meine Leser interessant sein? Aber je mehr ich mich einlas, desto größer wurde meine Faszination. SO SPIELT DAS LEBEN…. IN KITZBÜHEL bietet trotz fehlender Schauwerte alles, was diese Rubrik auf meinem Blog ausmacht. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig, in seiner wurstigen Ernsthaftigkeit urkomisch und in seinem Scheitern fast schon Mitleid erregend. Hier blamieren sich spätere Stars, hier mühen sich Leute am Thema Film ab, die damit nichts zu tun haben (sollten).

Ich finde es auch ungeheuer spannend, dass SSDL (so werde ich das nun meistens abkürzen) viele Leerstellen besitzt, die ich nicht füllen kann. Es ist eine Produktion, die sich nicht googeln lässt, gerade mal auf der Wikipedia-Seite einer der Darstellerinnen kurz erwähnt wird. Die beauftragende Firma teilt mit, selber keinerlei weitergehendes Material zu dem Gedrehten zu haben – was durchaus eine Schutzbehauptung sein kann. Das hier ist eine 45minütige Leiche im Keller eines deutschen Großunternehmens, welches seit fast 70 Jahren existiert.

Reden wir nicht länger um den heißen Brei herum: SO SPIELT DAS LEBEN… IN KITZBÜHEL ist ein TV-Kurzfilm im Stile biederer Liebesromane, produziert von der Firma Heine Mode, deren Kataloge vermutlich jeder schon mal in der Hand hatte. Als reines Schaufenster-Projekt angereichert mit Product Placement an allen Ecken und Enden, werden zu jeder Figur die getragenen Kleidungsstücke mit der Seite im aktuellen Heine-Katalog (He/Wi 95) eingeblendet. Eine Dauerwerbesendung, verpackt in ein fiktionales Produkt durchaus im Stil der Privatsender seiner Zeit, gerahmt von passenden Werbespots und einer Gastgeberin, die ich mangels anderer Informationen fürderhin Frau Heine nennen möchte.

Davon habt ihr noch nie gehört? Das könnt ihr euch überhaupt nicht vorstellen? Genau deshalb sind wir hier. Es wird im Verlauf dieses Beitrags sehr viel zu erklären geben.

Aufblende.

Frau Heine begrüßt uns in einer Wohnung, die garantiert nicht ihre ist, in der "Heine Mode- und Erlebniswelt". Hier sitzen die farbenfrohen, aber geschmacksarmen 90er wie der Schimmel in der Wand, mit aseptisch ist die Einrichtung noch freundlich umschrieben. Die Unverbindlichkeit der sorgsam hergerichteten Präsentatorin zeigt sich deutlich in der einzigen wiederkehrenden Geste, die man ihr zugesteht – Arme ausbreiten:

Das kann sie super auch in der Totalen und leicht eingedreht:

Und weil Zeit Geld ist, bekommen wir auch gleich zu sehen, wie in den nächsten 50 Minuten Geld gemacht werden soll – das Outfit der Dame ist für den Zuschauer bestellbar:

Ob es wohl – ganz nach japanischem Vorbild – Herren gab, die gleich bei Heine anriefen in der Hoffnung, genau dieses getragene und unter den Studiolampen lecker angeschwitzte Ensemble erwerben zu können? Ich konnte es leider nicht herausfinden.

Nachdem wir also erklärt bekommen haben, wie der Hase läuft, kann die Show mit einer letzten Präsentationsgeste beginnen:

Es ist der Heine-Katalog selber, der uns digital aufgeschlagen in die Märchenwelt des österreichischen Kitzbühel mitnimmt. Eingespielt wird dazu ein gräßlicher Titel-Popsong, den ich persönlich augenblicklich durch ein Instrumental im Schwarzwald-Klinik-Stil ersetzt hätte:

Was erwartet uns genau? Ein Film? Ein Doku-Drama? Wir wissen es nicht. Aber ganz im Stil kitschiger Soaps werden uns die Darsteller präsentiert, auf die ich gleich mal näher eingehen möchte (die Crew hinter der Kamera kommt später).

"Star" ist Anke Seeling, die selbst der Internet Movie Database als Schauspielerin unbekannt ist:

Das heißt aber nicht, dass die Frau vom Erdboden verschwunden ist – wie ihre ordentlich gestaltete Webseite verrät, arbeitet sie mittlerweile als Moderatorin und Model im eher regionalen Bereich. So kann man sich relativ aktuelle Beiträge von ihr ansehen:

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Die nächste Darstellerin dürfte den meisten von euch bekannt sein. Hier startete sie ihre erstaunlich langlebige TV-Karriere:

Ganz genau: Valerie Niehaus, die originale VERBOTENE LIEBE und später Protagonistin in meinem etwas verunglückten Actionfilm VOLLGAS:

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Die beiden männlichen Hauptrollen werden bestritten von Nicolas König, der ebenfalls eine sehr solide Fernsehkarriere vorzuweisen hat, und Kim Bärmann, bei dem das nicht so ist. Er braucht sich allerdings nicht grämen: Niemandes Weg war umsonst, wenn er eine Rolle in DER GOLDENE NAZIVAMPIR VON ABSAM 2 spielen durfte.

Und dann sind da noch die zwei von Frau Heine versprochenen "Verwicklungen" in Form der verschollenen Christine Behnke und (Trommelwirbel!) Alexandra Kamp, die hier eine ihrer ersten größeren Rollen bestritt.

