Man kann mir vorwerfen, dass ich mir mit bento immer leichte Ziele für meine Textanalysen aussuche. Aber dem ist nicht so. Ich entscheide eher nach Affekt, für wen ich Zeit und Nerven opfere – ein Artikel muss schlicht doof genug sein, mich ausreichend zu triggern. Dass das bei bento häufiger vorkommt als bei anderen Medien, ist aufschlussreich und entlarvend – aber eben das Ei und nicht die Henne.

Dass auch arrivierte Großmedien und ausgewiesene Meinungsmacher erstaunlich kruden Unfug publizieren, lässt sich gerade heute wieder beim SPIEGEL erleben, dem „Mutterblatt“ von bento:

Ehrlich gesagt war mir schon nach dem Anreißer klar, dass hier nur heiße Luft zu erwarten ist. Elon Musk ist der König der Ankündiger, ein Visionär ohne Ventil, der gerne großspurig auftritt und sich feiern lässt, dessen Weltrevolutionen allerdings meistens bis in die Unkenntlichkeit verwässert werden oder ganz von der Bühne verschwinden, sobald das Presse-Echo verhallt ist.

Sein Geld hat er bekanntermaßen mit PayPal gemacht, und dass er massiv den Markt für Elektro-Autos voran gebracht hat, lässt sich auch nicht bestreiten. Aber dazu gehört auch, dass der Markt der E-Autos immer noch stockt, dass er von Subventionen abhängig ist, dass Tesla nur sporadisch mal in die schwarzen Zahlen kommt. Musk mag hier Startenergie geliefert haben – gelöst wurde kein nennenswertes Problem.

Nun behauptet Ines Zöttl also im vorliegenden Artikel, Musk würde „Resultate liefern“, habe seine „Kritiker widerlegt“. Und ich so: nie im Leben.

Schauen wir uns das doch mal an.

Elon Musk hat derzeit viele Gründe, zu triumphieren. Eines aber dürfte den Tesla-Chef besonders befriedigen: Die von ihm inbrünstig gehassten Spekulanten, die auf einen Absturz der Aktie gewettet haben, haben sich eine blutige Nase geholt.

Okay, typischer Anreißer. Aber schon hier wundere ich mich: ist der Aktienkurs das erwartete Resultat gewesen? Heißt der Artikel nicht „Vorsprung durch Technik“? Der Aktienkurs ist ein Spiegel der Erwartungen, angefeuert von Musks wilden Versprechungen, denen er oft genug keine befriedigenden Taten folgen lässt.

Allein in den ersten zwei Handelstagen des neuen Jahres häuften die sogenannten Leerverkäufer nach Berechnung der Analysefirma S3 Partners einen Verlust von rund 900 Millionen Dollar an. Seit Ende 2018 hat sie ihre Fehlspekulation insgesamt drei Milliarden Dollar gekostet.

Ich bin nicht Aktienexperte genug, um auch nur zu ahnen, was das hier heißt. Wieso Fehlspekulation? Wer sind diese Leerverkäufer? Sind 900 Millionen Dollar in so einem Kontext überhaupt viel Geld? Hier fehlt jede Erläuterung, jede Einordnung.

Nach einer Strecke von Pleiten, Pech und Pannen in der Vergangenheit hat der exzentrische Entrepreneur inzwischen eine ganze Serie von Erfolgen vorzuweisen:

Ist der Hyperloop fertig? Steht die Mars-Mission? Haben die Loops in LA den Berufsverkehr entkrampft? Läuft der Cybertruck vom Band? Gibt es den Mensch/Maschine-Hybriden? Na, da bin ich aber mal gespannt…

• Die erste Handelswoche 2020 beendete die Tesla-Aktie auf einem Rekordhoch von 443 Dollar. Damit hat der Kurs die Marke von 420 Dollar pro Aktie geknackt, zu der Musk sein Unternehmen im Sommer 2018 von der Börse nehmen wollte. Weil er damals voreilig behauptete, die Finanzierung sei in trockenen Tüchern, bekam er Ärger mit der Börsenaufsicht. Auch sonst lief es bei dem kalifornischen Elektroautobauer lange nicht rund. Zwischenzeitlich sackte die Aktie auf 177 Dollar ab. Heute aber ist das Start-up aus Palo Alto an der Börse mehr wert als jeder der drei großen Autokonzerne aus Detroit. Und selbst der Vorsprung von Volkswagen bei der Marktkapitalisierung scheint nicht mehr uneinholbar.

