Viele von euch werden es merken: beim Online-Banking stehen Veränderungen an. Neue Vorgaben verlangen, dass z.B. die alten Papierlisten mit TAN-Nummern ausrangiert werden. Bei diversen Banken (wie meiner) ist es gar nicht mehr möglich, ohne Handy (mindestens mit SMS, besser als Smartphone) Bankgeschäfte zu tätigen. Ich selber habe mich für die Variante entschieden, bei der mein iPhone einen QR-Code auf dem Mac-Bildschirm scannt und dann die TAN ausspuckt. Bedeutet natürlich, dass ich künftig immer mein Handy geladen haben muss, wenn ich online überweisen will.

Das brachte mich allerdings auch dazu, mal über die Vorzüge des Online-Bankings speziell und des digitalen Mehrwerts allgemein nachzudenken.

Ich glaube nicht, dass es eine einzelne Dienstleistung gibt, die mir durch das Internet mehr erleichtert wurde und die mein Verhältnis zu der besagten Dienstleistung nachhaltiger verändert hat als das Online-Banking. Reisebuchungen vielleicht noch.

Die Bank, das war bis zum Internet-Zeitalter ein Tempel, zu dem man gehen und um Geld beten musste. Wo der Ausdruck des Kontoauszugs immer mit der Sorge verbunden war, in die Miesen gerutscht zu sein. Der Bankangestellte war kein unterwürfiger Dienstleister, oft genug war er der herablassende Türsteher deiner Finanzen. Im Konfliktfall war die Bank eigentlich immer der Stärkere. Ähnlich wie mit Hausärzten und Versicherungen konnten sich die Geldinstitute außerdem relativ sicher sein, dass man – einmal bei ihnen Kunde – kaum je wechseln würde. Denn das war mit einem gewollt hohen Aufwand versehen und viel Briefpost.

Da man auch immer das Haus verlassen musste, nur um eine Rechnung zu bezahlen oder den Kontostand abzufragen, hatte die Bank den Nimbus einer Trutzburg, die dein Geld nicht nur FÜR dich verwaltete, sondern VOR dir versteckte. Man war immer Bittsteller in eigener Sache. Banken waren heilig, unantastbar, unfehlbar.

Ich war mein Leben lang bei der Commerzbank. Sparbuch, dann Girokonto. Geld erst erst per Barscheck, dann mit EC-Karte. Schließlich die erste eigene Kreditkarte. Kontoauszüge erst per Post, dann selber am Automaten. Erst auf 1/3-A4, dann auf A4.

Warum ich dort 2003 die Zelte abgebrochen habe, wisst ihr seit 2015. Ich hatte einfach die Schnauze voll, für Jahrzehnte braver Kundschaft so gar keinen Bonus zu bekommen, keinen Vertrauensvorschuss. Schlimmer noch: je automatisierter die Vorgänge bei den Banken wurden, desto weniger individuell wurde ich behandelt. Torsten Dewi oder Oskar Müller, seit 20 Jahren oder 2 Wochen dabei, das war der Bank scheißegal. Und wenn ich der Bank egal war – warum sollte sie es mir nicht auch sein?

Hinzu kam der breitflächige Abbau der Filialen und Angebote. Zweimal machte eine Außenstelle innerhalb von sechs Monaten dicht, nachdem ich ins Viertel gezogen war. Als ich mein Haus in Obergiesing bezog, war die Filiale dann satte drei Kilometer entfernt. Zuerst begnügte ich mich damit, einen Stapel Überweisungsformulare mit heim zu nehmen und dann stapelweise ausgefüllt in den korrekten Schlitz bei der Filiale zu werfen. Nach zwei Jahren stieg ich auf Telefon-Banking um. Ich tat mein Möglichstes, um den Ablauf nicht nur mir, sondern auch der Bank zu vereinfachen. Der Dank? Nach einer Weile wurden für das Telefonbanking extra Gebühren erhoben.

Man muss sich das klar machen: Die Bank spart, baut Leistungen ab, lädt immer mehr Vorarbeit auf dem Kunden ab – und der soll dann für diesen „Luxus“ auch noch draufzahlen. Ich war rechtschaffen fassungslos ob dieser Dreistigkeit. Und als dann noch die Sache mit dem Dispo kam (siehe Link oben), war die Entscheidung, zu einer Online-Bank zu wechseln, sehr schnell gefasst. Außerdem war es gerade die Blütezeit der ersten Digitalbanken, die Zinsen waren üppig und man bekam gerne mal einen Hunderter nur für die Konto-Eröffnung.