Wir erinnern uns vielleicht oder auch nicht – Alexandra Kamp sollte das Schicksal ebenfalls eine Hauptrolle in einem Film aus meiner Feder zuweisen:

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Ich habe euch ja gesagt, dass dieser "Film" voller Überraschungen steckt. Viele der Darsteller sind übrigens von so prominenten Sprechern nachsynchronisiert, dass man glauben könnte, SSDL sei ursprünglich auf englisch gedreht worden. Mitnichten: wie in vielen (deutlich kürzeren) Werbespots hat man offensichtlich entschieden, dass die Darsteller eher optisch als stimmlich überzeugen müssen.

Stürzen wir uns also rein in das, was Heine vermutlich für ein "Vergnügen" hielt:

Ich habe die bange Vermutung, dass die drei Punkte im Titel auf weitere geplante Filme hinweisen, die dann nie produziert wurden. Was würde ich für SO SPIELT DAS LEBEN… AUF SYLT geben! Welchen Spaß hätten wir haben können mit SO SPIELT DAS LEBEN… IN BADEN-BADEN!

Wir wissen es noch nicht, aber diese junge Dame mit der Bildung implizierenden Brille ist Sabine, unsere Protagonistin. Eine junge Frau, die weiß, was sie will.

Die Touristenhochburg Kitzbühel ist in diesem Film, das sei vorab verraten, ein erstaunlich menschenleeres Idyll von der Größe eines mittleren Parkhotels. Hässlichkeiten wie Autos gibt es weit und breit keine, gefahren wird offensichtlich primär mit Kutsche. Dementsprechend schmeißt Sabine ihre Reisetasche auf den Sitz, bevor sie bemerkt, dass die Pferdestärke einen Getriebeschaden hat, den sie sich mal anschauen muss.

Kaum ist Sabine veterinärmedizinisch zugange, tauchen mit Peter und Harry zwei Herren auf, die als "Schnösel" noch freundlich beschrieben sind. Harry besonders fällt durch Rücksichtslosigkeit auf, weil er einfach Sabines Gepäck aus der Kutsche schmeißt.

Es mag dem geneigten Zuschauer seltsam erscheinen, dass Sabine währenddessen dem ihr unbekannten Pferd kundig den Huf reinigt, aber das ist nur eins der vielen Mysterien, die noch aufzuklären sind.

Sie ist natürlich angemessen empört, dass ihre Mitfahrgelegenheit gekapert wurde:

Harry schert’s nicht, der schnöselt in ein verdächtig auffällig gebrandetes "Handy", dass er bittesehr aktuell nicht gestört werden möchte:

Ich gestehe, dass ich Harry und Peter zu diesem Zeitpunkt noch für ein schwules Paar gehalten habe. Mittlerweile ist der Kutscher aufgetaucht, der weder von Sabines Wirken um das Wohl seines Wallachs etwas mitbekommen hat, noch von der unredlichen Inbesitznahme seines Gefährts. Ein unachtsamer Gesell, so scheint’s.

Sabine ist jedenfalls total angefressen ob der rüden Abservierung – der Zuschauer sei in diesem Moment aufgefordert, mal Seite 150 im Katalog aufzuschlagen:

Und wahrlich, ich wünschte mir, ich hätte euch für diesen Review eben diesen Katalog besorgen und präsentieren können. Was für eine Gaudi wär’s gewesen! Aber er ist in den Nebeln der prädigitalen Ära leider verschollen.

Überblendung zum primären Schauplatz der Handlung, einem Kitzbüheler Hotel, das im Gegenzug für die Werbung sicher nicht nur Kost und Logis gestellt hat:

Hier sehen wir den Concierge mit einem sähr österräischischen Akzänt. Ich vermute, er ist der tatsächliche Concierge des Hotels gewesen, denn die Besetzungsliste führt ihn nicht auf.

Die beiden Schnitten Elli und Yvonne beobachten die Ankunft der feschen Herren von der Hotelbar aus und eruieren gleich mal, ob da zwei großzügige Galane einchecken.

Es wird schnell und schmerzhaft klar: Alexandra Kamp als "Yvonne" muss "die Doofe" zu Christine Behnkes "die Geldgeile" spielen. Das hier sind zwei Goldgräberinnen, die nur der Verzögerung des unvermeidlichen Liebesglücks dienen.

Auch Sabine hat es zum Hotel geschafft – auf einem Heutransporter. Ich erwähnte es bereits: Kitzbühel hat hier die PKW-Dichte von Norderney.

Der Heukutscher lädt Sabine noch zu einer Reitstunde ein, was sich im ersten Augenblick so anstößig anhört wie im zweiten – und er erzählt obendrein noch von einem wilden Pferd in seinem Stall. Wir merken uns das.

Harry und Peter bekommen derweil vom Concierge "ein paar Prospekte" ausgehändigt, was der Dramaturgie ausreichend Verschnaufpause gibt, um uns zu verraten, wo wir Harrys Sakko im Katalog finden können:

Und weil bei gerade mal 45 Minuten Laufzeit alles hopplahopp gehen muss, begegnen wir schnell noch Julia, der letzten Protagonistin dieses Liebesreigens. Allein, sie scheint abweisend und verstört. Der tratschige Concierge steckt unseren beiden (Ein)Checkern, dass es sich bei ihr um eine bekannte Tennisspielerin handelt, die unerklärlicherweise ein wichtiges Turnier in New York hat sausen lassen. Trägt sie gar ein dunkles Geheimnis mit sich?!

