Ich entzünde die Fackel, deren Lumpen in das Öl toter Nerds getunkt ist. Dann steige ich in die Katakomben unseres Hauses, lasse brizzelnd die Spinnweben in den Flammen vergehen, und bahne mir den Weg durch das Gerümpel vergangener Jahre. Schwitzend und grunzend schaufle ich Zombie-DVDs, vergilbte Bücher, gekaufte und doch nie gelesene Zeitschriften beiseite, bis ich auf die alte Kiste stoße, die leise quietschend ihre Schätze preisgibt. Das Geek-Kostüm, das nie mehr zu tragen ich mir schwor. Ich schüttle den Staub aus der olivgrünen Feldjacke, zerre eine graue Stoffhose hervor, bediene mich am Stapel nie getragener Fantasy Filmfest T-Shirts, die ich etwas zu optimistisch in „L“ bestellt hatte. Ich höre die Schritte meiner Frau hinter mir, drehe mich nicht um. „Du hattest versprochen, das nicht mehr zu tun“, sagt sie leise. Ich lege unbeirrt die T-Shirts und die Jacke zusammen: „Nicht nur dir, auch mir selbst. Aber sie sind wieder da draußen und irgendwer muss sich ihnen stellen“. Sie seufzt, dem Schicksal ergeben – sie weiß, wen sie geheiratet hat: „Soll ich dir deine Kulturtasche packen?“. Ich nicke knapp und grimmig: „Nur die Zahnbürste und einen Rest Zahnpasta. Bürste, Deospray, Rasierer – all das werde ich nicht brauchen. Nicht dieses Wochenende.“

Festival-Time!

Natürlich hat Doc Acula das Festival wieder so gelegt, dass ich gleich nach dem Hochzeitstag mit der Gattin den Koffer packen musste. Und natürlich ist schon der Zeitplan eine Herausforderung oder eine Beleidigung, je nach Sichtweise: weil der olle Doc auch nach zehn Jahren noch keinerlei Mitspracherecht hat, muss um den Hauptabendfilm im Nürnberger Kino drum herum programmiert werden. Von 18.00 Uhr bis 21.00 Uhr gibt es deshalb jeden Tag eine dreistündige Lücke. Nun gut, kann ich wenigstens ordentlich essen oder die Reviews mal ausnahmsweise NICHT am Vormittag im Hotelzimmer schreiben.

Aber das ist noch nicht alles: Weil der Doc zu faul ist, ein ordentliches Programm zusammen zu stöpseln, gibt es heuer gleich zwei WIEDERHOLUNGEN (Voyage of the Rock Aliens und Space Mutiny) sowie mit „They call me Jeeg Robot“ einen Film, der eher zum Fantasy Filmfest passt – wo er dementsprechend auch 2016 schon lief.

Wäre der Rest des Programms nicht so schön bunt, der Doc nicht so hilflos, und die übliche Bande aus Basterd-Veteranen nicht so freudig wiederzusehen – man müsste sich ärgern. Stattdessen bestellt man ein paar Kartons Pizzabrötchen bei Dominos, nimmt in der ersten Reihe Platz und harrt der cineastischen Verbrechen, die da kommen werden.

Thema des ersten Abends: Ninjas. Das hat Tradition. Everything is better with Ninjas.


Commando Ninja

Den Einstieg machte diesmal „Commando Ninja“, ein Masturbationsvorlage für Cannon und Carolco Fans, ein fiebriges „Best of“ (oder „worst of“) aus „Rambo,“ Predator“, „Terminator“, „Highlander“, „Mad Max“, „Bloodsport“ und diversen anderen VHS-Krachern, lose zusammen gehalten von einem Nichts an Story und jeder Menge 80er-Schmalz.

