Ich rede hier und anderswo immer wieder davon, dass wir allgemein in einem goldenen Zeitalter der Fernsehserien leben – und ganz speziell der SF-Serien. Nun lässt sich das leicht behaupten, wenn ein nicht geringer Teil der Leserschaft selber gar nicht erlebt hat, durch was für einen Quark wir in jungen Jahren waten mussten. Die Gnade der späten Geburt, sie segnet auch die Geeks.

Also dachte ich mir, dass ich zum Wochenende mal anhand von ein paar konkreten Beispielen visualisiere, was man gefüttert bekam, wenn man ein hungriger Science Fiction Fan vor der Glotze war – Jahrzehnt für Jahrzehnt.

Man sehe mir übrigens nach, dass ich viele englische und exotische Produktionen – von DOCTOR WHO bis ULTRAMAN – hier nicht einrechne. Es soll ein launiger Überblick werden, keine akademisch umfassende Abhandlung.

Ich widme diesen Artikel übrigens Daniel, der gerade erst entdeckt, was die Schatztruhe Science Fiction alles für ihn bereit hält.

Die 50er

In Deutschland fand Science Fiction im Fernsehen der Nachkriegszeit praktisch nicht statt. In den USA hielt man das Genre weitgehend für Kinderkram und stattete die wenigen Serien entsprechend mager aus – dagegen waren die Serials der 30er und 40er noch echte Epen gewesen:

In Anthologieformaten kam Science Fiction manchmal vor, ein echter Durchbruch fand mit der ersten TWILIGHT ZONE-Serie statt, aber auch der erst 1959.

Die 60er

Es wurde besser, es gab TWILIGHT ZONE, OUTER LIMITS und natürlich STAR TREK:

Darüber hinaus konnte man sich Sachen wie INVASION VON DER WEGA ansehen, eine Serie, die AKTE X vorweg nahm:

Hinzu kamen gleich vier Serien aus der Werkstatt von Irwin Allen: TIME TUNNEL, VERSCHOLLEN ZWISCHEN FREMDEN WELTEN, DIE SEAVIEW und PLANET DER GIGANTEN. Trotz allen Aufwands ist es allerdings auch rückblickend schwer, diese Shows ernstzunehmen – sie waren bestenfalls harmloses Remmidemmi:

In Deutschland gab es immerhin das hier:

Trotz dieser scheinbaren „Explosion“ von Genre-Serien muss man sich allerdings vor Augen halten, dass wir hier von vielleicht einem Dutzend Serien im gesamten Jahrzehnt reden, von denen bestenfalls drei oder vier als tatsächlich taugliches SF-Entertainment gelten können. Gerade in Deutschland wurden diese Produktionen oft auf grottigen Sendeplätzen, völlig auseinander gerissen und miserabel synchronisiert ausgestrahlt.

Die 70er

Erstaunlicherweise ging es in den 70ern erstmal wieder bergab mit der TV-Science Fiction. STAR TREK gab es nur noch animiert:

MONDBASIS ALPHA war damals schon ein sehr schwankendes Erlebnis und ist an keiner Stelle so gut wie STAR TREK gealtert:

Das ist umso erstaunlicher, da die Science Fiction im Kino immer mehr zum Zugpferd wurde. Einige Serien wurden nur produziert, um übrig gebliebene Sets und Kostüme von Kinofilmen zu amortisieren:

Ansonsten gab es viel magerquarkigen Quatsch wie diesen:

Oder diesen:

Eine Trendwende kam erst 1977 – mit STAR WARS. Es wurde zumindest eingesehen, dass Science Fiction einen angemessenen Aufwand verdient. Die auffälligsten Beispiele dabei waren natürlich BATTLESTAR GALACTICA

und BUCK ROGERS

Das waren immer noch keine guten Serien, aber immerhin gab man sich mehr Mühe, dem gehobenen Anspruch des Publikums gerecht zu werden.

Die 80er

Die Dominanz von STAR TREK TNG lässt oft vergessen, dass auch die 80er insgesamt eine dürftige Ära in Sachen TV-SF darstellten. Als Roddenberry seine Franchise wieder entstaubte, herrschten immer noch solche Sachen vor:

Oder solche:

Oder solche:

Oder solche:

Oder solche:

Oder gar sowas:

Langsam solltet ihr einen Eindruck bekommen, was ich euch sagen will: In meiner Kindheit und Jugend war Schmalhans Küchenmeister. Man war froh, wenn überhaupt eine SF-Serie im Fernsehen lief. Und wenn sie schlecht war, fand man IRGENDWAS, woran man sich festhalten konnte – einen coolen Effekt, eine witzige Figur. Eine rundum gelungene SF-Serie, davon konnten wir nicht mal träumen.

