05
Jul 2020

Das deutsche Fernsehspiel als Spiegel des Spießertums

Themen: Film, TV & Presse |

Man möge den zähen Nachschub an frischem Content entschuldigen – wer meinen Facebook-Feed liest, der weiß ja, dass mich eine schwere Campylobacter-Infektion umgeworfen hat. Die damit verbundene Krankschreibung (meine erste seit mindestens 25 Jahren) bedeutet eben nicht, dass ich mehr Zeit für Beiträge habe. Eine Auswirkung der Infektion ist eher, dass "katatonisch in die Gegend starren" auf einmal valides Entertainment ist. Man kann nicht lesen, schreiben, Filme schauen, nix. Dabei stünde wahrlich genug an.

Nun gut, es geht mir heute ein wenig besser und ich starte leicht ein. Jetzt mit ein paar interessanten Videos, die ich online gefunden habe, und später mit ein paar YouTube-Kanälen, die ich euch ans Herz legen möchte.

In den 50er und 60er Jahren war es durchaus nicht üblich, große Summen in TV-Filme zu investieren. Fernsehen wurde nicht als Reduktion des Kinos, sondern Expansion des Radios gesehen. Dementsprechend galt es als kulturell hochwertig und wünschenswert, Stoffe in Form von TV-Spielen zu inszenieren, die eine deutliche Nähe zu Theaterstücken aufwiesen. Über das Beispiel DIE LETZTE FOLGE habe ich vor ein paar Jahren schon mal ausführlich geschrieben.

Bei der Stoffbeschaffung war man nicht zimperlich – es wurden gerne ausländische Filme, Theaterstücke und Dramen gekauft und für den deutschen Markt adaptiert. Ein besonders krasses Beispiel findet man aktuell bei YouTube.

Kaum jemand von euch dürfte diesen Klassiker nicht kennen:

Grace Kelly – der Anruf – die Schere – KREISCH!!!

1954 war das. 1959 produzierte der Süddeutsche Rundfunk eine eigene Adaption:

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Siegfried Lowitz, Heinz Drache, Charles Regnier – there is a lot to like. Aber die öffentlich-rechtliche Truschigkeit kann gegen den Meister der Suspense letztlich doch nicht an und Eva Maria Meineke ist keine Grace Kelly. Für Hitchcock-Komplettisten und Fans deutscher Obskur-Ware aber auf jeden Fall sehenswert.

Leider fehlt ein Teil des Puzzles: Wie es scheint, gab es zwei Jahre später eine weitere TV-Umsetzung des Stoffes – in der DDR. Mit Manfred Krug als Mörder. Es ist wahrlich an der Zeit, dass PIDAX auch mal verstärkt die Ost-Archive auswertet.

1967 adaptierte man (natürlich) auch sechs Sherlock Holmes-Geschichten für das deutsche Fernsehen – es wäre hilfreich gewesen, wenn die Ansagerin bei dieser Wiederholung nicht die Pointe der Geschichte verraten hätte:

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Ebenfalls mehrfach für die deutsche Fernsehbühne adaptiert wurden Stücke und Romane von Agatha Christie. In diesem Fall war das deutsche Fernsehen sogar Vorreiter – die erste englische Version datiert von 1986:

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Das kurze, tragische Leben der schon im Vorschaubild rechts zu sehenden Helga Anders wäre übrigens einen eigenen Film wert.

Die beste Verfilmung des Stoffes ist sicherlich die entsprechende Episode der Serie "Miss Marple" von 2004.

Es gibt auch durchaus deutsche Fernsehkrimis, die sich nicht so leicht abwinken lassen. "Bei Westwind hört man keinen Schuss" von 1976 kann mit Außenaufnahmen aus Ostfriesland durchaus atmosphärisch punkten und mit großartigen Darstellern über einige Längen hinweg fesseln. Trotzdem sind zwei Stunden auch hier ein hartes Brot:

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Die zutiefst beige, theatrige Inszenierung mit dem Stock im Hintern überlebte locker bis in die 80er (was mich bei der Recherche wirklich schockiert hat). So galten die Durbridge-Adaptionen wie DAS HALSTUCH in den 60ern als Straßenfeger mit gerne mal 80 Prozent Einschaltquote:

