Es fällt mir momentan schwer, die Ruhe zu bewahren. Nicht wegen des Virus an sich, sondern wegen der Reaktionen darauf. Und damit meine ich – wie neulich schon – nicht die Hamsterkäufer oder Parkplatzcliquen, die vereinzelt immer noch den Schuss nicht gehört haben. Wir sind ein Land von 80 Millionen Menschen mit so vielen Idioten, dass die AfD in einigen Ländern eine Mehrheit besitzt. Da sind solche Ausfälle nicht nur zu erwarten – es wäre verdächtig, wenn es sie nicht gäbe. Noch dazu in einer Ausnahmesituation, denn wie heißt es so schön? Wir sind immer nur neun Mahlzeiten von der Anarchie entfernt.

Was mich aktuell provoziert, sind die Klugscheißer, die es besser wissen müss(t)en. Die dummes Zeug daher reden, sich profilieren wollen, in dem sie alles in Frage stellen, ohne selber auch nur den Hauch einer Antwort zu haben. Die vorher wussten, was getan werden muss – und hinterher wissen, warum man es hätte lassen sollen. Für die die Regierung sowieso viel zu spät reagiert hat, sich aber gefälligst nicht einmischen soll. Die keine Ahnung haben, was richtig wäre, aber genau wissen, dass alles falsch ist.

Meist sind es rhetorische Feiglinge, denn sie stellen den Fakten immer nur Mutmaßungen entgegen, die den Vorteil haben, sich nie an der Wirklichkeit messen zu müssen. Auf eine putzig gruselige Art sind sie wie Bernd Kammermeier und seine ASTRO SAGA: der beste deutsche Science Fiction-Film aller Zeiten – wenn er denn jemals gedreht werden würden.

Weil ich die Sache eben nicht hochkochen will, verkneife ich mir an dieser Stelle den Namen des bekannten deutschen Filmkritikers, der noch letzte Woche Corona zu einer belanglosen "Sau, die gerade durchs mediale Dorf getrieben wird" ernannte und sich primär um die Zukunft kleiner Kinos und Festivals sorgte. Er rief allen Ernstes auf, man MÜSSE weiter ins Kino, man MÜSSE sich infizieren – "um zu überleben!". Kino sei ja immer schon infektiös gewesen, so im übertragenen Sinne.

Was kann man zu so absichtlicher und gefährlicher Dummheit sagen? Natürlich wehte ihm bei Facebook ein strammer Wind dafür ins Gesicht – und natürlich buddelte er sich immer weiter ein, verwies auf seine diversen Universitätsabschlüsse und Jahre als Medienkritiker. Eine Expertise als Virologe fehlte dabei allerdings auffällig.

Diese Woche möchte er den Beitrag wohl vergessen, auf freundliche Nachfrage reklamiert er für sich, im Gegensatz zu anderen wenigstens lernfähig zu sein. Das hat nur zwei Schönheitsfehler – er ist immer noch nicht bereit, seine Aussagen im Nachhinein zu relativieren und genau genommen hat er sich ja auch nicht geirrt: nach Corona, ja, HINTERHER, da werden wir uns alle wundern, wie richtig er gelegen hat.

Die Menschheit mag nur neun Mahlzeiten von der Anarchie entfernt sein – ich bin gerade eine Mahlzeit vom Kotzen entfernt.

Thomas Pany bei heise.de ist leider nicht besser – er versteigt sich in einem Beitrag über die Corona-Handhabung in Frankreich in krude Thesen, dass der Staat hier nur einen Weg suche, die Bevölkerung zugunsten der Eliten zu knechten. Der Text ist besonders deshalb interessant, weil Pany massiv unseriöse Taschenspielertricks anwendet, um seine düsteren Prognosen zu untermauern. Nehmen wir dieses Beispiel:

Der "kurze Prozess" kann, wie das Verhalten der Polizei und auch Richtern gegenüber Teilnehmern von Gelbwesten-Protesten im gesamten letzten Jahr wie auch jüngst demonstriert hat, "mächtig, massiv und brutal" ausfallen.

Mit diesen drei Adjektiven, bei denen man im Geiste pro Wort einen Schlag auf den Tisch mithört, beschrieb der französische Premierminister Edouard Philippe (im Nebenberuf Schriftsteller) gestern die "Vollbremsung der Wirtschaft durch die Corona-Pandemie.