Weil ihr Einsatz die Liebe ist, braucht Sabine – ganz im Sinne der Groschenheftchen – kein eigenes Geld mitbringen. Sie hat den Aufenthalt im Hotel schlicht bei einem Preisausschreiben gewonnen. Und natürlich will sie nicht der schnöden Muße frönen, sondern Bücher wälzen. Modern! Unabhängig! Rein! Und damit bereit für die Romanze ihres Lebens – anders als diese Frauen, die im Manne nur das Scheckheft sehen. Pfui!

Während Harry schon im Geiste die beiden Schnallen Yvonne und Elli auf die Matte nagelt, hadert Peter noch mit seinem Schicksal – im wahrsten Sinne des Wortes: seine über alles geliebte Frau ist vor zwei Jahren verstorben, weshalb er ihr Bild immer noch gerahmt mit sich herum trägt. Nicht mal die Samtweste "Sandro Pozzi" kann ihn trösten:

Ich hätte mich davon emotional mehr abholen lassen, wenn das Porträt nicht gar so sehr nach Modefoto aussehen würde.

Harry wird die nostalgische Nölerei seines besten Freundes und Chefs zu bunt und er macht lautstark ein Fass auf, dass nun endlich wieder Halligalli angesagt sei. Die Welt dreht sich weiter und auch das Geschäft braucht den markigen Macher, nicht den weichen Witwer.

Peter hält knallhart dagegen – die Firma läuft super, halt die Klappe, du Schnulli!

Pack schlägt sich, Pack verträgt sich: so schnell, wie der Streit gekommen ist, verfliegt er auch wieder. Harry schlägt ein Tennismatch vor. Ich frage mich in der Zwischenzeit, ob das hier wirklich die großmäulig angekündigte "Kaiser-Suite" ist:

Peter sieht ein, dass Trübsal nicht das Einzige sein sollte, das an diesem Wochenende geblasen wird, und packt das Bild der verstorbenen Gattin weg.

Sabine freundet sich derweil im Eiltempo mit Julia an und wir erfahren, dass sie für einen Veterinär-Abschluss büffelt – und eine Strickjacke von Seite 203 trägt:

Ortswechsel in die hoteleigene Tennishalle, die ja ebenfalls beworben werden muss. Yvonne – Samtjacke, Seite 192 – und Elli beobachten das Match von Harry und Peter in der unverhohlenen Absicht, spendable Gönner an Land zu ziehen.

Harry tut ihnen den Gefallen und lässt sich nach ein wenig Smalltalk-Simulation hinreißen, die beiden Grazien zu einem Abendessen einzuladen:

Mit dem Handschlag erfahren wir auch endlich, was Elli sich vermutlich später vom Leib reißen lassen wird. Oder auch nicht. Wir sind hier schließlich nicht bei den Schulmädchen.

Peter ist gar nicht begeistert – er fürchtet, die Damen könnten auf Sex aus sein.

Ich bin ja nicht so der Ladies Man, aber das hier sieht mir eher nach nachmittäglichem Kaffee und Kuchen aus als nach einem romantisch geschwängerten Abendessen. Kein Wunder, dass Peter die Gegenwart der beiden intellektuell begrenzten Kleiderständer schnell zu viel wird:

Auf der Ruhewiese des Hotels stolpert er im wahrsten Sinne des Wortes über Sabine, die ihn erstmal kräftig anblafft. Das Wort "anblaffen" wird heutzutage übrigens viel zu selten verwendet. Und ich gestehe, dass ich DIESES Sakko von Peter in den 90ern tatsächlich sofort im Katalog nachgeschlagen hätte – Lederkragen und Ellbogen-Flicken… hmmm…

Aber bevor man sich näher kennen lernen kann, geht Elli dazwischen – sie wird sich den goldenen Fang nicht von so einer daher gelaufenen Brillenschlange streitig machen lassen. Schon gar nicht, wo sie sich so schick in Kleid und Spitzenweste geworfen hat (S. 52/53).

Wir ahnen – am Himmel der Liebe braut sich ein Eifersuchts-Gewitter zusammen. Zeit für eine kleine Pause mit Verkaufsveranstaltung (Teilnahme freigestellt). Frau Heine hat die Viertelstunde genutzt, um sich neu in Schale zu werfen. Ihr Blick ist jedoch seltsam streng – missbilligt sie das Treiben in Kitzbühel gar?!

Der kurze Rock und die Einblendung "24 Stunden-Service, gegen Aufschlag" lassen durchaus die Vermutung zu, dass hier ganz andere Dienstleistungen angeboten werden als nur schnöder Warenversand – aber nein, es geht immer noch um Mode.

Es stellt sich heraus, dass Harry auf der Kutsche nicht zufällig telefoniert hat – in Kooperation mit der Telekom wird nun ein entsprechendes Handy offeriert, dessen Werbespot ich sogar noch kenne:

Und weil ich ein Blog mit Bonus-Content und weiterführenden Dienstleistungen betreibe, verrate ich euch gerne, dass es sich bei dem Mann im Werbespot um den Schauspieler Jeremy Sheffield handelt, den ihr vielleicht noch aus dem Franka Potente Horrorfilm CREEPER kennt – oder aus Natalie Imbruglias Musikvideo zu "Torn", wo er ihren Freund spielt.

Der Werbespot der Telekom bleibt nicht lange allein, uns wird auch noch ein günstiges Vier Monats-Abo der Zeitschrift Maxi angedient, die übrigens 2019 eingestellt und 2020 wieder neu aufgelegt wurde:

Ich gestehe: ich habe angerufen. Und hätte jemand abgenommen, hätte ich aus Prinzip auf das Vier Monats-Abo bestanden. Doch leider leider ist die Nummer nicht mehr geschaltet.

