USA 2019. Regie: Casey Affleck. Darsteller: Anna Pniowsky, Casey Affleck, Timothy Webber, Tom Bower, Elisabeth Moss, Hrothgar Mathews

Offizielle Synopsis: Zehn Jahre nach einer Epidemie, die fast alle Frauen und Mädchen der Welt das Leben gekostet hat, muss ein Vater seine heranwachsende Tochter um jeden Preis beschützen.

Kritik: Man sollte wirklich nie vermuten, dass es nicht noch schlechter geht – oder dreister. Bei LITTLE JOE hatte ich mich ja schon daran abgearbeitet, dass Regisseurin Hausner nur die Tropen der Bodysnatcher-Filme ausschlachtet, um daraus schnarchiges Arthouse zu drechseln. Aber nun kommt Casey „ja, Ben ist mein Bruder, nein, ich kann dir kein Autogramm besorgen“ Affleck mit einem Film, der das Prinzip der Vereinnahmung des Horrorgenres für selbstverliebte Kunstprojekte auf die Spitze treibt.

LIGHT OF MY LIFE ist der Bastard eines Subgenres, das von Nachwuchsfilmern mit wenig Geld, aber großen Ambitionen gerne aufgegriffen wird: Eine sehr begrenzte Zahl von Leuten wandert durch Wald und Wiesen vor dem Hintergrund einer Apokalypse, die eher beschrieben als tatsächlich gezeigt wird. Ein bisschen Survival, es stirbt auch mal wer, andere Waldläufer haben sinistre Absichten, man findet verlassene Häuser, am Ende steht selten ein Sieg, aber vielleicht doch ein wenig Hoffnung auf einen Neuanfang.

Siehe – um nur zwei Beispiele zu nennen – HERE ALONE oder THE SURVIVALIST.

Der Reiz dieser Sorte Filme wie bei den am Anfang des Festivals erwähnten Gruselhaus-Streifen ist die preiswerte Szenerie und der begrenzte Bedarf an Darstellern und Requisiten. Man nimmt, was man eben so im Nationalpark findet. Macht sich wer dreckig, passt das perfekt zur Rolle. Im Unterschied zum Gruselhaus-Film erlaubt der apokalyptische Wanderfilm allerdings zusätzlich die große Leinwand, den Hintergrund weltumspannender Ereignisse, zwischen denen sich die Figuren bewegen.

Im Ergebnis sind diese Filme selten wirkliche Kracher, weil sie auf echte Schauwerte verzichten und sich der Überlebenskampf von ein paar Leuten im Wald halt schnell in redundanten verstecken/weglaufen/kämpfen-Spannungsszenen erschöpft.

Warum Casey Affleck also meinte, ausgerechnet mit diesem eher aus der Not als aus der Begeisterung entstandenen Genre sein Spielfilm-Debüt zu füllen und dieses auch noch als ernstzunehmenden Kinobeitrag zur BERLINALE bringen zu müssen, ist mir ein Rätsel. Zumal LIGHT OF MY LIFE ein rechter Scheiß ist.

Mit einer Ausnahme bringt der Film nichts, aber auch gar nichts mit an den Tisch. Er hat dem Subgenre nicht hinzuzufügen, er hat keine neuen Ideen, führt keine neue Aspekte ein. Er reduziert sämtliche Genre-Elemente auf das notwendigste Minimum – die Apokalypse wird in ein paar Zeitungsschlagzeilen und vielleicht zwei Minuten Flashbacks erledigt. Ein Virus hat die Frauen getötet. Isso. Mehr will Affleck für den Unterbau nicht brauchen. Warum seine Tochter immun ist? Warum er sie deshalb so dringlich beschützen muss? Warum sie immer weiter ziehen, wodurch sie zwangsläufig immer wieder auf andere Menschen und damit Gegner stoßen? All‘ das bleibt unbeantwortet. Nicht, weil es nicht zu beantworten wäre – Affleck hat nur sehr augenscheinlich kein Interesse, sich an die Spielregeln zu halten. Braucht er nicht. Ist doch eh nur Schnickschnack.

