Ich kann nicht mal mehr sagen, wann genau das war. Vermutlich war es der Sprung von 1998 auf 1999. Oder von 2000 auf 2001 (an den Jahrtausendwechsel kann ich mich verbindlich erinnern). Ich war demnach Anfang 30, single (habituell), und hatte keine Lust, den Jahreswechsel allein zu Hause zu verbringen. Mein Bruder M. lebte mit seiner Freundin C. in Düsseldorf und machte einen Vorschlag: ich solle doch vorbeikommen und mit ihm und C. auf die Party von R. gehen. Der habe ein Loft in Wuppertal und das sei bestimmt besser, als das Feuerwerk im Fernsehen zu schauen. Es ist ein Indikator meiner Frustration, dass ich dafür 600 Kilometer Fahrt auf mich nahm.

M.’s Freundin C. kannte ich, seit ich 10 war. Sie gehörte zum familiären Freundschaftskreis meiner Kindheit. Den Kumpel R. hatte ich als Teenager auch ein paar Mal getroffen. Mittlerweile war er Schreiner, Spezialität Jagdbögen. Und er hatte sich in Wuppertal (oder war es damals schon Solingen?) den obersten (vierten) Stock einer alten Fabrikhalle in ein Loft umgebaut. So, wie man das aus 80er Jahre-Filmen wie WANTED: DEAD OR ALIVE und FLASHDANCE kennt: Industrie-Aufzug, freistehende Wanne, drehbarer Fernseher an der Decke, Bar. Um der Atmosphäre noch einen draufzusetzen, musste man durch das Gewimmel einer Disco im Erdgeschoss, um zum Loft-Lift zu gelangen. Geile Sache.

Und da saß ich nun. Coole Party, keine Frage, viel Alkohol, lecker Häppchen. Aber ich wollte mich nicht den ganzen Abend an meinen Bruder hängen, der seine Zeit lieber mit C. verbrachte – und davon abgesehen kannte ich niemanden. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich den Gastgeber R. überhaupt mal zu Gesicht bekam. Somit war die Sause ganz dufte – aber ich war kein Teil von ihr. Das Amüsement waberte um mich herum, teilte sich an meiner Person wie das Rote Meer an Moses. Ich war eine Insel der Langeweile im begeisterten Trubel zum Jahresausklang. Wer geht schon ohne Begleitung (sei es Bar- oder Bettgenosse) auf eine Silvesterparty? Ich.

Es zog sich, egal wie sehr ich die Mini-Frikadellen strategisch über den Abend verteilte.

Aber da war sie. Recht hübsch, nicht auf eine unnahbare, abschreckende Weise. Sie hielt sich an ein, zwei Flaschen Altbier fest und schien nicht weniger allein zu sein als ich – sie konnte nur besser damit umgehen. Wo bei mir die lässige Rumsteherei nervöse Pose war, lehnte sie souverän ein einem der Stahlträger, der die Loft-Halle stützte. Später sah ich, wie sie auf den zwei Stufen saß, die zur fest installierten Badewanne führten. In ihrem Blick lag keine Langeweile, sondern Entspannung. Sie schaute nicht nach einer verwandten Seele, sondern einfach so in die Gegend.

Ich kann nicht mal sagen, ob sie mir unter anderen Umständen gefallen hätte. Oder ob ich auf die Idee gekommen wäre, sie ansprechen zu wollen. Aber ich war allein, sie war wohl allein – und Mitternacht rückte unaufhaltsam näher. Der Abend konnte nur gewinnen, wenn ich zum Feuerwerk jemand anderes als meinen Bruder hatte, mit dem ich anstoßen konnte. Natürlich nicht mit Sekt oder so albernem Gedöns, sondern cool mit halbleerer Bierflasche.

Vermutlich hätte ich mich nicht getraut. Aber irgendwann stand mein Bruder wieder neben mir und wie zur Selbstkasteiung erzählte ich ihm, dass ich seit ein paar Stunden mit der Idee haderte, dieses Mädchen anzusprechen. Er zuckte nur mit den Schultern: "Dann komm mal in die Pötte – halbe Stunde noch."