Einige von euch werden außerdem denken: FAX? Wofür steht das denn?! Fragt eure Eltern.

Wolltet ihr immer schon mal wissen, wie teuer der Spaß "Handy" anno 1995 war? Bitteschön: 398 für den schweren Knochen aus Plastik und Metall, nochmal 49 Grundgebühr für jeden Monat (keine Flatrate!). Deutschmark, nicht Euro.

Und was soll ich sagen?

Ich hab’s getan. Wieder nix. Diese Nummer ist leider nicht vergeben. Alles vergeblich.

Zurück zum "Film". Julia sitzt deprimiert im Seite 133-Nachthemd im Bett, als ihre neue beste Freundin Sabine kommt, um sie zu einem Reitausflug abzuholen:

Im Gespräch wird erneut klar: mit Julia stimmt was nicht. Sie hat alle ihre Kleidung auf dem Boden verstreut, bietet Sabine die große Auswahl an, verkündet trotzig "ich brauch' den ganzen Mist nicht". Was eine eher kontraproduktive Aussage in einer Produktion für eine Modefirma ist, wie ich finde.

Sabine lässt sich nicht abhalten, allein einen Spaziergang durch Kitzbühel zu machen. Ist ja auch schön. So als Single. Wer braucht schon einen Mann?

Das perfekte wie perfide Gegenbeispiel: Yvonne und Elli, die sich massiv von Harry und Peter aushalten lassen, ohne erkennbare sexuelle Gegenleistungen geliefert zu haben. O tempora! O mores! Wenigstens trägt Elli bereits sexy Corsage (Seite 5 UND Katalogtitel!).

Die Warnung von Peter, die beiden Schnallen würden ihre Kreditkarten killen, kontert Harry erkenntnisstark mit "das sind Frauen, die sind nun mal so".

Wie zum Gegenbeweis erblickt Peter nun – SIE!

Ich decke an dieser Stelle gnädig den Mantel des Schweigens (S. 69) über den Pullover. Es waren die 90er, wir hatten ja nix.

Peter verfolgt die Vision an Grazie und Eleganz, die Sabine ist. Wie ein Stalker. Weil das vermutlich romantisch ist. Wer von uns ist nicht schon stundenlang einer wildfremden Frau im Patchpullover (S. 210) hinterher gerannt und hat sie beim Juwelier-Besuch durch die Fensterscheibe angestarrt?

Auf dem Weg durch die Stadt stolpert Peter (schon wieder!) in eine Fotoproduktion. Das Model trägt selbstverständlich Heine – und ist die Gewinnerin des Wettbewerbs "Das Gesicht 94" Christine Beutmann, die auch heute noch gut im Geschäft zu sein scheint. Gleiches gilt für den Fotografen Juan Carlos Garay.

Harry hat derweil wieder mal tütenweise Luxuswaren für Elli und Yvonne rangeschafft – und ich bin der Überzeugung, dass drei Campari die billigere Methode sind, statusgeile Dumpfschnecken zu Nacktschnecken zu machen. Well, whatever works, I guess.

Elli echauffiert sich ein wenig, dass Peter die Biege gemacht hat, aber Harry entschuldigt das mit einer so rasanten Rechtskurve, dass ich wirklich vor Verblüffung erstmal den Film anhalten musste:

"Muss man schon verstehen, also – vor zwei Jahren ist bei einem Überfall seine Frau erschossen worden."

Alder!!!

Und die Ischen so – ooohhh…:

Das ist euch noch nicht hartes Melodram genug?! Take that, suckers – Julia schreibt etwas, das offensichtlich eine Art Abschiedsbrief darstellt.

Peter ist derweil weiter auf der Pirsch – er hat Sabine aus der Stadt heraus verfolgt. Ein Psychopath? Endet SSDL womöglich nicht mit einem Kuss, sondern mit einem Einspieler bei AKTENZEICHEN XY?!

Brille sei Dank wissen wir aber, dass Sabine nicht doof ist – sie hat Peter längst entdeckt und stellt ihn zur Rede. Weil sie sein Verhalten unmöglich und unangemessen findet, lädt sie ihn auf einen Reitausflug ein. Geschichten, die das Leben (niemals) schreibt.

Der "Witz" ist natürlich, dass Sabine dafür sorgt, dass Peter den eingangs erwähnten wilden Hengst zugeteilt bekommt, was wohl als "meet cute" durchgehen soll.

Der Slapstick setzt sich fort – Harry versucht inzwischen, Elli und Yvonne die Feinheiten des Golfspiels beizubringen. Und wer hätt’s gedacht?! Yvonne stellt sich total doof an, trotz Lederjeans (S. 98).

Ehrlich? Alexandra Kamp tut mir leid. Die ist eine prima Schauspielerin, macht mittlerweile echt coole Sachen:

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So etwas wie SO SPIELT DAS LEBEN hat sie nicht verdient. Das hat niemand verdient.

Große Momente der deutschen Schauspielerei:

Immerhin bietet die Nahaufnahme des Abschlags die perfekte Gelegenheit, goldfarbene Slipper unter die Leute zu bringen:

Weil selbst Harry mittlerweile gemerkt hat, dass mit den beiden hohlen Ischen kein Staat zu machen ist, überlässt er sie kampflos zwei älteren Herren, die gleich auf Tuchfühlung gehen:

Meanwhile…. das Schicksal schlägt zu! Sabine (bzw. deren Stuntfrau) stürzt vom Pferd…

… und rollert in einen Gebirgsbach. Dabei hatte doch Peter das wilde Pferd!

