Ich war diese Woche mal wieder unterwegs, habe fünf Reportagen in vier Tagen gekloppt und dabei mehr als 2000 Kilometer runter gerissen. No rest for the wicked. War toll, zumal wir auch wieder einen Haufen prima Themen und gutes Karma beim Wetter hatten. Dafür arbeite ich gern – und hart.

Am Mittwoch waren wir in der Nähe von Dömitz unterwegs – MeckPomm, nur einen Steinwurf und die Elbe von Gorleben entfernt. Hübscher Ort, dessen verlassenes Kaufhaus mich besonders fasziniert hat – hier könnte man super eine Serie über ein Edel-Kaufhaus in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts drehen:

Angesichts des schönen Wetters und der bevorstehenden Fahrt nach Hannover lockte mich aber die örtliche Eisdiele mehr – zumal sie ein authentisch ostdeutsches Geschmackserlebnis versprach:

„Original DDR-Softeis?“ – ich dachte, die hatten da drüben nix?! Nun kann ich diese realsozialistische Spezialität nicht wirklich einordnen, weil meine Kindheitserinnerungen vom Großkapitalisten Langnese geprägt wurden. Dolomiti for the win. Einziger Referenzpunkt ist ein Softeis, das ich bei einem Rumänienurlaub ca. 1982 mal gegessen habe, bzw. essen musste. Schmeckte so sehr nach nix, dass es nicht mal schlecht schmecken konnte.

Ich feixte mit meinem Fotografen: „Wenn das eine authentische DDR-Eisdiele ist, müsste die Schlange davor 50 Meter lang sein und wenn man nach drei Stunden endlich dran ist, gibt es kein Eis. Hamwa nich!“

Aber gut, der Dewi ist nix wenn nicht neugierig, besonders wenn ein Blog-Beitrag dabei rausspringen könnte. Also rein in den Laden, der stilgerecht wie ein Ost-Wohnzimmer mit Honecker an der Wand eingerichtet ist. Großes Eis im Waffelbecher, Waldmeister-Vanille plus Schokostreusel. Drei… neee, nicht Ostmark. Soweit geht die Ostalgie nicht. Euro wird gern genommen.

Einem Hirnfurz ist zu verdanken, dass ich VERGESSE, das Eis zu fotografieren – stellt euch halt einen grün-weißen Softeis-Zipfel in einer Waffelschale vor. Die Löffel aber habe ich behalten, die repräsentieren perfekt die ostdeutsche Askese:

Und? Wie schmeckte das „original DDR-Softeis“ nun?

Ungefähr so, wie ich mir DDR-Eis immer vorgestellt habe: nach absolut nix. Vanille und Waldmeister unterscheiden sich allenfalls durch die Textur (Milch- vs. Fruchteis), die Schokostreusel geben Crunch ohne jeden Eigengeschmack und aus der Waffel hätte man locker Dämmstoff für den Dachgeschoss-Ausbau machen können. Es ist die Simulation eines Sommer-Desserts, eine mühsame, letztlich erfolglose Täuschung.

Ehrlich? Leute zahlen dafür, besonders langweiliges und minderwertiges Eis zu essen, weil da Kindheitserinnerungen dran hängen? Da bleibe ich lieber bei Magnum.



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S-ManPabloDDietmarStefan Recent comment authors
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Stefan

Da konnte ich mich gerade sehr gut wiedererkennen. Meine Ost-Schwiegerfamilie isst auch am liebsten Softeis. Ich bestelle, wenn möglich, dann eine Kugel Mövenpick. Aber getoppt wird das ganze noch, wenn zu Hause die Packung Hexenkerze ausgepackt wird, oder das russische Plombireis. Schrecklich. Man erzählte mir, Zucker war früher Mangelware, und so kam das dann zustande. Vanille sicher auch.
Aber Dömitz: Warst du auch bei der alten Eisenbahnbrücke?

Dietmar

Einem Hirnfurz ist zu verdanken, dass ich VERGESSE, das Eis zu fotografieren

Wenn das in etwa so aussah wie der Aufsteller vor dem Geschäft, ist das verzeihlich 😉

PabloD
PabloD

Von deren FB-Seite:
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S-Man
S-Man

Bei altem verlassenen Kaufhaus empfehle ich das in der Altstadt von Görlitz, falls du da mal hinkommst. Selbst leer noch ein Hingucker.

Danke für die Löffel, die kenne ich nur zu gut. Und ich liebe die Pappwaffeln 😀