USA 2019. Regie: Anthony und Joe Russo. Darsteller: Robert Downey Jr., Josh Brolin, Bradley Cooper, Chris Evans, Scarlett Johansson, Brie Larson, Jeremy Renner, Paul Rudd, Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Danai Gurira, Karen Gillan, Don Cheadle u.a.

Story: Thanos hat die Hälfte aller Wesen des Universums verschwinden lassen. Die verbleibenden Avenger denken sich einen Plan nach dem anderen aus, um die Ereignisse ungeschehen zu machen. Doch am Ende könnten die zu bringenden Opfer viel größer sein als das, was es zu retten gilt…

Kritik: Ich werde diese Kritik kurz und spoilerfrei halten. Kurz deshalb, weil das Internet vor Endgame-Kritiken aus allen Nähten platzt und ich sowieso spät dran bin. Aber auch deshalb, weil es eigentlich nicht viel zu sagen gibt. „Endgame“ ist ja sowieso nur der zweite Teil und Abschluss einer Reihe von fast zwei Dutzend Filmen, die in ihn münden – es gibt keine radikalen Neuerungen, keine frischen Figuren, keine Brüche des „Marvel way“. Es gibt nur noch das Finale. Wir haben uns lange genug darauf vorbereitet.

„Avengers: Endgame“ ist alles, was wir erwarten konnten – nie weniger, oft mehr, und immer verbissen in die Idee, totales Kino zu sein. Ein „super cut“ der bisherigen Filme, ein „best of“, eine Quintessenz. Mehr noch als alle Charaktere und alle Plots vereint er alle Schicksale seiner Figuren, denn ob unsterblicher Supersoldat oder arroganter Playboy-Milliardär, ob afrikanischer Stammeshäuptling oder New Yorker Highschool-Schüler – alle ihre Wege führten hierher. „Endgame“ ist ein Film über das Schicksal und den Schmerz, den es bringt, sich ihm entgegen zu stemmen. Koste es, was es wolle.

Dass der Streifen aus allen Rohren feuern würde, war zu erwarten. Dass er so ziemlich alle Figuren, inklusive die aus der zweiten und dritten Reihe, nochmal auffahren würde, ist auch keine Überraschung. Aber es gehört schon ein ziemlicher Fanatismus der Macher dazu, die früheren Filme selbst neu einzubinden, sie teilweise in einen anderen Kontext zu setzen und ihre Ereignisse neu zu arrangieren, um den Marvel-Masterplan ein letztes Mal auf links zu drehen.

Macht euch keine Illusionen: „Endgame“ ist ein gnadenloser Film. Für jeden hysterisch komischen Gag bricht er einen seiner Helden, jedem Sieg folgt ein unerträglicher Preis. Hier wird Kasse gemacht mit der Tatsache, dass Marvel seine Figuren perfekt entwickelt haben, dass wir sie kennen, lieben und dass wir wissen, was für sie auf dem Spiel steht. Es wurde geschluchzt im Kino, richtig geheult. Das habe ich bisher bei keinem Superheldenfilm erlebt. Das hier ist – Effekte und Humor inbegriffen – echtes Drama.

Und so schreiten wir sehenden Auges in die letzte Schlacht, trauern um die Gefallenen, nehmen Niederlage um Niederlage hin, rappeln uns auf, versuchen es wieder, weil nicht der Kampf den Helden ausmacht, sondern sein unbezwingbarer Wille. All gave some, some gave all. I can do this all day.

Wer jetzt nicht sehen kann, dass Marvel etwas Einzigartiges geschaffen hat, dessen mythische Kraft weit über die Filme und die Figuren hinaus geht, dem ist nicht zu helfen. Das MCU ist größer als die Summe seiner Teile, es ist vergleichbar mit Star Trek und Star Wars, nur viel perfekter und viel geplanter. Was hier erreicht wurde, hat ein Eigenleben, ist vielleicht eine neue Form von Kino, die erst folgende Generationen wirklich zu würdigen wissen werden. Das MCU ist das „Game of Thrones“ der großen Leinwand und es bleibt Akademikern die Analyse überlassen, warum beide Franchises fast zur gleichen Zeit begannen und zur gleichen Zeit enden.

Das MCU der dritten Phase endet nicht nur, weil Marvel es so geplant hat – es endet, weil es muss. Hier. An dieser Stelle. Es ist auserzählt, die Figuren wie die Macher haben gegeben, was sie konnten. Es ist Zeit, Denkmäler und Grabsteine zu errichten, Orden und Oscars zu verteilen und ganz im Stil von DCI John Luther zu fragen: „Now what?“

Gibt es Kritik? Was kann ich bemängeln? Vielleicht ein zu häufiges Springen zwischen den Teams im zweiten Akt, vielleicht die erneute Giganto-Schlacht im vage-apokalyptischen CGI-Umfeld statt in einer erkennbaren Location, vielleicht eine zu offensichtliche Anbiederung an den #metoo-Zeitgeist, vielleicht winzige Brüche im Flow der Geschichte, die eventuell von „deleted scenes“ auf Scheibe gekittet werden. Aber angesichts des schieren Impacts von „Endgame“ soll das heute kein Thema sein.