Wieder der Aktienkurs. Echt jetzt? DAS ist Musks Erfolgsgeschichte? Darf ich daran erinnern, dass Elizabeth Holmes und ihr Unternehmen Theranos mit 10 Milliarden Dollar bewertet wurden und die Gründerin vom TIME Magazine zu einer der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gekürt worden war? Der Aktienkurs sagt NICHTS über die Validität eines Geschäftsmodells oder die tatsächliche Umsetzbarkeit einer Technologie aus – nur über die Erwartungen daran.

Über 100.000 Fahrzeuge hat Tesla im vierten Quartal ausgeliefert und damit einmal gehalten, was Musk den Investoren versprochen hat. Im Gesamtjahr wurden 367.500 Autos an Kunden in aller Welt verfrachtet, ein Plus von 50 Prozent zum Vorjahr.

Ich musste kichern. Elon Musk hat es den Kritikern so richtig gezeigt, in dem er ERSTMALS so viele Autos produzieren konnte, wie er seit Jahren verspricht, aber nie einhält. Take that!

Die Konkurrenz ist bis auf Weiteres abgehängt. Nach Rechnung der Branchenseite InsideEVs.com hat Tesla in Amerika 2019 knapp 160.000 seiner Model-3-Autos verkauft. Der BMW i3 und der Volkswegen e-Golf brachten es jeweils nur auf ein paar tausend Exemplare.

Ja, im E-Auto-Sektor hat Tesla eine Ausnahmestellung. Weil die anderen geschlafen haben. Profitabel ist die Firma im Gegensatz zu VW und BMW aber trotzdem nicht. Kleiner Vergleich: VW hat 2019 einen Gewinn von 4,12 Milliarden Euro gemacht. Das Unternehmen hat über 650.000 Mitarbeiter. Tesla hat im dritten Quartal 2019 einen Gewinn von 143 Millionen Dollar gemeldet – das vierte Quartal überhaupt, in dem man ein Plus ausweisen konnte. Das Unternehmen beschäftigt 48.000 Mitarbeiter.

VW verkauft insgesamt übrigens – trotz Diesel-Skandal – mehr als doppelt so viele Autos wie Tesla in den USA. Weltweit zehn Millionen.

Abgehängt?

Auch in China, dem größten E-Auto-Markt der Welt, rollt das Geschäft an. Seine „Gigafactory 3“ bei Shanghai hat Tesla mit Rekordgeschwindigkeit innerhalb von 357 Tagen hochgezogen. Kurz nach Weihnachten rollten die ersten 15 der dort gebauten Autos vom Band. Es ist eine Doppelpremiere: Für Tesla ist es das erste Werk außerhalb der USA, für Peking das erste Unternehmen, das ganz in ausländischer Hand bleiben durfte.

Okay, der nächste technologische Coup von Tesla ist demnach: man hat eine Fabrik in China sehr fix gebaut. Super. Und 15 Autos sind auch schon vom Band gerollt. Die erste Tesla-Fabrik in China. VW ist dort seit mehr als 30 Jahren präsent.

Noch dieses Jahr will Tesla mit dem Model Y in den boomenden SUV-Markt einsteigen.

Konfetti für eine profane PR-Ankündigung? Und das noch dazu in einem Segment, über das der SPIEGEL sonst Gift und Galle ausspuckt, weil die SUV doch unser aller Untergang sein werden?

Zwar geriet die Präsentation des Prototyps Tesla Cybertruck zur Lachnummer, als die angeblich unkaputtbaren Scheiben vor den Augen des Publikums zersplitterten.

Jetzt zerbröselt es endgültig. Die Lachnummer der Cybertruck-Präsentation wird in die „Serie von Erfolgen“ aufgenommen. Mal ganz abgesehen davon, dass die großkotzige Vorstellung eines nicht straßentauglichen Fahrzeugs, das vermutlich auf diesem Kontinent keine Zulassung bekommen wird, keinerlei technischen Durchbruch darstellt.

