Kanada/USA 2018. Regie: Zach Lipovsky, Adam B. Stein. Darsteller: Lexy Kolker, Emile Hirsch, Bruce Dern, Grace Park, Amanda Crew

Offizielle Synopsis: Die siebenjährige Chloe kennt den Drill: ihren falschen Namen und die erfundene Identität kann sie im Schlaf aufsagen. Falls Fremde fragen, falls er mal nicht zurückkehren sollte, bläut ihr der hyperaufgekratzte Vater ein. Nur er darf die Tür des verbarrikadierten Hauses öffnen und hinausgehen. Chloe war noch nie draußen. Manchmal traut sie sich, durch einen Spalt auf die Straße zu spähen, dort sieht alles friedlich aus. Wovor hat ihr Vater dann solche Panik? Was bedeutet sein blutendes Auge? Und warum beteuert er Chloe ständig, dass sie ganz normal sei?

Kritik: FREAKS ist wieder mal der beste Beweis, dass meine Strategie, ohne Vorwissen in die Filme zu gehen, richtig ist. Denn der Film wird besser, je weniger man über ihn weiß. Und darum muss ich in diesem Fall auch warnen: die Lektüre meiner Kritik wird den Genuss des Films schmälern, weil ich diverse Twists ansprechen muss. Ab hier lest ihr auf eigene Gefahr.

In diesem Sinne geht es erst nach dem Szenenbild weiter.

Man kann FREAKS als den neuen CHRONICLE bezeichnen oder als X-MEN im Low Budget-Stil. Vor allem ist er auch eine Neuauflage von Stephen Kings FEUERKIND. Und alle drei Vergleiche gereichen ihm zur Ehre.

Am Anfang haben wir keine Ahnung, was Sache ist. Warum wird Chloe von ihrem Vater eingesperrt, vor welcher Gefahr will er sie bewahren? Warten draußen Zombies, eine weltweite Seuche, die Apokalypse? Oder ist Henry ein paranoider Prepper, der sich auf den nahenden Untergang vorbereitet? Wer ist der Mann mit dem Eiswagen? Woher kommen die Geister, die Chloe im Wandschrank sieht?

Mit dem ersten Ausflug in die Außenwelt lichtet sich der erzählerische Nebel etwas: nicht Chloe muss die Welt fürchten – die Welt fürchtet Chloe. Weil sie Kräfte hat. Und weil Menschen mit Kräften (die titelgebenden Freaks) gnadenlos gejagt werden. Das kleine Mädchen ist dabei die potenzierte psychokinetische und telepathische Macht ihrer Eltern und was in ihr schlummert, ist vielleicht unkontrollierbar.

Wie ich oben bereits schrieb: das ist die Handlung von Stephen Kings FEUERKIND und in der Tat wiederholt FREAK diverse Beats der Vorlage. Aber im Gegensatz zu LITTLE JOE tut er es mit Kreativität und dem unbedingten Willen, das Konstrukt in einen neuen, spannenden Kontext zu setzen. Hier geht es um Mutanten und die Gefahr, dass diese Mutanten unkontrolliert die Welt übernehmen könnten. Das ist nicht ganz unbegründet, ist die Stadt Dallas doch zehn Jahre zuvor bei einer Mutanten-Attacke platt gemacht worden (die Hintergründe bleiben bewusst vage). Seither werden die Mutanten mit brutalsten Mitteln gejagt und vernichtet.

Was als bedrückendes Kammerspiel beginnt, entwickelt sich dann auch in den zweiten Akt hinein zu einem immer größeren Panorama und FREAKS gelingt es exzellent, mit vergleichsweise wenig Mitteln ein Universum zu bauen, in dem Superkräfte nichts Glamouröses haben und Plakate dazu auffordern, Menschen mit blutenden Augen (das Kennzeichen der Mutanten) an die Behörden auszuliefern.

Wenn es dann auf das Finale zugeht, dreht FREAKS richtig auf, wird hochspannend und mit solider Action sehr effektiv. Man hat das Gefühl, dass nicht nur eine Geschichte erzählt wird – hier wird eine Franchise aufgemacht. Und so hoch dramatisch die ganze Sache ist, so unterhaltsam und teilweise witzig ist sie auch. Es macht Spaß herauszufinden, was genau Chloes Kräfte sind, was ihr Vater und ihr Großvater können – zumal es den Autoren gut gelingt, die Kräfte immer wieder zu verzahnen und zu kombinieren. Da wurde mehr Hirnschmalz investiert als in so manchen Blockbuster.

Alle Darsteller leisten Beachtliches: Emile Hirsch gibt mal wieder Jack Black, Bruce Dern bekommt den Nostalgie-Bonus, Amanda Crew macht TONE-DEAF vergessen und die kleine Lexy Kolker ist schlicht sensationell – und keiner kann mir erzählen, dass ihre Ähnlichkeit mit Drew Barrymore ein Zufall ist.

Das ist er. Der kleine Überraschungsfilm des Festivals, die Perle für Oldschool-Genrefans. Was ich vom Festival erwarte und wovon ich manchmal zu wenig bekomme. Ein Film wie THESE FINAL HOURS oder MONSTERS oder ATTACK THE BLOCK.

Fazit: Eine Mutanten-Mär, die sich vom klaustrophobischen Paranoia-Thriller zur Action-Perle hocharbeitet und beweist, dass im Superhelden-Genre noch Saft jenseits von Marvel und DC steckt. Startet bei 5, steigert sich bis 9, kriegt deshalb 8 von 10 Punkten und meinen Respekt.

Philipp sagt: „Fängt langsam an – auch um den Infodump zu vermeiden – und zieht dann immer mehr an. Klasse!



avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: