18
Jul 2020

First Look: SNOW PIERCER, MOTHERLAND: FORT SALEM, PENNY DREADFUL: CITY OF ANGELS, STARGIRL, DEAD STILL, OCTOBER FACTION

Themen: Film, TV & Presse |

Ich wollte eigentlich längere Kritiken über die ersten Folgen diverser neuer Serien schreiben, aber die Campylobacter-Infektion machte mir einen Strich durch die Rechnung und nun isses schon ein wenig spät. Darum fasse ich mich kurz.

Vorab: Ich bespreche hier nicht ganze Serien oder Staffeln, sondern lediglich die Pilotepisoden. Darum ist auch jede Diskussion im Stil von "die Serien wird dann aber immer besser!" sinnlos. It is what it is.

Generell kann man das erstaunlich hohe Produktionsniveau der neuen Serien festhalten. Die alte Mär von der "Kino-Qualität fürs Fernsehen" ist keine mehr und wenn man den betriebenen Aufwand z.B. mit dem Durchschnitt vor 20 Jahren vergleicht, dann ist das kein Vergleich. Serien scheitern nicht mehr an mangelndem Budget oder an schlechten Schauspielern – aber immer noch an miserablen Drehbüchern.

Spannend übrigens auch die Herkunft der Serien: zweimal Netflix, einmal Showtime, einmal CW/DC Universe, einmal Freeform, und einmal der Nischensender Acorn. Die Zeiten ändern sich, fürwahr.


SNOWPIERCER

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Die Serienversion des von mir eher kritischen gesehenen Kinofilms ist letztlich erneut Geschmacksache: wer den Film nicht mochte, wird hier auch nicht zum Fan. Erneut wird die apokalyptische Eiswelt zu rudimentär erklärt, werden die Mechanismen des Snowpiercer bewusst vage gehalten. Warum man die Unterschicht nicht aus dem Zug schmeißt, wieso ein fahrender Zug energetisch vernünftiger sein sollte als eine statische Basis, wie der Snowpiercer auch nur eine kaputte Schiene überstehen soll – das ist nicht Thema, zumindest nicht in der Pilotepisode. Was die Serie aber besser macht als der Film: durch einen Mordfall wird ein zentrales Motiv gesetzt, mit dem die Welt des Zuges und der Bewohner erklärt wird. Und die Figuren sind knackiger und nachvollziehbarer gezeichnet – besonders Jennifer Connelly als enigmatische Zug(beg)leiterin kann überzeugen.

Reicht das, um mir noch den Rest der Staffel anzusehen? Nein. Aber es reicht zumindest, um die Serie Leuten zu empfehlen, die nicht wie ich schon den Film doof fanden.

Zweite Staffel ist bereits geordert und größtenteils abgedreht.


MOTHERLAND: FORT SALEM

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Ich gestehe, dass ich von der Serie noch nie gehört hatte, bis mir die Pilotepisode unterkam. Das ist umso erstaunlicher, da der Anfang ziemlich stark inszeniert ist und die hier präsentierte Welt durchaus ihren Reiz hat: statt der Hexenverfolgung hat es in Salem einen Waffenstillstand zwischen Regierung und Hexen gegeben. In speziellen Stützpunkten werden junge Mädchen mit magischen Fähigkeiten zu Kämpfern für die Vereinigten Staaten ausgebildet – und damit zu einem Machtfaktor, der Amerika immer mehr in die Nähe eines stillen Matriarchats rückt.

Leider macht die Serie schon im Piloten nicht viel daraus und degeneriert schnell zu einer Girl-Seifenoper im Stil der "young adult novels" mit den üblichen Highschool-Intrigen, nur halt auf einem Armee-Stützpunkt und mit ein bisschen Magie im "Charmed"-Stil. Das ist alles furchtbar vorhersehbar und auch unschön "woke" mit einem auffällig diversen Cast und einer LGBT-Romanze im Mittelpunkt.

Als erwachsene Utopie/Dystopie hätte mir das gefallen, aber in der vorliegenden Form bin ich einfach nicht die Zielgruppe.

Zweite Staffel bereits geordert.