Gemerkt? Im ersten Absatz werden die Adjektive "mächtig, massiv und brutal" in einen Kontext mit dem Verhalten von Polizei und Richtern gegenüber den Bürgern gestellt. Im zweiten Absatz werden diese Begriffe durch ein sprachliches Bild noch mal verstärkt ("bei denen man im Geiste pro Wort einen Schlag auf den Tisch mithört"), erst DANN verschlabbert sich im Ausklang, dass mit den Worten die Vollbremsung der Wirtschaft durch die Corona-Pandemie gemeint war.

Ich fühle mich in die 80er zurück versetzt, ungefähr zur Zeit der geplanten Volkszählung – der Staat wird wieder zum Schweinesystem erklärt, das nur darauf wartet, mit höchstmöglicher Brutalität das Volk unterdrücken. Man schwingt sich zum Warner und Mahner auf – und torpediert mit den Szenarien das sowieso schon brüchige Verständnis der Menschen für die Vorgehensweise der Politik. Dass man dadurch primär Beifall bei denen erntet, die momentan dem Staat sowieso nicht über den Weg trauen und politisch auf der eher anderen Seite stehen? Wurscht.

Oder nehmen wir den Beitrag von Vladimir Balzer für Deutschlandfunk Kultur.

Eine perfekte Ansammlung von "sowohl als auch", von "einerseits, andererseits", in der Maßnahmen gleichzeitig für richtig und für falsch erklärt werden. Der Einstieg MUSS natürlich sein:

"Die deutsche Politik hat zu spät auf das Coronavirus reagiert."

Das ist so schön, so bequem, so unwiderlegbar. Ein einfaches Tor.

Dann wird das ganz große anklagende Rad gedreht:

"Dieses Deutschland ist kaum wiederzuerkennen. Alles ist ausgesetzt, was unser Leben lebenswert macht"

Nicht bei mir. Aber wir alle müssen uns von Balzer fragen lassen:

"Warum nehmen wir das einfach so hin?"

Die mehr als logische Antwort – Pandemie, Ansteckungsgefahr – kennt Balzer natürlich auch, weshalb man es nicht anders machen kann, aber anders hätte machen müssen:

Doch vielleicht wäre es bei rechtzeitiger Reaktion der Politik vermeidbar gewesen, eine ganze Gesellschaft lahm zu legen.

Ja, vielleicht. Eher unwahrscheinlich. Schön, dass das alles Theorie ist.

Wie auch Pany bedient sich Balzer eines cleveren Kniffs: er setzt die medizinischen Notwendigkeiten und Einschränkungen mit politisch motivierten Zwangsmaßnahmen gleich, als würde sich in den Ausgangsbeschränkungen die drohende Diktatur entlarven. Nur so lässt sich Kappes wie dieser erklären:

"Irgendwann sind wir durch. Aber was kommt dann? Vor welcher Gesellschaft werden wir dann stehen? Was haben wir dann? Stunde null? Wie nach einem Krieg?"

"Was es jetzt noch dringender als finanzielle Hilfe braucht, ist ein demokratischer Widerstandsgeist."

Ich persönliche halte demokratische Solidarität, individuelle Vernunft und gemeinschaftliche Verantwortung für wichtiger, aber ich werde ja auch nicht dafür bezahlt, mich zum erhobenen Zeigefinger der Nation zu stilisieren.

Bei Pany wie bei Balzer fällt natürlich auf, dass sie keinerlei tatsächliche Antworten, Vorschläge oder Ideen liefern. Es ist der Luxus des Journalisten, Probleme nur benennen, aber nicht lösen zu müssen. Ich stelle aber die Frage in den Raum, ob die reflexhafte Ablehnung politischer Maßnahmen in dieser Zeit verantwortlich ist.

So eine Krise ist ja immer auch die Stunde der Auguren, der Seher – die, die immer vorher wissen was kommen wird, und hinterher wissen, warum es nicht so gekommen ist. Und die für beide Erkenntnisse Geld kassieren. So braucht man heute nur die Begriffe "Horx" und "Corona" bei Google eingeben, um zu sehen, wer am Wochenende besonders fleißig und lukrativ in die Tasten gehauen hat:

Den Vogel schießt dabei Horizont ab mit dem Satz in der Einleitung:

"Wenn es einen gibt, der sich anmaßen darf, darüber zu urteilen, dann Matthias Horx."