Die 90er

Die Renaissance oder gar die erste wirkliche Blütezeit der TV-SF ist natürlich STAR TREK TNG zu verdanken. Niemand kann das bestreiten.

In vielerlei Beziehung löste TNG die Versprechen der alten STAR TREK-Serie ein, gab uns großartige Science Fiction Storys, plausible Charaktere und endlich eine Show, für die wir uns nicht in Grund und Boden schämen musste. Der Preis: Der Mainstream zog in die SF ein, unser kleines Geek-Ghetto wurde in der Folge von Posern überrollt.

Was war das für eine geile Zeit:

Aber gerade weil das für SF-Fans erstmals eine wirklich geile Zeit war, werden die Massen an Gurken oft vergessen, die uns reingewürgt wurden:

Aber wenigstens hatte man Auswahl und was man nicht gucken wollte, musste man nicht gucken. Zum Boom des fantastischen Genres trugen in den 90ern mehrere Faktoren bei:

  • Die Amerikaner produzierten immer mehr unabhängige Serien für freie Syndication-Sendeplätze, die nach besonders auffälligen und spektakeligen Formaten gierten
  • Mit UPN und WB kamen zwei junge Networks auf den Markt, die vor allem ein genre-affines Publikum bedienen wollten
  • Durch das Internet konnte sich das Fandom erstmals vernetzen, Cons fassten auch kommerziell Fuß
  • CGI wurde für Fernseh-Effekte bezahlbar und revolutionierte den Produktionsablauf
  • Komplette Serien erschienen erstmals auf Video, später auf DVD
  • In Deutschland machte das Privatfernsehen viele Sendeplätze frei, für die sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu schade gewesen wäre

Trotzdem: In toto brachte das Jahrzehnt vielleicht vier, fünf, lasst es zehn Serien sein, die heute als „Klassiker“ gelten dürfen.

Die 2000er

Einen Schritt vor, zwei Schritte zurück. Es fing eigentlich alles prima an:

Und es ging gut weiter:

Dann erst das hier:

Und selbst das hier:

Läuft bei uns.

Oder?

Leider nein. Der SciFi-Channel wurde zum SyFy-Channel und investierte primär in Schrott wie diesen hier:

UPN und WB fusionierten zum Sender CW, der sich mehr auf frauenaffine Genre-Stoffe mit starken Soap-Elementen konzentrierte – über die Jahre machte man das WB-Erbe SMALLVILLE zur Blaupause des Arrowverse:

Schlimmer noch: Der Syndication-Markt brach zusammen und damit das Geschäftsmodell, das uns Serien wie XENA, RENEGADE, BAYWATCH und BABYLON 5 gebracht hatte, aber auch so etwas:

Ein der letzten „großen“ (im Sinne von aufwändigen, aber nicht guten) SF-Serien war der aus dem Gene Roddenberry-Nachlass exhumierte Stoff ANDROMEDA:

Und was wollte das hier sein?

Auffällig war, dass es neue Genre-Stoffe gab, die stark starteten, aber im Laufe der Zeit immer mehr den Fokus verloren – LOST und HEROES sind populäre Beispiele für die ersten Versuche von horizontalem Storytelling im modernen Stil:

Insgesamt sah es (zumindest meiner Meinung nach) vor 10 Jahren eher düster aus. Die Networks sahen „harte“ SF nicht als re-finanzierbar an, Syndication war praktisch tot und der Boom der Reality-Shows nahm immer mehr Sendeplätze weg. Letzteres galt auch für Deutschland, wo z.B. RTL2 um die Jahrtausendwende noch richtig mit STARGATE SG-1 abgeräumt hatte. Der Platz für US-Serien wurde immer mehr beschnitten, abgesehen von Sitcoms, die man in Dauerschleife senden konnte.

Die 2010er

Ich hätte vor zehn Jahren keinen Pfifferling auf die Zukunft der Science Fiction-Serien gesetzt. Aber es konnte ja auch niemand damit rechnen, dass neue, starke Player entstehen würden, die nicht nur massiv Geld in Projekte pumpen konnten, sondern einen ganz anderen Anspruch an die erzählerische Qualität mitbrachten. Hulu, Amazon, Netflix und diverse andere Anbieter haben den Markt nicht nur wiederbelebt, sondern völlig neu aufgestellt. Was heute möglich ist, war vor 20 Jahren noch undenkbar. Technisch wie inhaltlich. Der Zuschauer kann sich aus einer Vielzahl an geradezu absurd aufwändigen Serien seine Lieblinge wählen. Erstmals ist es fast unmöglich, alle guten Serien im Blick zu behalten, wenn man nebenher noch sein Geld verdienen und eine Beziehung führen möchte. Das Science Fiction-Genre ist kein Stiefkind des Fernsehens mehr, sondern sein Aushängeschild. Wo bis in die 90er Schmalhans Küchenmeister war, biegt sich heute das Büffet:

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt – gerade die horizontale Erzählweise verschreckt oder überfordert Gelegenheitszuschauer. Aber selbst die haben Alternativen, z.B. die erfrischend altmodisch erzählte TNG-Hommage ORVILLE:

We’ve come a long way, baby.

