Beim BILDblog gibt es aktuell einen sehr lesenswerten Artikel, der sich u.a. mit der Herausgabe von journalistischen Texten zur Abnahme durch die Beteiligten beschäftigt. Das ist eine gute Gelegenheit, mir selber in die Karten schauen zu lassen.

Das ist natürlich nur ein Bericht aus dem Hinterland, nicht von der Front. Ich arbeite nicht für den SPIEGEL oder die ZEIT, sehe mich bestenfalls als Gebrauchstexter. Aber Texter ist Texter, und als solcher habe ich zu diesen Dingen durchaus eine Meinung.

Worum geht’s? Um die unterschiedlichen Facetten der Integrität. Integer ist, wenn ich als Journalist meine Arbeit mache und mir nicht von außen reinreden lasse. Integer ist aber auch, alles zu tun, um meinen Artikel ausgewogen und fehlerfrei in Druck zu geben. Und dazu gehört eben manchmal, sich reinreden zu lassen.

Wenn ich also einen Artikel über eine Person, eine Firma oder ein Ereignis schreibe – sollte ich den Beteiligten meinen Text (oder einen Teil davon) vorher zusenden, womöglich zur Abnahme? Wiegt die Chance, auf diese Weise Fehler und Missverständnisse auszuräumen, schwerer als die Gefahr, dass die Angesprochenen meinen Artikel beeinflussen, im schlimmsten Fall sogar verhindern wollen?

Für viele Journalisten ist es undenkbar, sich Texte abnehmen zu lassen. Das widerspricht ihrem Selbstverständnis, da kennen sie keinen Kompromiss. Gefühlt würde ich allerdings sagen, dass diese harte Sicht der Dinge in den letzten Jahren nachgelassen hat. Grundsätzlich gibt es heute wohl primär zwei Attitüden, wenn man die Kollegen fragt (wie es BILDblog löblicherweise getan hat):

Normalerweise gebe ich nichts vorher zum Lesen heraus, es sei denn, es ist technisch/wissenschaftlich kompliziert und ich will sicher gehen, alles richtig verstanden und wiedergegeben zu haben

und

Ich habe mit dem „Textherausgeben“ durchaus positive Erfahrungen gemacht. Häufig schreibe ich über intime Dinge — Kinder mit Behinderung, Schicksale. Viele dieser Menschen geben mir einen großen Vertrauensbonus, haben oft noch nie mit Journalisten gesprochen. Und den gebe ich zurück. Natürlich mit dem Hinweis, dass ich höchstens ein Zitat oder eine falsche Schreibweise im Namen ändere.

Und ich? Tatsächlich mache ich mir beide Ansätze zu eigen. Weil ich in zwei Funktionen schreibe: als Blogger und als Journalist.

Als Journalist (aktuell primär für die Liebes Land) schreibe ich Wohlfühlgeschichten über nette Menschen, die spannende Sachen machen oder erleben. Es gibt kein Spannungsfeld, keinen Interessenskonflikt. Es sind win/win-Reportagen und darum verspreche ich den Beteiligten sogar vorab, dass sie den Text zur Abnahme bekommen. Sollte ein Zitat missverständlich gewesen sein, ein Vorgang falsch beschrieben, oder ein Detail eher vertraulich, dann kann man mir das anhand des PDF-Rohentwurfs der Reportage mitteilen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Hinweis einbaue, liegt bei über 90 Prozent. Ausnahmen sind nur Anmerkungen, die den Text sprengen oder ein völlig neues Thema aufmachen.

Es gibt natürlich Grenzen dieser „erlaubten Einmischung“: wenn Menschen versuchen, den Tenor des Artikels zu verändern, Produktwerbung unterzubringen oder ganze Absätze diktieren, die ihren Vorstellungen dessen näher kommen, was sie über sich lesen möchten. Das kommt vor, gerade bei Reportagepartnern, die selber schreiberische Erfahrung haben und versuchen, sich einen PR-Text zu stricken. Da erinnere ich dann so freundlich wie bestimmt daran, dass immer noch ich der Redakteur bin und man Werbeanzeigen im Heft kaufen kann.

Die meisten Reportagepartner sind allerdings froh und dankbar, dass sie vorher noch mal „drüberschauen“ dürfen, gerade weil sie oft schlechte Erfahrungen gemacht haben, besonders mit der Lokalpresse, die immer wieder hanebüchenen Unfug schreibt, der sich nicht mehr zurückrudern lässt, wenn die Druckertinte mal trocken ist.

Insgesamt habe ich mit diesem Vorgehen bei der Liebes Land und anderen Heften durchweg gute Erfahrungen gemacht und ich verstehe Kollegen nicht, die solche Abnahmen rundweg ablehnen. Es ist in meinem Interesse, dass meine Reportagen möglichst fehlerfrei sind und der Teufel steckt oft im Detail. Dass das in seltenen Fällen auch mal nach hinten losgehen kann? Geschenkt.

Ich bin mir bewusst, dass das in diesem Bereich meiner Arbeit auch nicht sonderlich problematisch ist. Wie gesagt: der Reporter und der Reportierte haben das gleiche Interesse, man zieht an einem Strang. Darum habe ich auch selten Bauchweh, eine Rohfassung rauszuschicken. Und bei über 300 Reportagen gab es vielleicht bei einem Dutzend meiner Texte Klärungsbedarf, der über ein paar Zeilen Email hinaus ging. Auf der anderen Seite haben mir die Abnahmen durchaus auch schon den Arsch gerettet: Bei einer Story über die Saterfriesen hatte ich ein winziges Detail missverstanden – und als Resultat war meine gesamte Reportage totaler Kappes. Ein Schneeball-Problem. Gottseidank haben die Saterfriesen vor Ort noch rechtzeitig reingrätschen können.

