Als meine Leser habt ihr schon einige meiner Umzüge aus der Entfernung miterlebt – u.a. die Einrichtung der ersten gemeinsamen Wohnung mit der LvA. Das ist mittlerweile fast 9 Jahre her.

In Schwabing waren wir damals sehr glücklich, auch wenn harte persönliche Schicksalsschläge in die Zeit fielen. Wir konnten dem "Münchner Lifestyle" frönen, vom Spaziergang im Englischen Garten bis zum Kaffee in der Münchner Freiheit.

Was dann kam, fasse ich nun mal kurz chronologisch zusammen:

  • Im Dezember 2012 bekamen die LvA und ich das Angebot, für den Klambt-Verlag die LIEBES LAND zu übernehmen und neu zu gestalten. Einzige Vorbedingung: ein Umzug entweder nach Speyer oder Baden-Baden. Wir entschieden uns für Speyer.
  • Ende Januar 2013 ging die LvA nach Speyer, lebte einen Monat im Hotel, danach ein Jahr in einer kleinen 2 Zimmer-Wohnung, die der Verlag angemietet hatte. Wir sahen uns nur an Wochenenden, weil wir den Standort München nicht aufgeben wollten.
  • Anfang 2014 wurde klar, dass die 2 Standorte-Lösung nicht praktikabel war und uns auch nicht gut tat. Ich entschied mich, der LvA hinterher zu ziehen. Nach Speyer. Wir fanden eine spektakuläre Wohnung über zwei Stockwerke, schafften zwei Katzen an, heirateten im Mai 2015 schließlich. Aber heimisch wurden wir nicht.
  • Während der Hochzeitsreise im Juni 2015 regten wir beim Verlag eine Veränderung an. Wir hofften auf Hamburg, aber am Ende wurde es Baden-Baden. Eine schöne Wohnung am Annaberg machte uns dem Umzug im August leicht.
  • Nach nur drei Monaten war klar – wir mussten wieder raus. Mit dem Vermieter herrschte Krieg. Eine schlimme Zeit, die sehr viel Nerven kostete. Aber wir fanden eine neue Wohnung, die sich als Traum herausstellte – mit bezaubernden Vermietern und einem Garten für die Katzen. Ab Februar 2016 kamen wir endlich ein wenig zur Ruhe.
  • Mitte 2019 verdichteten sich die Zeichen, dass die Redaktion der LIEBES LAND noch weiter als bisher virtualisiert werden könnte. Viele Mitarbeiter waren bereits im ganzen Bundesgebiet verteilt und nur noch digital präsent. Wir erarbeiteten ein Konzept, den Redaktionsstandort Baden-Baden weitgehend aufzugeben und die Chefredaktion (also meine LvA) nach München zu verlegen.
  • Im Dezember 2019 stimmte der Verlag zu, wir suchten und fanden schnell eine schöne große Wohnung in Trudering mit Platz für zwei Arbeitszimmer. Das Umzugs-Unternehmen, das auch unsere letzten beiden Ortswechsel betreut hatte, bekam erneut den Zuschlag – inklusive Einpacken und Auspacken.
  • Morgen um 8.00 Uhr steht (hoffentlich) der Laster vor der Tür.

Natürlich ist das eine unfassbar privilegierte Situation: wir können in die Stadt unserer Herzen ziehen und unsere tollen Jobs mitnehmen. Das ist uns sehr bewusst und wir sind für diese Chance still dankbar. München UND die LIEBES LAND – diese Kombi war uns vor sieben Jahren noch verwehrt geblieben und nun hat es doch noch geklappt.

Wir haben in den letzten sieben Jahren sehr viel gelernt. Die LvA ist zur 1a-Chefredakteurin gewachsen, die ständig neue Projekte entwickelt und umsetzt. Ich habe mehr als 300 Reportagen im ganzen Land gestemmt, habe unfassbar viel gesehen und unfassbar tolle Leute kennen gelernt. Menschlich hat mich das neu justiert, ich habe ein besseres Verständnis dafür entwickelt, was wirklich zählt.

Baden-Baden war nicht das Problem. Wir haben uns hier durchaus wohlgefühlt. Würde ich eine Liste mit pro und contra machen, wäre die pro-Spalte sehr umfangreich und die contra-Spalte würde nur einen Eintrag enthalten: "es ist nicht München".

Die LvA und ich, wir lieben München. Beide nicht gebürtig, aber wir sind gewachsene Münchner. Wir haben die 90er und die ersten 10 Jahre des neuen Jahrtausends in der bayerischen Metropole verbracht. Hier leben unsere Freunde, hier kennen wir uns aus, hier fühlen wir uns heimisch. Das hat sich in den letzten sieben Jahren nie geändert. Es ist bezeichnend, dass mein Aygo auch heute noch mit seinem alten Münchner Nummernschild umher fährt.