Keine Frage: was ein Gentleman ist, der eilt der Angebeteten sofort zur Hilfe. Because that’s what heroes do. Und dafür muss er sich auch prompt von Sabine zusammen scheißen lassen. What?!

Das kann nur eins bedeuten – wahre Liebe!

Die haben bisher gerade mal drei Sätze miteinander gewechselt, allesamt Beleidigungen. Da kann auch Frau Heine nur überfordert die Arme ausbreiten – diesem Sodom und Gomorrha hat sie nur einen "chicen CD-Ständer" entgegen zu setzen, den man für eine Freundschaftswerbung bei Heine abgreifen kann:

Gottseidank bewahren uns ein paar abkühlende Werbespots vor der wilden Rammelei, die nun fast zwangsweise folgt (not). Ab in den Regenwald!

Bevor einer fragt: ja, ich habe angerufen. Nein, die Nummer ist nicht mehr geschaltet.

Im ersten Augenblick habe ich angesichts des Spots gequietscht wie ein kleines Mädchen, weil ich dachte, es wäre der hier:

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"Ich schlage vor, Sie sehen sich das mal an" ist bis heute einer meiner Standard-Sprüche. Nur echt im Hardy Krüger-Tonfall.

Weiter im Werbetext. Es folgt etwas, das genau genommen auch eine Art fiktionales Format ist. Eine "Uschi König" möchte uns eine Puppe namens "Laura" zum Kauf andienen.

Es lohnt sich durchaus, auf die Feinheiten zu achten: der Text impliziert, sie selbst sei Sammlerin und Verkäuferin von hochwertigen Puppen. Aber in Wirklichkeit sagt sie nur, dass sie Puppen liebt und diese eine ebenfalls in ihrer Sammlung hat. Kein Wunder: "Uschi König" heißt nicht Uschi König und war in den 90er Jahren ein beliebtes Senior-Model in der Werbewelt. Ein paar Jahre zuvor machte sie mit ihrem "Sohn" noch den Färbetest von Blendax Antibelag:

Mit der ganzen Sammlerinnen-Nummer soll lediglich so getan werden, als bekäme man für 19,90 Mark kein schnödes Massenprodukt. Was natürlich nicht stimmt:

Uschi drängt "Laura" dann auch gleich ihrer Freundin "Hannelore" auf, und ich kann angesichts der Mimik dieser Darstellerin nicht ausschließen, dass es hinter den Kulissen zu einem blutigen Streit um die Eigentümerschaft der Puppe gekommen ist:

Ihr wisst, was bevorsteht:

Kein Anschiss unter dieser Nummer – leider.

Um zu beweisen, dass tatsächlich Menschen abgesehen von Mama Acula solche Scheußlichkeiten kaufen, werden zwei Testimonials präsentiert, bei denen man förmlich den Regieassistenten mit der Schrotflinte hinter der Kamera riechen kann:

Zurück zu Frau Heine. Sie hat nach diesem Knaller ein weiteres "Top-Angebot aus der Heine-Boutique, das Super-Accessoire-Set der Top Models aus der aktuellen Kollektion" parat: ein "handlicher Alu-Dater mit noblem Leder UND ein glänzend versilberter Schlüsselanhänger". Wie sie eindringlich erklärt: "Ein Muss in der Handtasche der Trendbewussten."

Ja, vor Palm Pilots und Smartphones trug man solche Dinger mit sich rum. Ich vermute mal, der Schlüssel zum BMW war nicht im "Trend-Set-Preis" inbegriffen:

Plötzlich: ein krasser Stilbruch. Der Spot für den Wettbewerb "Das Gesicht 95" ist in einem Maße hysterisch bunt und überdreht, dass er total aus dem Rahmen dieses gesamten Projekts fällt. In dem Stil wurden damals Sega-Konsolen und Mango-Duschgels beworben. Crazy!

Nix wie weg, zurück nach Kitzbühel. Hier stand der Heuwagen offensichtlich bereit, um die frisch Verliebten Sabine und Peter wieder ins Schlosshotel Lebenberg zu bringen:

Da man immer noch ein wenig durchnässt und verschmutzt ist, verabredet man sich für später zu einem romantischen Date. Das bedingt natürlich Vorleistung, also popelt sich Sabine ein paar Kontaktlinsen auf die Pupillen – Peter mag sicher keine Brillenschlangen:

Peter lässt es richtig krachen und rasiert sich sogar:

An dieser Stelle war ich verwundert, dass Heine es nicht geschafft hat, Firmen für Kontaktlinsen-Reiniger und Aftershave an Bord zu holen. Ich habe aber den Verdacht, dass sie es versucht haben.

Weil Sabine hübsch aussehen möchte und Julia ihr ja den gesamten Kleiderbestand angeboten hatte, sucht sie sich ein "kleines Schwarzes" im Zimmer ihrer "besten Freundin" aus (dran denken, auch die beiden haben kaum mehr als drei Sätze gewechselt):

Dabei stößt sie auf den Abschiedsbrief von Julia. Das Schicksal nimmt seinen Lauf:

Wie Sabine mit Hilfe des Concierge schlussfolgert, will sich Julia vom Hahnenkamm in die Tiefe stürzen. Die Eile gebietet den Verzicht auf Kutsche und in diesem einen Moment darf mal ein echter PKW aushelfen:

Ist der panische Versuch, eine suizidale Freundin zu retten, wirklich als touristisches Sightseeing geeignet? Ich habe da so meine Zweifel.