Ich fragte meinen Bruder, der dank c’t-Abo in solchen Dingen immer belesen war, welche Bank für mich in Frage käme. Es lief auf ING-Diba und 1822direkt hinaus und ich entschied mich am Ende für die 1822. Bei der bin ich nun seit 16 Jahren (länger als mit eigenem Konto bei der Commerzbank seinerzeit) und habe es nicht bereut.

Es liegt nicht nur daran, dass ich alle meine Bankgeschäfte in Sekundenschnelle erledigen kann, dass ich in jeder Sekunde eine perfekte Übersicht habe und dass ich die Kontoauszüge seit März 2003 nicht mehr in Ordnern im Regal, sondern in einem Ordner auf der Festplatte liegen habe (wo sie durchsuchbar sind, was Steuer und andere Recherchen enorm erleichtert).

Es liegt auch nicht nur daran, dass die Hotline-Mitarbeiter immer gut erreichbar, freundlich und kompetent sind. Viele Bekannte meinten damals zu mir „gut und schön, aber ich brauche schon das Gefühl, im Zweifelsfall zu einer Filiale gehen zu können“. Das ist ein Irrtum. Die physische Präsenz der Bank ist nur Fassade, der Mensch hinter dem Schalter zieht sich im Zweifelsfall auch auf ein „computer says no“ zurück.

Es liegt nicht mal daran, dass die Online-Bank in 16 Jahren ihren Auftritt und ihre Abläufe kaum verändert hat und damit mehr Stabilität bewiesen hat als die Commerzbank mit ihrem halbgaren Rumgerudere in digitalen Gewässern. Klar, es gab immer mal neue Varianten der Kreditkarten, ab und an gibt es Updates der AGB, aber das ist Pillepalle, wie Kollege Sixtus immer sagt.

Was das Online-Banking wirklich auszeichnet, ist das normalisierte Verhältnis zum eigenen Geld und zum Partner, der es verwaltet. Die 1822 ist für mich keine „Bank“ – ein Begriff, der gleich neben Reichstag, Museum und Bahnhof in Stein gemeißelt ist. Kein Protzbau mit gigantischen Tresoren, hinter dessen Mauern fleißige Buchhalter mit Ärmelschonern die Bündel zählen. Keine hehre Institution, der ich danken muss, dass sie sich um meine Kröten kümmert und für die ich immer ein kleiner Wicht sein werde, solange mein Kontostand nicht mindestens siebenstellig ist.

Meine Bank ist nun ein Online-Portal, auf dem ich mein abstraktes Geld parken, verwalten, umschichten und ausgeben kann. Transparent, sekundengenau, einfach. Sie ist nicht besser oder schlechter als Amazon oder Facebook, aber hoffentlich vertraulicher mit meinen Daten. Sie ist ein Dienstleister, den ich binnen 15 Minuten wechseln könnte und der mir deshalb möglichst wenig Stress zu machen versucht. Die Balance stimmt.

Die Bank ist entzaubert, das Geld entmythologisiert. Das ist für mich der größte Verdienst. Ich habe heute das Gefühl, ungleich mehr Kontrolle und Macht zu haben. Das mag im Zweifelsfall ein Irrtum sein, aber bis dahin fühle ich mich als bei meiner Online-Bank wohler, als ich es je bei meiner „echten“ Bank getan habe.

Und wenn ich nun bedenke, dass das seit 16 Jahren so ist, dann kann ich auch den Stimmen nicht beipflichten, die immer davon reden, in der Digitalwelt sei halt alles so unberechenbar und flüchtig, da könne man sich nie sicher sein, ob morgen noch existiert, was heute begeistert. Das stimmt grundsätzlich – aber auch nicht mehr oder weniger als bei „brick and mortar“-Unternehmen.

Ich verstehe die ganzen Bedenken, die auch nach 25 Jahren Internet die Menschen umtreiben, ich teile die Bedenken in Richtung Cyberkriminalität, Datensammelwut, und gläsernem User. Aber wenn ich mich mal von diesen Szenarien löse, vom ständigen „könnte passieren“, und mich stattdessen auf den Status Quo konzentriere, dann ist das Internet seit 25 Jahren eine total geile Sache. Ich tue mich schwer, auch nur EINEN fühlbaren oder messbaren Nachteil für mein Leben zu identifizieren.

Und wie sich das verändert hat – bei meinem ersten privaten Internet-Anschluss vor 20 Jahren habe vor einem 15 Zoll-Röhrenmonitor gesessen, neben mir einen koffergroßen Desktop-PC mit zwei externen Lautsprechern, die wie Schuhschachteln aussahen. Ich musste mich per Dialer einwählen, das Internet war langsam und das Telefon während des Surfens blockiert. Heute surfe ich highspeed vom Sofa aus, mit einem ultraflachen Macbook, das nicht mal die Hälfte meines damaligen PCs gekostet hat – für die Hälfte der damaligen Gebühren.

Expedia und Booking sind jedem Reisebüro weit überlegen. Ich kann mit Facebook Kontakt zu Dutzenden von Menschen halten, die mir wert und wichtig sind. Gmail ist nicht nur ein perfekter Briefkasten – es ist auch ein wachsendes „dark archive“ meines Lebens, aus dem ich problemlos Ereignisse, Dokumente und Diskussionen rekonstruieren kann. Ich kann über die Webcam daheim nach den Katzen schauen, wenn ich im Helikopter durch den Grand Canyon fliege. Archive.org und einige andere Online-Sammelstellen halten mehr Bücher, Hörbücher und Zeitschriften für mich bereit, als ich je werde schauen können. Letztlich ist es das Streaming über das Netz, dass das neue goldene Zeitalter des Fernsehens ermöglicht mit Amazon, Netflix, Hulu, etc. Google Maps hat mich sprichwörtlich um die halbe Welt geführt, Wikipedia erweitert mein Wissen täglich, Podcasts verkürzen mir die Autofahrten.

Dank Internet weiß ich mehr, kann ich mehr, darf ich mehr und schaffe ich mehr.

Das Netz ist nicht meine Welt, aber es ist Teil meiner Welt. Ich möchte niemals darauf verzichten und auch wenn ich akzeptiere, dass es gegen mich verwendet werden könnte, konstatiere ich, dass es noch nie gegen mich verwendet wurde. Ich kenne nichts, was 25 Jahre lang derartigen Mehrwert und derart verbesserte Lebensqualität produziert hat.

Amazon, Facebook, Google, Ebay, Expedia – sie sind nicht Marktführer, weil sie sich großkapitalistisch und diktatorisch an die Spitze gemetzelt haben (auch wenn das oft ein Teil der Erfolgsstory ist). Sie sind Marktführer, weil sie geahnt haben, was der Mensch braucht, was sein Leben erleichtert oder manchmal auch nur lustiger macht. Sie haben etwas angeboten, das der User instinktiv und augenblicklich als Verbesserung wahrgenommen hat. Zu einem Preis, den er zu zahlen bereit war und noch ist.

Ich lese so oft von den Gefahren des Internet, düstere Prognosen von totaler Überwachung, Beschneidung der Meinungsfreiheit, Steuerung durch Big Data-Analysen. Das erscheint mir dann manchmal… undankbar. Weil es sich nur auf das „könnte“ konzentriert. Aber in den letzten 25 Jahren, in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ist all das nicht eingetreten. Die Dystopie ist immer „morgen“, die totale Kontrolle immer „bald“. Aber sie ist, zumindest meinen empirischen Erfahrungen nach, nie „jetzt“. Jetzt ist das Internet gut, jetzt war es immer gut. Und ist das nicht zuallererst mal das, was für seine Bewertung zählen sollte? Erwarte ich nicht auch von mir als Menschen, dass man mich an meinem vergangenen und aktuellen Wohlverhalten misst und nicht an der Tatsache, dass ich vielleicht morgen eine Bank überfalle?

Nennt mich naiv, nennt mich privilegiert – für mich ist das Internet die singuläre Erfolgsgeschichte meiner Generation. Und das nicht nur, weil ich seit 16 Jahren nicht mehr zur Bank latschen muss, um mir einen Kontoauszug zu holen.



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Andreas Riebe
Andreas Riebe

Danke, ganz deiner Meinung.
Du bist seit langem mal wieder jemand der das so deutet, bzw. kenne ich niemanden in meinem persönlichen Umfeld der nicht gleich ein „aber“ an deine Erklärung setzen würde.
Nach diesem aber kommen dann meist irgendwelche Nostradamus mäßigen Vorhersagen.
Es ist wie mit dem Feuer, ich kann mir was drauf kochen oder einen Scheiterhaufen bauen.
Ich hoffe das wir die Scheiterhaufen, auch die digitalen, langsam mal hinter uns lassen.