Trotzdem sind Musk zufolge für das Pick-up-artige Trumm schon 250.000 Vorbestellungen eingegangen – die Reservierung kostet allerdings auch nur 100 Dollar.

Yo, ein Haufen Nerds haben 100 Ocken für die neuste Prophezeiung ihres Heiligen rausgeworfen. Vorsprung durch Technik, ätsch.

Das kann Ines Zöttl doch nicht ernst meinen! Hat sie Tesla-Aktien und will für den schnellen Reibach den Kurs hochtreiben?

Und Musk ist sogar den Ärger los, den ihm seine Beleidigung eines Rettungstauchers als Pädophilen eingebracht hatte. Ein Gericht in Los Angeles folgte der Argumentation des Tesla-Chefs, dass die Beschimpfung nicht wörtlich zu nehmen sei und wies die Schadensersatzklage des Helfers im Höhlendrama von Thailand ab.

Braucht es mehr Beweise des technischen Genius von Elon Musk als die Tatsache, dass er sich nicht vor Gericht verantworten muss, weil er einen Rettungstaucher als Pädophilen verunglimpft hat? Hier werde ich dann auch mal richtig wütend.

Die jüngsten Resultate haben manche Musk-Skeptiker, die der Popstar der Wirtschaft mit seinen allzu vollmundigen Ankündigungen in der Vergangenheit verschreckt hat, besänftigt.

Außer dass sämtliche vollmundigen Ankündigungen von Hyperloop bis Loop, von Mars-Mission bis Neuralink immer noch nur das sind – Ankündigungen. Und es mehren sich die Anzeichen, dass nichts davon in der angekündigten Form umsetzbar ist.

Dass Tesla neuerdings seine Ziele erreiche, sei ein „Bravourstück“, das der spektakulären Flucht des ehemaligen Nissan-Chef Carlos Ghosn aus Japan gleichkomme, staunte ein „Wall Street Journal“-Kolumnist.

Musks „Erfolg“ mit der Flucht von Ghosn in den Libanon zu vergleichen – darauf muss man erstmal kommen.

Wenn diese Zuverlässigkeit zur Gewohnheit werde, werde Tesla „von einem interessanten Phänomen zu einem führenden Spieler in der Branche werden.“

Wenn.

„Musk hat viele seiner Skeptiker einschließlich uns selbst widerlegt“, sagt auch Daniel Ives von Wedbush Securities. Der Analyst hat sein Kursziel von 270 auf 370 Dollar erhöht. Er setzt darauf, dass der Markt für Elektroautos in den kommenden Jahren weltweit mächtig zulegen wird – und Musks Vision sich dann auch finanziell auszahlt.

Wieder: es geht nur um den Aktienkurs. Die tatsächlichen technischen Innovationen, die uns der Artikel eigentlich versprochen hatte? Fehlanzeige.

Die wichtigsten Zukunftsmärkte sind nach Ives‘ Einschätzung dabei China und Europa.
Musk scheint das genauso zu sehen: Die Arbeiter in der Fabrik in Shanghai sollen „in naher Zukunft“ 3000 Autos pro Woche herstellen. Und auch für die geplante Fabrik im brandenburgischen Grünheide hat er hochfliegende Pläne. Jährlich 500.000 Model 3 und Model Y sollen dort laut Planungsunterlagen gebaut werden. Schon im Juli 2021 soll das Werk in Betrieb gehen – ein für deutsche Verhältnisse außerordentlich ambitioniert erscheinendes Ziel.

Mutmaßungen, Ankündigungen, Erwartungen. Wenn, dann, soll, könnte.

Angesichts der erwartbaren Hürden hier und anderswo hat die neue Tesla-Euphorie nicht alle Experten angesteckt. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg raten immer noch mehr Analysten zum Verkauf der Aktie als zum Kauf. Schließlich muss das Unternehmen erst noch beweisen, dass es nachhaltig Gewinne erwirtschaften kann.