Tatsächlich: Julia steht am Abgrund, nicht nur so rein menschlich.

Harry wundert sich derweil über die gute Laune seines Freundes, schlussfolgert korrekt den Grund, aber inkorrekt die gemeinte Dame.

Große Momente der deutschen Schauspielerei, Teil 2:

Sabine ist geschockt, ihre Freundin Julia kurz vor dem finalen Sprung zu sehen – und spätestens hier bekommt die Idee, ständig Verkaufshinweise einzublenden, ein Geschmäckle, das den Zuschauer unpassend lachen macht:

Julia offenbart, dass sie an Muskelschwund leidet (nennt man heute eher Multiple Sklerose). Ihre Tenniskarriere ist vorbei. Sabine redet auf sie ein und ich war enttäuscht, dass sie nur eine einzige Tennis-Metapher dabei verwendet:

"Das Leben ist ein langes, langes Match."

Hier wäre eindeutig mehr gegangen:

"Muskelschwund ist vielleicht der Matchball und es steht 0:30 – aber Martina Navratilova hat 1985 beim Australian Open das Finale auch noch gedreht! Es ist nun dein Aufschlag – und der muss ein Ass sein! Du kannst dir keinen Doppelfehler leisten – dein Arzt ist dein Coach! Hör auf ihn! Am Ende zählt nur der Grand Slam gegen die Krankheit!"

Egal: Hauptsache, es funktioniert. Julia entsagt vorerst dem Sprung ins Tal.

Oberdepp Harry hat derweil Elli gesteckt, dass Peter total in sie verknallt sei. Woraufhin Elli im knappen Body zum sexuellen Frontalangriff übergeht:

Als hätte Sabine heute nicht schon genug Stress gehabt, muss sie Peter dafür massiv eine semmeln (grandioser Cartoon-Soundeffekt!) und wütend davon stürmen.

Elli versucht tapfer weiter, beim bewusstlosen Peter zu landen – zu irgendwas muss der Pannesamt-Body doch gut sein! Oder wie ich die Szene nenne: Panne samt Body. Hä hä hä.

Dem erwachenden Peter schwant, dass Harry ihm das eingebrockt hat. Das gibt Haue. Und große Momente der deutschen Schauspielerei, Teil 3:

Sabine muss nachdenken – über das Leben, die Liebe, über alles. Wo könnte sie das besser als in einer Tennishalle, die dringend beworben werden muss? Es ist fast schon putzig, wie völlig sinnfrei und nur dem Sponsoring geschuldet dieser Einschub ist.

In der Bar treffen der einseitig blauäugige Harry und die zutiefst verletzte Sabine aufeinander. Im wahren Leben gäbe es nun eine Runde "revenge sex", aber in der Welt des Kitschromans muss das Missverständnis aufgeklärt werden, damit die Liebenden zueinander finden können.

Und hätt man es für möglich gehalten? Peter hat Sabine schon die Ohrringe gekauft, die sie beim Juwelier so bewundert hatte. Letztlich sind alle Ischen käuflich, gelle?

Romantische Versöhnung. Weil Sabine seinen Schmuck angenommen hat, darf sie fürderhin ihren süßen Mund halten und Peter zu Diensten sein. So say we all.

Manche Menschen nennen es ein Happy End. Solche Menschen kann ich nicht leiden.

An dieser Stelle hat der Film übrigens eine naheliegende Wendung unterschlagen, die in keinem Groschenroman gefehlt hätte: Es stellt sich heraus, dass die Firma von Harry und Peter an einem experimentellen Medikament gegen Muskelschwund arbeitet! Eine Chance auf ein neues, würdiges Leben für Julia! Stattdessen wird Julia einfach fallen gelassen.

Und was hat Frau Heine dazu zu sagen? Es ist ein einziges "ach ja"…:

Aber – und mit diesem aber verbindet die geschäftstüchtige Dame die erste und einzige Alternativ-Geste dieses Abends: alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Und deshalb gibt es gleich was zu gewinnen. Dranbleiben und sich noch ein wenig foltern lassen:

Ich kann nur unterstellen, dass SO SPIELT DAS LEBEN die Laufzeit nicht voll bekam, denn es folgen ein paar Minuten Videoaufnahmen aus dem winterlichen Kitzbühel, die offensichtlich von Privatleuten mit minderwertigen VHS-Kameras gedreht wurden (fragt eure Eltern). Die Bildqualität erinnert an meine Urlaubserinnerungen aus Irland anno 1990. So etwas gehört in den Keller, nicht ins Fernsehen:

Um Kitzbühel NOCH attraktiver zu machen (und vermutlich vertragliche Vereinbarungen mit dem Touristikbüro des Ortes zu erfüllen), zeigen wir nun willkürlichen Wintersport und ein paar alte Männer, die Ski-Enthusiasten vielleicht kennen (oder nicht):

Es ist sehr offensichtlich, dass das in Aussicht gestellte Gewinnspiel nur dazu dient, die Zuschauer am Apparat zu halten, die an dieser Stelle massenhaft ausschalten würden. Fremdenverkehr ist ein hungriges Biest, das nach Aufmerksamkeit brüllt. Und darum bewirbt man weit über den Geduldsfaden der Zuschauer hinaus noch die "Kitzbüheler Osterhasen-Pauschale", mit der man für wenige tausend D-Mark mit der ganzen Familie eine Woche Urlaub in Österreich machen kann:

Das Interesse des Zuschauers schwindet, das der Macher auch – lustlos werden ein paar Dias mit Abbildungen von Hotels und den Kontaktadressen eingeblendet. Es sollen Luxus-Unterkünfte sein, aber "Luxus" hat man in den 90ern augenscheinlich anders definiert als heute:

Wer jetzt dennoch ganz wuschig ist und denkt "wow, da will ich hin!", dem kann geholfen werden. Man muss lediglich SO SPIELT DAS LEBEN zurück spulen, die Katalogseite eines bestimmten Kleidungsstücks herausfinden und auf einer Postkarte (fragt eure Eltern) einschicken. Dann kann man einen Kitzbühel-Urlaub gewinnen und sich auf die Suche nach Sabine und Peter machen – oder doch lieber Elli und Yvonne?

