The Silence

USA 2017. Regie: John R. Leonetti. Darsteller: Kiernan Shipka, Stanley Tucci,Miranda Otto, John Corbett u.a.

Story: Bei einer Höhlenexpedition in Pennsylvania wird eine gefräßige Spezies fledermausartiger Monster entdeckt, die bald darauf in Schwärmen die USA überzieht. Angezogen werden die blinden Kreaturen von jeder Art von Geräuschen. Die Familie Andrews versucht, sich der Invasion durch eine Flucht aufs Land zu entziehen – da sie wegen der tauben Tochter Ally Gebärdensprache gelernt haben, sind sie klar im Vorteil in einer Welt, die ohne Lärm auskommen muss. Aber die Apokalypse der „Vespen“ gebiert noch andere Gefahren…

Kritik: Kann man den „mit angehaltenem Atem schleichen“-Horror mittlerweile eigentlich als Subgenre definieren? Filme wie „Birdbox“, „A quiet place“, „Don’t breathe“ erzeugen Suspense primär dadurch, dass sie den Ausbruch des tatsächlichen Horrors, die Panik, die Schreie, die Kämpfe antizipieren und so lange wie möglich hinausschieben. Wenn das richtig gemacht wird, kommt gänsehautige Spannung dabei raus. In weniger fähigen Händen erweist sich das Prinzip aber als Bumerang – die langsamen, leisen Szenen geben dem Zuschauer ausreichend Gelegenheit, Fehler in Handlung und Dramaturgie zu sichten.

Dass „The Silence“ keine einfache Geburt war, lässt sich anderswo nachlesen. Von der deutschen Constantin koproduziert, wäre der Film im Jahr 2017 im Fahrwasser von „A quiet place“ sicher gut platziert gewesen. Aber diverse Verschiebungen des Starts, ein Verkauf diverser Territorien an Netflix und andere Probleme führten dazu, dass der deutsche Kinostart nun eher wie ein Nachklapp wirkt, wie die halbherzige Erfüllung einer vertraglichen Verpflichtung. Wer wollte, hat „The Silence“ schon längst anderswo sehen können. Es ist kurios, dass der nicht auch beim FFF gelaufen ist (zumindest hat man uns dort mit Trailern bombardiert).

Aber es kommt der Tag, da will die Säge sägen und der Film muss sich nicht am Prozess, sondern am Ergebnis beurteilen lassen. Und so sehr die soliden Darsteller, die guten Effekte und die schnittigen Trailer etwas anderes vermuten lassen – das hier ist billiger B-Schrott, der sich nur seriöser verkleidet hat als der Klump, den Asylum mit seinen Mockbustern am Fließband raushaut. Konsequenterweise hätte man den gleich „A quiet land“ oder „A silent place“ nennen können, auch wenn er auf einem Roman basiert (den ich nicht kenne und dem ich die Fehler des Films nicht in die Schuhe schieben möchte).

Wer sich mit Cast & Crew beschäftigt (was ich vorab grundsätzlich nicht tue), wird nicht überrascht sein: Regisseur Leonetti ist hauptberuflich Kameramann und meistens bei B- und TV-Produktionen im Einsatz. So jemanden heuert man an, wenn man kein Risiko eingehen will, aber auch keine eigene Handschrift braucht. Und die van Dyke-Brüder, denen wir das Drehbuch verdanken, haben gleich ein halbes Dutzend Asylum-Regalfüller verbrochen, inklusive „Titanic II“ und „The day the earth stopped“. Dass die Membran zwischen Block- und Mockbuster immer durchlässiger wird, sieht man übrigens daran, dass sie auch den „Paranormal Activity“-Abklatsch „Paranormal Entity“ gedreht haben UND mit dem „Paranormal Activity“-Erfinder an „Chernobyl Diaries“ arbeiten durften.

Mit diesen kreativen Leichtgewichten am Start ist es kein Wunder, dass „The Silence“ sein Potenzial nie wirklich ausschöpft – aber es ist ein Wunder, WIE mühelos er unter der eigenen Messlatte durchschlittert. Was hier an Pappkameraden und Platzhalter-Dialogen durch die Pampa gejagt wird, erinnert an die schlechten Stephen King-Sequels der 90er („Sometimes they really do come back again once more for a final last time, Part 3: The comebacking“). Bereits nach zwei, drei Minuten wird deutlich, dass weder das Konzept an Logik noch die Ereignisse an Folgerichtigkeit interessiert sind. Ich zähle hier nur mal ein paar grundlegende Löcher im Skript auf:

  • Wie haben die Kreaturen in einer versiegelten Höhle ohne Nahrung über zigtausend Jahre überlebt?
  • Wie viele Kreaturen müssten es sein, um die gesamten USA zu attackieren?
  • Bräuchten die Tiere nicht selbst im Bestfall WOCHEN, um das Territorium der USA zu überfliegen?
  • Wieso soll die Flucht aufs Land ein Vorteil sein – in Autos, deren Motoren permanent Lärm verursachen?!
  • Was macht eigentlich der Rest der Welt – schaut Nachrichten und frisst Popcorn?
  • Warum sind Geräte wie der Ast-Häcksler nicht die perfekte Waffe gegen die Kreaturen, die doch bereitwillig in die Klingen fliegen?
  • Wie kann sich in gefühlten drei bis vier Tagen bereits ein Kult entwickelt haben, der sich bereitwillig die Zungen rausschneidet und gebärfähige Mädchen sammelt?
  • Was ist der Vorteil von Gebärdensprache und Zunge rausschneiden gegenüber Klappe halten und manchmal was in einen Block kritzeln?
  • Ist Allys Taubheit nicht sogar ein NACHTEIL, weil sie nicht hören kann, wenn jemand in ihrer Nähe Lärm verursacht?
  • Könnte der von den Kultisten bedrohte Vater nicht schlicht in die Luft schießen, ins Haus zurück gehen und zusehen, wie die Kultisten gefressen werden?

Da passt nix an nix und man verbringt den Großteil der Laufzeit mit Kopfpatschen. Ich habe logischer konstruierte Dramen beim „Frauentausch“ gesehen. *

Ein weiterer Dealbreaker ist, dass „The Silence“ für ein Creature Feature erstaunlich eierlos ist: keine der Figuren wird „on camera“ gefressen, in den meisten Fällen nicht mal „off camera“ – die Szene endet gewöhnlich, ohne auch nur die Möglichkeit von ein bisschen Fressgemetzel zu geben. Rein theoretisch könnten der Hund der Familie oder der beste Freund oder der Angreifer von der Tanke alle noch leben, denn ihr Ableben wird nur vorausgesetzt, aber nie gezeigt.

Schließlich würde ich gerne wissen, wo das Ende des Films geblieben ist. Tatsächlich gibt es weder eine finale Schlacht gegen die Kreaturen oder die Kultisten noch eine Lösung des Problems. Es kommt schlicht die Nachricht, dass es „im Norden“ eine „Zuflucht“ gibt (dass wir hier von tausenden von Quadratkilometern reden, ist wieder so eine Sache, die das Drehbuch gnädig ausblendet). Die Familie reist hin. Nachspann. Das ist zu wenig.

Letzten Endes ist „The Silence“ eine Mogelpackung. Sieht auf den ersten Blick gut aus, biedert sich als Erwachsenen-Horror mit Charakter-Darstellern an, kann die Vorbilder aber nur nachäffen, statt eigene Akzente zu setzen. Ein intelligentes, stimmiges Drehbuch muss man eben nicht nur wollen, sondern auch können.

Es bleibt die Frage, warum oft deutsches Geld involviert ist, wenn zwar mit relativ viel Budget, aber letztlich ohne kreative Vision gearbeitet wird. Man hat das Gefühl, dass Constantin zwar die Schecks unterschreiben durfte, in Sachen Abnahme von Crew & Skript aber nicht ernstgenommen wurde. Das erinnert in vielerlei Beziehung an den  „The Cell“-Schnarcher, der ja auch aus deutschen Geldern gespeist wurde.

Fazit: Ein technisch gelackter und überzeugend gespielter Vertreter des Subgenres „tierische Apokalypse“, der unter der Haube leider dumm wie Brot ist und jede Chance auf Empathie seitens des Zuschauers schnell und dauerhaft abwürgt.

* Das ist eine Lüge, ich schaue keinen „Frauentausch“.


Pokémon Meisterdetektiv Pikachu

USA/Japan 2019. Regie: Rob Letterman. Darsteller: Justice Smith, Suki Waterhouse, Bill Nighy, Rita Ora, Kathryn Newton, Ken Watanabe u.a.