Da liegt der Hase im Pfeffer. Die Aktienkurse, an denen Zöttl sich hier die ganze Zeit besäuft? Ein bestenfalls brüchiger Indikator, gerade weil Musk momentan immer wieder scheitert, wenn der Worten Taten folgen lassen will.

Vieles spricht dafür, dass es nicht so rasant weitergeht: Je stärker das E-Segment wächst, desto entschlossener drängt die Konkurrenz ins Geschäft. Zudem fürchten manche Beobachter, dass der Markt durch die Subventionspolitik vieler Regierungen künstlich aufgebläht ist. Viele Käufer würden ein E-Auto nur ordern, weil der Staat nachhelfe. In den USA sind die satten Steuerrabatte für Tesla-Käufer zum 1. Januar 2020 ausgelaufen. Dort wird sich nun zeigen, ob die Nachfrage hält.

Ach! Doch nicht alles eitel Sonnenschein?

Auch Analyst Ives hat noch ein paar Bedenken. Jedes Mal, wenn in der Vergangenheit der Optimismus gewachsen sei „und es aussah, als klärt sich der Himmel über Fremont“, sei wenig später eine „negative Variable“ aufgetaucht. Zum rapiden Kursanstieg der vergangenen Monate haben ihm zufolge ausgerechnet die Shortseller beigetragen: Weil sie nachkaufen mussten, um ihre Verpflichtungen zu erfüllen, trieb das den Kurs nach oben.

„Zukunft von Tesla weiter ungewiss“ wäre demnach vielleicht keine so knackige, aber in der Konsequenz ehrlichere Titelzeile gewesen.

Musk selbst gibt sich ungewöhnlich vorsichtig. Ob er seinen Triumph mit einer Siegesrunde feiern werde, fragte ihn der „Wall Street Journal“-Kolumnist John Stoll. Der Tesla-Chef winkte ab. Er fürchte, das könnte ihm „schlechtes Karma“ aufladen.

Und das schlechte Karma ist anscheinend alles, worum es geht.

Es ist schon faszinierend. Der Artikel tritt an zu dokumentieren, wie Elon Musk es schafft, die Kritiker seiner technologischen Wunder-Visionen Lügen zu strafen – und belegt dann ausführlich, dass das Geschäftsmodell sehr viel auf Hype fusst und der Aktienkurs auf tönernen Füßen steht.

Ich würde mir wünschen, die Welt wäre bereit für weniger Spektakel, für weniger Blende, für weniger Schall & Rauch – und mehr für gute Ideen, die Jahre brauchen, um teuer, aber wirksam umgesetzt zu werden. Langfristige Ziele. Not because it’s easy, but because it’s hard.

Tesla ist nicht Theranos, Musk sicher kein Betrüger – aber ähnlich wie Richard Branson ist er ein Showman, der immer antritt, um alles gleich zu revolutionieren, und dann schnell feststellt, dass die Dinge manchmal so sind, weil sie nur so sein können. Auch Musk kann die Gesetze der Physik oder des Marktes nicht aushebeln. Er ist kein Heiland, er räumt den „deep state“ der Techno-Giganten ebenso wenig auf wie Donald Trump den „deep state“ der politischen Eliten. Aber es gibt genug besoffene Technophile, die halt daran glauben wollen, dass schierer Wille und technologisches Know How die ganze Scheiße, die sich seit der Industriellen Revolution angesammelt hart, wegzaubern können. Während die meisten Firmen auf den Ist-Zustand der Welt schauen und frustriert „was machen wir denn jetzt damit?!“ murmeln, brüllt Elon Musk „Revolution! Morgen!“. Ich verstehe den Reiz. Aber er ist gefährlich und leer.

Und bei „leer“ sind wir damit am Ende dieses Artikels angelangt. Weniger Substanz und konsequenteres „sich ins Bein schießen“ habe ich beim SPIEGEL lange nicht mehr gelesen. Vielleicht sollte man die Musk-Groupies in den Redaktionen mal aussieben. Oder ihnen zumindest die Aktien wegnehmen.



avatar
12 Kommentar Themen
11 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
12 Kommentatoren
KlausDietmarDZXhelmaLuc Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste
Benachrichtige mich bei
comicfreak
comicfreak

..Alter!
bin ich froh, dass du das Zeug (anstelle von und für uns) liest.