PENNY DREADFUL: CITY OF ANGELS

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Die Serie "Penny Dreadful" gilt mit ihren drei Staffeln als so eine Art Delikatesse des Genre-Fernsehens. Exzellent produziert und gespielt, aber zu komplex und ambivalent für ein breites Publikum, weshalb sie nach drei Staffeln mit gerade mal 27 Folgen eingestellt wurde. Nun versucht man es mit einem Reboot, der den Anspruch und das breite Storytelling in eine neue Umgebung hebt. Vom viktorianischen England geht es in das Los Angeles der 30er Jahre, als Hollywood noch jung war und der amerikanische Traum in Kalifornien zwischen den kapitalistischen Urkräften aufgeteilt wurde – mit subtiler Unterstützung teuflischer Mächte…

Das ist sensationell aufwändig produziert und gibt uns einen vielschichtigen Einblick in eine Ära, die wir so bisher nur sehr selten zu sehen bekommen haben. Hier wird ein ganz großes Panorama gemalt, Rassenunruhen werden ebenso thematisiert wie der aufkommende Faschismus und die Korruption höchster Stellen. Da wirken die übernatürlichen Elemente fast schon redundant – subtrahiert man sie, wäre PD:COA vermutlich nicht weniger spannend geworden.

Die Serie ist auch sehr auffällig ein Showcase für Natalie Dormer, deren "femme fatale"-Attitüde ich bisher immer etwas zu aufgesetzt fand, die mich allerdings in THE PROFESSOR AND THE MADMAN völlig überzeugen konnte. Hier spielt sie wieder im "verrucht sexy"-Modus gleich mehrere Rollen – es passt halt.

Noch keine Info über eine zweite Staffel.


STARGIRL

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Bei DC weiß man gerade wirklich nicht, wohin. Das Kino-Universum (bis auf WONDER WOMAN 1984) liegt brach, der Snyder-Cut soll nun wohl doch kommen, der Absprung von Ruby Rose bei "Batwoman" hat für Chaos gesorgt und der hauseigene Kanal DC UNIVERSE scheint schon wieder auszubluten. Mit STARGIRL hat man den Spagat versucht, eine eher für Teenager konzipierte Superheld(inn)en-Serie gleichzeitig für die Streaming-Plattform und den Sender CW zu produzieren. Das Ergebnis ist mit "mau" noch freundlich umschrieben.

Nach einem knackigen Opener, bei dem die alte Justice Society platt gemacht wird, wechselt die Serie in die Gegenwart und erzählt, wie die junge Courtney entdeckt, dass sie als Stargirl auserkoren ist, das Erbe ihres Vaters anzunehmen. Und das wird mit wirklich ALLEN billigen Klischees erzählt, die man in den letzten 20 Jahren auf dem CW-Network dutzendfach durchgekaut hat: die Highschool-Probleme, die erste Liebe, der unsichere Umgang mit den Insignien der Macht, das Versteckspiel mit Freunden und Familie, etc. pp. Alles nach 0815-Muster gestrickt und der relativ solide Aufwand kann kaum übertünchen, dass auf der kreativen Ebene Schmalhans Küchenmeister ist.

Wer nun einwirft, dass eine solche Serie für eine solche Zielgruppe eben nicht anders zu erwarten sei, der soll sich ruhig mal "The chilling adventures of Sabrina" auf Netflix ansehen. Es geht eben doch anders – und besser.

Zweite Staffel geordert, allerdings nur noch für das CW. Kein gutes Omen.


DEAD STILL

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"Dead Still" hätte für die LvA und mich ein "slam dunk" sein müssen, denn wir LIEBEN bekanntermaßen viktorianische Krimiserien. Aber es ist so erfreulich wie überraschend, dass dieses Krimi-Kabinettstück sich wesentlich sperriger präsentiert als "Houdini & Doyle" oder "Carnival Row". So ist Hauptfigur Brock Blennerhasset ein grantiger, unzugänglicher Einzelgänger, der keinerlei Interesse hegt, der Polizei bei ihren Fällen zu helfen. Als Totenfotograf hat er zwar einzigartigen Zugang zu Leichen und Tatorten, aber die kriminalistische Neugier geht ihm völlig ab. Der unterschwellige Respekt, der Genie und Ermittler in dieser Sorte Serie üblicherweise verbindet, fehlt. Und die Fälle werden auch eher nebenher aufgelöst, während sich im Hintergrund ein größeres Motiv abzeichnet, das durchaus mit Blennerhassets Beruf zu tun hat (und sowohl in "Houdini & Doyle" als auch in "Ripper Street" im kleineren Rahmen thematisiert wurde).  "Dead Still" ist eine Serie, die sich eher langsam entwickelt als mit Vorwärtsdrang erzählt – und gerade im Original hadert man auch als Sprachkundiger mit den schweren irischen Akzenten der Darsteller.

Wer sich allerdings drauf einlässt, der bekommt eine sympathisch eigenwillige und exzentrische Krimiserie geliefert, deren weiteres Schicksal abzuwarten bleibt.


OCTOBER FACTION

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Deloris und Fred arbeiten für die Geheimorganisation Presidio, in deren Auftrag sie weltweit Monster bekämpfen, die seit Jahrzehnten die Erde übernehmen wollen. Der Tod von Freds Vater bringt sie zurück in ihre Heimat, wo sie auch um ihrer Kinder willen beschließen, erneut sesshaft zu werden. Aber die Stadt und ihre Bewohner haben ganz eigene Geheimnisse.

