USA 2019. Regie: JJ Abrams. Darsteller: Daisy Ridley, Adam Driver, John Boyega, Oscar Isaac, Domhnall Gleeson, Kelly Marie Tran, Lupita Nyong’o, Joonas Suotamo, Billie Lourd, Mark Hamill, Carrie Fisher, Anthony Daniels, Billy Dee Williams u.a.

Story: Der Ersten Ordnung unter Kylo Ren ist es noch immer nicht gelungen, die Rebellion zu zerschlagen und das Universum in Knechtschaft zu zwingen. Sowohl Kylo als auch Rey ahnen, dass die Antwort zur Zukunft der Galaxis, der Jedi wie der Sith, auf einem fernen Planeten liegt, dessen Koordinaten verschollen sind. Der Versuch, die endgültige Macht für eine Seite zu sichern, wird Opfer fordern und Loyalitäten brechen…

Disclaimer 1: Im Kino lief mal wieder der Spot "Kino – läuft bei uns", der die angeblich mannigfaltigen Vorzüge des Kinobesuchs gegenüber der Raubkopiererei aufzählt (dabei aber den Punkt "Raubkopien sind illegal" außen vor lässt). Es sei den Kinos, den Verleihern und allen sonstigen Verantwortlichen hiermit ins Stammbuch geschrieben: Die folgenden 40 Minuten Werbung, Trailer und Regionalclips negierten jede mögliche Wirkung dieses Spots und lassen die Raubkopiererei auf einmal sehr attraktiv erscheinen. Ich habe viel Geld für die Eintrittskarte bezahlt, um den Film zu sehen – nicht 40 Minuten Werbeschrott. FUCK YOU! AND FUCK YOU AGAIN JUST BECAUSE!

Disclaimer 2: Ich bespreche auf dieser Webseite seit mehr als 13 Jahren Filme, vermutlich ist die Zahl mittlerweile vierstellig. Rückwirkend muss ich gestehen, dass ich mein Original-Urteil bei einer Handvoll der Kritiken nicht mehr rechtfertigen kann. Das gilt auch für STAR WARS – DIE LETZTEN JEDI. Retrospektiv hat mich die Wucht der Inszenierung damals eingelullt und mich zu gering werten lassen, dass hier die roten Fäden der Saga zerschnitten, die Figuren teilweise verraten wurden. Heute sehe ich DIE LETZTEN JEDI als Stolperstein auf dem Weg zum Finale, als zerschlagenes Porzellan, das wie Kylo Rens Helm neu geklebt werden musste. Eine Hypothek für diesen Film.

Kritik: Ich versuche mal, mich kurz zu fassen. Heute wird JEDER, der was auf seine Reputation hält, über den Film schreiben. Einen Mangel an tiefergehenden Analysen werdet ihr also nicht haben. Ich beschränke mich – auch um der Spoiler willen – auf meinen Gesamteindruck.

Fangen wir damit an, dass DER AUFSTIEG SKYWALKERS wie auch sein Vorgänger unheimlich hektisch, aber auch unheimlich holperig einsteigt. Die erste halbe, dreiviertel Stunde ist ein wilder Wechsel von Planeten und Plots, eine wirre Wuselei über Lichtjahre hinweg, als sei das Universum von STAR WARS auf die Größe der entsprechenden Disneyland-Attraktion geschrumpft. Jeder kann augenblicklich überall sein, nach dem Imperium und der Ersten Ordnung wird diesmal die Letzte Ordnung als proto-faschistoide Militärmacht mit großer Feuerkraft etabliert. Ein neuer Roboter, ein neues Alien – die Kiste, aus der Star Wars seine Spielzeuge klaubt und schraubt, ist vielleicht groß, aber letztlich mit den immer gleichen Gimmicks gefüllt.

Es fällt auch erneut auf, wie sehr sich die neueren Star Wars-Filme der Videospiel-Dramaturgie unterwerfen, die der Original-STAR WARS 1977 etabliert hat. Das hier ist keine Science Fiction, das ist pure Fantasy: In Level A muss Gegenstand B gefunden werden, um die Tür zu Level C zu öffnen, in dem dann der Bossfight mit Bösewicht D wartet – der natürlich einen geheimen Schwachpunkt besitzt, von dessen Existenz man in einem Sidequest erfahren hat. Verstärkt wird der Eindruck dadurch, dass die Figuren – erneut wie in Videospielen – keinerlei realen Beschränkungen unterliegen. Hier kann man 100 Meter fallen und auf Metall knallen, das gibt kaum einen Kratzer. Reale Physik, Gravitation, Trägheit? Nicht in diesem Kino. Die Sprungkraft der Jedi ist verwandt mit der Sprungkraft von Super Mario. Tot ist nur, wer keine Münze nachgeworfen hat.

