Kanada/USA 2018. Regie: Mary Harron. Darsteller: Hannah Murray, Sosie Bacon Marianne Rendon, Merritt Wever, Matt Smith, Suki Waterhouse, Chace Crawford, Annabeth Gish, Kayli Carter, Grace Van Dien

Offizielle Synopsis: Im Jahr 1969 markierten die Manson-Morde das Ende der friedlichen Flower-Power-Hippiezeit. Sektenanführer Charles Manson beschäftigt seitdem die Popkultur und war wiederholt Gegenstand von diversen Filmen. Nur selten standen dabei die Mitglieder seiner Kommune im Vordergrund. CHARLIE SAYS holt das nun nach, basierend auf Aufzeichnungen der Psychologin Karlene Faith, die im Gefängnis drei zu lebenslanger Haft verurteilte Frauen der Manson Family betreute. Rückblenden führen von ihren Zellen zur Spahn Ranch und ziehen uns direkt hinein in das ideologische Brainwashing von Charlie. Was mit einer verblendeten patriarchalen Logik beginnt, entwickelt sich zur offenen Gewaltrhetorik von Helter Skelter, die schließlich in den brutalen Tate- und LaBianca-Morden mündet.

Kritik: Das Problem von True Crime-Filmen ist immer das Gleiche: was gibt es noch zu erzählen? Was wissen wir nicht über Ted Bundy, Jeffrey Dahmer, Charles Manson? Wie generiert man Spannung, wenn die ganze Welt das Ende kennt, die Bösen und die Guten, die Täter und die Opfer? Welchen Aspekt kann man noch finden, welche Facette beleuchten?

CHARLIE SAYS nähert sich den Tate/LaBianca-Morden in Rückblenden aus dem Gefängnis und stellt nicht Charles Manson selbst in den Mittelpunkt, sondern seine drei weiblichen Gehilfinnen. Sadie, Katie und Lulu sind sich vollends bewusst, was sie getan haben – und haben doch keine Ahnung. In bester Sektenmanier glauben sie, einer höheren Wahrheit gedient zu haben als der profanen irdischen. Der Versuch, ihre Gehirnwäsche aufzubrechen ist ein Einblick in die Mechanik menschlicher Abhängigkeit.

Gut und schön soweit. Aber leider hat CHARLIE SAYS auch über den speziellen Fall Manson hinaus wenig Neues über Kult und Gehirnwäsche zu erzählen. Menschen wollen Liebe, Gemeinschaft, Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen und dennoch klare Führung. Nicht nur Religionen funktionieren so, auch Diktaturen. Die Diskrepanz zwischen behaupteter und tatsächlicher Freiheit wird erst ausgeblendet, dann durch geistige Mauern vollends ausgesperrt. Das Gehirn lernt, nur noch in den erwünschten Bahnen zu denken, Zweifel und Selbstbestimmung fallen weg. Verführerisch, weil der Glaube, glücklich zu sein, sich im Ergebnis nur marginal vom tatsächlichen Glück unterscheidet. Oder wie Botho Strauß es ausgedrückt hat: Lieber etwas dümmer als geistig entwurzelt.

Aber all das WISSEN WIR. Darum sind die Methoden, mit denen sich Manson die Mädchen untertan macht, erschreckend banal. Ein bisschen Pseudo-Philosophie hier, ein bisschen Gesprächstherapie dort, jede Menge „tough love“. Und die Deprogrammierung im Gefängnis läuft auch nicht erhellender ab, beschränkt sich meist auf die Gegenfrage „glaubst du das wirklich?“, wenn die Mädels mal wieder mit der alles umfassenden Phrase „Charlie sagt…“ beginnen.

Das würde aber noch für eine 7 reichen, weil die Inszenierung der späten 60er ziemlich gelungen ist, weil Matt Smith einen glaubwürdigen Manson gibt (es fehlt allerdings ein wenig der Wahn in den Augen), und weil die Darstellerinnen sich wirklich reinhängen.

Es ist der pädagogische Ansatz des Film, der mich ankotzt. Es ist der Versuch einer Erklärung, eines Aufbaus von Empathie gegenüber eiskalten Mördern, der nur dadurch gerechtfertigt ist, weil es sich um Frauen handelt. Hätte Manson nur Männer losgeschickt (abgesehen von Tex, der verräterischerweise hier keine Rolle spielt), würde niemand einen Film drehen über die Frage, wie diese denn derart entmenschlicht werden konnten. Man hätte es als gegeben hingenommen und nach dem Strick gerufen. Aber bei Frauen ist das was anderes. „Die sind doch nicht von Natur aus böse!“. Da muss natürlich ein Mann dahinter stecken, der (nicht ausformuliert, aber ganz klar impliziert) Schuld und Verantwortung an den Verbrechen hat.

Das ist nicht nur widerwärtig, weil es die Schuld der drei Frauen zu relativieren versucht. Es ist auch widerwärtig, weil es unterstellt, Frauen wären doch sicher zu „so etwas“ gar nicht aus eigenem Antrieb fähig. Es ist eine Entmündigung. Das wird besonders deutlich, wenn Karlene Faith der Gefängnisleiterin erklärt, man solle die Frauen vielleicht in ihrem Wahn belassen, weil sie sonst den Rest ihres Lebens die Schuld der Verantwortung tragen müssten.

WHAT? THE? FUCK?

Man könnte in diesem Fall mal eine Meta-Studie anregen, inwiefern Filme über Serienmörder im Fall von Männern die Grausamkeit, im Fall von Frauen aber die Ursachenforschung in den Mittelpunkt stellen.

CHARLIE SAYS mag ein aufrichtig gemeinter und gut gemachter Film sein – aber er ist auch frei von Antworten und im Anspruch völlig fehlgeleitet.

Fazit: Ein hoch professioneller Film, der allerdings null neue Einblicke gewährt und teilweise albern empathisch zu den Mördern statt zu den Opfern schaut. 5 von 10 Punkten.

Philipp sagt: „Eindringlich gespielt, aber zugleich auch sehr oberflächlich. Da gäbe es interessantere Aspekte zu zeigen.“



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DMJPeter feselsergej Recent comment authors
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sergej
sergej

So lange nicht noch Charlies Vater was sagt…

Peter fesel

Hervorragender film.ich habe endlich verstanden,warum die 3 jungen frauen so unbedarft und lachend in den gerichtssaal gegangen sind:sie hatten eigentlich KEINE AHNUNG ,was sie wirklich getan hatten.sie fühlten sich von charlie geliebt und dieser liebespuffer füllte ihre seele komplett aus.Das Erwachen ganz am Schluß des filmes: Sie hatte die wahl vertan weil sie sich nicht aufs motorrad und einfach davonfuhr:ICH HABE DAS ALLES GETAN WEIL ICH LIEBE BRAUCHTE! PETER

DMJ
DMJ

Klingt, als wenn danach Tarantinos ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD genau das nötige Gegenmittel wäre.