Olaf
Olaf

Diesen Artikel im Spiegel könnte auch Horst Lüning geschrieben haben. 🤨

Tom
Tom

Es stört mich ein wenig, dass du die SpaceX-Erfolge völlig ausklammerst und nur „Mars“ erwähnt. Vor zehn Jahren habe ich mir senkrecht landende Raketen nicht einmal außerhalb von Tim und Struppi vorstellen können.

Dietmar

Vor zehn Jahren habe ich mir senkrecht landende Raketen nicht einmal außerhalb von Tim und Struppi vorstellen können.

Das ist interessant, weil dieses Konzept bei der NASA deshalb verworfen worden ist, weil die Menge des mitzuschleppenden Treibstoffs dieses Verfahren nicht rechtfertigt. Die haben das nicht nicht gemacht, weil sie es nicht konnten, sondern weil sie es nicht wollten. Der Mondlander landete ja auch nach diesem Prinzip. Bei der höheren Erdanziehung ist das unrentabel und unsinnig. Einer der Gründe, warum SpaceX kommerziell nicht nur scheitern wird, sondern nie auftauchen.

Ich ärgere mich gerade schwarz, dass ich die historischen Aufnahmen von solchen Tests nicht finden kann, aber hier gibt es auch ein paar zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=39cjZTCay24

Klaus
Klaus

„Einer der Gründe, warum SpaceX kommerziell nicht nur scheitern wird, sondern nie auftauchen.“
Wie kommst du darauf, dass sie kommerziell nie auftauchen werden? Die beliefern im Auftrag der Nasa die ISS. Warum nutzt die Nasa nicht einen anderen Anbieter, wenn das Wiederverwenden von Raketen sinnlos ist und die Nasa das höchstselbst verworfen hat? Mag die tatsächliche technische Umsetzung dann doch irgendwie ganz gut sein?

SpaceX hat übrigens 13 von 102 Trägerraketenstarts zu verantworten:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_orbitalen_Raketenstarts_(2019)
1 Testflug, 1x Starlink, 11 kommerzielle Flüge. Mehr als 10 % der Flüge weltweit klingen für mich nicht nach „kommerziell nie auftauchen“ – ich bin aber durchaus interessiert an deinen Argumenten.

Lars
Lars

Und der Artikel blendet SpaceX fast vollkommen aus. Tesla ist ein Autobauer von vielen und produziert im Prinzip das iPhone der Automobilbranche – seine wirkliche revolutionäre Vision liegt aber bei SpaceX, denen einige Meilensteine geglückt sind:
– Erste private Rakete, die den Orbit erreicht hat (Falcon 1)
– Erste private Nutzlastkapsel, die an der ISS angedockt hat (Dragon)
– Erste Landung einer Raketenstufe einer orbitalen Rakete (Falcon 9, Blue Origins New Shepard ist nur suborbital unterwegs und macht nur Hüpfer über 100 km Höhe ohne die notwendigen Geschwindigkeiten für Orbits zu erreichen – das sind also völlig andere Kräfte, die da am Werk sind)
– Erste (zweite, dritte und vierte) Wiederverwendung einer Erststufe in einer orbitalen Rakete (Falcon 9)
– Erste Wiederverwendung der Nutzlastverkleidung (Falcon 9)
– Erster Flug eines „Full-flow staged combustion cycle“ Triebwerks (Raptor Engine auf Starhopper; das ist so etwas wie der heilige Gral der Raketentriebwerke, da hierbei kein Treibstoff für die Treibstoffpumpen „verschenkt“ wird)

Zudem ist SpaceX der Betreiber der größten Satellitenkonstellation (Starlink) und der einzige Anbieter, der an einer komplett wiederverwendbaren Rakete arbeitet.
Starlink ist aus mehreren Gesichtspunkten interessant:
– das Ziel ist bezahlbares und schnelles Internet an jedem Ort der Welt
– ist die Lösung für den weltweiten Hänger in der Anzahl an Nutzlasten – SpaceX wird einfach sein eigener Kunde
– SpaceX kann auf den eigenen Missionen deutlich mehr Risiko gehen – die oben genannte vierte Wiederverwendung und die Wiederverwendung der Nutzlastverkleidung waren beide Starlink-Starts
– Satelliten-Internet ist ein potentieller Milliardenmarkt (erkennt man auch daran, dass es mehrere Initiativen gibt) und die Gewinne sollen die Mars-Pläne von SpaceX finanzieren

Elon Musk ist eine ziemlich polarisierende Figur und ich möchte auch nicht für ihn arbeiten müssen, da man da viel zu viel negatives hört. Allerdings hat er definitiv eine Vision und hat es bisher geschafft, diese umzusetzen, wenngleich nicht immer in den Zeithorizonten, die er vorgibt. In der online Raumfahrt-Community gibt es das Wort „Elon Time“, was das gut beschreibt. Und im Gegensatz zu anderen CEOs, die von der Praxis keine Ahnung haben, zeigt er auf Twitter und in zahlreichen YouTube-Videos, das er sehr tief im Detail drin steckt (siehe z.B. dieses Interview: https://www.youtube.com/watch?v=cIQ36Kt7UVg). Er ist zudem experiementierfreudig und scheut sich nicht, Pläne auch mal um 180° umzuschmeißen, wenn ein anderer Weg erfolgsversprechender ist (Starship sollte erst aus Kohlefaser gebaut werden und es wurden schon teure Maschinen gekauft und Prototypen angefertigt – jetzt wird es Edelstahl und die Prototypen werden im Freien in Texas und Florida gebaut).

Also mein Fazit aus der SpaceX-Brille: Musk hat eine Vision (Menschheit als multiplanetare Spezies) und arbeitet konsequent darauf hin. Seine Pläne sehen am Anfang wie Spinnerei aus („Raketenlandung – das funktioniert doch nie“) und funktionieren dann irgendwann routinemäßig. Von daher würde ich nie den Fehler machen, seine Ankündigungen einfach als Spinnereien abzutun oder ihn als Showman zu bezeichnen. Dafür hat er mich schon zu oft vom Gegenteil überzeugt. Er ist zudem auch gar nicht so revolutionär, wie viele das immer meinen, sondern er nutzt nur die Methodiken von Start Ups und agiler Entwicklung in Bereichen, die extrem konservativ sind und Veränderungen eher ablehnend gegenüber stehen. Dies ist bei Tesla der Fall, aber insbesondere bei SpaceX, wo seine Konkurrenten die etabilierten Rüstungskonzerne sind, die mit „Cost Plus“-Verträgen (Vergütung aller Kosten plus zusätzliche Vergütung als Gewinn) der Regierungen ausgestattet waren/sind.

Torsten Scholz
Torsten Scholz

Das mag alles sein, aber seine sonstigen Projekte werden großteils Hirngespinste bleiben, da sie in der Praxis nicht funktionieren werden. Hyperloop wird nicht funktionieren (https://www.youtube.com/watch?v=RNFesa01llk&t=39s), es wird keine fliegenden Autos geben (https://www.youtube.com/watch?v=znv0TQsR5jk&t=7s), usw..

Dietmar

Seine Pläne sehen am Anfang wie Spinnerei aus („Raketenlandung – das funktioniert doch nie“)

Wer hat das gesagt? Wen zitierst Du? Der Grund, warum daran vor ihm nicht konsequent gearbeitet worden ist, ist, dass das ineffizient ist: Die Raketen mussten in den Orbit und konnten nicht Treibstoff als Ballast mitschleppen, um später damit zu landen. Es war ein Wegwerfsystem geplant. Das war beabsichtigt. Die Landung auf dem Mond passierte mit? Richtig: Raketensytem. Die NASA konnte das, hat es aber nicht gemacht. Musk ist da in etwa so originell wie ein Handballer, der zu einem Fußballspiel geht und den Ball in die Hand nimmt.

Im Gegensatz zu Dir hat mich Musk zu oft davon überzeugt, dass er ein Schlangenöl-Verkäufer ist. Beispiele stehen im Artikel (ja, ich weiß: es geht um den Spiegel, aber dennoch).

