Ich weiß nicht nicht mehr genau, wann er auf Facebook auftauchte, dann auf meinem Blog, und damit in meinem Leben: Daniel Spiegelberg war irgendwann da. Und was er schrieb, machte mich froh und neidisch zugleich. Froh, weil ich da eine so unglaublich verwandte Seele walten sah – und neidisch, weil er so wunderbar erzählen konnte, weil er so frei war von der Wut und dem Sarkasmus, den mir Leute oft (gerechtfertigt) unterstellen. Daniel war ganz Mensch, und das zeichnete ihn auch in seinem Beruf als Arzt in der Psychiatrie aus. Er gab niemanden auf, richtete über niemanden, war nie stolz, stärker zu sein als die Schwachen. Oder wie ich es meiner Frau mal erklärte: „Der ist wie ich – ohne das Arschloch.“

Und Düsseldorfer auch noch!

Obwohl mein Blog „100 Prozent Torsten Dewi“ heißt, bat ich ihn schon 2015, einen seiner Texte auch bei mir unterzustellen. In „Schmerz“ lässt er uns an einer bösen Verletzung teilhaben. Und in „Psychiatrie in Hollywoodfilmen“ gewährt er uns den Einblick in seine berufliche Expertise.

Daniel hätte ein Blog gebraucht. Ich habe es ihm immer wieder vorgeschlagen, wohl wissend, dass ich es gehasst hätte – weil ich permanent neidisch gewesen wäre.

Sich mit Daniel zu treffen, mit ihm zu reden, Bierchen um Bierchen zu kippen, das war so unfassbar leicht – und man fühlte sich so unfassbar unbeobachtet. Vielleicht zeichnet den wahren Menschenkenner aus, dass er die Menschen kennt, ohne sie durchschauen zu müssen. Ich hatte immer das Gefühl, Daniel kennt mich, Daniel versteht mich, warts and all. Dabei kannte ich ihn kaum. Er spielte sich nicht in den Vordergrund.

Es ist so absurd, im Nachhinein so kindisch, aber ich hatte mich gefreut, Daniel für meine zweite Lebenshälfte als Freund einzuplanen, obwohl wir uns erst ein paar Mal persönlich gegenüber gesessen hatten. Wenn ich auf seine Kommentare antwortete, dann tat ich das immer mit Respekt und Vorsicht – ich wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen. Was er sagte, hatte immer schon Gewicht, bevor ich es gewogen hatte.

Vor ein paar Wochen schrieb ich ihm eine Notiz über Facebook: meine Mutter war schwer erkrankt und brauchte (auch) psychologische Betreuung. Ob er vielleicht jemanden kenne? Ich kam nicht mal zu der Frage, denn Daniel antwortete knapp, es ginge ihm gerade „elend“. Und wenn jemand wie Daniel ein Wort wie „elend“ in den Mund nimmt, dann lässt das keinen Raum für meine eigenen Probleme.

Es war die letzte Nachricht, die ich von ihm persönlich bekommen habe. Die nächsten drei kamen von seiner Frau. Und vorgestern dann die Botschaft, dass ich nie wieder eine Nachricht von Daniel bekommen werde.

Ich habe eine Liste mit ca. 10.000 Leuten, die sich Karma früher hätte holen sollen.

Dick move, Alter, dick move. Ich hatte noch so viel für uns vor. Weißt du, dass meine Frau immer mal wieder meinte „Können wir nicht mal mit den Spiegelbergs nach London fahren?“. Die hat es auch gemerkt. Das wäre gut gewesen.

Du hättest diese Sentimentalität gehasst – scheiß drauf:

“ I can see Daniel waving goodbye
God it looks like Daniel, must be the clouds in my eyes

Lord I miss Daniel, oh I miss him so much

Your eyes have died, but you see more than I
Daniel you’re a star in the face of the sky“
(Elton John, „Daniel“)

Ich wäre gerne mehr und länger dein Freund gewesen. Das hier, das ist zu wenig.



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InaWortvogelcomicfreakAndreasEndstille Recent comment authors
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heino
heino

Ich verstehe dich nur zu gut, vor 10 bzw. 3 Jahren habe ich zwei wirklich gute Freunde auch sehr plötzlich verloren. Das tut immer wieder mal weh. Und jetzt hab ich Pipi in den Augen:-(

Comicfreak
Comicfreak

.. Ich bin rüber ins Lager und heul Rotz und Wasser

Mick
Mick

Ach Mensch. Da heul ich ja schon wieder. Aber das gute Heulen

Danke Torsten, das hätte ihm eine Menge bedeutet. Und mir auch. 💖

Arrian
Arrian

Mein herzliches Beilei! Ich hätte gerne ihn nochmal gesehen!
Gruß Gotti

Dietmar

Schrecklich. Mir fehlen die Worte.

Moepinat0r
Moepinat0r

Ich kenne zwar weder dich, noch Daniel persönlich, aber ich weiß wie es ist einen Menschen zu verlieren, dem man nahe steht. Mein Beileid.

Endstille
Endstille

Sehr schöne Worte von einem Menschen über einen Menschen, welche ich beide nicht kenne.
Jetzt wünsche ich mir, ich würde Euch kennen.
Bleibt alle gesund und passt auf Euch auf…

Andreas
Andreas

Gute Reise Daniel Spiegelberg. Und vielen Dank!

Ina
Ina

Er hat mich als Arzt fast 12 Jahre begleitet. Er sozusagen auch direkt bei mir um die Ecke gewohnt. Was ich diesem Menschen verdanke kann ich nicht in Worte fassen. Es hat mich echt vom Stuhl gekippt. Wenn es gar nicht mehr ging, hat er mir gesagt…..eine Schlacht ist vlt. Verloren, nicht aber der Krieg. Als Arzt und Mensch nicht ersetzbar.

RIP.