So war ich nach einer Stunde so sauer wie frustriert – das hier sah nach einem unausgegorenen, hyperaktiven Spektakel aus, das sich sichtlich müht, einer mittlerweile viel zu großen Ansammlung an Charakteren gerecht zu werden, die teilweise seit 40 Jahren mit rumgeschleppt werden (gibt es außer Fan-Service wirklich noch einen Grund, Chewie oder R2-D2 dabei zu haben?).

Es wird deutlich, dass die Macher die Fehlentscheidungen der letzten Teile zwar nicht ausmerzen können, aber sie betreiben erfreulich konsequente Schadenkontrolle – so ist die Figur Rose, die in DIE LETZTEN JEDI komplett an die Wand gefahren wurde, diesmal so konsequent in den Hintergrund verschoben, dass sie genauso gut rausgeschnitten werden könnte. Snoke? Who is Snoke? Und der Tod von Carrie Fischer führt zwar wieder zu teilweise schmerzhafter CGI-Wiederbelebung, aber man beschränkt sich auf das Nötigste (auch wenn ihre Dialogzeilen teilweise so willkürlich scheinen, als hätte man sie aus einem anderen Kontext herüber gerettet).

Vielleicht muss man die erste Stunde von DER AUFSTIEG SKYWALKERS genau so sehen: Als Abbruch der fehlgeleiteten DIE LETZTEN JEDI-Konstrukte, als einen kopfkratzenden Blick auf all die einzelnen Bestandteile, Figuren, Charaktere, Plots und Locations mit der Frage "okay, was fangen wir jetzt damit an?".

Siehe da, der Film fängt sich, klopft sich den Staub ab und atmet noch mal tief durch.

Als das große Ziel endlich klar ist, der Schauplatz für den Showdown gefunden, da klickt es hörbar, da werden die kleinen Albernheiten entschuldbar und die Kinoleinwand scheint sich auf das doppelte Format zu verbreitern. Endgame. Mit all  den Twists und Fake-Outs, Überraschungen und Seitenwechseln, die wir teilweise vorab erahnt haben, die uns aber nichtsdestotrotz freuen, weil sie diesmal die richtigen emotionalen Akzente setzen. Gastauftritte wärmen das Herz, die Guten und die Bösen werden klar gezeichnet, die Laserschwerter gekreuzt. Alles bekannt und genau deshalb so wirksam.

Ist STAR WARS – DER AUFSTIEG SKYWALKER auch nie so homogen oder durchgehend wertig wie das Original oder DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK, gelingt ihm dennoch das Comeback in der zweiten Hälfte wie Rocky, der sich nach einer Tracht Prügel doch noch mal aufrappelt. Mit 40 Jahren auf dem Buckel und zu viel Ballast aus zu viel falsch konzipierten Filmen findet die Franchise im Finale ihre Kraft zur Fanfare.

STAR WARS is coming home.

Ich freue mich darauf, weitere Star Wars-Filme und Serien zu schauen. Es gibt noch soviel zu erzählen. Das zeigt sich schon an THE MANDALORIAN, wo man vom Ballast befreit mit nur ein paar Personen und Locations ECHTES Star Wars liefert.  Aber diese Geschichte, die Geschichte von Han und Luke, von Leia und Vader, von den Jedi und den Sith, dieser Ur-Mythos und Ursprung von allem, musste endlich ein Ende finden, um nicht an sich selbst zu ersticken. Und das ist geschafft. Nicht ohne Irrungen und Wirrungen, nicht ohne Verluste und Enttäuschungen – aber mit erhobenem Haupt.

Danke für das ganz große Abenteuer. Sagt der 10jährige Torsten 1978 im Europa-Kinocenter in Düsseldorf. Danke für das ganz große Abenteuer. Sagt der 51jährige Torsten 2019 im Cineplex-Kinocenter in Baden-Baden.

