27
Jul 2020

Webserienkritik: KONTAKTLOS

Themen: Film, TV & Presse |

Ihr habt eine neue Science Fiction-Serie verpasst. Mehr noch: ihr habt eine neue deutsche Science Fiction-Serie verpasst. Wie ich mir da so sicher sein kann? Nun, man hat sich wahrlich alle Mühe gegeben, dafür zu sorgen, dass KONTAKTLOS kein größeres Publikum erreicht.

Das erste Mal habe ich von der sechsteiligen Serie, deren gut viertelstündige Folgen insgesamt Spielfilmlänge ergeben, vor drei Tagen in einer kleinen Nachrichtenmeldung bei Blickpunkt Film. Die Meldung an sich war schon kurios genug, denn der Titelzeile "HR produziert SciFi-Serie KONTAKTLOS" folgte die Aussage, die Serie sei sogar schon fertig – und bereits komplett online in der Mediathek abrufbar.

Wie bitte? Was jetzt? Der HR (also der Hessische Rundfunk) produziert stickum Science Fiction-Serien, noch dazu zum brandaktuellen Pandemie-Thema – und stellt diese dann ohne Trara online?!

Scheiß auf DARK und SLØBORN – DAS muss der Wortvogel sehen!

Vorab muss man sich allerdings klar machen, dass KONTAKTLOS nicht nur viele Parallelen zur aktuellen Pandemie zieht, sondern auch unter derer Bedingungen produziert wurde: die Darsteller konnten am Set keinerlei körperlichen Kontakt haben und die Gespräche zwischen den Protagonisten finden weitgehend über Videokonferenz statt. Das verringert natürlich die echte Interaktion und die auszuspielenden Konflikte. Anders ging’s aber nicht.

Kurz das Setup: Im Jahr 2040 leidet die Welt immer noch unter Pandemie und einem ewigen Lockdown: die Menschen verlassen ihre Wohnungen praktisch nicht mehr, Interaktion findet über den Bildschirm und mit AI-Assistenten statt und was man braucht, wird geliefert. Dazu gehört auch das Sperma des Mega-Konzerns XSperm, der den Kinderwunsch per Paketdienst übernommen hat. Aber es gibt Widerstand – sowohl gegen die normalisierte Quarantäne als auch gegen die Pläne von XSperm, die Fortpflanzung noch weiter zu entmenschlichen.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Max, ein ITler von XSperm, und die Künstlerin Felina, die zum Widerstand gehört.

Und jetzt wird es ein wenig kompliziert, denn ich muss KONTAKTLOS eigentlich zweimal nacheinander besprechen, weil ein elementarer Faktor der Bewertung ausgeklammert gehört.

Zunächst einmal bespreche ich die Miniserie, wie ich jedes andere ähnlich gelagerte Projekt besprechen würde.

Strukturell und konzeptionell ist KONTAKTLOS ein sehr unausgegorenes Produkt, bei dem man nie weiß, ob die Defizite dem Lockdown während der Dreharbeiten oder kreativen Fehlentscheidungen geschuldet sind. Das fängt schon damit an, dass es keinen Grund gibt, diese Story in sechs Häppchen zu erzählen, die am Ende doch Spielfilmlänge ergeben, statt einen homogenen TV/Web-Film zu produzieren. Denn mitnichten hat man einfach 90 Minuten gedreht und dann in sechs Teile geschnitten – wie bei einem Serial und einer Soap endet jede Folge mit einem dramatischen "Höhepunkt" (wenn man das so nennen mag), und in jeder Folge müssen Handlungsstränge immer wieder neu erläutert werden, was eine erschreckende Menge an Redundanzen erzeugt. So haben Max und Felina je einen Gegenpart, der ihnen per Videokonferenz ermöglicht, ihre Interessen und Absichten zu artikulieren. Und das wird sehr schnell sehr repetitiv. Im Endeffekt scheinen Max' Kollege und Felinas Freundin jedes Mal das gleiche zu sagen, "Im System stimmt was nicht – was ist bei dir los?" respektive "Wir müssen die Menschheit aufrütteln!". Das ist nicht nur langweilig, sondern knabbert auch massiv an der Laufzeit, die eigentlich für wichtigere Dinge genutzt werden sollte.

Damit sind wir bei der zentralen "Liebesgeschichte" von Max und Felina, die ich aus Gründen in Anführungszeichen setze. Ich verstehe ja, dass die Tatsache, dass die Darsteller zwei Meter Abstand halten mussten, jede Romanze torpediert. Aber es hätte doch möglich sein müssen, die Gefühle der beiden irgendwie anders zu visualisieren. Es muss ja nicht gleich Cybersex sein. An keiner Stelle habe ich die Beziehung der beiden geglaubt, da fehlte jede Empathie, jede Intimität, jede Chemie. Max und Felina sind verliebt, weil das Drehbuch es so will – nicht, weil es glaubwürdig erzählt wird.