Es mag der mangelnden Promotion oder dem Mangel an kostümierten Helden geschuldet sein, dass diese Adaption einer Graphic Novel bei Netflix eher unter "ferner liefen" gehandelt wurde und kaum Promotion bekam. Eigentlich schade, denn das Setting ist interessant, die Darsteller sind sympathisch und der betriebene Aufwand ist beträchtlich. Man müht sich allerdings, zu viel in die Laufzeit der Pilotepisode zu packen: zu viele Figuren, zu viele Plots, zu viele Geheimnisse. Das bremst stark aus und verwirrt unnötig – vielleicht hätte man die Exposition auf zwei Folgen verteilen sollen.

"October Faction" ist dabei erfreulich oldschool und erinnert mich an eine Mischung aus "Doom Patrol" und "Special Unit 2" (ist das echt schon wieder fast 20 Jahre her?). Vielleicht ist das aber auch das Problem: zu wenig Melodram, zu wenig Spektakel, einfach nur eine solide erzählte Genre-Serie ohne wirklichen "hook".

Die einzige Serie dieser Liste, die definitiv nach einer Staffel eingestellt wurde.



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jimmy1138
jimmy1138
18. Juli, 2020 13:30

Die Richtungslosigkeit bei DC hat mMn mehrere Gründe: Mehrere Wechsel in der Chefetage (Geoff Johns, der da z.B. abgesetzt wurde ist mWn Showrunner von Stargirl), der Merger mit AT&T, die gegen die Wünsche von DC den Snyder-Cut durchgesetzt haben und z.B Joker war wohl sowas wie "unterm Radar".

Stargirl funktioniert mMn besser als die Berlantiverse-Serien. Grob läßt sich mMn auch sagen: Die erwachsenen Fguren funktionieren toll (insbesondere Pat und Icicle), aber viele der Teenager Figuren sind sehr schwach.

Der Wechsel zu CW exclusive wird sicher nicht gut tun – gerade das Personal, das für Qualität in der Serie sorgt, wird man mMn verlieren. Ich frage mich aber: Omen oder Plan?
Weil so wie ich nach momentanen Stand die Handlung sehe,

Spoiler

wird die Serie auf einen Konflikt zwischen einer JSA neu und einer ISA neu (aus den Kindern der alten ISA) hinauslaufen, nachdem die "alte ISA" mit ihrem Plan vom "New America" scheitert und dingfest gemacht wird. Und vermutlich gibt Pat dabei heldenhaft den Löffel ab.
Damit spart sich der Sender, die vermutlich teureren Schauspieler der alten ISA und schwenkt Stargirl auf eine CW taugliche Teenie-Serie um.

PS: Daß Stargirl Starmans Tochter ist, ist mMn nicht geklärt…

Comicfreak
Comicfreak
18. Juli, 2020 19:58
Reply to  jimmy1138

Das klingt doch schon mal gut

frater mosses von lobdenberg
18. Juli, 2020 23:10

Danke für den Überblick. „Dead Still“ ist schon mal interessant; „Ripper Street“ habe ich geliebt.

Meine Berufskrankheit lässt mich nicht los … zwoter Absatz im Abschnitt „Star Girl“, vorletzte Zeile: „<aalles nach 0815-Muster gestrickt“ – ist Dir da ein HTML-Tag zerbröselt?

Keep the good work!

James008
James008
19. Juli, 2020 14:17

Du schreibst "Die Serie wird danach aber besser" macht keinen Sinn. Ich würde sagen, dass es keinen Sinn macht nur die Pilotepisode zu sehen und sich daraus eine Meinung zu bilden. Das ist ja praktisch eine Art Seien Tinder und man weiß ja wie sehr man sich bei Tinder ein Bild von einer Person machen kann

Nummer Neun
19. Juli, 2020 14:51
Reply to  James008

Wobei das ja durchaus die klassische Rolle einer Pilotfolge war. Darüber wurde die Serie verkauft (an die Senderverantwortlichen, an den internationalen Markt, an die Werbekunden, etc.). Deshalb steckte da früher auch das meiste Geld drin.

Matts
Matts
24. Juli, 2020 20:08

Von alldem interessiert mich Snowpiercer am meisten, weil ich den Film doch sehr mochte. Also werde ich wohl der Wortvogel-Empfehlung folgen ; )

trackback

[…] das im Einzelfall gar nicht hergeben. Klar, WESTWORLD kann man über mehrere Staffeln ziehen, bei SNOWPIERCER wird es schon schwieriger – aber DAS BOOT? Was soll das? Und nun wird auch noch David […]