Ich bin gerade dabei, mein Digitalarchiv noch weiter zu sortieren – dabei fallen mir naturgemäß unheimlich viele Sachen aus den letzten 25 Jahren in die Hände. Ein paar von denen werde ich sicher in den nächsten Tagen mit euch teilen.

Über die Jahre habe ich euch viel von und über Harry Alan Towers erzählt, mit dem ich meinen ersten Film SUMURU produziert habe. Ihr wisst auch, dass Harry mir bis zu seinem Tod immer wieder neue Projekte angeboten hat, aus denen leider nichts wurde. Meistens hat’s einfach am fehlenden Geld gelegen, oft auch an der mangelnden Qualität der präsentierten Ideen oder dem altbackenen Ansatz. Harry war in seinen 80ern einfach nicht mehr „up to date“, was den sich verändernden Markt anging.

Eins der wenigen Konzepte, die mich tatsächlich begeistern konnten, war THE SLEEPER WAKES, eine TV-Serie basierend auf dem Roman „When the Sleeper Wakes“ von H.G. Wells. Wie üblich hatte Harry von seinem Hausautor Peter Jobin den Stoff total entkernen und neu bauen lassen, um eine TV-Serie tragen zu können. In diesem (seltenen) Fall fand ich Peters Ausarbeitung aber durchaus interessant. Sie bestand aus einem Pitch für den Pilotfilm und ein paar paar Absätzen zu den groben Inhalten der ersten 10 Folgen.

Worum geht’s? Der Roman von 1899 (den weder Wells noch die Kritiker besonders mochten) wird in der Wikipedia so umrissen:

Zur Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts fällt der Protagonist Graham nach mehreren Nächten der Schlaflosigkeit in eine totenähnliche Starre. So verharrt er für einen Zeitraum von mehr als zweihundert Jahren. Als er schließlich erwacht, muss er feststellen, dass er in der Zeit seines langen Schlafes zum reichsten und mächtigsten Mann der Welt geworden ist, denn durch geschickte Investitionen seiner geschäftlichen Stellvertreter ist sein Vermögen immens angewachsen. Auf diese Weise wurde einer Trust-Oligarchie der Weg bereitet, die nun die uneingeschränkte Herrscherin der gesamten Welt ist.

Graham sieht sich mit einer durch die Besitzverteilung extrem gespaltenen Gesellschaft konfrontiert, die eine konsequente Extrapolation der kapitalistischen Gesellschaftstendenzen des 19. Jahrhunderts darstellt. Schon bald wird er zum Spielball verschiedener Interessengruppen, die sich durch seine Manipulation einen eigenen Machtgewinn erhoffen. Graham aber, der in seiner eigenen Zeit selbst ein sozialistischer Revolutionär war, stellt sich schließlich auf die Seite der unterprivilegierten und benachteiligten Arbeitermassen und setzt sich für das Ziel sozialer Gerechtigkeit gegen die Oligarchie und deren Kamarilla ein.

Wer sich genauer in das Thema einlesen will, findet hier die illustrierte Buchvorlage.

Peter Jobin machte aus der „political fiction“ einen Actionstoff, in dessen Verlauf sich Graham den Rebellen auf dem Mond anschließt und mit den Maschinen am Ende auch die Menschen gegen die Strippenzieher aufwiegelt. Allerdings muss er feststellen, dass er nur eine Machtelite durch die nächste ersetzt. Viele der Episoden-Miniaturen inkorporieren dabei bewusst Elemente anderer Wells-Geschichten.

Das gefiel mir. Das las sich flott, bot Abwechslung und war letztlich auch eine positive Utopie, wie es sie seit Star Trek zu selten gegeben hatte. Klar war auch – das würde sehr teuer werden. Es spielte uns aber in die Hände, dass zu dem Zeitpunkt Big Budget-Versionen anderer Wells-Stoffe in Arbeit waren (KRIEG DER WELTEN und TIME MACHINE). Also schrieb ich für unsere Partner und Filmmessen folgenden Pitch:


H. G. Wells‘ „The Sleeper Wakes“

Pitch:
From the mind of one of the most legendary writers of science fiction and mystery comes a tale that rivals his own classics like „The Time Machine“, „War of the Worlds“, and „Things to Come“. Spanning two hundred centuries, and presenting a marvellous vision of a future society, H. G. Wells‘ „The Sleeper Wakes“ provides action, romance, and thought provoking drama in a uniquely suspenseful package.