Jetzt hoffe ich noch das die Bäcker und Konditoreien auch endlich im digitalen Zeitalter ankommen und man sein Kaffee und Brötchen mit Karte zahlen kann. Es gibt Sie zwar, in Marburg kenne ich nur keine die das anbietet.

Michael Robbel
Michael Robbel

Absolut richtig, genau meine Meinung, besser konnte man es nicht ausdrücken…

Bluescreen
Bluescreen

Bin auch Kunde der Commerzbank. Bei dem, was die in den letzten Jahren abgezogen haben, hätte ich auch schon längst wechseln sollen. Obwohl ich auch schon seit ca. 1992 bei Denen bin.

Aber richtig knuffig war was ich heute gelesen habe.

„Wichtig ist dabei, dass die Faktoren aus verschiedenen Kategorien stammen, also eine Kombination aus eigenem Wissen wie Passwort oder PIN, Dingen im persönlichen Besitz wie Chipkarte oder einem TAN-Generator oder Biometrie, etwa dem eigenen Fingerabdruck, verwendet wird“, erläutert Matthias Gärtner, Sprecher des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).“

Ein Faktor ist mein Wissen. Passwort und PIN. Der andere Faktor ist mein TAN-Brief, der persönliche Besitz. Kann man gleichstellen mit einem TAN-Generator. Und nein, wenn mir jemand den TAN-Brief klaut, kann man mir den Generator klauen. Und dazu noch Passwort und PIN.
Also wo ist hier eine höhere Sicherheit?
Ich HABE schon eine Zwei-Faktor-Authorisierung.

„Denn „grundsätzlich ist es immer riskanter, wenn Kriminelle nur ein Gerät unter Kontrolle bringen müssen“

Ja, darum sollte man eine 2-Faktor-Authorisirung nicht auf einem Gerät unterbringen. Wenn ihr Sherlocks das wisst, warum verhindert ihr nicht, dass man das zusammen auf einem Gerät laufen hat?

„, erläutert BSI-Sprecher Gärtner. Dieser Empfehlung arbeiten jedoch manche Kreditinstitute regelrecht entgegen. „Auf ein und demselben Phone: Banking und TAN“, bewirbt etwa eine Sparkasse im Google Play Store ihre App. “

„ihrer App“… nochmal: warum gibt es da keinen Konsens unter den Banken? Ist doch ne Euro-Vorgabe, oder? Und warum riskiert man dass es sich die Leute einfacher machen wollen, weil ihr das erschwert?

Vielleicht kann mich jemand aufklären, aber ich sehe da keinen Vorteil.
Ausser die 30 Euro pro Kunden die man einziehen kann für so einen TAN-Generator und vielleicht die Datenbanken besser zu pflegen wo die Kohle herkommt und hingeht.

Quelle:
https://www.spiegel.de/netzwelt/web/auslaufmodell-mtan-das-aendert-sich-beim-onlineshopping-a-1279982.html

Andreas Kyrsch
Andreas Kyrsch

Der TAN-Generator funktioniert nur mit der EC-Karte zusammen. Ihn zu klauen macht keinen Sinn. Und es gibt ihn in verschiedenen Ausführungen schon ab 14€. Ein Vorteil ist, dass man so immer gezwungen ist die Zwei-Faktor-Authorisierung einzuhalten, eigentlich ist es sogar eine Drei-Faktor-Athorisierung: PIN, EC-Karte und TAN-Generator. Du kannst übrigens auch den Generator deines Kumpels oder Nachbarn benutzen, wenn deiner defekt ist oder du keinen kaufen möchtest.

Bluescreen
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„Ja, bitte veröffentlichen“

Ach, Oller, da schreibt man ein paar Jahre nix und du stellst deine Webseite um. *schmoll*

Serrin
Serrin

Ich lese so oft von den Gefahren des Internet, düstere Prognosen von totaler Überwachung, Beschneidung der Meinungsfreiheit, Steuerung durch Big Data-Analysen. Das erscheint mir dann manchmal… undankbar.

Ich habe die Angaben (Absatz 1 und 2 ) des Editorials nicht überprüft, aber das sieht mir wie ein Szenario aus, dass immer wieder mahnend beschreiben wird.

  • https://www.heise.de/ct/ausgabe/2015-17-Editorial-Nichts-zu-verbergen-2755486.html
  • Man weiß eben nicht was zukünftig mit den Daten angestellt wird.