19
Jul 2020

Meine neue Religion: Backwahn

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Es ist bekannt, dass meine LvA und ich mit geradezu frömmelnder Begeisterung THE GREAT BRITISH BAKE OFF schauen, seit wir die Sendung bei einer Reise zu den Kanalinseln 2013 entdeckt haben. In Windeseile holten wir damals die verpassten Staffeln nach und sind seitdem auch dabei, wenn es die CELEBRITY Specials und das KIDS Bake Off zu bejubeln gibt. Die Sendung ist einfach unfassbar zen und zeigt nette Menschen, die in einer heimeligen Umgebung leckere Sachen backen. Gelebte Entspannung mit hohem Kaloriengehalt.

Ausnahme: die deutsche Version.

Irgendwann hat man aber alle Folgen durch und dann ist guter Rat teuer. Mittlerweile schauen wir auch den Profi-Ableger BAKE OFF: THE PROFESSIONALS, der primär dadurch fasziniert, was die Zweier-Teams in wenigen Stunden aus ein paar Schüsseln mit Eier, Mehl, Zucker und Kakaopulver zaubern können.

Momentan befinden wir uns wieder in der "Zwischenphase" – die PROFESSIONALS gehen auf das Finale zu und uns fehlt Nachschub. Also haben wir entschieden, mal andere englischsprachige Versionen der Show zu schauen. Kein Problem, die Sendung wurde ja weltweit lizensiert.

Irgendwie landeten wir beim AUSTRALIAN BAKE OFF:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Auf der einen Seite fasziniert es, wie extrem formatiert die Show ist – nicht nur die Abläufe, sogar die Phrasen der Moderatoren sind vorgegeben und damit EXAKT wie im britischen Original. Was sich aber unterscheidet, ist die Einstellung der Kandidaten. Sind die Briten jovial, aber durchaus kompetitiv, so gehen die Australier deutlich nachbarschaftlicher miteinander um: wenn ein Hobby-Bäcker Probleme hat, helfen alle aus. Ist jemand fertig, fragt er rum, ob er bei jemand anderem die Deko machen darf. Das ist so unfassbar… nett. Als hätten sie nicht verstanden, dass es hier um "ich gegen alle" geht. Ich vermute, dass es der australischen Geschichte zu verdanken ist, nach der man seinem Nächsten helfen musste, um zu überleben – auch wenn der "Nächste" 300 Meilen entfernt wohnte.

Gleichzeitig ist das kulinarische Niveau allerdings erkennbar geringer als im Original – was hier ins Finale kommt, wäre bei den Briten in der zweiten Folge draußen gewesen. Der Siegeswillen treibt eben auch die Kreativität.

Nach den Australiern sind wir in die vermutlich kurioseste englischsprachige Ecke der BAKE OFF-Franchise gekrochen – nach Neuseeland:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Es gilt auch hier: man hilft sich, man ist nett zueinander. Das Niveau der Backwaren ist noch niedriger – ich habe mal gescherzt, dass die einfach alle zehn Neuseeländer in einen Raum getrieben haben, die überhaupt einen Backofen besitzen. Gerade wenn man alle britischen Folgen gesehen hat, möchte man sich mitunter schämen. Dafür sind die beiden Moderatorinnen ein echter Knaller und vom Humor her geht es durchaus ruppig zu. So sind die Kiwis halt.

Wenn man geschätzt 200 Episoden BAKE OFF hinter sich hat, wird man so eine Art "theoretischer Superbäcker": man sieht die Fehler der Kandidaten, kann die Backwaren professionell beurteilen, die Eignung verschiedener Zutaten einschätzen, etc. Ich ertappe mich dabei, wie ich halblaut in den Raum murmele: "Die blöde Kuh hat viel zu wenig Ganache in die Opernschnitte gestrichen, das wird zu trocken. Und wenn sie die Schokolade so falsch temperiert, kann die Glasur natürlich nicht glänzen!"

Der Theorie folgt der Wille zur Praxis – zwar bin ich mit den Leckereien aus der örtlichen Konditorei absolut zufrieden und habe eigentlich keine Lust, in stundenlanger Rührarbeit die Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln, aber die kleine Stimme in mir wurde immer lauter:

"Versuch das doch auch mal! Los, versuch es!"

Nachdem meine bisherigen Erfahrungen mit dem Backofen aus dem Aufbacken von Kräuterbaguette und der Fertigstellung von Backmischungen bestand, ist meine Entscheidung, selber mal den Kitchen Aid anzuwerfen, an Mut und Hybris kaum zu überschätzen.

Backen also. Aber was? Ich erinnerte mich an eine Art japanischen Käsekuchen, dessen fluffige und wackelige Eigenschaften mich immer fasziniert hatten. Es gibt tausend Videos dazu – dieses hier ist kurz und auf den Punkt:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Ich stand gestern schon in der Tür, um die Zutaten zu kaufen, als die LvA (von der Teilnahme strikt ausgeschlossen – die KANN ja backen!) einen Blick auf meinen Zettel warf: "Haben wir alles da."

Ja, dank der Gattin sind wir ein sensationell organisierter Haushalt, der selbst Puderzucker, Vanille-Extrakt und Stärke vorrätig hält. Ich konnte mich also entspannt an die Arbeit machen.

Es lief auch ganz gut. Dank der vielen BAKE OFF-Shows wusste ich, dass man keine zu heißen Mischungen unter Eier rühren darf, damit diese nicht stocken –  und dass man beim Unterheben von Eierschaum sehr vorsichtig sein muss. Zu meiner Freude konnte ich auch den "Kopftest" mit meinem Eierschaum machen, bei dem man den geschlagenen Eischnee in der Schüssel über den Kopf hält, um zu beweisen, dass er fest genug ist, um nicht rauszupladdern.

Ich reduzierte das Rezept aus dem Netz allerdings um die Hälfte, weil wir keinen ganzen Kindergarten zu ernähren haben. Ein kleiner "jiggly cheesecake" sollte reichen.

Er wurde dann allerdings noch kleiner als gedacht:

Das entspricht ungefähr einem Drittel der erwarteten Höhe.

Versteht mich nicht falsch: er ist super lecker, super saftig, und durchaus fluffig und leicht wie ein Badeschwamm. Aber er hat nicht den erwarteten "rise" – und das lag weder an mir noch an den Zutaten. Es lag an den Werkzeugen.

Auch in der Küche gilt: der Koch ist so gut wie seine Utensilien.

Zwei Probleme konnte ich identifizieren: Die Backform mit dem Teig wird in eine größere Backform gestellt, die zur Hälfte mit Wasser gefüllt wird. Da wir als größere Backform nur eine Springform hatten, die nicht wasserdicht ist, musste ich versuchen, die Springform mit Alufolie irgendwie abzudichten – was nur sehr bedingt funktionierte. So habe ich mir den "rise" versaut.

Und dann war da noch die Sache mit dem "parchment paper". Die Briten kaufen das fertig zugeschnitten, um damit die Backform auszulegen. Leider hatten wir nur normales Backpapier, das sich partout nicht so anpassen wollte, wie ich mir das vorgestellt hatte. Und als der Teig tatsächlich aufging, schob er die einzelnen Papierteile einfach nach oben raus. Das kann natürlich keinen schönen glatten Rand geben. You live and learn.

Aber wie gesagt: Der Kuchen ist lecker, besonders mit einem Klacks Erdbeersoße dazu. Da ich die Fehler identifiziert habe und sie nicht meiner Inkompetenz geschuldet sind, fühle ich mich bestärkt, nächste Woche wieder zu backen.

Um es mit BAKE OFF zu sagen: This week’s Star Baker is… ME!!!



Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
10 Comments
Oldest
Newest
Inline Feedbacks
View all comments
Gerrit
Gerrit
19. Juli, 2020 10:49

Es gibt kein Thema, was mich weniger interessiert hätte. Aber du schaffst es, so zu schreiben, dass man es sich schmunzelnd vorliest.

Nummer Neun
19. Juli, 2020 12:56

Stichwort Text-Bild Schere oder auch Manipulieren mit Diagrammen: In der Bildunterschrift schreibst du von "ungefähr einem Drittel der erwarteten Höhe", das Kuchendiagramm darüber zeigt aber ziemlich eindeutig ein Viertel.

(ja ja schon gut, ein schwacher Witz)

Dietmar
19. Juli, 2020 13:15

"Dafür sind die beiden Moderatorinnen ein echter Knaller" Witzig: Ich habe den Clip gesehen und dachte gleich, dass die echt unterhaltsam sind.
"Ich stand gestern schon in der Tür, um die Zutaten zu kaufen, als die LvA (von der Teilnahme strikt ausgeschlossen – die KANN ja backen!) einen Blick auf meinen Zettel warf: ´Haben wir alles da.`" Und das ist entzückend!
Meike sagt mir gerade, nachdem ich ihr von diesem Artikel berichtete und einiges vorlas, dass ich hier schreiben soll, dass Junior zum "Geburtstagsbäcker" avanciert ist: Gestern war er zu einer Geburtstagsfeier eingeladen und hat zum dritten Mal für solch eine Feier einen Käsekuchen gebacken, der von der Gesellschaft quasi inhaliert worden ist.

Last edited 24 Tage zuvor by Dietmar
Dietmar
21. Juli, 2020 12:56
Reply to  Torsten Dewi

Daniel gerade: "Richtig! Deswegen backe ich den ja auch immer!" 🙂

Comicfreak
Comicfreak
19. Juli, 2020 15:53

Junior ist auch immer überrascht, was wir alles da haben.
"wieso haben wir so viel Speisestärke, Zitronensäure, wofür zur Hölle nimmst du Milchpulver, einen Block Sheabutter und Kakaobutter in Pellets?“

Backen kann ich ja so gar nicht

Dietmar
19. Juli, 2020 20:45
Reply to  Comicfreak

Ich habe Backen nie ernsthaft versucht. Ein einziges Mal sollte ich für ein Familientreffen eine Backmischung ausbacken. Meike vertraute mir da voll. "Geht ganz einfach, kannst auch du." oder so ähnlich sagte sie mir. Zitronenkuchen. Ich also ran. Das Ding war flüssig wie eine Sauce. "Ach, das wird schon richtig sein", dachte ich und schob das Geschwabbel in den Ofen. Da kochte es dann vor sich hin … Dann las ich die Backanleitung: 100 ml Milch. Ach so! Nicht 1000 …

Das war mein bisher letzter Versuch.

Aber ich koche ganz ordentlich!

Dietmar
19. Juli, 2020 21:01
Reply to  Dietmar

Apropos Kochen! Kleine Geschichte:

Wir teilen es uns als verbliebene Kinder, unsere Mutter zu versorgen. Das Ziel ist, dass sie bis zum Schluss zuhause bleiben kann. Sie hat immer alle Pflegefälle der Familie versorgt; allein dafür schon ist es das Mindeste, was man tun sollte.

Ich jedenfalls fand es eine super Idee, wenn ich das Kochen übernähme. Blöd nur, dass meine Mutter die Tendenz hat, insbesondere mich immer noch als ihr "Kind" zu sehen. Das führt dann zu solchen Volten, wie: "Ach ja, das Küken will wieder einmal schlauer sein als die Henne!"

Also sitzt sie am Küchentisch, blättert in Zeitschriften, von denen sie immer wieder aufschaut und mich kritisch beäugt, während ich sie bekoche. Auf dem Speiseplan: Lasagne. Kann ich super. Total lecker. Weil ich mitesse, freue ich mich schon darauf und darauf, wie es ihr wohl schmeckt. Sie: "Was brutscherst du denn da so lange herum?" – "Ich habe etwas angebraten und bereite jetzt zwei Saucen vor." Sie skeptisch: "Hm. Warum tust Du das nicht einfach in einen Topf und fertig?" – "Lass mich mal machen, das wird lecker!" – "Naja, ich mag ja so ein modernes Geschlabber nicht. Als ich bei Dario [ein Enkel] auf dem Geburtstag war, gab es so etwas Komisches. "Das musst du probieren!" haben alle gesagt, "Das ist total lecker!" Hat mir nicht geschmeckt. War auch so ein moderner Kram: Lasagne! Also, so etwas muss ich nicht noch einmal essen!" In meinem Kopf versuchten die Zahnräder ineinander zu greifen, griffen aber ins Leere. "Jetzt sag mal: Was brutscherst Du da so lange herum?! Was kochst Du da eigentlich?" – "Nudelauflauf."

Hat ihr geschmeckt. Wer weiß, was das bei Dario da war. Wahrscheinlich irgend so ein modernes Geschlabber.

Last edited 23 Tage zuvor by Dietmar
frater moss von lobdenberg
21. Juli, 2020 01:49

GEH MIR WEG MIT KOCHSENDUNGEN ALLER ART AUS ALLER HERREN LÄNDER AUF ALLEN PLANETEN IN ALLEN ZEITLINIEN IN ALLEN UNIVERSEN UND ÜBERHAUPT!!ölf1!

Heaving said this … ich hol mir jetzt noch ein Eck von dem Marmorkuchen mit Brom- und Stachelbeeren, den ich gestern gebastelt habe … 😉

Martin Däniken
Martin Däniken
23. Juli, 2020 15:56

Der nächste heisse Schit wird "Grabsteine gestalten"!
und ein Minimodell als Kuchen…als Aufgaben im "Sommerhaus der Stars"!!!
Das wird der Knaller…