Diese Attitüde ist es, die mich ankotzt. Diese Annahme, wenn man dem Horrorfilm nur genug Horror entziehe, bliebe keine blasse Hülle übrig, sondern eine wertigere Variante für Filmfestivals, zu denen die Zuschauer im Smoking und nicht mit Slayer-T-Shirt antreten. Es funktioniert, weil das Edel-Publikum von Berlinale und Cannes keine Ahnung vom Horrorfilm und seiner Geschichte hat und Filme wie LIGHT OF MY LIFE nicht als den müden Abklatsch erkennt, der er ist.

LIGHT OF MY LIFE besteht zu gefühlten 80 Prozent aus Szenen, in denen Affleck seiner Tochter holperige Geschichten erfindet, damit sie müde wird. Schlafsack, der Film. Dann wird ein wenig gewandert, geredet, geschlafen, gewandert geredet. Andere Menschen sind schlecht, also weicht man ihnen aus. Wandern, schlafen, reden.

Habt ihr schon mal einen so tranigen Film gesehen, dass ihr aufstehen und ihm eine Ohrfeige geben wolltet, um ihn zu wecken?

Seit END OF ANIMAL habe ich keinen so freudlosen und trägen Film mehr gesehen. Ich kann schneller stehen, als der läuft. Gefühlt läuft der immer noch.

Bezeichnend, dass einige Zuschauer jedes Mal, wenn eine der Personen ein neues Haus oder einen neuen Raum betritt, hörbar raunten: „Zombies! Zombies! Zombies!“.

Vergeblich.

Warum ich trotzdem zwei Gnadenpunkte vergebe? Ich hatte ja oben geschrieben, dass Casey Affleck genaue EINEN neuen Aspekt einbringt, und den will ich ihm anrechnen, wenn auch nicht hoch: „Dad“ versucht sehr eindringlich, seine Tochter zu beschützen, ohne sie zu einer gnadenlosen Einzelkämpferin zu machen. Er besorgt ihr Bücher, er besitzt keinerlei Waffen, er beantwortet alle ihre Fragen, so gut er kann. Ihm ist klar, dass gerade in dieser Welt eben nicht das Recht des Stärkeren gilt, sondern dass es viel wichtiger ist, dass wir unsere Humanität nicht verlieren. Das ist mal was anderes – im Umkehrschluss bedeutet es aber auch, dass sich der Film knackige Actionszenen und harte Kämpfe weitgehend verkneift, weil sie Affleck vermutlich zu maskulin-aggressiv waren. Im Ergebnis wenig erheiternd.

Wir waren uns hinterher einig, dass der Nachspann spannender ist als der Film, weil sich da auf der Leinwand wenigstens was bewegt.

Fazit: Ein unfassbar langweiliger Film, der ein eh schon nicht von Highlights geprägtes Subgenre um alle interessanten Aspekte bereinigt und dann kackfrech behauptet, dadurch würde es großes Kino. 2 von 10 Punkten.

Philipp sagt: „Vollgurke. 2 Stunden Langeweile pur.“



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S-Man
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Och menno, ich wollte das „Zombies! Zombies! Zomb… och menno“ in die Kommentare bringen. Jetzt hast du mir das vorweg genommen 😀

Marcus
Marcus

Ich dachte mir schon vorher „naja, läuft halt an einem meiner Festivaltage. Wird mitgenommen, auch wenn das vermutlich so ne Wandfarbe-beim-Trocknen-Artsy-Nummer wird.“.

Tja. I have nobody to blame but myself. 1/10.

Matts
Matts

Ich stimme zu: Der Film ist über 90% der Laufzeit einfach rotzlangweilig. Damit wissen wir jetzt also über die Affleck-Brüder: Ben ist ein guter Regisseur aber unterdurchschnittlicher Schauspieler – bei Casey ist es anders rum.
Ergo: Die beiden sollten sich mal wieder zusammentun.