Das ist die eine Seite.

Es ist vielleicht ein wenig unfair, wenn ich meine Arbeit in Journalismus und Blog aufteile. Denn genau genommen betreibe ich auf meinem Blog mehr „echten“ Journalismus als in der Liebes Land. Für meine digitale Spielwiese wühle ich nach Trüffeln, spioniere Hintergründe aus, befrage zwielichtige Zeugen, zerre ans Licht, was eigentlich nicht als Licht will. Was dabei rauskommt, ist im Idealfall auch richtiger Journalismus – minus Bezahlung. Da bin ich durchaus stolz drauf. Und aus diesem Stolz speist sich eine andere Herangehensweise an die „heiklen“ Geschichten.

Geschichten wie diese entstehen nicht in Partnerschaft mit den Beteiligen, basieren nicht auf freundlichen Gesprächen und Pressematerial. Die sind, um es mit Kalkofe zu sagen, granatenmäßig recherchiert. Die treten auf Füße, Schlipse und vors Schienbein. Oder wie Peter Maffay knurren würde: „Das riecht nach Ärger.“

Ärger wird erwartet, Ärger kommt, Ärger geht. Kein Grund, sich duckmäuserisch vorher die Texte durchkauen zu lassen, wie es der olle BPK seinerzeit von mir verlangte. Das wäre auch kontraproduktiv, denn die Artikel SOLLEN aufmischen, sollen eben den Beteiligten nicht den Bauch pinseln. Wenn diese Texte niemanden überraschen, provozieren oder wütend machen, dann brauche ich sie nicht zu schreiben. Und in diesem Kontext verstehe ich Investigativ-Journalisten, die sich vor Drucklegung nicht in die Karten schauen lassen. Die Sprengkraft des Artikels ist sein Wert.

Und wenn doch mal Post vom Anwalt kommt, wenn ein wütender Gegenstand meiner Berichterstattung es nicht bei Drohungen belässt? Ruhig bleiben, den eigenen Anwalt von der Kette lassen und der Tatsache vertrauen, dass man die Spielregeln kennt und beachtet hat. Bilanz nach 13 Jahren Blogjahren: der Wortvogel gewinnt immer.

Es sei noch angemerkt, dass es einen weiteren wichtigen Grund gibt, warum ich Online-Texte anderen Maßstäben unterziehe: online ist fluide, kein Text ist je fertig, alles lässt sich korrigieren. So, wie ich manchmal Rechtschreibfehler in 10 Jahre alten Reviews korrigiere, so kann ich etwaige inhaltliche Fehler oder falsche Zitate im Nachhinein ausbessern. Das Risiko ist deutlich geringer als bei einem Print-Magazin, bei dem die Deadline die letzte Chance ist, nachzubessern. Das ist auch der Grund, warum meine Texte für die Liebes Land noch von Lektoren gelesen werden und mein Blog nicht.

So gesehen lebe ich im Autoren-Schlaraffenland: bei der Lohnarbeit bin ich keinen kritischen Entscheidungen über die Autonomie meiner Texte ausgesetzt, bei meinem Blog wiederum garantiert mir der Status als 1 Mann-Projekt totale Freiheit. Die Dualität sorgt für eine große Befriedigung bei minimalem Risiko.

Ich kann aber Kollegen verstehen, die es ankotzt, wenn Stars und solche, die es werden wollen, sich plötzlich eine Hoheit über ihre Außenwirkung ausbitten. Doppelt peinlich, wenn es Journalisten sind, die verlangen, was sie selber nie zulassen würden. In einer Zeit, in der der Printmarkt immer mehr unter Druck gerät und zunehmend zum Verlautbarungsorgan von Verleihern, Unternehmen und PR-Büros wird, fehlt heute oft die finanzielle Unantastbarkeit, um die journalistische Unantastbarkeit sicher zu stellen.

Wenn es nicht der (ausgesprochene oder spürbare) Druck der Geldgeber ist, der freie Texte zunehmend schwieriger macht, dann ist es mitunter die Veränderung der Umstände. Die Produktionszyklen haben sich derart beschleunigt, die Verleihfenster derart verkürzt, dass schlicht nicht mehr die Zeit für anständige journalistische Arbeit bleibt. Eine normale TV-Zeitschrift bekommt weder ausreichend Informationen noch rechtzeitige Screenings, um Filme tatsächlich zum Start zu besprechen. Möglich ist nur noch die Vorstellung des Films – und das Material dafür liefert (also: kontrolliert) der Verleih. Auch DAS ist eine Vorab-Einflussnahme, die der Branche massiv schadet.

All das beweist: guten Journalismus muss man sich leisten können. Entweder durch einen Verleger, der sich nicht schrecken lässt, oder durch Journalisten, die Aufwand und Wert ihrer Arbeit nicht am Gehaltsscheck bemessen.



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Thomas G. Liesner
Thomas G. Liesner

Wobei ich zumindest bei der TV Spielfilm schätze, dass im Kinoteil oft genug statt einer Wertung der explizite Hinweis steht, den Film noch nicht gesehen zu haben bzw. nur Ausschnitte, die Wertung wird dann ein oder zwei Ausgaben später nachgeliefert.

frater mosses von lobdenberg

Was ist ein „Woertvogel“?
(sechstletzter Absatz, drittletztes Wort)

Martin Däniken
Martin Däniken

Ein „woertvogel „ist eine sehr schöne seltsam selten gesehene Spezies… von Vogel 😉
Verwandter des „wortevogels“ in der Nähe des Woertersees zufinden.
Der Silbentrennungsvogel wird aber immer verwechselt.

Andreas
Andreas

Danke für den Einblick Torsten.
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takeshi
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