Fazit: Nach einem holperigen Anfang und einem strukturell an Videospiele erinnernden Plot findet der letzte Teil der Saga schließlich doch noch Rhythmus und Pathos, um nach 42 Jahren endlich einen würdigen, überfälligen Abschluss zu finden. Vielleicht kein neuer Klassiker, aber Star Wars war immer schon die Summe seiner Teile.



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Tom
Tom

Ich dachte gelesen zu haben, dass die Szenen mit Leia eben nicht CGI, sondern Deleted Scenes aus den beiden letzten Filmen sind.

Thor
Thor

Oder was Heise dazu sagt:

" In "Der Aufstieg Skywalkers" haben Abrams und sein Co-Autor Chris Terrio die Szenen mit Leia um Aufnahmen konstruiert, die noch von "Das Erwachen der Macht" übrig waren.

Abrams wollte Fisher nicht durch eine computeranimierte Figur ersetzen. In einer Zeit, in der sich alte Kino-Haudegen von Digitaleffektkünstlern verjüngen lassen, um es noch mal so wie früher krachen zu lassen, oder CGI waschechte Legenden auferstehen lässt, ist das aller Ehren wert. Doch die Prinzessin aus dem Archiv ist nicht viel besser. Leia Organa irrlichtert durch ihre Szenen, weil sie buchstäblich im falschen Film ist"

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Star-Wars-Der-Aufstieg-Skywalkers-ist-das-Ende-einer-Aera-4618140.html

Stephan Greiner
Stephan Greiner

Mir war es bei "Last Jedi" schon ein Rätsel, warum man Leia nicht hat sterben lassen (sie war ja schon tot…). Das wäre doch weitaus würdiger gewesen als jetzt wieder so ein Schmu…

Dietmar

Für mich war Star Wars mit dem Tod Han Solos zuende. Fertig erzählt. Nichts mehr, was mich noch reizt.

Haryy
Haryy

Nach "DIE LETZTEN JEDI" den ich furchtbar fand und fassungslos das Kino verlies
hatte ich nur ein Gedanke im Kopf wer den 3 Teil "Schreiben' und "Inszenieren"
muss den beneide ich nicht. Wie soll alles in Teil 3 aufgelöst werden? oder gibt es doch mehr als 3 Teile?
Da hat meiner Meinung nach JJ.Abrams und die Drehbuchautoren noch ganz gut die Kurve hinbekommen. Der Fehler war von Anfang an das Disney überhaupt keinen ausgearbeiteten Plan für die neue Trilogie hatte. Was ja anscheinend bei "Marvel" besser läuft!?

Klaus
Klaus

Ich werde den Film erst Anfang Januar sehen.
Meine Frage daher vorab: Wurde der aus meiner Sicht total verkorkste Humor aus TLJ wieder zurück auf das Niveau der restlichen Filme gehoben? Diese Witze á la "Deine Mutter" direkt zu Anfang oder auch "Haha, Männer, aber wir mögen sie trotzdem" nach dem ganzen Holdo-verrät-nix-Plot fand ich absolut deplatziert. Natürlich gab es auch in den anderen Filmen ein paar alberne Witze, aber nicht in dieser Dichte.

Luc
Luc

Kudos für den Disclaimer 2, integer! 😉

jimmy1138
jimmy1138

Chris Terrio hat einen Oscar fürs Drehbuch von Argo gewonnen – und seither bei Batman v Superman, Justice League und Rise of Skywalker mitgearbeitet. Pech oder seine Mitschuld, daß jeder dieser Filme extreme Schwächen im Skript hat. Bei Batman v Superman gibt’s ja schon den Extended Cut, bei Justice League die ganze Snyder-Cut-Kampagne. Was kommt jetzt bei Rise of Skywalker? "Release the Lucas Cut"?

Luc
Luc

Ich würde eher auf Pech tippen. Alle diese Filme haben jedenfalls gemeinsam, dass in jeder Phase der Produktionen eine quasi nicht zu überblickende Anzahl von Executives mitgeredet haben und duzendweise Interessen eine Rolle spielten, die mit der künstlerischen Schaffung eines guten bis außergewöhnlichen Drehbuchs nichts zu tun haben bzw. aktiv hinderlich sind.