In kurz: ein muskelbepackter Spacken (Eric Carlesi, der aussieht wie Jason Momoas Stunt-Double) will seine Tochter retten, die von einem Ex-Kumpan aus Vietnamzeiten entführt wurde, der vom Wissenschaftler Kinsky zu einem Roboter umgebaut wurde. Warum? Was weiß denn ich?! Der Wissenschaftler befehligt außerdem einen Super-Ninja, der sich unsichtbar machen kann. Hinzu kommen Zeitreisen, Aerobic, ein Garfield-Telefon und viel Blutspuckerei.

Was Benjamin Combes mit wenig (Kickstarter-)Geld, aber mit sehr viel Ahnung von schlechten Filmen auf die Beine gestellt hat, verlangt und verdient Respekt. Das Teil strotzt vor Stunts, Explosionen, Effekten und Fights. Nichts davon ist „gut“ im herkömmlichen Sinne, aber alles ist umso unterhaltsamer. „Commando Ninja“ gehört stolz in eine Reihe von 80er-Hommagen wie „Kung Fury“ und „Turbo Kid“.

Ein perfekter Einstart für das Festival, begrüßt mit Gelächter und Applaus.

Ihr braucht euch gar nicht ärgern, dass ihr nicht dabei ward – den Film gibt es komplett (samt Making of) auf YouTube, allerdings ohne die grandiose depperte deutsche Synchro – dafür mit einer grandios depperten englischen Synchro:


Super Ninja

Den Rest des Abends musste „Super Ninja“ rumbringen, quasi das Original zur Hommage von „Commando Ninja“. In der Tat weisen die beiden Filme viele Parallelen auf, sowohl konzeptionell als auch in konkreten Szenen. Obwohl eine Filmark-Produktion von Tomas Tang, ist „Super Ninja“ keiner dieser aus Restfilmen zusammen gestoppelten Pseudo-Ninja-Filme mit Richard Harrison. Tatsächlich wurden die gesamten 80 Minuten als Vehikel für den hierzulande sträflich ignorierten Ninjafilm-Superstar Alexander Rei Lo gedreht.

„John“ und Spencer sind zwei „Cops“ in „New York“, was ich ungefähr so bereitwillig schlucke wie Harald Juhnke als „Streifenpolizist“ in „Beverly Hills“. Irgendwie will man John was anhängen und schmuggelt Drogen in seine Wohnung. Und irgendwas hat das wohl mit dem Vater seiner Verlobten „Nancy“ zu tun, dessen hoch wissenschaftliches Getue man mit viel Mühe als Versuch identifizieren kann, eine Spritze gegen Drogensucht zu entwickeln. Außerdem will ein maskierter Bösemann das Territorium eines Gangsterbosses übernehmen und setzt dafür die Ninjas der fünf Elemente ein. Ich wiederhole mich: was weiß denn ich?

Für einen Filmark-Film ist „Super Ninja“ überraschend actionreich, halbwegs sauber inszeniert und mit Alexander Rei Lo auch wirklich gut besetzt. Man orientiert sich ein wenig an „Miami Vice“, es gibt Trainingssequenzen und Nancy ist primär dazu da, entweder von den Bösewichten begrabbelt zu werden oder mit John in die Kiste zu springen – was zu einer der gleichzeitig sehenswertesten und grausligsten Sex-Szenen der Filmgeschichte führt.

Ein perfektes „midnight movie“ also? Leider nein – die präsentierte Fassung sah aus wie ein Quicktime-Video von 2003 mit 320×200-Auflösung und völlig übersättigten Farben. Die Hälfte der Besucher dürfte demnächst Augenkrebs kriegen. Man lässt ja bei einem solchen Festival vieles durchgehen, aber das grenzt schon an Frechheit.

Es ist so erschütternd wie wenig überraschend, dass man sich auch diesen Hobel auf YouTube in besserer Qualität anschauen kann als im Kino – allerdings auf englisch und ohne die famose Sexszene:

P.S.: Weil die eigentlich vorab geplante Trailershow nicht funktionierte, spendete Kumpel Reini ein paar Porno-Trailer aus den 70ern. Da kommen nur die Harten in den Garten, oder wie es jemand treffend ausdrückte: „Haarige Angelegenheiten.“



avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: