Im Frühling besprachen die LvA und ich, was für eine Sommerreise uns denn ausreichend seelischen Auftrieb geben könnte. Selten genug, aber wir konnten uns zuerst nicht einigen: sie stand auf Country, ich auf New Wave. Ach ne, falscher Film. Sie wollte Rom, ich wollte Schottland. Statt zu streiten, fahndeten wir nach einem Ziel, das uns beide reizt.

Und siehe, es ward Stockholm.

Ich bin 1984 mal mit den Pfadfindern in Schweden gewesen, an einem See in Nora, nördlich von Örebro. Außerdem sind wir vor zwei Jahren von Oslo mit dem Wagen für einen Tag nach Göteborg gefahren. Darüber hinaus kenne ich Schweden nur aus Büchern von Astrid Lindgren und düsteren Serienkiller-Filmen. Ich erwartete also sympathisch-anarchische Psychopathen, eingerichtet in IKEA und mit ABBA auf Dauerschleife im Autoradio.

Vorab: Schweden ist ein gutes Land, um AirBnB zu machen. Weil es da auch kein soziales Problem ist. Viele Schweden sind wohlhabend genug und leisten sich für den Winter Wohnungen in den urbanen Zentren, verbringen die Sommer aber in malerischen Urlaubshäuschen am Seeufer. Es ist also immer was verfügbar und man nimmt regulären Mietinteressenten nix weg. Da wir direkt vor Midsommar reisten, war es auch preislich absolut in Ordnung.

Der Blick von unserem Sonnendeck:

Generell gilt die Faustregel, dass in Schweden alles ungefähr deutsches Preisniveau hat – außer Alkohol, der ist scheiß teuer (das gilt selbst für den Hugo im Restaurant). Die schwedische Krone lässt sich sympathisch exakt 10:1 auf den Euro umrechnen. 1984 gab es noch kleinere Beträge in Öre (wie bei uns Pfennig oder Cent), aber die letzte Öre-Münze (50 Öre) wurde 2010 abgeschafft. Ich hätte durchaus nix dagegen, wenn man hier auch alles unter oder inklusive 5 Cent mal streichen würde.

Wir landeten am Flughafen Arlanda nördlich von Stockholm und holten erstmal den Mietwagen ab. Da unser Häuschen am See südlich von Stockholm zu finden war und ich wusste, dass an diesem Tag der Stockholm Marathon anstand, fragte ich den jungen, sportlichen und gut aussehenden Mann hinter dem Tresen: „Wir müssen ja direkt durch die Stadt durch – wird das ein Problem mit dem Marathon?“

Er verzog keine Miene: „Nur, wenn Sie jemanden über den Haufen fahren.“

Was mich dazu bringt: Die Schweden sind wie die Norweger. Jung, sportlich, gut aussehend und sehr humorvoll. Der anthropomorphisierte IKEA-Katalog. Man möchte sofort dahin auswandern, aber die würden uns alte fette Säcke nicht nehmen. In Stockholm selbst tummeln sich smarte Jungmanager in blauen Slimfit-Anzügen, die mit eScootern von Kanzlei zu Café und zurück fahren. Beneidenswert.

Wir machten uns also auf den Weg zu unserem Ferienhaus und als wir kurz vor dem Ziel an einem LIDL vorbeikamen, sah ich eine Chance, meinen patentierten Sortiments-Vergleich hinter mich zu bringen. So haben die Schweden ein fast deckungsgleiches Angebot, aber es gibt natürlich mehr frischen Fisch. Außerdem haben die keinen Milchreis und keine Apfelschorle. Das hier habe ich zuerst für Kaviar gehalten:

Aber nein. Es sind Döschen mit Schnupftabak. Wohl eine skandinavische Marotte.

Unser Haus entpuppte sich als echtes Kleinod mit viel Platz, schnellem Internet und eigenem Ponton am praktisch menschenleeren See:

Da lässt sich der Kaffee morgens so gut trinken wie der Cocktail am Abend.