Hier ist allenfalls der Begriff Anmaßung richtig.

Natürlich hat "Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx" AUCH keine Ahnung, was nach Corona kommt. Seiner eigenen Wortwahl nach wird er sich selber "wundern", wenn die Krise vorbei ist. Weil auch die Meister seiner Zunft sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie notorisch falsch liegen. Ein besonders prägnantes Beispiel, das Horx bis heute verfolgt, sind seine Thesen von 2001 (!), dass das Internet sich nicht als Massenmedium durchsetzen wird, dass der E-Commerce keine Zukunft habe und dass die Menschen keine gigantischen Ansammlungen von Informationen wünschen oder brauchen. War damals schon offensichtlicher Quatsch, ist bis heute ein massiver Fleck auf der Weste seiner Reputation, auch wenn gerne behauptet, man habe seine Aussagen natürlich missverstanden.

Leute wie Horx haben KEINE Expertise – was sie schreiben, wickelt morgen schon den Fisch ein. Zukunftsforscher sind Science Fiction-Autoren, die den Fiction-Aspekt verschleiern. Sie sind so wenig Wissenschaftler, wie Homöopathen Ärzte sind.

Im Tagesspiegel gab es 2015 mal einen sehr schönen Artikel zum Thema falsche Prognosen, dem ich diesen schönen Satz entnehme:

"Womöglich zeichnen sich echte Internetkenner am ehesten dadurch aus, dass sie wildes Prognostizieren einfach bleiben lassen und Vermutungen nicht als Gewissheiten verkaufen."

Daraus extrapoliere ich, was mir in diesen Tagen wichtig wäre: Wenn die ganzen Lohnschreiber und Hobby-Nostradamen, die ganzen Trendforscher und Zeitgeist-Kritiker ihren ganzen dramatischen mussso/isso/wirdso-Szenarien zur präventiven Beruhigung der Lesernerven vorläufig einen Disclaimer vorschalten würden:

Was nun kommt, ist eine Mutmaßung. Ich weiß es nicht besser als ihr, und mit ziemlicher Sicherheit weniger als die Experten. Hört im Zweifelsfall lieber auf Leute, die sich mit sowas auskennen.

Auch das ist Prävention, auch das verhindert Ausbreitung. Zwar nicht von Viren, aber von Bullshit. Und damit wäre doch auch schon was gewonnen.



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Meine Theorie ist, dass viele Leute, die jetzt seltsame, bis gefährliche Warnungen ausstoßen, einfach zu lange nur über Medienwelten geschrieben haben und den Weg nicht zurück in die Kommentierung der Realität finden.
Ich las mal einen alytischen Artikel über Katastrophenfilme, in dem beklagt wurde, wie dort die Autoritäten (Wissenschaftler, Priester, Feuerwehrleute, Soldaten) das Kommando übernehmen und den Weg zur Rettung weisen und dass damit ein Autoritätsdenken gelehrt würde. – Das ist nicht ganz verkehrt, aber es hat eben den Haken, dass es in Notfällen nun einmal so am besten läuft. Eine Abstimmung von Laien, wie man aus dem brennenden Haus kommt, ist gegenüber dem klaren Befehl des Brandschutzbeauftragten im Nachteil. Trotzdem bleibt ja zumindest der Aspekt, dass sie beklagen können, dass FIlmemacher Geschichten mit dieser Lehre erzählen wollen, insofern lasse ich die Kritik durchgehen.

Nun aber wird genau das gleiche Denken und Analysieren auf die Realität angewandt, wo es aber eben nicht den Drehbuchautor gibt, der sich dafür entschieden hat, es gerade so zu erzählen, sondern wo es schlicht Sachzwänge und höhere Gewalt gibt. Dass gebildete Leute diesen Unterschied nicht mehr erkennen, sieht man in letzter Zeit erstaunlich häufig, wenn sie etwa über die mangelnde Diversität in jemandes Freundeskreis oder Bücherregal spotten. Da ist es albern, aber letztlich harmlos, hier nicht.