Psssst…: Die Antwort lautet 46. Also zweimal 23. Das ist doch kein Zufall! Leider ist es für uns alle aber schon viel, viel, viel zu spät:

Und damit sind wir endlich raus und ich kann nach SEHR langen 53 Minuten zu meinen abschließenden Gedanken kommen.

SO SPIELT DAS LEBEN… IN KITZBÜHEL ist… einzigartig. In jeder Hinsicht. Mag der Streifen auch inhaltlich von einer unfassbaren Banalität sein, die aber immerhin kompetent die Mechanismen des Liebes-Schundromans repliziert, so ist er konzeptionell ein absolutes Einzelstück, ein Prototyp, ein missglückter Erlkönig, der schließlich als Studie in die Archive gewandert ist nach dem Motto: haben wir versucht, hat nicht geklappt, lassen wir besser.

Natürlich ist das granatendoof und fern jeder uns bekannten Realität – aber das sind die hier referenzierten Romane auch und als jemand, der selber aus der Branche kommt, erkenne ich die Archetypen und Tropen des Genres. Was wir als banal und unglaubwürdig auslachen, ist in den Heften von Kelter und Cora fest etabliert. Der Schicksalsschlag, das Hindernis, das Missverständnis.

Auch der Versuch, über einen solchen "Film" Klamotten und andere Alltagsdinge zu verkaufen, wirkt nur auf den ersten Blick hanebüchen: in den 90ern wurden viele neue Mittel und Wege getestet, das zunehmend technisierte Publikum zum Konsum zu locken. Zur gleichen Zeit, da Heine SO SPIELT DAS LEBEN startete, ging auch HOME SHOPPING EUROPE auf Sendung. Es war damals absolut stimmig, die Übereinstimmung der Zielgruppen von Home Shopping und Groschenroman zu sehen und eine Verbindung herstellen zu wollen.

Und unter diesem Aspekt muss man auch das Ergebnis bewerten: natürlich bodenlos, aber in seinem begrenzten Anspruch völlig ausreichend. Die ständige penetrante Verkaufe ist allerdings störend und verhindert, sich ernsthaft auf das Geschehen auf dem Bildschirm einzulassen. Subtil Interesse an einem Produkt zu wecken, ist eine Sache – ständig auf und ab zu hüpfen und "HIER KAUFEN!!!" zu schreien, eine andere. Das nervt schnell.

Aus dem Umfeld der Kirch-Gruppe weiß ich, dass bis ins neue Jahrtausend immer wieder orakelt wurde, man müsse die Geschehnisse auf dem Schirm mit dem bequemen Home Shopping fusionieren. Statt Einblendungen setzte man in Tests dabei allerdings auf einen speziellen Knopf auf der Fernbedienung, der nur im Fall von akutem Interesse weitere Informationen einblenden konnte und deutlich weniger störend war.

Technisch ist natürlich Schmalhans Küchenmeister. Ich kann mich auch erinnern, dass Anfang der 90er auf Softcore-Format geschnittene Alpenpornos der "Heidi heida"-Reihe im Spätprogramm von SAT.1 liefen – deren Production Value lag nicht deutlich unter dem von SO SPIELT DAS LEBEN:

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Privatfernsehen war jung, Homeshopping neu, Videokameras billig – man probierte was aus. Und ich werde das nicht nachträglich schlecht reden. So sehr mich das Ergebnis amüsiert, so sehr bewundere ich den Mut der Beteiligten, so etwas wenigstens mal zu versuchen.

Unter diesem Aspekt muss man auch die Schauspieler werten – Alexandra Kamp kann sich mit der Rolle der doofen "Yvonne" natürlich keinen Bundesfilmpreis erspielen, und Valerie Niehaus holt das Beste aus ihrer vagen Erkrankung. Darstellerisch werden keine Leistungen abgerufen, es reicht völlig aus, der Präsentation von Produkten nicht störend im Weg zu stehen. Man darf sich durchaus freuen, dass einige der Beteiligten später mehr Talent zeigen durften.

Ungeklärt ist übrigens bis heute, WO und WANN genau SO IST DAS LEBEN ausgestrahlt wurde. Lief der bei einem Privatsender in einer nächtlichen Werbeinsel? Auf einem Shopping-Satellitenkanal? Oder wurde er gar nur von Heine auf Video vertrieben? Ich habe die Hoffnung, dass einer meiner Leser Genaueres weiß.