Es war der Countdown zur Mitternacht, der mich zwang, meine absurde Scheu vor solchen Situationen zu überwinden. Ich bin kein "Ansprecher", ich kann mit Frauen nur reden, wenn die Gelegenheit es mir aufzwingt. Die erste Hürde muss das Schicksal nehmen, bevor meine Smalltalk-Skillz durchstarten. Aber hier, an diesem Abend, auf dieser Party, in diesem Loft, hatte ich wirklich mal nix zu verlieren. Es war eine Frage der Optionen: nix sagen würde nix bringen. Auf ein mühsam abgezwungenes "hey, na?" konnte ich eine von zwei Reaktionen erwarten: eine negative oder eine positive. Die negative würde mich einfach wieder auf null setzen, die positive konnte dem Abend doch noch einen positiven Spin geben.

Ich verbrachte die nächsten fünf Minuten mit durchatmen, durchspielen und durchdrehen. Mädchen ansprechen. Auf Partys. Nicht meins. Habe ich ja schon gesagt.

Es mag 23.45 Uhr gewesen sein, als ich mich aufraffte. Sie saß gerade wieder allein auf den beiden Betonstufen, die Musik war leise genug, um die Konversation nicht ständig mit "hä? HÄ?" und verlogenem Kopfnicken strecken zu müssen. JETZT war die Chance. Now or never. Torsten Dewi – Pickup Artist!

Im betont langsamen Zickzack bahnte ich mir den Weg durch den Raum, steuerte die junge Dame von der Seite an und setzte mich beiläufig. Raffiniert nutzte ich den Moment, als sie mir daraufhin einen kurzen Blick zuwarf.

Ich so: "Hi."

Sie so: "Hi."

Yessss!!!

Ich so: "Auch allein hier?"

Sie so: "Nö. Mein Freund verkauft auf dem Klo Drogen."

Ich war auch die folgenden zehn Jahre Single.



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Comicfreak
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😂😂😂
Ich kenne das zu gut

Andreas
Andreas

Lieber Torsten, seit dem 21.12. sehe ich deine neuen Artikel nicht mehr auf der wortvogel.de Startseite. Komme nur über Twitter auf die Artikel. So wird mir z.B. dein genialer London-Bericht nicht mehr angezeigt. Ist das ein Bug? Muss ich Cookies löschen? Fällt nur mir das auf bisher? Ich hatte eigentlich nie Probleme mit der Seite. Ansonsten erstmal ein gutes neues Jahr! Auf viele weitere Einträge (gern auch über die Startseite) 🙂

Andreas
Andreas

Jetzt gehts auch mit Firefox wieder. Danke fürs Fixen oder Danke fürs Karma! 🙂

wateva
wateva

come on, jetzt finde bitte heraus, was aus ihr wurde… muss nährungsweise möglich sein

Martin H. Zeller

Großartige Pointe.

PabloD
PabloD

Kenne ich nur zu gut. Ich war exakt bei einer Frau in meinem Leben nicht zu schüchtern oder zu verkrampft. Wir sind jetzt seit drei Jahren verheiratet und seit Mitte Dezember wechseln wir fleißig Windeln…

Fun fact: Mittlerweile habe ich sowohl das Äußere als auch das Selbstbewusstsein, um fröhlich drauf los zu flirten. Allein es ist so unnötig geworden 😄

Dietmar

Ha! Genau so isses! Als ich in einer festen Beziehung war, wurde der Umgang mit Frauen plötzlich viel entspannter und es taten sich Chancen auf – man glaubt es kaum! Aber ich bin nicht mehr auf der Pirsch, alle anderen Frauen chancenlos.

Matts
Matts

I feel you, man! Das mit dem Ansprechen von Frauen fällt auch mir alles andere als leicht. Wohl auch ein Grund, warum ich mich auch dieses Jahr wieder alleine in die Silvesterfeierlichkeiten stürze…

Dietmar

Das war unser morgendliches Neujahrs-Entertainment!