Ja, ein ungutes Gefühl, wie schnell Ausgangssperren verhängt werden und wie begeistert viele Leute darüber sind, darf man haben. Zu hinterfragen, welche Maßnahmen nötig sind, ist wichtig. Darauf hinzuweisen, dass Notfälle die Sehnsucht nach dem starken Anführer wecken und wir uns das vor Augen halten müssen, damit wir nicht in diesem Modus bleiben ist absolut korrekt.

Aber die Maßnahmen ohne konkrete und begründete Kritik abzutun, weil man ein paar schöne Sätze im Kopf hat, die man dazu formulieren könnte, ist kein Stück seriöser als irgendwelche Verschwörungstheorien, dass Corona ein Fake wäre, mit dem irgendwer irgendwas bezwecken will.

Thomas G. Liesner
Thomas G. Liesner

Erst mal volle Zustimmung, Panik hat keinen Sinn, aber die jetzigen Massnahmen als Krieg gegen den Bürger zu verkaufen, ist nicht nur dumm, sondern dient auch als Entschuldigung für diejenigen, die sich sowieso nicht dran halten wollen.

Ich habe mir gerade den verlinkten Artikel durchgelesen – vielleicht hätte er mit der Nutzung für die Allgemeinheit gar nicht so komplett falsch gelegen, wenn das Internet nicht dank iPhone für die Masse mobil geworden wäre. Denn Internet am PC ist tatsächlich im Vergleich die mindere Nutzung im privaten Umfeld, erst Handy-Apps und Tablets haben dafür gesorgt, dass es praktisch unverzichtbar geworden ist für die normale Bevölkerung. Vor 2007 war mobiles Internet ausser für Spezialfälle uninteressant und eh zu teuer.

Matts
Matts

Es ist echt zum Heulen und Zähneknirschen. Aber immerhin haben wir´s hier noch besser als in den USA. Der ganze "Don´t tread on me!"-Verein wird vermutlich das Feuer eröffnen, wenn man ihnen mit Ausgangssperre kommt. Mit zusätzlich Waffen und Muni decken sie sich ja schon ein.

Jake
Jake

Was kann man zu so absichtlicher und gefährlicher Dummheit sagen?

Dass es immer noch ’ne Nummer dümmer geht:

https://twitter.com/MimonLeaks/status/1240414380191125504

Reini
Reini

Und prompt versucht auch die Bauern-Lobby ihren Gewinn aus der Krise zur ziehen:
https://www.spiegel.de/wirtschaft/corona-krise-bauern-drohen-mit-produktionsstopp-a-deac2f2c-aa92-43db-8eb6-468ca0b3bbd0

Thies
Thies

Horx war die Woche auch bei Lanz zu Gast – ich hatte gehofft, dass diese Art Infotainment gerade einen leisen Tod stirbt – und hatte folgendes zu sagen:

Zukunftsforscher Matthias Horx ist sich sicher: „Das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang. Wir verändern uns jeden Tag, wir machen Dinge, die wir vorher nicht gemacht haben.“ Und weiter mutmaßte er:

„Nach der ersten Schockstarre werden sich viele sogar erleichtert fühlen. Dass wir mit Menschen, die einem nahe sind, wieder nah sein müssen. Dass wir die Kulturtechnik ändern. Die Menschen telefonieren wieder lange. Leute lesen wieder Bücher. Irgendwas ist im Gange, das unser Hirn, unsere Existenz verändert. Und wenn man sich mit Hirnforschung befasst, dann weiß man, das kann auch dauerhaft sein, das kann die Gewohnheiten verändern.“

Das klingt ja erstmal gar nicht so falsch, aber wenn ich für derartige Binsenweisheiten und Zukunftsgeraune bezahlt werden würde, könnte ich sofort alle meine Telefonate und Gespräche mit Kumpels und Kollegen online stellen und wäre ein gemachter Mann.

Dietmar

Das klingt ja erstmal gar nicht so falsch, aber wenn ich für derartige Binsenweisheiten und Zukunftsgeraune bezahlt werden würde…

Der immer bügelfrische Lindner haute ähnliches wie Dein Zitat raus:

Der jetzige Zustand darf keinen Tag länger dauern, als es medizinisch geboten ist….Wir müssen uns intensiv mit der Frage beschäftigen, was nach den Ausgangsbeschränkungen kommt.

Wenn man nicht weiß, was man sagen soll, aber wie ein Entscheider wirken will, kommt sowas raus.