Für mich kommt noch hinzu, dass München mein Network der Branche ist. Hier kenne ich die Mover und Shaker, hier bekomme ich immer noch die Presseeinladungen und Interview-Termine. Ich freue mich, mittags endlich wieder auf meinen Motorroller steigen und ins Kino sausen zu können. Das habe ich vermißt, denn es war 20 Jahre lang Teil meines Lebensgefühls.

Wir haben uns in den letzten sieben Jahren verändert – und München hat sich auch verändert. Mein Zahnarzt ist in Rente gegangen, mein Stamm-Inder ist aus der Innenstadt ins Randgebiet gezogen, mein Pizza-Lieferant ist pleite, das übliche Kino für Pressevorführungen hat 2019 dicht gemacht. Und der Ex-Chefredakteur, bei dem ich so viele Nachmittage quatschend im Agenturbüro gesessen habe, ist 2015 viel zu früh verstorben. Die schwadronierenden Gespräche mit ihm werde ich besonders vermissen.

Aber wir und München – das wird sich wieder finden, da habe ich keine Sorge.

Nun ist ein Umzug immer auch eine gute Gelegenheit, den eigenen Bestand zu überdenken – was will ich, was brauche ich noch? Es ist uns in den letzten Jahren zunehmend leichter gefallen, uns zu trennen, auch von Erbstücken. War wirklich zählt, sind die Erinnerungen. Und die paar Gegenstände, von denen man nicht lassen mag.

Dieses Mal sind wir es sehr konsequent angegangen, weil das Wohngefühl sich ändert: aus einem Altbau im Hochparterre ziehen wir in eine Neubau-Dachwohnung mit umlaufender Terrasse. Da bietet es sich an, auch den Einrichtungsstil anzupassen. Bisher dominierte Art Deco unsere Wohnung, mit ein paar eigenwilligen Einzelstücken. Nach unserem Urlaub u.a. in Palm Springs hatte sich die Idee festgesetzt, es mal etwas mehr mit Midcentury Style zu versuchen: leichter, farbiger, schnittiger. Und dafür haben wir in den letzten zwei Wochen unfassbar viel aussortiert, verkauft, verschenkt.

Einmal getroffen, wurde die Idee immer radikaler umgesetzt: wollen wir mal anderes Geschirr? Ein anderes Bett? Andere Bilder an der Wand? Nichts war heilig und so manches, ohne das wir beim letzten Umzug nicht leben konnten, verlor bei genauerem Nachdenken seinen Berechtigungsschein. Man braucht viel weniger, als man denkt.

Wer neue Möbel-Ideen sucht, dem kann ich übrigens dringend mal einen Besuch im Kare-Kraftwerk empfehlen – wir hätten uns dort dreimal einrichten können.

Hinzu kam eine sehr klare Abwendung vom gedruckten Buch. Nicht von den Prachtbänden und selbst geschriebenen Romanen, nicht von den signierten Exemplaren der Kollegen – aber von all dem, was man mitschleppt, ohne es wirklich noch mal zu lesen. Die ganzen Wallander-Romane, der Schuber mit der Hornblower-Saga, die Raumpatrouille-Serie – alles raus. Meine digitale Bibliothek ist meiner analogen schon lange weit überlegen. Heute morgen habe ich mal wieder die Bücherschränke der Umgebung beglückt.

Auch die Ära DVD/CD haben wir beendet. Wir haben ja seit fünf Jahren nicht mal mehr einen DVD-Player (nur noch zwei externe Laufwerke für die Notebooks). Die Scheiben sind nicht leicht sinnvoll abzustoßen – zu viele kommen aus Amerika und sind wegen des Regionalcodes in Deutschland nicht problemlos abspielbar.

Und ja – ich bin aus meinem Sherilyn Fenn-Poster heraus gewachsen:

Andererseits wird im neuen Arbeitszimmer endlich mal der Platz sein, meine Artworks von Charles Band aufzuhängen (oder zumindest ein "best of" davon).

Kurzum: es wurde noch einmal richtig ausgemistet und die vorherigen Bemühungen, Ordnung ins Chaos zu bringen, zahlten sich aus. Unsere Nachmieter stellten sich dabei als besonderer Glücksfall heraus – sie übernehmen einen ganzen Teil unserer Möbel, den wir daher einfach stehen lassen können.

So wird die Aufgabe der Spedition morgen zweierlei sein – unseren ganzen Kram einpacken und nach München bringen und vor Ort die teilweise schon gelieferten neuen Möbel aufbauen und einräumen. Einige Design-Ideen haben wir noch nicht finalisieren können, das folgt dann in den nächsten Wochen. Das Zauberwort heißt Fototapete

Nun war es ja bisher so, dass ihr immer davon profitiert habt, wenn bei mir Großreinemachen angesagt war. Das ist auch diesmal nicht anders. Ich habe mich entschieden, ab übernächster Woche einen Haufen Überraschungspakete zu schnüren, die ihr dann für einen Pauschalpreis blind erstehen könnt. Es werden Mystery-Boxes mit Büchern, DVDs, Comics und launigem Merchandise sein. Keine Ahnung, was ihr bekommt – es wird aber auf jeden Fall sein Geld mehr als wert sein…

Aber das ist Futur II, wie die LvA immer sagt. Jetzt geht es zuerst einmal darum, möglichst stressfrei und ohne zu viel Ballast an die Isar zurückzukehren. Der Transport der Katzen wird sicher das größte Problem – Rufus HASST Fahrten im Auto und drei Stunden dürfte seine Schmerzgrenze um zwei Stunden und neunundfünfzig Minuten überschreiten. Wir geben uns alle Mühe, es so angenehm wie möglich zu gestalten.