Ein paar Worte zu den Machern: Gedreht wurde SO IST DAS LEBEN passenderweise von der NEUE SENTIMENTAL FILM, das war damals eine angesehene Produktionsfirma für Werbefilme in Frankfurt. Auftraggeber war eine Werbeagentur, die wiederum für Heine Mode arbeitete. Das erklärt auch, warum sich hinter der Kamera Leute tummelten, die nicht unbedingt viel Erfahrungen im Film & Serien-Geschäft hatten. So ist Autor Peter Kotthaus seither nur noch als Schauspieler zu sehen gewesen – drolligerweise auch neben Valerie Niehaus in VERBOTENE LIEBE. Und Regisseur Mark Gläser hat augenscheinlich primär Werbe- und Musikvideos gedreht – ihm verdanken wir u.a. dieses Werk:

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Die Credits listen auch einen "Eddie Abon" als Ko-Regisseur, über den ich nichts rausfinden konnte. Vielleicht hat er die Szenen mit "Frau Heine" gedreht. Nicht glauben mag ich, dass Aufnahmeleiter Michael Nouri mehr als nur namensgleich mit dem US-Schauspieler ist, den wir noch als Love Interest aus FLASHDANCE kennen.

Das Fazit? Am Ende bleibt ein Kuriosum, über das man sich prima amüsieren kann, für das sich aber keiner der Beteiligten schämen muss. It is what it is.

Wer jetzt allen Ernstes nicht genug hat und denkt "das muss ich mir auch mal anschauen", oder womöglich meine Schilderungen in Zweifel zieht, den verweise ich gerne an das Original:

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Und damit mache ich für heute den Deckel zu.

P.S.: Dank an Christian Witte, der SO SPIELT DAS LEBEN auf seinem YouTube-Kanal der Nachwelt erhalten hat und der mit vielen meiner Facebook-Kumpel zusammen arbeitet (Martin Hentschel, Philipp Muhs). Ewiger Respekt auch für diesen Zusammenschnitt der Interview-Segmente alter "Report"-Filme, den ich als abschließendes Zuckerl kredenzen möchte – bei 1:44:55 seht ihr einen Klassiker, den ich schon vor fast 14 Jahren gepostet habe:

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Dietmar
31. Oktober, 2020 22:12

Bin nur bis Anke Seelig gekommen. Und die ist mir wahnsinnig sympathisch!

Comicfreak
Comicfreak
31. Oktober, 2020 23:10

Herrlich!

Fake
Fake
1. November, 2020 19:15

Das mit der "beiliegenden Gewinnkarte" klingt als ob man das zusätzlich zum Katalog bekam. Vielleicht als Angebot im Stil von "Katalog plus VHS mit spannendem Spielfilm und Gewinnspiel für 3.50 Schutzgebühr"

Christian Witte
Christian Witte
2. November, 2020 13:17
Reply to  Torsten Dewi

@Torsten: Hast du noch Kontakt zum Martin Hentschel? Der hatte mir die Kassette zum Digitalisieren zur Verfügung gestellt – frag ihn gerne mal, ob er noch ein Cover hat bzw. weitere Infos, inwiefern die VHS mit dem Heine-Katalog eingebunden war. LG aus Hamburg!

Christian Witte
Christian Witte
2. November, 2020 14:36
Reply to  Torsten Dewi

Hihi, ich habe zu danken für die reichlichen Verlinkungen 🙂 Wollen wir mal schauen, was in Zukunft noch alles entlang und in den Kanal rauscht. LG, Christian Witte

Markus
1. November, 2020 23:22

Heilige Scheiße.

Selle
Selle
2. November, 2020 12:42

Mir scheint, dass das Objekt der Begierde (mit der beworbenen Korsage auf dem Titel) dereinst für wenige Zloty angeboten wurde, sich aber kein Käufer fand. Eventuell ist der Anbieter ja bereit, das zu reaktivieren?

dermax
dermax
2. November, 2020 15:47

Valerie Niehaus ist übrigens seit 2 Jahren in der heute show zu sehen und offenbar auch im Pan Tau-Reboot. Ausserdem scheint sie nicht altern zu wollen…

Jake
Jake
2. November, 2020 16:28

Deine leider nicht von Erfolg gekrönten Anrufversuche bei den eingeblendeten Hotlines erinnern mich an eine alte AVGN-Episode, in der es um das 1992 erschienene NES-Spiel "Wally Bear an the No! Gang" geht. In dem Spiel, das Teil einer Anti-Drogen-Kampagne war, wurde eine Telefonnummer eingeblendet, die noch 15 Jahre nach Erscheinen des Titels erreichbar war. Da lief dann ein Bandansage, in der Wally Bear dem Anrufenden erzählt, wie schlecht Drogen sind.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
3. November, 2020 11:56

An die Sat1-Softporno-Schiene musste ich bei den Bildern auch direkt denken oO* Alter Falter, was für ein Kuriosum 😀

Matts
Matts
3. November, 2020 16:43

Panne samt Body!! You walked right into that one, SSDL!

Ich decke an dieser Stelle gnädig den Mantel des Schweigens (S. 69) über den Pullover.

Ich kann nicht mehr! Ist die Seitenzahl noch irgendein Insider-Gag?

Bin jedenfalls weiterhin ein Fan dieses Formats. Hier wird vielleicht nicht aus Scheiße Gold gemacht, aber aus Trash Entertainment.

Martin Däniken
Martin Däniken
10. November, 2020 16:52

Also ich musste doch bei diesen angepriesenen Porzellanpuppensammmeldingern an Puppen-Günther denken…Diese Ikone des Verkaufs-TV harrt seiner Wiederentdeckung!
Ansonsten vielen Dank für deine Arbeit-Weiteres Intellektuell-Kulturell-Indifferentes wird mit Spannung und Fingernagelabkauen erwartet 😉