Ich gebe zu, dass ich die UNBOX THERAPY-Videos ab und an ganz gerne schau. Lew ist angenehm aufgedreht und stellt neue Gadgets vor, über die ich sonst vielleicht nicht gestolpert wäre. Seine Begeisterung ist oft genug ansteckend. Tief gehende Analyse darf man allerdings nicht erwarten – es heißt ja nicht ohne Grund "unboxing". Es geht nur um den ersten Eindruck, nicht um den Langzeittest. Die Kürze der Videos ist sicher einer der Gründe für den Erfolges dieses Kanals.

Üblicherweise spielen sich Lews Videos so ab:

Vor mittlerweile zwei Jahren hat Lew allerdings ein "Produkt" besprochen, dessen Technik und Anspruch in mir alle Bullshit-Sirenen hat läuten lassen:

Man muss kein Fachmann sein, um zu erkennen, dass hier mit Schlangenöl gehandelt wird. Das Gerät ist schlicht ein elektrischer Luftentfeuchter mit angeschlossenem Wasserfilter. Ich hatte so einen Luftentfeuchter mal zwei Monate in meinem Haus in Giesing stehen, weil nach einem neuen Estrich das Wohnklima verbessert werden musste. Da habe ich den Wasserbehälter zweimal am Tag entleeren müssen. So arbeiten diese Geräte. Trinkbar ist das Wasser nicht.

Und nun also dieses Gerät. Wasser – direkt aus der Luft! Zauberei! Bullshit natürlich. Wie gesagt: Ein Luftentfeuchter mit Wasserfilter. Teuer, stromfressend, wartungsaufwändig und jedem Wasserhahn weit unterlegen. Die Rettung für durstige Wanderer in Wüstengegenden? Klar, wenn man vor Ort eine Steckdose, frische Filter und tatsächlich hohe Luftfeuchtigkeit hat (wodurch sich Wüsten nicht auszeichnen).

Wasser aus der Luft – natürlich ist das technisch möglich. Warum es nicht gemacht wird? Weil es nicht praktikabel ist. Ich weiß das. Weil ich ein Science Fiction-Geek der 70er und 80er bin. Ich habe Rainer Erlers OPERATION GANYMED gesehen. Und dieser Autor/Regisseur, der seine Stoffe immer genau recherchiert, hat eben dieses Problem 1977 schon behandelt. Vier abgestürzte Astronauten in einer unwirtlichen Wüstenwelt. Sie haben das Equipment, Salzwasser zu verdunsten (in Luft zu verwandeln), erneut zu kondensieren, und dann als salzfreies Wasser zu trinken.

Aber die Möglichkeiten sind beschränkt: angesichts der geringen Luftfeuchtigkeit und der begrenzten Verdunstungsfläche können nur 10 Liter am Tag produziert werden – und 20 werden gebraucht. Es ist eine Rechnung, die nicht aufgeht.

Und darum geht sie auch bei solchen Geräten wie dem von Lew vorgestellten EcoBlue nicht auf. Die Kosten der Maschine, der Elektrizität und der Filter machen weder ökonomisch noch ökologisch Sinn. Es irritiert mich maßlos, dass jemand wie Lew nicht zumindest seine Hausaufgaben macht, bevor er sinnentleert Begeisterung mimt.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Thunderf00t der Sache annehmen würde – der sympathisch grummelige und ungepflegt wirkende Wissenschaftler, der eher seinen eigenen Berechnungen vertraut als den Werbeversprechen von StartUp-Unternehmen. Er hat schon andere Wasser-Wunderautomaten zerlegt.

Nach zwei Jahren ist es nun soweit. Lew und der Wasserspender sind "dran". Der EcoBlue ist dabei nur Thunderf00ts Einstieg – im gleichen Aufwasch nimm er auch noch eine Art Kaffeekühler für den aktuell so angesagten "cold brew coffee" auseinander, den Lew unvorsichtigerweise als "game changer" preist.

Das Video ist ein Paradebeispiel für den Vorteil von "hard science" gegenüber technophiler Entzückung, über die ich ja neulich erst geschrieben hatte. Nichts dagegen, wenn eine neue Erfindung dufte klingt – aber die Gesetze der Physik, der Chemie und der Biologie müssen eben doch berücksichtigt werden. Wenn es zu schön klingt, um wahr zu sein, ist es eben meistens nicht wahr.

Ich stehe in diesem Fall in der Mitte. Ja, Lew hat in beiden Fällen Quatsch geredet. Aber Lew ist kein Experte und will auch keiner sein. Wer seinen Kanal anschaut, sucht neue Produkte und Entertainment. Für wissenschaftlichen Anspruch ist man da falsch. Trotzdem kann man natürlich erwarten, dass er zumindest die grundlegenden Plausibilitäten dessen prüft, was er preist. Sonst zeigt er uns demnächst die Goldhose.

Es zeigt aber auch, dass die Welt Thunderf00t braucht – eigentlich viele Thunderf00ts. Und wie ungesund es für eine Gesellschaft sein muss, wenn Unbox Therapy 16 Millionen Abonnenten hat – und Thunderf00t knapp 900.000.



avatar
1 Kommentar Themen
0 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
1 Kommentatoren
Dietmar Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste
Benachrichtige mich bei
Dietmar

Ha! Das Video von Thunderf00t habe ich heute Morgen gesehen! Lew kenne ich nicht.