20
Mrz 2020

Wenn das digitale Licht ausgeht

Themen: Film, TV & Presse |

Ich werde versuchen, meine Gedanken zum Corona-Virus mit launigen Reviews von Schrottfilmen abzuwechseln. Karmischer Ausgleich und so.

Was liegt heute an? Vielleicht das. Gestern ging bei uns das Internet aus. Wir haben den Atem angehalten, denn am Netz hängt momentan nicht nur unser soziales Miteinander, sondern auch unser Beruf. Home Office, ihr erinnert euch. Ohne Netz kein Job.

Nach drei Minuten war das Netz wieder da.

Die augenblickliche und intensive Panik, die wir verspürt haben, machte mich darauf aufmerksam, dass die Sorge um Lebensmittel und Klopapier in einem wirklichen Ernstfall sekundär ist. Nudeln und Reis kann man horten, den Hintern kann man sich auch mit der BILD abwischen, Wasser kommt aus dem Hahn, im Zweifelsfall bittet man den Nachbarn um Hilfe.

Aber was ist, wenn das Internet ausfällt? Weltweit, dauerhaft? Wenn die digitale Nabelschnur reißt, die Streams versiegen, die Server schweigen? Sind wir vorbereitet, sind wir überhaupt mental fähig, uns das vorzustellen?

Kein Google. Kein Facebook. Keine Email. Kein Instagram. Kein Twitter. Nichts.

Allumfassendes, globales, digitales Schweigen.

Ich glaube nicht, dass wir uns das vorstellen können. Wie verwoben das analoge mit dem digitalen Leben ist, wird erst klar, wenn das digitale Leben ausfällt. "Dann lese ich halt wieder Zeitung" und "Mein Telefon geht ja noch" sind keine validen Reaktionen. Es gibt kein Zurück in die 80er. Die Zeitung wird längst über digitale Netzwerke erstellt, das Telefon läuft über VOIP-Server. Mit den Servern werden auch die Sender schweigen, Radio wie Fernsehen. Es ist das Ende der Weltkommunikation, das Ende unserer Fähigkeit, uns über unsere Rufweite hinaus mit anderen Menschen auszutauschen. Weil wir unser digitales Echo als normal angenommen haben, wird sein Verstummen uns umso brutaler treffen.

Logistische und soziale Probleme sind nur eine Seite der Medaille – ich prophezeie, dass viele Menschen Panikattacken bekommen werden, Depressionen, Angstzustände. Das Internet ist ein Teil von uns, den man nicht ohne Schmerzen amputieren kann. Ich kenne so viele, denen das Netz menschlicher Halt ist, die in kleinen Wohnungen ihre Hand in den Datenstrom halten, um nicht das Gefühl zu verlieren, dass da draußen noch jemand ist, den es wenigstens scheinbar schert. Wie sehr das Internet uns soziales Netzwerk ist, das haben wir vermutlich immer noch nicht bemerkt.

Es geht um den Verlust von Kontakten, Interaktion, aber auch des Gefühls von Kontrolle. Ohne das Internet wird die Welt wieder klein, einsam und unüberschaubar. Ohne den Blick ins Netz werden wir blind sein.

Man stelle sich nur mal vor, die Corona-Pandemie wäre vor 25 Jahren aufgetreten. Man säße mit dem Kabelfernsehen der 90er daheim, ohne Netflix und Facebook, ohne die Möglichkeit, mit Oma zu skypen oder bei Amazon notwendige Lebensmittel zu ordern. Keine Live-Streams von Pressekonferenzen aus dem Robert Koch-Institut. Keine zeitnah aktualisierten Informationen auf den Webseiten der offiziellen Stellen.

Nur Einsamkeit, Stille, Angst.

Wie privilegiert wir doch leben! Welches Glück wir haben, weil die sozialen Netzwerke noch funktionieren! Wir sind mit unseren Ängsten nicht allein, können uns gegenseitig von unseren Nöten erzählen oder einfach gemeinsam Quatsch machen. Wir können über das lachen, was uns im Halse stecken bleibt und wenn mal einer wirklich was braucht, ist ein anderer für ihn da. Wir haben uns mit dem Internet die Welt ins Haus geholt – und sie bleibt trotz Ausgangssperre bei uns.