Vor Ort wird dann erstmal zu hoffen sein, dass die Digitaltechnik von der Telekom zeitnah umgestellt wird – wir arbeiten schließlich von daheim, da müssen die Bits byten und die Floppys flippen. Die LIEBES LAND kann schließlich keine Ausgabe aussetzen. Und auch beim Wortvogel soll so wenig Funkstille herrschen wie möglich.

In München einziehen ist dabei nur die eine Hälfte der Arbeit: ich muss zur Herrichtung der alten Wohnung gleich wieder zurück nach Baden-Baden, muss den Sperrmüll rausstellen und die Abnahme organisieren. Es soll ja alles ordentlich gemacht werden. Ich werde hier der letzte sein, der das Licht ausmacht.

Keine Frage: Die nächsten 72 Stunden werden hektisch.

Man könnte nach so einem Bericht der Meinung sein, wir wären Nomaden, Dauer-Umzieher ohne Wurzeln. Aber dem ist nicht so. Wir ziehen nicht gerne um. Wir ziehen auch jetzt nicht gerne wieder um. Das Gegenteil ist der Fall. Die Rückkehr nach München soll eine Rückkehr in ein stabileres Leben sein. Ein paar Jahre ohne ständigen Wandel und Wechsel. Nicht nur ankommen – auch bleiben.

Baden-Baden? Es lag nicht an dir. Es lag an uns.



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Gregor
Gregor

Das freut mich sehr für euch dass es endlich geklappt hat! Willkommen zurück in München. Das Sherilyn Fenn-Poster würde ich nehmen.

Heino
Heino

Die Problematik des ständigen ungewollten Umziehens – wenn auch nur innerhalb einer Stadt – kenne ich nur zu gut und bin froh, seit knapp 4 Jahren Ruhe zu haben, daher kann ich das gut nachempfinden. Gutes Gelingen und einen möglichst stressfreien Umzug wünsche ich euch:-)

milan8888
milan8888

Ich hab auch mal ne Weile lang in Trudering gewohnt – kam mir immer so vor als würde ich nicht mehr in München wohnen…

Gerrit
Gerrit

Willkommen zuhause. Und: Glückwunsch. Alexa, spiel "So soll es sein, so kann es bleiben"…

Nummer Neun

Na dann: Willkommen zurück in München! Dann ist ja die Wahl, welches Fantasy Filmfest du in der Republik besuchst, demnächst auch etwas leichter. Und Glückwunsch, dass ihr so hier auch so schnell eine neue schöne Wohnung finden konntet. Ist ja nicht so selbstverständlich.

Thorben
Thorben

Ich wünsche Euch alles gute – und vielleicht kommt ihr jetzt ja wirklich ein wenig zur Ruhe 🙂

Tante Jay
Tante Jay

Viel Glück. Ich mag Umzüge auch nicht mehr… 40 sind einfach zuviel.

comicfreak
comicfreak

..ich hoffe, dass ich nicht nur angekommen bin, sondern das ganze auch halten kann..
Gerade die Miteilung bekommen, dass das Baukindergeld doch nicht gewährt werden wird.

Ich freu mich für euch.
Mach mal Bilder, was die Katzen von der Aussicht halten.
Falls ihr doch mal in den Park wollt:
https://www.vidaxl.de/e/8718475827252/vidaxl-hundewagen-hundebuggy-rot

Dietmar

Erstmal: Glückwunsch! Habt Ihr verdient.

Wir wohnen schon 23 Jahre hier. Ich habe jeden Umzug gehasst! Ätzend! Waren nur zwei für mich. Und das war schon zu viel.

Elisabeth Aslan
Elisabeth Aslan

Welcome back! Bin in Waldtrudering aufgewachsen…und gespannt, was du über Trudering berichten wirst. Habt einen guten Neustart in alten Gefilden!

Reini
Reini

Euch alles Gute in der neuen alten Heimat! Und ein Überraschungspaket kannste mir schon mal reservieren 😉

Matts
Matts

Na dann alles gute in der Landeshauptstadt!
Vielleicht inspirieren mich ja eure Antrengungen noch, mir auch endlich eine neue Bleibe zu suchen. Ich hasse Umzüge – aber nach mehr als 7 Jahren WG denke ich mir doch langsam, dass ich zu alt dafür werde. Und es wäre ja nur innerhalb derselben Stadt…

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