Ein typisch schwedisches Problem hatten wir übrigens nicht: die Belästigung durch Mücken und Bremsen war erfreulich minimal trotz des T-Shirt-Wetters.

Ein weiterer Vorteil des Hauses: Nach Stockholm rein waren es mit dem Auto gerade mal 20 Minuten. Aber von so etwas darf man sich nicht zu sehr locken lassen. Der Schwede ist erpicht, möglichst wenig Individualverkehr in seine malerische Hauptstadt zu lassen. Weil hier seit 200 Jahren nix mehr durch Krieg zerstört wurde, hat man vergleichsweise wenig Parkfläche und alternativ ein fantastisches Ubahn-Netz gebaut.

Auch die Route der Sightseeing-Busse/Boote ist perfekt durchgeplant:

Es gibt schlicht kaum einen Grund, mit dem PKW in die Stadt zu fahren. Und obendrein machen die kommerziellen Parkhäuser den Spaß auch noch richtig teuer: da kann man locker mal 30-40 Euro für einen Ausflugstag berappen. Bekronen?

No joke: als wir im Mietwagen das Radio anmachten, lief „When I kissed the teacher“ von ABBA. Und auch in den nächsten Tagen würde spätestens nach einer Viertelstunde immer was von dem Megahit-Quartett gespielt werden. Ich glaube, das ist da Gesetz.

Das ändert natürlich nix daran, dass Stockholm wunderschön ist und in seiner ästhetischen Homogenität sogar noch einen Tacken aparter als z.B. London oder Paris. Bei gutem Wetter ist die Stadt ein echter Hingucker, der sich auch prima mit dem Fahrrad erkunden lässt. Die gibt es – auch mit elektrischer Unterstützung – überall, sogar ganz nachhaltig aus Holz:

Einen beträchtlichen Teil der städtischen Schönheit kann man auch zu Fuß erlaufen. Der Hafen und der königliche Palast sind ein guter Ausgangspunkt, zumal dort immer Wachablösungen und Paraden des schwedischen Operettenregiments stattfinden.

Vom Palast aus geht man in die Altstadt, natürlich begleitet von vielen anderen Touristen, was sich aber außerhalb der Hauptsaison ganz gut verteilt. Und hier lernte ich auch schnell, was die Schweden RICHTIG gut können: lecker Teilchen. So Zimtschnecken mit Kardamom und Nusskugeln oder Herzchen mit Feinmehl und Vanillefüllung. Gibt’s überall und schmecken diättorpedierend gut.

In der Altstadt Gamla stan hat man darauf geachtet, keine großen Ketten oder Franchise-Unternehmen reinzulassen. Es ist noch alles sympathisch urig, aber im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Städten sehr gut erhalten.

Ich habe das über Norwegen gesagt und hier stimmt es auch: das Land wirkt, als ob die jede Nacht mal feucht durchwischen. Der Eindruck wird durch die Tatsache verstärkt, dass man praktisch keine Bettler oder Obdachlosen sieht – ein Problem, das in anderen Metropolen massiv zugenommen hat.

Erstaunlich, was man in den Trödelläden der Stadt so alles entdeckt:

Hinter dem beeindruckenden Reichstheater fanden gerade Dreharbeiten zu irgendeiner TV-Serie oder Reality-Show statt – gedreht wurde mit ganz kleinem Team:

Das bringt mich zu einem anderen Thema: der Sprachbarriere. Schon schade, dass man nicht wirklich sinnspendend ins Theater gehen oder ein Buch lesen kann. Das macht einen Unterschied zu London aus, wo ich mich dank der Sprache deutlich sicherer fühlen kann. Andererseits ist das Schwedische dem Deutschen allemal nah genug, um Straßenschilder und generelle Anordnungen verstehen zu können. Ob die Ausfahrt nun Ausfahrt oder Utfart heißt, ist nicht wirklich von Belang.

Generell fällt auf, wie unheimlich modern Schweden ist: Bezahlt wird fast überall (manchmal sogar ausschließlich) mit Plastik, dafür gibt es sogar ein eigenes, sehr einfaches und preiswertes System namens Swish (das man aber nicht nutzen muss). Die öffentlichen Toiletten sind nicht mehr nach Geschlechtern getrennt. In manchen Supermärkten kann man die Waren mit Handscannern direkt am Regal einbuchen und dann an der Kasse einfach durchmarschieren.

Auf meiner Suche nach neuen Geschmackserfahrungen entdeckte ich beim Ausflug diese mir bisher unbekannte Cola-Sorte:

Schmeckt… na ja… ich möchte nicht scheiße sagen, es lesen ja vielleicht Kinder mit. Aber ähnlich der Lime-Version ist der geschmackliche Mehrwert halt rein chemischer Natur.

Gott habe ich in Schweden auch gefunden, wer hätte das gedacht? Wer allerdings sein Kumpel Blandat sein soll, erschließt sich mir nicht:

Und damit sind wir ja auch schon bei der Verpflegung. Ist in Schweden recht einfach. Die Supermärkte sind gut gefüllt, die Restaurants weniger, weshalb man generell auch ohne Reservierung gut klar kommt. Wir haben z.B. diese Pizzeria besucht, die Fast Food mit hochwertigen Speisen und Ambiente verbindet. Und wahrlich, ich sage euch, hier werden eure Geschmacksnerven auf gänzlich neue Art gekitzelt:

Ich hatte diese Variante:

SPICY SALAMI & HONEY PIZZA 
White pizza with extra virgin olive oil | Italian spicy salami | Swedish honey | fior-di-latte mozzarella | Reggio Emilia Grana Padano DOP cheese | red onions | rosemary | fresh thyme topped with some Italian chili-flakes

Die LvA war mit der hier sehr glücklich:

SWEDISH FOREST 
crushed italian tomato sauce | västerbotten cheese | smoked deer oven roasted portobello | fresh parsil | crispy beetroot lingonberries

Die belegten Teigfladen kann man auch abholen – dann werden sie in einen Karton gepackt, der aussieht, als hätte man bei Versace eingekauft:

Eine Tour mit dem Sightseeing-Bus lohnt sich in Schweden übrigens wirklich, weil man neben dem Bus auch noch das Boot nehmen kann und so eine gute Übersicht über die Stadt bekommt, die in bestimmten Vierteln mal Paris und Wien, dann wieder Manhattan architektonisch nacheifert:

Hier mal ein paar willkürliche Impressionen von unseren Ausflügen – wusstet ihr, wie Baby-Rentiere klingen?

Was die Erdinger Brauerei über Deutschland sagt, gilt auch für Stockholm: Es ist schön, seine Landschaften typisch, seine Bauwerke weltberühmt:

Nun gibt es in Schweden nicht nur lecker Essen und Sehenswürdigkeiten, sondern auch Kultur. Einer der bedeutendsten schwedischen Bildhauer, Carl Milles, hat seine mediterrane Villa und einen prächtigen Skulpturengarten hinterlassen, zu denen auch eine Ausstellungshalle gehört, in der just zu unserem Besuch die großen deutschen Expressionisten zu Gast waren. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Stockholm ist generell vollgepackt mit Museen, viele davon bewusst für ein breites Publikum angelegt: Fotografie-Museum, Polizei-Museum. ABBA-Museum, etc. Erfreulicherweise sind die meisten davon auf zwei überschaubare Locations verteilt: Djurgarden und nördlich davon am Nationalpark. An jeder dieser Locations kann man – Durchhaltevermögen vorausgesetzt – locker zwei Tage verbringen.

Unsere Zeit war begrenzt und wir musste auswählen, darum stand zuerst einmal mit Skansen das älteste und größte Freilichtmuseum auf unserem Programm:

Unheimlich entspannt wird hier die schwedische Geschichte lebendig, präsentieren Mitarbeiter in authentischen Kostümen das Leben aus verschiedenen Landesteilen und Jahrhunderten. Es laufen einem prächtige Pfaue zwischen den Füßen rum und an vielen Stellen kommt man sich vor wie Michel aus Lönneberga.

Nicht minder spannend war der Besuch im Vasa-Museum. Hat nix mit Knäckebrot zu tun. Hier die Kurzfassung für alle, die zu faul für den Wikipedia-Link sind: Der Stolz der schwedischen Kriegsmarine, die Galeone Vasa, sank 20 Minuten nach dem Stapellauf und lag 300 Jahre im Schlick des Hafenbeckens. Dann wurde sie gehoben und konserviert. Heute kann man sie, mit vielen Nachbauten und Ausstellungen, in einer gigantischen Halle besichtigen. Man bekommt erst ein Gefühl dafür, wie groß diese Dinger waren, wenn man selber davor steht:

Auch hier zeigt sich der schwedische Wohlfahrtsstaat: Gerade mal 15 Euro Eintritt und für Kinder ist es kostenlos – bis 18. Was effektiv bedeutet, dass alle Kindergarten- und Schulklassen hier umsonst rumstromern.

Zwischen Skansen und dem Vasa-Museum wurde gerade eine aus den Schienen gesprungene Straßenbahn auf Spur gebracht – sieht man auch nicht jeden Tag:

So verflog die Zeit, wir genossen den Sommer, verbrachten manche Tage auch einfach am See auf unserem Ponton. Und immer wieder mal ergab sich spontan was: ein Trödelmarkt, eine Classic Car Show. Der Schwede hat selten Langeweile.

Der aufmerksame Leser ahnt schon das Fazit: Wir waren begeistert von Stadt, Land & Leuten. Stockholm ist sicher nicht so spannend wie Kalkutta oder so preiswert wie Kalkutta oder so exotisch wie Kalkutta, aber wenigstens ist es nicht Kalkutta.

Das sollte reichen. Ward ihr auch schon mal da? Wie hat’s euch gefallen?

Dank Expedia bekommt man auch einen guten Bewegtbild-Eindruck:



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WortvogelLotharMartin Dänikenfrater mosses von lobdenbergGregor Recent comment authors
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Nils

Oh ja, Stockholm ist so traumhaft schön. Auf welcher Insel war denn euer schickes Häuschen? Wir waren Anfang August eine Woche auf Resarö. Wie aus dem Bilderbuch…

Dietmar

Die Schweden sind wie die Norweger. Jung, sportlich, gut aussehend und sehr humorvoll.

Warum ist das wohl so? Ich sag´ nur: Soylent Green ist MENSCHENFLEISCH!!!!!!!!!!

Gregor

Na schau einer an; meine Freundin und ich reisen grad nächste Woche nach Stockholm. Das Vasa-Museum und die Pizzaria stehen auf unserer Liste.
Die Carl-Milles-Skulptur auf dem Foto kommt mir sehr bekannt vor. Das ist doch ein Zwilling vom Poseidon vom Poseidon-Brunnen in Göteborg.

frater mosses von lobdenberg

Bitte um Verzeihung, falls ich’s oben überlesen habe: Wie lange ward Ihr denn da?

Martin Däniken
Martin Däniken

Der wichtigste Grund ,
warum es keine Obdachlosen sowie keine Banküberfälle mehr gibt…
eben das es kein Bargeld mehr gibt!
Natürlich gibt es noch Obdachlose aber das Volkethem sorgt für diese!
https://sverigesradio.se/sida/artikel.aspx?programid=2108&artikel=6043373
https://www.planet-schule.de/wissenspool/big-cities/inhalt/sendungen/europa/stockholm-von-der-strasse-in-den-beruf.html
https://orf.at/v2/stories/2438594/2438593/

Lothar
Lothar

Gott hast du gefunden, an der Megapussi (https://www.google.de/search?q=megapussi) bist du aber offensichtlich vorbeigelaufen.