Es ist ja bekannt, dass ich 1993/94 u.a. für die von mir mitkonzipierte Zeitschrift „TV-Serien“ Seite um Seite rausgehauen habe. Mein Fachgebiet waren dabei die Drama- und Comedy-Serien mit speziellem Fokus auf Genre-Shows. Um die aktuellen Soaps kümmerten sich andere Kollegen.

Nun war ich damals wie heute aber auch immer hinter den kuriosen Geschichten her, hinter den Ausreißern, bei denen der Leser stolpert. So puzzelte ich eine Galerie kurioser Gaststars aus alten „Bonanza“-Folgen zusammen und rekapitulierte die Historie der Gothic-Seifenoper „Dark Shadows“. Sicher nur für eine Nische der Leser interessant, aber ich wollte auch mal MEINE Neugier befriedigen.

Irgendwann kam mir die Idee, eine der ungewöhnlichsten „Serien“ der damaligen Zeit vorzustellen – die fortlaufenden Abenteuer der in den frühen 90ern populären Knorr-Familie:

Natürlich war das Kappes, aber unterhaltsamer Kappes, wie ich fand – konnte man die Hauptdarsteller interviewen? Einen Episodenführer erstellen? Die Dreharbeiten besuchen? Ein in Journalismus gegossener Aprilscherz – aber kein schlechter.

Allerdings fiel mir etwas auf: Ich kannte einige Gesichter dieser urdeutschen Suppenfamilie. Und das nicht aus anderen deutschen Produktionen. So war mir „Mama Knorr“ in einigen Sketchen der britischen Show von „Hale & Pace“ aufgefallen:

Und „Papa Knorr“ war definitiv der britische TV-Schauspieler Bernard Holley, den ich u.a. in der englischen Serie „Auf die sanfte Tour“ gesehen hatte:

Konnte, durfte das wahr sein? Die urdeutsche Suppenfamilie war in Wirklichkeit ein Pack von Inselaffen? Alles Lug & Betrug im Hause Knorr? Skandal! Kundentäuschung!

Ich machte mir die Mühe, Knorr zwei Faxe zu schicken. Im ersten erklärte ich mein Interesse, der Werbekampagne in unserem Heft redaktionellen Platz einzuräumen. Das fand man bei Knorr gut. Im zweiten wollte ich wissen, warum man für eine sehr deutsche Kampagne englische Darsteller anheuerte und synchronisierte. Das fand man bei Knorr nicht so gut. Man verwies mich auf die Arbeit einer Werbeagentur und bedauerte, keinerlei Material zur Verfügung stellen zu können. Außerdem betonte man nachdrücklich, dass der Firma an einer „Enthüllungsstory“ über die Knorr-Familie nicht gelegen sei. Schlechte PR.

Dazu kam es auch nicht. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals den Chefredakteur nicht von der Idee überzeugen konnte oder ob die Einstellung der „TV-Serien“ in unserem Haus der Produktion zuvor kam, aber dieses Geheimnis der 90er blieb bis heute ungelüftet.

Warum ich das 25 Jahre „after the fact“ hier doch noch aufrolle? Ganz einfach: bei einer weiteren Scan-Sitzung sind gestern die beiden obigen Bilder aufgetaucht, die ich mir seinerzeit als „Beweise“ besorgt hatte.

Wenn ich heute drüber nachdenke: Einen Egon-Erwin-Kisch-Preis hätte ich für die Nummer vermutlich sowieso nicht bekommen…



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gerrit
gerrit

Einen Preis nicht, aber das schöne Gefühl, sich Freiheit erarbeitet zu haben. Das schafft man nicht, wenn man eher Murks abliefert.

Teleprompter
Teleprompter

Dass das keine Deutschen waren, hört der gemeine O-Ton Verweigerer doch drei Meilen gegen den Wind, diese superglatte artikulierte Aussprache ist schon mehr als eindeutig Synchronstudio. Wie heutzutage bei dieser schrecklich unnetten „Check24“-Familie, die auch sauber aus aller Herren Länder zusammengecastet und dann eher steif verdeutscht wurde.