Story: Tim Goodman hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Vater in Ryme City, einer Metropolis, in der Menschen und Pokémon in friedlicher Eintracht leben. Als Daddy Goodman verschwindet, macht sich Tim auf, ihn zu finden. Dabei stößt er auf das Pokémon Pikachu, mit dem er kurioserweise reden kann. Gemeinsam kommt das Duo einem bösen Plan auf die Spur, der die Zukunft von Ryme City entscheidend verändern könnte…

Kritik: Eigentlich hatte ich gar nicht vor, den Film zu besprechen. Weil ich mich außerstande sehe, ihn neutral zu bewerten. Fakt ist: ich weiß UNGEFÄHR, was Pokémons sind, wo die Franchise herkommt, dass die Computerspiele seit über 20 Jahren Jahren Kult sind. Aber die Figuren, die Inhalte, die Lebenswirklichkeit dieser Marke? Sind mir fremd. Einfach nicht meine Baustelle. Mir einen Pokémon-Film zu zeigen entspricht der Idee, einem Steinzeitler „The Last Jedi“ zu zeigen und zu erwarten, dass er ihn versteht.

Andererseits habe ich ja auch „Dragonball“ besprochen, ohne Ahnung von Dragonball zu haben. Solche Produktionen sollen schließlich für sich stehen und als Film funktionieren. Und vielleicht ist es ja auch ganz interessant, wenn jemand, der null Kontext hat, so einen Film rezensiert.

Kurz gesagt: meins isses nicht.

Es ist nicht so, dass ich irgendwann spürte „ich bin raus“. Es ist eher so, dass ich nie drin war. „Meisterdetektiv Pikachu“ spielt in einem mir fremden Universum und ich hatte permanent das Gefühl, die Figuren, die Orte oder die Abläufe müssten mir etwas sagen, mir etwas bedeuten. Null. Da passierte nichts. Der Film rief keinerlei emotionale Reaktion in mir hervor.

Tim Goodman (auch ethnisch kaum zu verorten) ist ein generischer, für den Heldenpart unangenehm schlecht gelaunter Junge (?) undefinierbaren Alters, der in eine Comic-Metropolis reist, die mich fragen lässt, wo der Film überhaupt spielt: in einem Parallel-Universum? In der Zukunft? Auf einem fremden Planeten? Pokémons sind hier anscheinend Alltag, auch wenn nie genau erklärt wird, woher sie kommen oder wie ihre Beziehung zu den Menschen definiert ist. Es ist eine fremdartige, artifizielle Welt – eben genau wie aus dem Videospiel, aus dem sie stammt. Allerdings lassen diverse Gebäude uns Außenaufnahmen vermuten, dass eine Art Cartoon-London Pate stand.

Worum geht’s denn überhaupt? Daddy Goodman finden, klar. Aber irgendwie auch einen Plot gegen die Pokémon verhindern, der … was soll? Es wird weder klar, was den (sehr offensichtlichen) Bösewicht motiviert, noch was erreicht werden soll. Der Love Interest für den sichtlich desinterssierten Tim ist von April O’Neill aus den „Teenage Mutant Ninja Turtles“ abgepaust, wenn auch wieder irgendwie vage jünger. Ich fragte mich des öfteren, ob die Protagonisten 16, 20 oder 25 sein sollten. Schwammig.

Und schließlich Pikachu: Ja, ist technisch süß gemacht, kann aber seit „Monsters Inc.“ auch keine große Herausforderung für die Tricktechniker mehr gewesen sein. Dramaturgisch ist die Figur erschütternd wenig unterfüttert: weder sind die Sprüche nennenswert komisch, noch trägt Pikachu irgendwas zum Plot bei. Meisterdetektiv my ass. Der gelbe Pelzball bleibt eine Nebenfigur im eigenen Film.

So haben wir generische Figuren, die in einem generischen Universum einen generischen Abenteuer-Plot von TKKG-Niveau durchlaufen, mit generischen Action-Sequenzen unter Zuhilfenahme massiver generischer CGI. Selbst der Humor und die Emotionen fühlen sich an, als hätte eine Computer-KI eine Annäherung an das versucht, was sie als „menschliche Gefühle“ versteht.