Fakt ist: Es gab NIEMALS auch nur annähernd so viele, so aufwändige und auch so gute SF-Shows wie jetzt. Right here, right now. Wir müssen nicht jede Woche warten, dass neue Folgen reintröpfeln, wir müssen keine Videorekorder programmieren, keine Werbeblöcke über uns ergehen lassen. It’s all good.

Und so kann mein Fazit nur lauten: Ja, ich hege einen gewissen Neid gegenüber dem SF-Nachwuchs, der in diesem im wahrsten Sinne des Wortes phantastischen Paradies aufwächst. Andererseits bin ich froh, aus einer Zeit zu stammen, als es weniger gab, qualitativ wie quantitativ. Ich WEISS, wie scheiße und frustrierend es sein kann, SF-Fan zu sein. Das macht bescheiden. Und dankbar.

Wie seht ihr das?



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Christian Siegeljimmy1138No Use For A NameWortvogelWortvogel Recent comment authors
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Kaio
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Ja wir leben schon in tollen Zeiten.
Und dennoch… fehlt mir immer noch was.

The Orville hat sich Klasse gemacht, besonders die zweite Hälfte der zweiten Staffel hat mich echt überrascht, da waren richtig richtig gute Folgen dabei. Von daher, der klassische Star Trek Itch ist damit erstmal gekratzt.

Was mir irgendwie noch fehlt ist aber eine Weltraumoper ala Stargate Atlantis, BSG oder Babylon 5. Im aktuellen Aufgebot gibt es da nur The Expanse, und da komm ich irgendwie nicht rein. Ansonsten haben wir zwar sehr viel SciFi, aber es ist halt eher intim und auf eine einzelne Idee oder einen einzelnen Charakter fokussiert als die ganz große Bühne aufzumachen (Altered Carbon, Black Mirror, Westworld etc). New Doctor Who hat mir das teitweise mal geboten, aber die neue Richtung der letzten Staffel war leider total verkorkst (nicht wegen Female Doctor und so, sondern wegen dem anderen Stil).

Ich nehme hungrig und dankbar alles was es aktuell so gibt. Aber die Art SciFi wegen der ich mich mal ins Genre verliebt habe wird mir leider immer noch verwehrt. Ja ich weiß das Star Trek Discovery sowas in der Art sein soll, aber die Probleme dieser Serie sind hier glaub ich länglich bekannt.

Ich muss aber nochmal The Expanse schauen. Bin irgendwie nach Staffel 1 hängen geblieben.

Christian Siegel

The Expanse ist auf jeden Fall einen zweiten Blick wert. Ist für mich die beste aktuelle SF-Serie. Wobei ich zugebe, dass die erste Staffel – so wichtige Grundarbeit sie auch leistet – noch nicht das Gelbe vom Ei war; da hat man die Handlung des ersten Romans einfach etwas zu sehr gestreckt.

Teleprompter
Teleprompter

Ich habe das alles oder vieles davon als Kind der späten TV-Sechziger und frühen Siebziger nicht so negativ empfunden wie das hier anklingt. Klar, rückblickend wirkt manches lächerlich, aber wer garantiert uns, dass in 20 Jahren nicht ein paar besserwisserische Kritiker „unsere“ aktuellen Favortiten wie Expanse oder Altered Carbon als obsolet und unfreiwillig komisch abqualifizieren, nachdem sie die VR-Brillen abgesetzt haben, wo ihnen in 32K gerenderte Raumschiff buchstäblich um die Ohren geflogen sind ?

Konkret fand ich damals vor allem die Gerry Anderson Serien wie UFO und eben Mondbasis Alpha (bis zu dem Punkt, wo die komische Tierwandlerin auftauchte) ziemlich beeindruckend. Time Tunnel und andere Allen-Produkte – soweit ausgestrahlt – habe ich in der Tat schon als ziemlichen Trash eingeordnet, ohne den Begriff zu kennen, vor allem weil ich die meisten der „ausgeliehenen“ Filmausschnitte (heute würde man Stock Footage sagen) aus Western und Kostümfilmen kannte. Wenn gerade nichts an echter SciFi lief, hat man halt Serien mit leichten fantastischen Elementen genommen wie „The Prisoner“ und die „Avengers“ (bevor jemand zuckt: „Mit Schirm, Charme und Melone“). Dass nach Star Trek kaum adäquate Nachfolgeraumschiffe über den kleinen Schirm flogen, hat mich auf kindliche Art damals allerdings auch verwundert.