Sigur Ros
Sigur Ros

Wobei ich es bei der Check24-Familie aber nicht unpassend finde, dass sie keine Deutschen sind, da die Spot-Reihe ja offensichtlich als Parodie auf US-Sitcom-Klischees angelegt ist, da passen US-Darsteller (zumindest der dicke Vater ist Ami) und schlechte Synchronisation ja gut ins Bild. Die Knorr-Familie sollte hingegen offensichtlich deutsch sein.

Comicfreak
Comicfreak

Dafür liebe ich dein Blog

Fake
Fake

Das erinnert mich an die letzte Bundestagswahl: Da war es schon ein „running Gag“, das immer wieder politische Akteure Stockfotos zur Illustration ihrer Themen verwendeten – die „typisch deutsche“ Familie bestand aus US-CAN Models, die „Flüchtlinge“ waren britsche, in GB geborene Staatsbürger usw usf.

Bei Werbung ist halt vieles Fake .. 😉

Matts
Matts

Superinvestigativ!

Dietmar

Die Synchronstimme des Papas kommt mir so bekannt vor! Keine Ahnung, woher. Wahrscheinlich andere Werbung. Aber abgesehen, dass man deutlich, dass die Lippenbewegungen nicht dem Gesprochenem voll entsprechen, passt die Stimme auch irgendwie nicht: Zu sonor und damit unglaubwürdig. Das ist auch etwas, was mich an der „Jever Fun“-Werbung stört (finde ich jetzt nicht). Klingt, wie mit Meerwasser gegurgelt, passt aber irgendwie nicht.

J. Soutryer
J. Soutryer

Der Einfachheit halber recycle ich einen Kommentar, den ich kürzlich unter einem YT-Video der „Knorr-Familie“ hinterlassen habe, wo es genau um die Frage der Schauspieler und der Synchronisierung ging: Ich meine auch den „Opa“ schon mal in England im Fernsehen gesehen zu haben. Wobei der Opa allerdings von einem wirklich tollen deutschen Schaupieler synchronisiert wird, nämlich von Alf Marholm – einem breiten Publikum vielleicht noch als „Verwaltungschef“ der „Schwarzwaldklinik“ in Erinnerung. Aber auch solche Schaupieler wie Marholm mußten ab und zu auch mal so etwas machen, damit bei ihnen der Kühlschrank gefüllt war und etwas auf den Tisch kam – und sie nicht von „Knorr“ leben mußten…

Noch 2 bis heute bekannte Werbe-„Ikonen“ waren übrigens auch nicht deutsch. Zum einen die „PALMOLIVE-TILLY“, die als Kosmetikerin allen Ernstes die Hände ihrer Kundinnen mit Geschirrspülmittel shampoonierte (da muß man erst mal drauf kommen!). Das war eine amerikanische Werbung (dort hieß sie „Madge“) mit der amerikanischen Schaupielerin Jan Miner.
Und dann der distinguierte TCHIBO-MANN, der mit seinem dunklen Anzug und seinem steifen Homburg durch die Urwälder streifte, um dort Kaffee für Tchibo zu kaufen. Wenn ich mich recht erinne, stand der auch als Pappfigur vor Tchibogeschäften herum. Und was war ich beeindruckt, als einer meiner Onkel mir kleinem Knirps damals mal erzählte, daß er dem Tchibo-Mann tatsächlich in einer Düsseldorfer Altstadt-Kneipe begegnet war – der sei aber in Wirklichkeit Engländer! In der Tat: die Werbung war zwar deutsch, aber der freundliche Herr war ein Anglo-Südafrikaner namens Wensley Pithey, der eine durchaus beachtliche Karriere als Charakterdarsteller in Filmen hatte – aber als „Tchibo-Mann“ wurde er „in Deutschland weltberühmt“. Und wenn ich mich nicht sehr täusche, dann klang auch der Tchibo-Mann verdächtig nach Alf Marholm: https://www.youtube.com/watch?v=DabzEYmh9Kw