Das ist auch der Grund, warum ich dafür plädiere, gerade in schweren Zeiten das Internet als positive Kraft zu begreifen. Holt euch Informationen, lasst euch helfen, redet miteinander, lenkt euch ab, lernt was dazu. Schiebt für die nächsten Wochen mal die Arschlöcher beiseite, die Plärrer, die Vollidioten, verschenkt eure Zeit nicht an Dinge, die euch das Leben dunkler machen statt heller. Duck Tales statt Walking Dead! Wenn das Werkzeug WWW jemals gebraucht wurde, dann heute.

Die Pandemie ist schlimm, die Ausgangssperren sind schlimm – aber es war noch nie so bequem, das alles auszuhalten.

Meine Mutter ist 76 Jahre alt und war letztes Jahr schwerst krank. Sie wäre ein Paradefall für vereinsamende Panik in einer so schwer fassbaren Ausnahmesituation. Stattdessen nutzt sie fleißig WhatsApp mit ihren Freundinnen, hat mehr Fernsehen, als sie den lieben langen Tag schauen kann, weiß Skype zu bedienen, um mit ihren Söhnen auch von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, etc. Google beantwortet ihr dringliche Fragen und Bilder ihrer neuen Strickjacke kann sie an die ganze Familie verschicken. Das Internet ist ihr Freund und Helfer.

Das ist die Zweischneidigkeit des Phänomens Internet: Es ist so allumfassend, allgegenwärtig und praktisch, dass ein Verlust umso schwerer wiegen würde.

Und wäre all das nicht schon dramatisch genug, so ist das Internet ja nur einer weit größeren Gefahr untergeordnet, die in einer englischen Miniserie vor gerade mal drei Monaten ausgezeichnet und furchterregend präsentiert wurde:

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Mir eine Welt ohne Strom vorstellen – damit möchte ich nicht mal anfangen…



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Andreas
Andreas
20. März, 2020 20:30

Hast du denn COBRA gesehen und falls ja, kannst du es empfehlen?

Feivel
Feivel
20. März, 2020 23:43
Reply to  Torsten Dewi

Frau? Nicht LvA? Wer bist du und was hast du mit Torsten gemacht?

DJ Doena
DJ Doena
21. März, 2020 12:18

Für diesen Tag habe ich 12 TB an Serien auf meinem NAS. Erst wenn der Strom weg ist, geht meine Welt zu Ende.

Exverlobter
Exverlobter
23. März, 2020 18:54

Die 80er, wow was für ein dystopisches Jahrzehnt ;-).
Als soziales Experiment würde mich das echt mal interessieren. Eine Welt ohne Internet. Wie in der Abrams-Serie "Revolution", nur halt mit Strom aber ohne Internet . 80er Reloaded.
Ich bin ganz ehrlich " Panik, Angstzustände" hätte zumindest ich nicht.
Einige positive gesellschaftliche Effekte wären ggf. zu verzeichnen. Das Fehlen von Amazon macht die Kaufhäuser und Innenstädte wieder voller, genauso die Kinos, die durch das Fehlen von Netflix wieder eine Atempause bekommen. Also ich wäre für das Experiment zu haben. Klar könnte ich dann dir nicht mehr diese Mail schreiben, hätte dann aber auch mal mehr Zeit für meinen Stapel nicht angeschauter DVDS der sich seit Jahren immer mehr anhäuft. Oder einfach mal wieder ein gutes Buch lesen.

Heino
Heino
23. März, 2020 21:08
Reply to  Exverlobter

Kein Internet war für den Großteil der Einwohner unseres Landes bis Ende der 90er der Normalzustand. Angstzustände kann man bekommen, wenn man darüber nachdenkt, was das Fehlen des Internets für die Weltwirtschaft bedeuten würde.