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Mit dem Label "Straßenfeger" rechtfertigte man weitere und weitere Adaptionen, auch als der Saft schon längst raus war. Es ist heute schwer vorstellbar, dass man noch 1983 dachte, mit so einer lahmen Ente Zuschauer locken zu können:

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Nun ist es sehr leicht, sich über Opas Fernsehen lustig zu machen oder im Gegenteil auszurufen "wir hatten ja nix!". Ich lasse die Defizite, auch wenn sie nicht unentschuldbar sind, für die 50er und 60er durchgehen, aber schon in den 70ern wäre ein Umdenken möglich gewesen. Es hat ja auch viele Experimente gegeben – z.B. George Moorse' Standbild-Meditation zu Lovecrafts SCHATTEN AUS DER ZEIT:

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Man muss das nicht mögen, man kann sogar bestreiten, dass es im eigentlichen Sinne Fernsehen ist – aber es war wenigstens anders. Es war mutig.

Und wer mich kennt, der weiß, dass ich mit der Entwicklung des Fernsehens der letzten 30 Jahre massiv hadere. Ich weiß nicht, ob ich das alte, betuliche, aber in seiner Ernsthaftigkeit und seinem Bemühen um Kultur aufrichtige ÖR-Fernsehen der 70er nicht mehr respektieren kann als den atemlosen, leeren, aufgepumpten Entertainment-Zombie der Neuzeit. Das Privatfernsehen hat dem ÖR einen Richtungswechsel aufgezwungen, der ihn letztlich Leben und Lebensberechtigung gekostet hat.

Es lässt sich aber AUCH nicht bestreiten, dass mit dem Beginn des Privatfernsehens eine durchaus wünschenswerte Modernisierung der Bildsprache, des Schnitts und des Produktionsaufwands eingeleitet wurde. Schaut man sich TV-Reihen an, die aus der Ära "vor/nach"-Privatfernsehen stammen, kann man die positiven Auswirkungen deutlich erkennen. Ein besonders prägnantes Beispiel ist SCHWARZ ROT GOLD, die wunderbare Wirtschaftskrimi-Reihe mit Uwe Friedrichsen als Zollfahnder Zaluskowski. Sind die ersten Episoden 1982  (von Dieter Wedel!) von geradezu lähmender Langsamkeit, gewinnt die Serie in den 90er Jahren deutlich an Fahrt und Farbe. Man musste lernen, sich den verändernden Sehgewohnheiten der Zuschauer durch US-Serien und Videos Rechnung zu tragen. Zumindest DAS war ein positiver Effekt.

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Okay, und was ist nun das Fazit dieses Ausflugs in die Fernsehgeschichte?

Der deutsche TV-Film, bzw. das deutsche Fernsehspiel fühlte sich in der Masse immer dem Erhalt auch des kulturellen Status Quo verpflichtet, technisch und dramaturgisch damit ungefähr eine Generation hinterher hinkend. Das "neue" Medium wurde bis in die 70er von den "Alten" gemacht. Einen Antrieb, neue Erzählformen zu entwickeln, sich zu modernisieren oder dem Zeitgeist nachzuspüren, ist nur selten erkennbar. Passte wohl nicht ausreichend zwischen Mettbrötchen und Häkeldecke.

Klar gab es die Ausnahmen, die Experimente, die Brüche mit den Konventionen. Leider sind die weitgehend noch in den Archiven der Sender verborgen. Wenn sie zur Verfügung stehen, werde ich gerne über sie schreiben.

Zum Abschluss aber ein positives, versöhnliches (wenn auch natürlich nicht fehlerfreies) Gegenbeispiel: Reiner Erler ist sicher einer der Filmemacher, der es verstanden hat, aus dem Medium mehr rauszuholen als "Radio mit Bild", der es näher an das Kino rückte und sich an anglo-amerikanischen Formaten orientierte (ähnlich wie Michael Pfleghar). OPERATION GANYMED, FLEISCH und viele andere Produktionen sind legendär. Hier gibt es eins seiner Frühwerke zu sehen – LYDIA MUSS STERBEN. Großartig besetzt und für den Rahmen seiner Zeit abwechslungsreich erzählt.



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Dietmar
5. Juli, 2020 18:35

Gute Besserung! Das ist wieder etwas, das kein Mensch braucht. (Die Infektion, nicht dieser Artikel.)