Für Marvel-Fans ist das hier der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, die Landung auf dem Mond, der Fall der Mauer. Für Nicht-Marvel-Fans dürfte es der unverständlichste Bildersturm ihres Lebens sein.

Ich sage es in den letzten Jahren immer wieder und heute mit Demut noch einmal: Ich habe vor zehn, fünfzehn Jahren an das Ende der klassischen Erzählkultur geglaubt, an ein endgültiges Absaufen der Blockbuster in lebloses Remmidemmi à la „Transformers“ und „Fast & Furious“. Nicht nur im Kino, auch im Fernsehen. Ich habe mich geirrt. Es ist ein goldenes Zeitalter, wahrlich.

Fazit: Mehr als der ultimative Superhelden-Film – Höhepunkt, Klammer und Quintessenz des gesamten Marvel-Universums. Zelluloid gewordener Graphic Novel-Event, die finale Heiligsprechung des einst verspotteten Comic-Kinos.



avatar
9 Comment threads
2 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
9 Comment authors
MattsDietmarheinoThomas LiesnerMarkus Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Markus

„Für Marvel-Fans ist das hier der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, die Landung auf dem Mond, der Fall der Mauer.“ Das ist unglaublich wahr. Danke.

http://www.sitzkartoffel.de/?p=1505

Thomas Liesner
Thomas Liesner

— Keine Spoiler über Andeutungen hinaus —

Habe ihn auch am Mittwoch mit meiner mittleren Tochter gesehen und unsere Erwartungen wurden voll erfüllt. Interessante Punkte aus meiner Sicht:

* Der Trailer hat sich extrem zurückgehalten, man merkt, dass er nicht von Sony war!
* Einige Überraschungen, was die Erscheinung diverser Helden betrifft.
* Die Verluste waren teilweise unerwartet, ich bin gespannt, inwieweit der Nachzustand noch Thema späterer Filme sein wird
* Schön, dass der Civil-War-Konflikt zumindest noch ein verbales Nachecho bekommen hat
* Die Altriege stand zum Glück im Vordergrund
* Captain America hat die Zeit bekommen, die er in Infinity War nicht hatte
* Die Gigantoschlacht war hier für mich wirklich angemessen und erlaubte einigen Fan-Service
* Der zweite Akt erlaubte einige sehr gefühlvolle Begegnungen, die ich so auch nicht erwartet hatte.
* Bzgl. #metoo ist mir nur ein kurzes „The Women of the MCU“-Moment im Finale aufgefallen, der in der Kürze aber genausowenig störte wie die Beteiligung von Captain Marvel, deren Position als „mächtigste Heldin des MCU“ zumindest im 1:1-Kampf so nicht gehalten werden kann…

Markus

Seh ich alles auch so. Bis auf den letzten Punkt, da ist meine Haltung in beiden Fällen positiver (quasi „yippie“ statt „stört nicht“).

Thomas Liesner
Thomas Liesner

Einige andere Damen im Endkampf habe ich dagegen sehr erfreut zur Kenntnis genommen – aus Asgard, Tonys Verstärkung und natürlich die, welche Thanos fast im Alleingang erledigt hätte ohne Luftunterstützung…
Wie Thanos Captain Marvel los wurde, habe ich erst im Nachhinein mitbekommen, sie ist doch so overpowered wie schon im eigenen Film.
Wird für zukünftige Filme mit ihr schwierig, der Justice Leaque-Film litt (neben zahlreichen weiteren Problemen) ja schon sehr darunter, dass Superman den Rest gar nicht gebraucht hätte, da er jedem anderen Mitglied der Truppe haushoch überlegen war…

Andreas
Andreas

Ich habe es so ähnlich auch an meine Freunde geschrieben. Diese „Comic-Verfilmung“ geht über das hinaus. Comic hatte immer so einen komischen Geschmack, wenn man es mit Verfilmung gleichsetzte – spätestens Marvels MCU Franchise beweist, dass es anders geht. Und Endgame ist die Blaupause, der Beweis, dass es eben anders geht. Gerade, wenn man viele Charaktere unter einem Hut bringen will. Das was in den vorherigen Filmen schon hervorragend gezeigt wurde, ist hier auf die Spitze getrieben worden.

Die „Woman“-Szene war wirklich etwas draufgedrückt. Aber hey – es war gut gemacht. Stört mich daher nicht. Verrückterweise hatte ich schon das Gefühl, dass sie im zweiten Akt echt in Zeitnot geraten sind. Da hätte man ja fast noch ein Endgame Teil 1 und 2 machen können (und nein, es war gut, dass das nicht passiert ist). Gerade der „langsame“ Flow des Anfangs war super.

Und ja – man wird auch etwas müde, ob der Perfektion. „Schon wieder perfekt. Schon wieder genial.“ 🙂 Na gottseidank. Ich kann Marvel nicht genug dafür danken, dass sie gezeigt haben, dass es eben geht (DC, ich rede mit euch). Ob und wie sowas weitergedreht werden kann, bleibt erstmal offen. Endgame ist eine Granate.