Darüber hinaus: nachdem TLJ so gut wie alle Handlungsbögen entweder auf den Müll geschmissen (Snoke, Luke) oder in diverse Sackgassen gefahren hatte (Leia überlebt im Film, obwohl Carrie Fisher ein Jahr vor Release gestorben ist; Reys Eltern unwichtig; Finn tötet Phasma; etc.), WER in drei Teufels Namen hätte daraus noch ein Skript entwickeln können, das mehr leistet als die Scherben halbwegs versöhnlich zusammen zu kehren.

Markus

Danke für die Einordnung – ganz interessant, dass wir alten Säcke mit dem Film etwas mehr zu tun haben als Kinobesucher, die das Franchise nicht durchs Leben begleitet hat. Je mehr ich darüber nachdenke, desto sinkender meine Begeisterung. Vielleicht einfach mal zwei Stunden freuen und das Ende feiern…

Meine (praktisch spoilerfreie) Rezi: http://www.sitzkartoffel.de/?p=1564

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Ich habe doch erhebliche Zweifel, dass sich diese Bewertung rückwirkend rechtfertigen lässt.

Markus

Ich habe erhebliche Zweifel, dass ich diese oder irgendeine andere Bewertung „rückwirkend“ oder rückblickend rechtfertigen muss.

Dietmar

Erkläre Dich! *degen an die gurgel halt*
Im Ernst: Ich finde Deine Artikel unterhaltsam, klug und treffend.

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Sollte eigentlich eine direkte Antwort auf die Wortvogelkritik sein , bin anscheinend in der Zitierebene verrutscht. Deshalb auch "rückwirkend", aber passt ansonsten ja auch hier. Von "müssen" war ja eh nie die Rede.

Matts
Matts

Dem stimme ich zu! Über die ersten 45 Minuten war das Pacing reichlich frustrierend, aber sobald der Film sich erst mal ein bisschen gefangen hat, war ich voll drin. Ich war gut unterhalten, und hatte stellenweise auch mal einen Kloß im Hals.
Ich muss zum Gesamteindruck auch sagen, dass ich TLJ nach wie vor richtig gut finde, deshalb sind mir die diversen Seitenhiebe gegen den Film in Rise of Skywalker auch etwas sauer aufgestoßen. Wie sich eingültig zeigt, war das größte Problem an dieser neuen Trilogie, dass da nicht ein Kopf mit einem durchgehenden Plan dahinter stand. Das war ja selbst in der Prequel-Trilogie der Fall, so lausig diese Filme auch waren.
Aber wie der Wortvogel bin auch ich gespannt darauf, was Disney mit Star Wars (am besten nach ein bisschen Kontemplation) als nächstes macht, nachdem jetzt der engültige Schlussstrich unter die Skyalker-Saga gezogen wurde. Die Möglichkeiten sind groß…

Steffko
Steffko

Star Wars Fans wollen das Märchen. Der letzte Starwars war für mich Solo. Es gibt wirklich ergibige Charaktere in dem Universum. Wenn das nicht sterben soll ….Jabba, Landi, Chewi, Boba, . Und wenn die Eiermaler keine Charaktere mehr finden können lest einfach Bücher.

Andy Simon

Nachdem in der Trek-Welt Leute wie die hinter "Axanar" den Stil, um den es geht, besser verstanden haben als die offiziellen Rechteinhaber, zeichnet sich Vergleichbares mit Ideen wie der "Überarbeiteten Szene 38" aus SW Ep. IV (siehe Link hinter meinem Namen) möglicherweise auch im Star-Wars-Universum ab.

Ich werde, danke Deiner wie immer differenzierten Kritik, Torsten, wohl nach Ep. VIII auch die #9 aussitzen.

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann

Ich verstehe ja, das einige Fans steil auf diese Szene gehen, aber dagegen ist Greedo shot first wirklich eine harmlose Veränderung. Und was passiert, wenn man nen unfähigen Fanboy ans Drehbuch lässt, sieht man ja gut an Episode 7 + 9.
Das Star Wars Franchise hat mit Dave Filoni einen fähigen Fanboy, der aber leider nur was bei den TV Produktionen zu sagen hat. Ich hoffe, jetzt wo Feige auch hier aufräumt, das auch erkennt und ihn zu seinem SW Sozius ernennt.