Das Digitale wird oft als der Feind des Analogen angesehen – und ebenso oft ist das falsch. Das Digitale bekämpft nicht das Analoge, das Digitale rettet das Analoge. Denn das Analoge ist vergänglich, schwer zugänglich und schwer zu skalieren. Das Analoge ist auch nur der Träger, ist Medium, nicht Message. Wenn wir die Message erhalten wollen, müssen wir sie vom Analogen trennen. Das macht sie nicht kleiner, sondern größer, weil sie – einmal digital – in die Masse hinein verfügbar gemacht werden kann. Aus Herrschaftswissen wird Allgemeinwissen, aus Ressourcen für Akademiker werden Ressourcen für Alle.

Das klingt vielleicht alles sehr theoretisch und verkopft – darum habe ich ein schönes, vielleicht sogar bezauberndes Beispiel mitgebracht. Es ist ja bekannt, dass ich für die Liebes Land immer wieder Reportagen über altes Handwerk schreibe. Ich treffe Menschen, die ihren Beruf in fünfter oder zehnter Generation ausüben und teilweise noch die Werkzeuge ihrer Urgroßväter nutzen. Was sie mir erzählen, ist Wissen, das morgen schon im wahrsten Sinne des Wortes aussterben kann. Was ich aufschreibe, ist auch ein Dokument für die Nachwelt.

Nun gibt es jede Menge Bestrebungen, alte Filme, Serien und Dokumentation für die kommenden Generationen zu digitalisieren. Aber eine großer Pool an Material wird in meinen Augen sträflich vernachlässigt: Die Archive der Bundesländer, der Bildungseinrichtungen, der Kommunen. Oft genug wurden aufwändige Berichte über das Zeitgeschehen und den Alltag der Menschen produziert und primär an Schulen ausgeliehen. Da lagern noch echte Schätze – vielleicht nicht an knallig produzierten Zeitgeist-Dokus, aber an ernsthaften und informativen Reportagen, die mich teilweise an meine Arbeiten für die Liebes Land erinnern.

Aber es hilft niemandem, wenn Einrichtungen wie das Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte die Filmrollen oder Betacams in den Archiven verrotten lassen. Darum freue ich mich ganz besonders, dass immer mehr Bestrebungen gemacht werden, das Analoge nicht nur ins Digitale zu heben, sondern es auch der breiten Masse – in diesem Fall über YouTube – zugänglich zu machen.

Die Bild- und Tonqualität dieser teilweise spielfilmlangen Dokus ist erstaunlich – da haben Profis an der Konvertierung gearbeitet. Und auch wenn z.B. eine Reportage über einen Mausefallen-Macher in der Eifel von 1980 nicht nach idealer Wochenend-Unterhaltung klingt, kommt doch eine entspannte Begeisterung auf, wenn man sich auf das Thema und vor allem die porträtierten Menschen einlässt. Ich bin der Überzeugung, dass sich heute wieder genug begeisterte Hobby-Drahtbieger und interessierte Teilnehmer für einen Kurs finden würden, um dieses alte Handwerk erneut aufzugreifen.

Man kann nur hoffen, dass mehr öffentliche und semi-staatliche Stellen auf diese Weise ihre Archive für die nächsten Generationen erhalten.



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Andreas
Andreas

Danke für den Hinweis, das wird mir sicher einige Interessante Abende bescheren.

comicfreak
comicfreak

Super.
Ich bin sicher, dass es auch heute dafür interessiertes Publikum gäbe:
https://www.wunschliste.de/serie/zugeschaut-und-mitgebaut

Papa musste sich auf mein Drängen hin das Buch zur Serie holen, und die Puppenwiege kann ich problemlos ohne Vorlage bauen.

mm

Das war eine SO geile Sendung, ich habe sie geliebt!

Stefan

Vielleicht noch ein heißer Tipp: Der Bestand des aufgelösten Instituts für den Wissenschaftlichen Film (IwF) in Göttingen wird von der TIB Hannover sukzessive online gestelt.
https://av.tib.eu/search?f=publisher%3Bhttp://av.tib.eu/resource/IWF_%2528G%25C3%25B6ttingen%2529,stock%3Bhttp://schema.org/OnlineOnly

Daniel
Daniel

Eine meiner Lieblings-Beschäftigungen ist es, Leuten, die was können, dabei zuzugucken. Danke!

takeshi
takeshi

Zu diesem Thema ebenfalls erwähnenswert: Der Letzte seines Standes
http://www.der-letzte-seines-standes.de/
http://www.der-letzte-seines-standes.de/Filmliste/filmliste.html

Eine leider mittlerweile eingestellte Reihe von halbstündigen Filmen die vom Bayerischen Rundfunk in den 90ern ausgestrahlt wurde.
Einzigartige Zeitdokumente.