S-Man
S-Man

Ich habe ihn als Teil eines Double Features mit gleichzeitiger Mitternachtspremiere gesehen. Ich war hin und weg. Aber einige Details haben mich gestört, so dass ich direkt am Mittwoch noch einmal gegangen bin. Beim zweiten Mal konnte man sich auf Details konzentrieren, aber auch auf die Reaktionen des Publikums, was besonders interessant war.

Danach war klar, die Macher haben alles richtig gemacht. Ja, ich mag die eine oder andere Sache immernoch nicht, aber zu 98% ist das ein Hammer-Film. Das würdigte, denkbare Ende.

Das mit dem #metoo kann ich weniger bestätigen und die paar Sekunden in der Schlacht fand ich ein gelungenes Gimmick.

Ich hatte einen Kumpel mit im DoubleFeature mit Null MCU Vorerfahrung, er meinte er fands spannend (wenn eben dann manche Sachen einfach als gegeben hinnimmt).

Die Schlacht als solche fand ich angemessen – für einen 3h-Film, aber vor allem für einen 22Film-Eposbaud lauter Prügeleien, Gemetzeln und Schlachten.

Thorben
Thorben

Heute Abend 21.00 – boah was ich mich freue :-))))))

Tante Jay
Tante Jay

Okay, jetzt zieh ich mir alle filme noch mal rein. Und DANN geh ich ins Kino.

heino
heino

Wow. Einfach nur wow. Dieser Satz hier fasst perfekt zusammen, was dieser Film zusammen mit IW wirklich ist:

„Für Marvel-Fans ist das hier der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, die Landung auf dem Mond, der Fall der Mauer. “

Gestern lief ja bei SchleFaz noch der „Captain America“-Film von Albert Pyun. Wer den kennt, kann auch einschätzen, wie sehr wir Marvel-Leser vor den ersten X-Men- und Spider-Man-Filmen unter den cineastischen Verbrechen mit unseren Comichelden gelitten haben und was es für uns bedeutet, was Feige & Co. mit dem MCU vollbracht haben. Und nirgendwo wird das klarer als bei diesem Film hier, der sogar mir altem Zyniker stellenweise die Tränen in die Augen getrieben hat. Dabei sind die Russos gar nicht soweit gegangen, wie ich befürchtet hatte, und halten den Bodycount unter den Helden relativ gering. Und es ist echt unfassbar, dass Markus und McFeely hier noch etliche MCU-Filme innerhalb der 3 Stunden zitieren und variieren und fast jede halbwegs wichtige Figur aus den letzten 12 Jahren auch noch unterbringen. Natürlich ist der Film nicht perfekt, es gib ein paar Kleinigkeiten, die man bemängeln könnte. Aber es ist wirklich schwer vorstellbar, dass Marvel hier bei den nächsten Avengers-Filmen noch einen drauf legen kann.

Dietmar

Wir kommen gerade aus dem Kino: Unvergessliches gemeinsames Kino-Erlebnis und dafür bin ich dankbar! Gemeinsam gelacht, gebibbert und getrauert. Wir sind glücklich.

Zum Film: Viel weniger krawallig, als man hätte denken können. Großartige Charaktermomente und schönes Auserzählen der Schicksale.

Wermuts-Tropfen: Hinter uns saßen zwei junge Männer. Passiv-aggressiv und hielten sich für lustig. Einer der beiden mit schulterlangem, fettigem blondem Haar, verpickeltes Gesicht, hatte ein rosafarbenes Tüll-Kleid an und brachte lautstark unter anderem den ältesten Kinowitz der Weltgeschichte nach der Werbung: „So! Wir können nachhause gehen, der Film ist vorbei!“ Die ersten Charaktere erscheinen, er kommentiert, ich drehe mich um: „Leute! Langsam ist mal gut!“ Im Licht der Farm-Szene sehe ich den Tüll-Kleid-Träger die Brille abnehmen und mir eine Blick zuwerfen, der sagt: „Hey! Ich bin selbstbewusst, bin, wie ich bin, lasse mich von Dir nicht unterdrücken, akzeptier das gefälligst!“ Irgendwie ist es aber wohl doch angekommen und sie wurden ruhiger. Am Ende drehten die Spackos wieder auf.

Matts
Matts

Was für ein Film!
Endgame ist episch, es hat Herz, es ist ein befriedigender Abschluss. Nach 10 Jahren haben sie den Kreis geschlossen, und die Art, wie es gemacht haben, war genial und hat mich stellenweise zu Tränen grührt.
Es sind letztlich etwas weniger Figuren auf der Strecke geblieben, als ich vorher angenommen hatte, aber darüber will ich mich nicht beschweren. Und jedes Ausscheiden wurde wirklich gut gelöst.
Ich kann nur noch sagen: Gut gemacht, Schwein-ähhh Marvel! Gut gemacht!