Einzelaufnahmen konnte ich nicht auffinden, aber hier eine Zusammenfassung, in der auch gezeigt wird, dass es solche, erfolgreichen (!), Test schon vor Jahrzehnten (!) gab: https://www.youtube.com/watch?v=39cjZTCay24
Das nicht zu nutzen, war Absicht, nicht Unvermögen.

sven
sven

Elon Musk = Lyle Lanley

Sigur Ros
Sigur Ros

Danke, Torsten, wie immer sehr treffend zusammengefasst. Mal wieder ein schönes Beispiel, wie das vermeintliche Premium-Magazin Spiegel persönliche Meinung als Artikel zu verkaufen versucht und dabei großteils nur oberflächliche PR-Floskeln nutzt. Wenn man die paar kritischen Sätze weglässt, hätte das nun wirklich eine Pressemitteilung von Tesla oder ein Artikel in einem hauseigenen Magazin sein können. Die Wahrheit ist, dass Tesla weiterhin massive Probleme hat, profitabel zu sein, von Krediten lebt und, wenn sie es nicht schaffen, konsequent profitabel zu werden, permanent mit einem Bein in der Insolvenz steht. Und dass Musks sonstige Hirngespinste genau das sind und bleiben werden, ist auch klar, wenn man sie mal unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet:
Hyperloop: https://www.youtube.com/watch?v=RNFesa01llk
https://www.youtube.com/watch?v=DDwe2M-LDZQ
SpaceX: https://www.youtube.com/watch?v=j4KR4-TN-Yo
Fliegende Autos: https://www.youtube.com/watch?v=znv0TQsR5jk

Dietmar

Aus tiefstem Herzen: Bin ich froh, dass Du nicht auf diesen Musk-Wahn angesprungen bist! Das ist ja unerträglich!

Bei NDR Info lief vor etwa einem Jahr ein Beitrag, dass die Hamburger Hafengesellschaft (keine Ahnung, wie die genau heißt, obwohl mein Neffe dort arbeitet) die Musk-Kopf-Missgeburt „Hyperloop“, die nur aufgewärmter Quatsch ist, nutzen wolle, um Container auf dem Hafengelände zu transportieren. Ich bin fast bewusstlos geworden vor Ungläubigkeit. Dann wurde noch geschwärmt, dass das ein super Transportsystem für den Personenverkehr in Deutschland wäre, wenn es sich bewähren würde.

Ich schrieb eine Mail: Man sei dankbar für meine Kritik, aber das sei ein wertfreier Bericht über technologischen Fortschritt. Im Übrigen, deutete man unmissverständlich an, fehle meine Expertise, um dieses Konzept zu kritisieren.

Der YouTube-Kanal „100SekundenPhysik“ ist auf diesen Schwachsinn auch voll abgefahren und, obwohl sonst sehr fachkundig und informativ, propagierte den jubelnd mit einem Beitrag.

…staunte ein „Wall Street Journal“-Kolumnist

Toll, dass ein ungenannter, unbekannter Wall-Street-Journal-Kolumnist staunte. Der STAUNTE! Wow. Beeindruckend …

Die Bezeichnung „Entrepreneur“ und das ständige Schielen auf den Aktienkurs sind klare Indizien, dass dieser Text aus einer amerikanischen Quelle generiert wurde.

Luc
Luc

Bzgl. Leerverkäufe kann ich kurz zur Erhellung beitragen. Das bedeutet, man verkauft Aktien, ohne sie schon zu besitzen, und vereinbart eine „Lieferung“ zu einem späteren Zeitpunkt, zu welchem man die Aktien dann tatsächlich kauft und direkt weitergibt. Ist der Kurs zwischenzeitlich gefallen, gewinnt der Leerverkäufer die Differenz; umgekehrt gewinnt der Käufer (wenn er liquidiert=seinerseits gleich wieder verkauft). Es ist also nur eine der vielen Börsenwetten, und im Falle Teslas hatten die Leerverkäufer eben falsch gewettet.

helma
helma

Sauber die Lust rausgelassen!
Schade eigentlichen, weil das Thema Musk und jede seiner einzelnen Firmen eigentlich jede Menge Potential für gute Spiegel Artikel hätte.