Log line:
After spending 200 years in a coma-like sleep, young writer H. G. Graham from Victorian England finally wakes – in New York, 2099! But the marvels of technology that provide food, work and shelter for everyone hide the fact that this utopia is a dictatorship ruled with an iron hand. The world is under control of one mighty mega corporation – the Graham Foundation, its power forged from the earlier writings of Graham himself, who has become a legendary icon while he was asleep. Graham now decides to use his almost messiah-like status to change what he perceives as wrong – only to end up in the fireline between the rebels and the Foundation security force. Hunted and driven off to a remote outpost on the moon, Graham and his new found love Linda decide to gather the rest of the loyal Graham astronauts to launch a full scale attack on the giant Graham Foundation headquarters building…

Sales points:
H. G. Wells is probably the most well known fantasy writer ever, with impeccable credits when it comes to filmed versions of his work – „Time Machine“, „The Invisible Man“, „War of the Worlds“ and „Things to Come“ are true classics of the genre. With the renewed interest in Wells‘ work (big budget versions of „War of the worlds“ and „Time Machine“ are being filmed as we speak, with Steven Spielberg producing the latter), the time is right for the first adaptation of one of Wells‘ most brillant and epic tales. Harry Alan Towers, a producer legend in his own right, has aquired the rights to the story. With his extensive background in adapting classic literary characters (Sherlock Holmes, Harry Palmer, Fu Man Chu, SHE, Allan Quatermain, etc.), he has already secured the cooperation of Germany’s premier VFX studio, Das Werk, who will be handling most of the challenging special effects.


Ich sah es als massiven Vorteil an, die Jungs von Das Werk im Boot zu haben – und hatte eine Idee, wie man in der gemeinsamen Zusammenarbeit die VFX-Kosten ein wenig runterschrauben konnte. Um 2005 herum war an Mega-Cities wie in ALTERED CARBON und THE EXPANSE noch nicht zu denken, niemand hätte dafür die Technik oder das Budget aufbringen können. Deshalb entwarf ich das Konzept der „virtual city“ – ein Großteil der „establishing shots“ und Außenaufnahmen von THE SLEEPER WAKES spielten im futuristischen New York, also war der Plan, ganz 2099-Manhattan vorab im Rechner zu rendern, in verschiedenen Detailstufen. Einmal komplett auf der Festplatte, konnten in jeder Folge die notwendigen Übergänge, Establisher und Flugszenen individuell gerendered werden, ohne einen Neubau des Modells notwendig zu machen. Und ich hatte vor, dieses virtuelle Manhattan OFT in Szene zu setzen…

Harry machte sich derweil auf die Suche nach einem möglichen Drehort – und kam mit Neufundland zurück! Der Vorteil: ein gänzlich frischer Look und kanadische Subventionsgelder. Der Nachteil: Es ist am Arsch der Welt, was die Produktionskosten dann doch wieder nach oben treibt. Und es gibt nur sehr wenige Gebäude dort, die nach futuristischem Urbanismus aussehen, wie ich Harry auch nach der Präsentation seines Recce sagen musste. Aber gut: das war ein Problem für später, wenn das Kind mal halbwegs in den Windeln war.

In Neufundland wurde ein paar Jahre später übrigens SCREAMERS 2 gedreht.

Wenn das futuristische Manhattan der Haupt-Hingucker der Serie werden sollte, dann musste das auch entsprechend was hergeben. Ich hatte die Schnauze voll von düsterer Depri-SF, zumal die Welt von SLEEPER ja oberflächlich perfekt erscheint. Es war also wichtig, dass die Probleme erst auf den zweiten Blick ersichtlich werden, ähnlich wie in Langs METROPOLIS. Aus meiner Jugend brachte ich die Erinnerungen an MAGNUS mit:

Nun war die Frage, wie man auf den Filmmärkten der Welt die Finanziers und die Sender vom Projekt überzeugen sollte. Vor satten 10 Jahren habe ich euch dazu meine Schubladen geöffnet und ein paar Promos hochgeladen, die ich selber über die Jahre gesammelt hatte. Diese kurzen Teaser sollen meistens einen ersten Eindruck geben, was den Käufer erwartet, ohne letztlich verbindlich zu sein.

Mein Plan: einen Teaser schreiben und diesen fast komplett in CGI von Das Werk umsetzen lassen. Und das hier ist mein Skript für diesen Teaser:

(ja, hier sind am und pm vertauscht – war halt alles noch nicht final korrigiert)

Der nächste Schritt wäre dann eine gezeichnete Visualisierung gewesen, so etwas wie das hier (gefertigt für anderes Projekt):

Das hier wäre nicht die „Abandoned“-Rubrik, wenn was draus geworden wäre. Ich konnte die Firma, für die ich damals arbeitete, weder vom Potenzial der Story noch von Harrys Fähigkeit überzeugen, dafür auch genügend Geldgeber zu finden. Und das war vermutlich richtig, denn Harry hat nach SUMURU nur noch zwei kleinere Filme ko-produziert. Er verstarb 2009.

Aber wenn ich das so lese: Ich find’s heute noch gut.



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Feivel
Feivel

Ich bin gerade etwas verblüfft, weil ich das Buch von Wells nicht auf dem Schirm hatte. Klingt die Geschichte nur in der Zusammenfassung so wie „Eine Billion Dollar“ von Eschbach, oder hat er sich da recht großzügig bedient?

S-Man
S-Man

War in der Tat auch mein erster Gedanke.

Trantor
Trantor

Auch wenn es ein „anderes Projekt“ betrifft: Ist ja klar, dass der Düsseldorfer ausgerechnet den Kölner Dom von nem Drachen zerstören lässt 🙂