Australien 2019. Regie: Tony D’Aquino. Darsteller: Airlie Dodds, Danielle Horvat, Linda Ngo, Taylor Ferguson

Offizielle Synopsis: Erst sprayen zwei Freundinnen rebellisch „Fuck the Patriarchy“ an eine Häusermauer, wenig später kämpfen sie gemeinsam mit anderen Frauen in einem abgesperrten Waldgebiet gegen eine Handvoll Killer. Neben furchteinflößenden Masken trägt die mörderische Truppe vor allem schweres Geschütz bei sich, um ihren Opfern mit der Axt den Schädel zu spalten, die Haut vom Gesicht zu schlagen oder sie sonst wie an der Flucht zu hindern. Aber es wird nicht lange dauern, bis das Blatt sich wendet. Denn plötzlich werden aus den gejagten Frauen todeshungrige Furien, die ihren Peinigern eiskalt ihre Rache servieren.

Kritik: Der letzte Satz ist natürlich wieder 1a Kappes, mit dem die Veranstalter versuchen, die Inhaltsangabe ein wenig aufzupeppen.

Ich habe das Gefühl, aktuell hakt es beim Festival – zumindest bei der Filmauswahl. THE FURIES ist wieder so ein hummeldummer kreisch & renn-Streifen für Dosenbier-Trinker, dessen Regisseur in einem Intro-Clip versichert, er sei totaler Fan der Splatterfilme der 70er und 80er. Das glaube ich gerne. Nur hat es Gründe, warum diese Filme eben in den 70er und 80er Jahren gedreht wurden und heute out sind.

Außerdem liebt D’Aquino diese Filme vielleicht – aber VERSTEHEN tut er sie nicht.

Woran’s hakt? Erstmal daran, dass wir schon in der ersten Szene den unfassbarsten dicksten Haufen Exposition vor die Füße gekackt bekommen, den ich in den letzten 20 Kinojahren anhören musste. Kayla und Maddie stehen in einer Unterführung und rekapitulieren minutenlang nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch ihre Probleme, ihre Krankheitsgeschichten und Zukunftssorgen. Was man halt so macht, wenn man mit guten Freunden in der Unterführung steht. Mal abgesehen davon, dass die Vermeidung größerer Expositions-Brocken in Lehrbüchern über Filmdramaturgie ganz weit vorne steht, ist es hier besonders unnötig, weil praktisch nichts von den Informationen im späteren Film wieder aufgegriffen wird.

Außer die Sache mit Kaylas Epilepsie.

Ich bezweifle, dass D’Aquino jemals einen epileptischen Anfall gesehen hat. Philipp neben mir meinte sogar, der Regisseur habe nicht einmal den Wikipedia-Eintrag dazu gelesen. Das wird derart FALSCH dargestellt und so holperig in die Story gedengelt, wann immer es gerade passt, dass ich stellvertretend für alle Epileptiker wütend geworden bin.

Und wenn ich mich schon aufrege, dann können wir auch gleich mal über Linda Ngo reden, die eine Rolle spielt, die den Klamotten und der Sprache nach klingt wie ein 12jähriges Mädchen. Die Frau ist 25. Niemand kann diese Lücke überspielen und es wirkt hier derart albern und affektiert, dass es in jeder Szene mit ihr stört.

Last but not least: Das ganze Konstrukt des Films ist hanebüchen. Es werden Frauen entführt, hochkomplex operiert und dann in eine Art Arena gegen Kino-Slasher-Ikonen in den Kampf geschickt – und warum? Weil das ins Internet übertragen wird, wo begeisterte Zuschauer viel Geld für diese Duelle zahlen.

Ja genau, wie bei MAKING MONSTERS – es ist das DARK WEB!!! Buhuuu!!!

Was den Film bei aller Kritik dann doch zumindest mühsam ins Mittelmaß hoch hievt, ist der komplett handgemachte und sehr sehenswerte Splatter, bei dem ich ein ums andere Mal während der Vorführung für alle sichtbar den Daumen hob. Da haben die Tricktechniker sichtlich Spaß mit Latex und Kunstblut gehabt.

So dämlich das Konstrukt sein mag, so fettfrei flott ist es auch. An keiner Stelle hat THE FURIES einen Durchhänger, und das kann man nicht mal von einigen deutlich besser bewerteten Filmen dieses Festivals sagen.

Und ja, es ist launig, ein „best of“ von Slasher-Ikonen bei der Arbeit zu sehen, auch wenn Jason, Michael Myers, Leatherface und Konsorten nicht namentlich genannt werden dürfen und im Aussehen gerade genug verändert wurden, um sich keinen Ärger mit den Rechteinhabern einzufangen.

So ist THE FURIES ein total beknackter und ärgerlich unsinniger Hobel, der aber in seiner Spackigkeit 82 Minuten gut über die Ziellinie bringt. Weniger ist manchmal mehr.

Ich war ziemlich sicher, mit RED LETTER DAY und dem hier den Bodensatz des diesjährigen Programms ausgelotet zu haben. Das Fantasy Film Fest meinte daraufhin: „Halt mal mein Bier…“

Fazit: Weitgehend sinnfreier Splatterrotz, der es nur dank eines gewissen Unterhaltungswerts in den Bodensatz des Mittelmaßes schafft. 4 von 10 Punkten.

Philipp sagt: „Ich bin ja allgemein kein Slasher-Freund. Und dieser Film ist nicht geeignet, das zu ändern. Ein paar schöne handgemachte Effekte reichen mir nicht.“



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Thies
Thies

Hamburg, Tag 3, Film 4
Nichts gegen einen fiesen Splatter-Absacker, aber ein wenig mehr Substanz sollte das Geschehen dann doch bieten. So sieht man nach einer belanglosen Einführung unsere Protagonistin orientierungslos durch einen kargen Wald laufen. Mal trifft sie auf ähnlich planlose Frauen, mal auf maskierte Killer, aber nie auf nur einen Hinweis was das alles eigentlich soll. Splatter-Effekte werden natürlich von Beginn an reichlich aufgefahren, aber Hintergründe und Charakter-Motivation nur in homöopathischen Dosen verabreicht. Mehr als Rennen, Schreien und Meucheln wird in der ersten Hälfte nicht aufgefahren und ich hatte zwischendurch mit dem Gedanken gespielt einfach zu gehen, wollte mich dann aber nicht schon von der ersten Festival-Gurke in die Flucht schlagen lassen.