Allerdings, auch das habe ich (soweit ich mich erinnere) damals klar erkannt: Das, was da zeitgleich in der SF-Heftliteratur abging – gigantische Raumschlachten, Superintelligenzen, kosmische Rätsel – konnte und wollte die TV-(und auch Kino) -SF dieser Zeit nicht abilden, das war natürlich erst mal eine Enttäuschung für den Junggeek. Wobei diese Form von überbordender SF-Fantasy bis heute nie wirklich im TV oder Kino angekommen ist (Lexx im TV und Valerian im Kino sind vielleicht die nächsten Annäherungen).

AlphaOrange
AlphaOrange

Die Qualität und vor allem Menge an SciFi-Stoffen in der aktuellen Ära ist sicherlich unbestreitbar. Spannender finde ich die Frage, wie viel davon in zehn, zwanzig Jahren tatsächlich noch als „Kult-Serien“ präsent sein wird. Streaming hat große Teile der sozialen Komponente gekillt. Mit einer großartigen Serie auf Netflix beschäftige ich mich als Binge-Watcher dreimal ne Woche im Verlauf von vier bis sechs Jahren – und das eher alleine oder höchstens noch mit dem Partner mit auf der Couch. Welche der 2010er-Serien oben hat denn eine nennenswerte Fangemeinde? Oder werden wir in Zukunft immer noch von Trek, Bab5, X-Files und Galactica schwärmen, weil bei allem was danach kam der emotionale Anker fehlte?

jimmy1138
jimmy1138

Um nur ein paar Serien zu nennen, die unerwähnt aber mir doch stark in Erinnerung geblieben sind:
– UFO aus den frühen 70ern als Kind in den 80ern gesehen und nachdem ich Star Wars nicht kannte waren die ganzen Fahrzeuge das geilste überhaupt.
– Sliders in den 90ern hatte mMn ein sehr interessantes Konzept: Eine Gruppe, deren Mitglieder teils unfreiwillig mitkamen reist durch diverse Parallelwelten, ohne aber das Ziel wählen zu können.
– Seaquest DSV war mMn doch recht aufwändig gemacht. Von der Zusammenstellung der Crew eventuell sowas wie ein TNG Ripoff.
– Futurama war zwar lange nicht so erfolgreich wie die Simpsons aber hatte mMn dennoch wirklich geniale Folgen und auch ein paar Revivals
– Falling Skies und Colony – beides aus dem Genre „Aliens erobern die Welt“

Aus der Kategorie „Ist das Science Fiction?“ in den 80ern noch „Knight Rider“ und „Alf“ – auch wenn’s da vermutlich dem Sci-Fi Puristen die Haare aufstellt. Bzw „Lost“…

Und nie gesehen, aber auf diversen Listen immer ganz vorne: „Blakes Seven“ (wo Farscape Anleihen genommen haben dürfte) und „Quantum Leap“.

Generell war das Drama bei Sci-Fi Serien immer, daß sie in den Augen der Fans viel zu früh eingestellt wurden. Auch wenn es momentan einige gute Sci Fi Serien gibt, sehe ich nicht wirklich eine Serie die in der Populärkultur einschlagen wird wie etwa Game of Thrones. Die einzige Serie momentan mit Langzeitdauerpotential ist The Expanse – und selbst die mußte schon mal vor dem Serientod gerettet werden.
Schuld daran ist wie AlphaOrange mMn richtigerweise meinte u.a. auch das Binge Modell. Die Aufmerksamkeit für eine Serie kommt und verschwindet recht schnell wieder.

No Use For A Name
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Die dreibeinigen Herrscher werden dich sicher noch der Weihe unterziehen

Spaß beiseite, diese echte Sci-Fi Dystopie mag heute lahm scheinen, damals war sie es nicht

jimmy1138
jimmy1138

Noch ein anderer Punkt (nachdem ich „Alternate History“ Diskussionen immer interessant finde): Wie hätte sich eigentlich Sci Fi im TV entwickelt, wenn Star Trek Phase II tatsächlich ins Fernsehen gekommen wäre? Eine Star Trek Serie mit Kirk (den die Macher aus Kostengründen vermutlich per Serientod rausschreiben wollten), aber ohne Spock – und vielem das in ST:TMP bzw TNG recyclet wurde.