Und wenn wir schon bei den erzählerischen Defiziten sind: Das "world building" (siehe auch RAPUNZELS FLUCH) ist mal wieder komplett für die Tonne. Ich gratuliere jedem, der ohne meine Inhaltsangabe oben nach der ersten Folge überhaupt verstanden hat, dass XSperm in dieser Welt ein mächtiger Konzern ist und dass Max für deren IT mit verantwortlich ist. Als skrupelloser Antagonist wird XSperm nie thematisiert, selbst die Untaten der Firma bleiben immer nur sehr vage behauptet. Außerdem leben die Protagonisten extrem komfortabel und man fragt sich, gegen was sie eigentlich aufbegehren.

Filmemacher Marc Ermisch scheint sich da auch nicht sicher zu sein, denn immer wieder ändern sich die behaupteten Motivationen: während am Anfang noch der ewige Lockdown der Stein des Anstoßes ist, weil er die Menschen zu verkabelten Eremiten macht, geht es in den letzten Folgen um eine neue Technologie von XSperm, die entlarvt werden soll. Und selbst DAS ist, wie wir dann herausfinden, nicht wirklich haltbar – mangels plausibler Gefahren dieser Technologie richtet sich die Empörung schließlich gegen die Art, wie die Technologie entwickelt wird (was die Technologie selbst eigentlich wieder rehabilitiert).

Ich bin lange genug dabei, um nicht voreilig zu unterstellen, Ermisch sei alleine für diese wackelige Erzählhaltung verantwortlich. Vieles an KONTAKTLOS riecht nach Einflussnahme entweder des Senders oder der Produktionsfirma. Ich konnte an diversen Stellen das gefürchtete "Alles schon ganz schön, aber könnten wir hier nicht vielleicht…" förmlich hören. Gut gemeinte Anmerkungen…

Kurzum: Das ist alles sehr krude und holperig erzählt, da werden grundlegende Hintergründe und Beziehungen nicht erklärt und als Utopie im Zeitalter von Corona taugt KONTAKTLOS nicht, weil er letztlich nur die aktuellen Tendenzen überzogen abbildet und sich bei seinem Weltbild primär auf technische Schlagworte (Videokonferenz, Online-Shopping, digitale Assistenten) stürzt, als habe man eine Sackladung alter HYPERLAND-Episoden zu diesem Thema geplündert. Politik und Philosophie, die Kernbestandteile jeder Utopie, bleiben völlig ausgeklammert: wie konnte es so weit kommen? Wieso lassen die Menschen sich das gefallen? Wieso hat XSperm so eine Macht – und was macht die Politik? Ist die Menschheit im komfortablen Einsiedlertum vielleicht besser dran? Für solche Fragen hat KONTAKTLOS keine Zeit. Auch deshalb, weil die Serie trotz des düsteren Themas ständig meint, "auch mal lustig" sein zu müssen. So sehen wir Max gleich bei unserer ersten Begegnung in den Vorbereitungen zu einem gemütlich Masturbationsabend im Zeitalter Corona:

Selbst WENN ich das witzig fände, würde ich fragen, warum jemand, der keinen Kontakt zu anderen Menschen hat, ausgerechnet zur Palmwedelei ein derartiges Outfit braucht – oder wie er das überhaupt bewerkstelligt. Es nimmt dem ganzen Geschehen die Ernsthaftigkeit, ebenso wie die Videokonferenzen mit Felinas Eltern, die augenscheinlich an das Ehepaar mit dem kaputten Fernseher von Loriot angelehnt sind. Diese Albernheiten ziehen KONTAKTLOS völlig den Zahn und invalidieren auch alle Fragen, die man tatsächlich diskutieren könnte.

Es bleibt ein zwar in der Theorie lobenswertes, aber in der Praxis gescheitertes TV-Experiment, das mir ein schizophrenes Urteil abverlangt: Kann ich KONTAKTLOS wahrlich nicht empfehlen, so würde ich mir vom HR doch wünschen, dass er mehr solche Projekte finanziert. Weil der Weg aus dem TV-Einheitsbrei zum "besser" eben erstmal über das "anders" führt. Was hier nicht funktioniert, mag schon beim nächsten Vorstoß glücken.

Das ist die EINE Sichtweise. Ich habe aber noch eine zweite, und die fällt deutlich dramatischer aus. Wenn man sich nämlich KONTAKTLOS aus einer anderen Perspektive anschaut, ist die Miniserie nicht bloß krude und unausgegoren – dann ist sie moralisch korrupt, in keiner Weise hinnehmbar und ein Schandfleck für das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Schauen wir dazu mal auf den Kern der Handlung: Es gibt eine weitgehend funktionierende, der Pandemie geschuldete, aber sehr wohlhabende futuristische Gesellschaft ohne Not, ohne Angst, ohne Brutalität. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Gesellschaft das Resultat von Zwang ist oder einer Diktatur gleich kommt. Das hier ist nicht 1984. Das System setzt alles daran, den Menschen die Verluste an Nähe durch virtuelle Dienste, digitale Kommunikation und Komfort wett zu machen. Die Menschen wirken von der dauernden Isolierung teilweise frustriert oder gelangweilt, aber nicht über die Maßen unglücklich.

Und dann gibt es da eine kleine Gruppe, die sich entschieden hat, dass "das System" des Teufels ist und ohne Rücksicht auf Verluste und gegen den Willen der Mehrheit gestürzt werden muss. Man nimmt Infektionen durch direkten Kontakt ebenso in Kauf wie einen radikalen Einbruch der Geburtenzahlen, in dem man den Spermavorrat von XSperm vernichtet. Und die neue Technologie, wegen der man die brutale Revolution anzetteln will? Ist lediglich ein Fortschritt in Sachen Maschinenmedizin, den die Menschen auch selber ablehnen könnten und der durchaus vielen Frauen eine ersehnte Erleichterung bringen könnte.

Die Widerständler beziehen ihr gesamten Wissen aus wenigen zusammen geklauten Informationen, aus denen sie ein Weltbild gebaut haben, in dem XSperm das ultimative Böse ist und die Menschen aufgeweckt werden müssen – was mit Sicherheit passieren wird, wenn man "dem Apparat" erst mal erfolgreich und öffentlichkeitswirksam in den Rücken geschossen hat.

Ich sag’s ungern, aber – die Story hatten wir schon. Vor 45 Jahren nannte sich dieser verblendete Widerstand, der im Namen des Volkes gegen das Volk agierte – Rote Armee Fraktion.

Hosen runter: Felina und ihre Genossen sind Terroristen und es wirkt schal, wenn sie in der Miniserie immer wieder empört den Verdacht zurückweist, dass sie Terroristen seien. Und es ist sehr klar, dass WIR das auch so sehen sollen. Aber schaut man sich behaupteten Motivationen und Mittel an, dann ist die Grenze zum Terrorismus nicht nur mehr hauchdünn – sie ist längst überschritten. Alles, was an Rechtfertigung bleibt, ist "aber wir haben doch die überlegene Moral". Und wie ich weiter oben erklärt habe, haben sie die eben nicht – die Begründung, warum XSperm unbedingt bekämpft werden muss, bleibt ja nicht nur vage, sie wechselt. Auch das eine Parallele zur RAF.

Ich kann das noch höher hängen: die wütende, rational kaum nachzuvollziehende Ablehnung der Fortpflanzungsmedizin in KONTAKTLOS hat schon etwas von religiösem Eifer, von der Ablehnung jeder Fortpflanzung jenseits der "natürlichen Geburt". Wer aus einem solchen Furor gleich den Umsturz plant, steht selten auf der richtigen Seite – der Geschichte und auch sonst.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob die Macher und der Sender dieses Problem nicht sehen wollten – oder ob sie die Story bewusst so gebaut haben und tatsächlich einem Weltbild hinterher hängen, nach dem eine kleine Gruppe Pseudo-Intellektueller basierend auf dem eigenen moralischen Minderheiten-Anspruch den Systemsturz planen dürfen und dabei zu Helden stilisiert werden.

Für mich selbst war es am Ende der Miniserie unmöglich, die Protagonisten als gerecht und in ihrem Handeln als gerechtfertigt zu sehen. Aber KONTAKTLOS bleibt für diesen Widerspruch blind, hängt sich kritiklos und hündisch an die propagierte "gute Sache".

Und dafür sollten sich alle Beteiligten ruhig mal ordentlich eine Runde schämen.

P.S.: Ich darf übrigens komisch finden, dass sich bis heute noch niemand die Mühe gemacht hat, die Miniserie in der IMDB einzutragen – auch Autor und Regisseur Marc Ermisch ist dort unbekannt.

P.P.S.: Osteried hat die Serie bei GOLEM besprochen und urteilt deutlich milder.



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MinkyMietze
MinkyMietze
28. Juli, 2020 10:29

Klingt irgendwie so als wolle man die Verschwörungslügner von heute zum moralisch sauberen Widerstand von morgen umerklären. Und DAS wäre wirklich ekelhaft !

Skrymir
Skrymir
1. August, 2020 15:38
Reply to  Torsten Dewi

Die Anzahl der Clowns in Berlin lässt mich vermuten woran diese Durchlässigkeit liegen könnte.