Ich habe mich nach zehn Minuten zu Peter Osterried umgedreht und geflüstert: „So sähe das vermutlich aus, wenn Aliens einen Film drehen würden, der einen Erden-Blockbuster krude simulieren soll.“

Am Ende gibt es noch eine (für den Plot folgenlose) Überraschung, die diverse Verrenkungen in den vorherigen 100 Minuten erklärt, aber nicht rechtfertigt. Dieser „Twist“ ist so hanebüchen wie albern.

Vielleicht habe ich es einfach nicht verstanden. Vielleicht entgeht mir die „Magie“ der Pokémons genau so wie der Appeal von Wrestling oder dem Forst Simulator. Vielleicht muss man „drin“ sein.  Aber der Film hat nach verdächtig enthusiastischen Vorab-Kritiken jetzt – am Startwochenende! – gerade mal 52 Prozent bei Metacritic und 67 Prozent bei Rotten Tomatoes. Vielleicht bin ich mit meinem Unverständnis doch nicht allein…

Fazit: Für Pokémon-Fans vielleicht eine akzeptable Verfilmung des Videospiels, für Normalzuschauer ein generisches, reizloses und oberflächliches Sammelsurium unverständlicher Figuren, Orte und Ereignisse.



avatar
5 Comment threads
5 Thread replies
1 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
7 Comment authors
Rudi RatlosMattsWortvogelEndstillecomicfreak Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Kastanie
Kastanie

Korrektur: Die Mehrzahl ist Pokémon, nicht Pokémons. Das wird tatsächlich in 90 % der Fälle falsch gemacht. Und nein, ich bin in dem Universum auch nicht daheim. Aber als junger Steppke hatte ich mal die erste TV-Serie gesehen und auch die Gameboy-Spiele gespielt, und da wurde einem sehr schnell eingebrannt (auch von den Fans aus der Umgebung), dass die Mehrzahl auch ohne „s“ fungiert.

Andreas
Andreas

Vielen Dank für die Kritik.
Der Pokémonfilm interessiert mich zwar nicht aber The Silence wollte ich mir auf Grund des Trailers ansehen.
Das werde ich mir jetzt sparen.

comicfreak
comicfreak

..mir fiel beim ersten Durchlesen einer Werbung auch spontan auf, dass die Gehörlosen in meinem Umfeld sich nicht durch Lautlosigkeit auszeichnen

Endstille
Endstille

ich würde in dieser Fledermauswelt nicht lange überleben…
die bessere Hälfte behauptet, ich würde schnarchen…

Matts
Matts

Nachdem ich Meisterdetektiv Pikachu jetzt auch gesehen habe, möchte ich gern etwas gnädger mit dem Film sein. Auch als Nicht-Pokemon-Fan hat er für mich als kurzweilige Unterhaltung auf jeden Fall funktioniert. Über die meisten Gags hab ich lachen können (bin mir nicht sicher, welche Version der Wortvogel gesehen hat – aber ich denke Ryan Reynolds reißt in der OV einiges raus). Außerdem sah er stellenweise schon richtig gut aus.
Ich gestehe aber auch zu, dass der Plot wirklich auf Kindergartenniveau ist, und ich auch keine Ahnung hatte, was der Bösewicht am Ende eigentlich wollte.
Bei Computerspiel-Verfilmungen lege ich halt auch eine etwas andere Messlatte an – und da befindet sich der Film schon im oberen Feld. Ich nehme was ich kriegen kann ; )

„The Silence“ werd ich mir nach dieser Kritik definitiv nicht mehr ansehen. Aber die Lektüre hat mich gut unterhalten:
-„Ich habe logischer konstruierte Dramen beim „Frauentausch“ gesehen.“
Den muss ich mir merken!

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Gestern auch drin gewesen und selbst etwas ratlos, was der Masterplan nun sein sollte – eine Freundin hatte folgende Theorie: Der Transfer der Seele in Mewto (ala Avatar) ist für den Rollifahrer ja noch nachvollziehbar und der Transfer der restlichen Menschheit ist damit zu erklären, dass Mewto ja (zumindest innerhalb der ursprünglichen 151 Pokemon) das mächtigste Vieh von allen ist und er sozusagen der Herrscher über die Stadt ist – der Rest der Welt ist ja ausgeschlossen, daher natürlich insgesamt immer noch ein eher dummer Plan XD Naja, was will man bei vier beteiligten Autoren am Ende auch erwarten. Heimlicher Star: Enton – und das Pantomime-Vieh XD War insgesamt ok, aber eher ein Prime- oder Netflix-Film für einen verregneten Nachmittag.