Klaus
Klaus

Ich wundere mich, dass es einen positiven Artikel zu Tesla auf Spiegel.de gibt. Im Schnitt sind die Artikel eher negativ. Zum Beispiel kamen am Tag der Vorstellung des Model 3s drei Artikel raus: Artikel 1 war ein neutraler Bericht zur Vorstellung. Artikel 2 war ein Interview mit einem Typen aus der deutschen Automobilindustrie, der großkotzig von den fertigen Plänen in den Schubladen der Autobauer erzählte. Artikel 3 drehte sich darum, dass die ja jetzt ein tolles Auto vorgestellt haben, aber das reiche alles nicht, sie hätten gefälligst das Auto komplett neu denken sollen.

Der hier zitierte Artikel ist leider wirklich schwach, die Fixierung auf den Aktienkurs ist typisch und sinnlos. Der steigt und fällt übrigens deutlich stärker nach Bekanntgebungen von Ergebnissen (so wie jetzt eben nach sehr guten Ergebnissen) als nach Tweets oder Ankündigungen.

Diese ständige Erzählung der unprofitablen Firma aufgrund roter Zahlen ist etwas kurz gedacht. Tesla investiert massiv in die eigene Zukunft, baut unter anderem diverse Fabriken und das eigene Ladenetz. Hier machen die Kritiker es eigentlich unmöglich, richtig zu handeln: Schwarze Zahlen schreiben, dafür sehr langsam wachsen? Och nö, Tesla braucht ja noch Jahre, um wettbewerbsfähig zu werden. Rote Zahlen schreiben und dafür rapide wachsen? Och nö, Tesla steht ja total vor der Pleite, die verdienen ja nix!

Der Vorsprung liegt übrigens tatsächlich in den Fabriken, den schon geschlossenen Verträgen für Ressourcen (Stahl, Alu, Batterien usw.) und dem Ladenetz. Die Technik ist gut, aber nicht uneinholbar (siehe z. B. Porsche Taycan). Die Verträge führen dazu, dass andere Autobauer zu schlechteren Konditionen Batterien kaufen und ihre Autos teils mit 12 Monaten Lieferzeit anbieten müssen. Das Ladenetz ist für viele Käufer ein großer Anreiz, die anderen Lademöglichkeiten sind durchwachsen und etwas chaotisch. Die Fabrik in China hat übrigens den Vorteil gegenüber denen anderer Autobauer, dass sie komplett Tesla gehört und nicht zur Hälfte einer chinesischen Firma.
Schade, dass diese Vorteile, die mit Technik nicht viel zu tun haben, nicht im Artikel rausgearbeitet wurden. Hauptsache, der aktuelle Aktienkurs wird nochmal erwähnt…

(Disclaimer: Ich halte Musk nicht für den Heiland, aber schon für einen sehr guten Denker und leider auch für ein Großmaul ohne Takt- und Zeitgefühl. Der Vergleich mit Trump ist sehr sehr bitter, da maximal die Twitter-Identität Überschneidungen zeigt)

Dietmar

Ich halte Musk nicht für den Heiland, aber schon für einen sehr guten Denker

Ich halte ihn nicht für einen sehr guten Denker. Ich halte ihn für jemanden, der Mittel hat, Spielzeug zu basteln bzw. Leute zu bezahlen oder zu motivieren, dies zu tun.

Klaus
Klaus

Ich empfehle dir, ein paar Technik-Gespräche mit ihm auf Youtube zu schauen. Keine der üblichen Stammel-Präsentationen. Meinetwegen das berühmte zweistündige Interview, bei dem er drei mal an einem Joint gezogen hat. Der Mann hat Ahnung von dem, was er da tut. Dieses Narrativ, dass er nur wegen des Geldes erfolgreich ist, steht auf sehr wackligen Füßen.

DZX
DZX

Einfach nur grossartig – ich hätte es nicht besser zusammenfassen können

DZX
DZX

Einfach perfekt zusammengefasst