Das englische Fernsehen hat sich in den letzten Jahren zu einem Delikatessenladen entwickelt, den zu preisen ich nicht müde werde. Großartige Adaptionen literarischer Klassiker, exzellente Krimis, anspruchsvolle Komödien und eine Sackladung aus Dokumentationen, Specials und Retrospektiven, die allesamt zeigen – SO sieht hervorragendes Fernsehen aus, auch ohne Streaming und Binge Watching.

Natürlich ist die BBC ganz vorne mit dabei, hat in den letzten Jahren gleich mehrere ultimative Adaptionen großer Stoffe geliefert. Exemplarisch sei nur die kaum zu übertreffende Version von Agatha Christies AND THEN THERE WERE NONE genannt.

Besonders rund um die Weihnachtszeit drängeln sich die TV-Trüffel ins britische Fernsehen, da ist großes Buffet auf der kleinen Leinwand. 2018 freute ich mich auf einen neuen POIROT mit John Malkovich, einen letzten Fall für LUTHER, einen Gruselfilm von Mark Gatiss, eine Live-Episode der Sitcom NOT GOING OUT – und eine aufwändige Neuverfilmung von H.G. Wells WAR OF THE WORLDS, in drei Teilen und endlich mal wie der Roman kurz nach der Jahrhundertwende angesiedelt.

Das konnte, das musste, das würde die ultimative Adaption werden. Fuck Orson Welles, fuck Byron Haskin, fuck Jeff Wayne, fuck Steven Spielberg:

Und dann – kam die Verfilmung nicht. Nicht an Weihnachten, nicht zum Jahreswechsel. Wie bei der BBC üblich, hüllte man sich in Schweigen. Monate vergingen. Es gab vereinzelte Zeitungsberichte, die von „Verzögerungen“ bei der Produktion wussten. Satte drei Jahre vom Greenlight bis zur Ausstrahlung – das ist im Kino nicht ungewöhnlich, bei einem TV-Dreiteiler aber schon verdächtig.

Irgendwann im September 2019 kam der obige Trailer raus – nun legte man sich wenigstens auf „Herbst“ als Ausstrahlungsdatum in England fest, was aber AUCH seltsam ist, denn jetzt wäre es vernünftiger gewesen, WAR OF THE WORLDS nochmal zwei Monate bis in den Advent zurück zu halten.

Doch das ist nicht alles: bis heute – Ende Oktober – hat die BBC den Termin nicht konkretisiert, eine Ausstrahlung ist immer noch nur vage angekündigt. Dafür lief der Dreiteiler bereits in Spanien, Kanada und Neuseeland (von dort habe ich auch meinen Screener für den Review). Was zur Hölle läuft da ab?!

Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: WAR OF THE WORLDS ist Käse.

Ja, es ist aufwändig produziert, mit vielen Komparsen und Kostümen. Wir bekommen das zerstörte London zu sehen und die post-marsianische Apokalypse. Kanonenboote gegen dreibeinige Monstermaschinen. Dazwischen immer wieder Zitate aus Roman und Musical – und eine Liebesgeschichte aus BEIDEN Perspektiven. Zwar nimmt sich die Story auch wieder deutliche Freiheiten mit der Vorlage, aber wenigstens wird diesmal der Großteil des Romans irgendwie untergebracht, statt die Invasion wie in bisherigen Adaptionen sträflich zu verkürzen. Diese Marsianer kommen nicht einfach, ballern ein wenig und krepieren dann – das hier ist der ultimative Kampf um die Erde.

Aber wahrlich, WAR OF THE WORLDS ist leider auch Flickwerk, dem man (meine ich zumindest) die Produktionsprobleme an jeder Stelle ansieht. Während Eleanor Tomlinson als Amy noch angemessen Stärke und Überlebenswillen ausstrahlt, schaltet Rafe Spall komplett auf trübes Dackelgesicht – er ist das Charisma-Vakuum im Zentrum von WAR OF THE WORLDS, eine kapitale Fehlbesetzung, die besonders in jeder Szene mit Rupert Graves oder Robert Carlyle schmerzhaft offensichtlich wird.

Technisch hapert es massiv. Die digitalen Effekte sind teilweise auffällig und hätten eher in eine Hallmark-Miniserie der Jahrtausendwende gepasst. Von Partikelanimation bis zum digitalen Compositing – mehr als Hausmannskost ist das nicht. Und die Musik ist so banal wie auf den Hintergrund beschränkt. Man wünscht sich immer mehr, dass die Macher doch auf den großartigen Score von Jeff Wayne zurückgegriffen hätten:

Letztlich sind die Probleme von WAR OF THE WORLDS aber Probleme von Skript und Regie. Es wird relativ lustlos zwischen der Invasion und der Post-Apokalypse hin und her gesprungen, die Liebesgeschichte schert den Zuschauer einfach nicht und die Schlüsselszenen des Romans werden zwar gezeigt, aber nicht kraftvoll genug inszeniert. Über weite Strecken wirkt der Dreiteiler wie ein hilfloser Rohschnitt.

Das klingt jetzt alles sehr brutal und gnadenlos, und um mich gegen konträre Meinungen zu wappnen, gestehe ich ein: natürlich ist das in Sachen Vorlagentreue und Aufwand die bisher authentischste Verfilmung. Man hat sich Mühe gegeben. Aber „die beste bisher“ heißt in diesem Fall auch „leider immer noch nicht gut“. Eine Verfilmung von WAR OF THE WORLDS muss – wie das Musical – vor großen Momenten platzen, muss mitreißen, muss wohlige Schauer und mundoffenes Staunen provozieren. Das gelingt hier so wenig, dass meine Frau auf den zweiten und dritten Teil (die etwas besser sind) verzichtet hat. Es regieren Trübsinn und Tränen.

But fear not – die nächste Version (mit acht Folgen) ist ja auch schon fertig und wird dieser Tage veröffentlicht. Es sollte allerdings erneut zu denken geben, dass diese Miniserie praktisch völlig ohne PR und Trailer in den Markt gehievt wird:



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Marsel
Marsel

Viele tolle Sachen aus England kommen eben nicht von der BBC, sondern kleineren Sendern wie Channel 4.

Dietmar

Jeff Waynes Musik vom Krieg der Welten lief damals bei uns zuhause auf Freuninnen-Treffen meiner Schwester. Komplett. Dann kamen unvermeidlich „Tubular Bells“ hinterher. Die Nacht hindurch. Wir saßen dann da und hörten begeistert zu. Schummriges Licht, Whisky-Cola, Salzstangen, Dachzimmer meiner Schwester. Das war toll!

John Malkovich als Poirot habe ich nur kurz irgendwo in einem Trailer gesehen. Weil ich aber gerade David Suchet nachhole, dachte ich sofort, nein, nicht ansatzweise so gut wie Suchet.

Harry
Harry

Ohh man wie enttäuschend ! BBC hatte ich da mehr zugetraut!
Werde aber trotzdem einmal reinschauen “wenn“ die BBC Verfilmung zu uns kommt.

Horst
Horst

Bei so vielen Serien die heutzutage so auf Netflix und co. veröffentlicht werden wird es doch mal and der Zeit eine deutsche Science Fiction Saga zu verfilmen. Eine Astro Saga wenn man so will.