Ich lese Slate ganz gerne – die haben gute Texte, interessante Themen und sind generell pragmatisch-liberal. Natürlich fahren sie mitunter auch diesen SJW/LGBTQ-Quatsch, bei dem man sich als weißer heterosexueller Mann schon beim Lesen vorsichtshalber wegducken möchte, aber das hält sich im Rahmen. Die Science Fiction-Webseite io9 ist da schlimmer.

Nur mit Vorsicht und sehr guter Laune kann ich allerdings die Berater-Kolumne „Dear Prudence“ lesen. Hier oszilliere ich regelmäßig zwischen Entgeisterung und Fremdschämen, zwischen Faustindertasche und Knotenimmagen. Warum ich mir das trotzdem antue? Weil „Dear Prudence“ eine exzellente Spiegelung amerikanischen Befindens darstellt – die Fragen wie die Antworten. Wer wissen möchte, welche Sorgen unsere Freunde auf dem Kontinent wirklich umtreiben und was aktuell die zwischenmenschlichen Gepflogenheiten sind, der ist hier genau richtig.

Um das zu illustrieren, präsentiere ich an dieser Stelle einfach mal die drei Leserbriefe, die ich heute bei Slate gelesen habe.

Den Anfang macht eine Dame, die offensichtlich andere Probleme hat als das Eheglück ihrer Tochter. Ihr Schwager ist mitsamt der Frau und den drei Kindern zur Hochzeit angereist – ein Millionär mit 50 Millionen auf der Bank. Obwohl alles tuffig und super war, kam der Schock beim Öffnen seines „Geschenks“, typischerweise ein Umschlag mit Scheck oder Bargeld:

„It was stuffed with used bills—10s and 20s totaling a completely random amount ($290). It looked like they passed the hat and gave the money from their pockets. We were taken aback by the lack of care and the amount, which barely covered two plates. It was by far the smallest gift per person. Obviously, the bride and groom can be nothing but grateful, but the gift felt like a slap in the face. My daughter is wondering if she did something wrong, or if they were expecting hot dogs and soft drinks (at a country club!). Is it possible that a bunch of rich 25- to 40-year-olds have no idea how much a wedding costs? My son wants to message one of the cousins and tell them they were out of line and that they should have at least tried to cover the cost of having them attend the wedding.“

Die haben allen Ernstes die Kosten pro Person aufgerechnet und erwarten, dass jeder Gast MINDESTENS das Äquivalent an Cash rausrückt. Und ein Millionär muss natürlich noch mehr abdrücken – wozu hat man reiche Verwandtschaft? Mir war durchaus bewußt, dass Amerikaner in Sachen Hochzeit zu krankhafter Perfektion und finanziellem Overkill neigen, aber die schiere Oberflächlichkeit, die Geldgeschenke gegen den Aufwand hochzurechnen, erschüttert mich dann doch. Eine Hochzeit ist kein Konzert, das Gewinn abwerfen muss. Und vor allem geht es die Brautmutter nix an.

Nicht weniger schockiert hat mich allerdings die Antwort von „Prudence“. Ich unterstelle, dass jeder deutsche Lebensberater die Frau a) angewiesen hätte, sich nicht in die Angelegenheiten ihrer Tochter einzumischen und b) eine Hochzeit nicht nach Dollar und Cent zu berechnen, sondern nach dem Glück, das es von allen Seiten zu verteilen gibt. Denkste:

„I would send a polite thank-you note for the gift (to whatever millionaire seemed most responsible for getting the card signed), privately thank my stars that most of the people in my life are not so boorish, and enjoy my honeymoon, and that’s what I think your daughter should do. You, luckily, do not have to do anything, although you do get to (and should!) feel superior to a group of millionaires.“

Wie gesagt: Amerikaner und Hochzeiten. Die haben sie nicht alle.

Prudence heißt übrigens wörtlich übersetzt „Besonnenheit, Umsicht, Klugheit“.

Zweites Beispiel: Ein Typ sitzt im Flieger neben einer sichtlich betrunkenen, schlafenden Frau. Er macht ein Foto, postet es auf Facebook und seine Buddies lassen ein paar dumme Sprüche los:

„A not-especially-close friend of mine, “John,” posted a picture on Facebook of an intoxicated woman sitting next to him on an airplane. A few of the comments were alarming, but one stood out in particular. One of John’s friends, “Adam,” told him he should “cop a feel.” Then he added: “Put her legs up on your lap. See how far you can go. If she wakes up, BLAME IT ON HER.”

Arschiges Verhalten, aber unter Jungs nicht ungewöhnlich und vor allem: sehr klar als Scherz erkennbar. Das kommt bei der Briefeschreiberin allerdings nicht an:

„I was so angry. I wrote that if John actually did this it, it would be assault. Adam said I should relax and that he was joking.“

Böser Fehler. Im #metoo-Wahnsinn zu fordern, jemand solle doch nicht gleich so ein Fass aufmachen, schaukelt die Sache nur höher. Und richtig:

„I’ve looked Adam up, and he’s a vice president at an electronics company. He is in a place of power and privilege, and it kills me that he would publicly encourage a man to do that to a woman. I’ve written about the exchange on social media, but beyond that, what should I do? Do I contact his employer?“

Ohne Scheiß: Die hat den Arbeitgeber eines Kumpels eines Bekannten rausgesucht, um ihn bei seinem Arbeitgeber wegen ein paar labberiger Facebook-Sprüche anzuschwärzen. Vor allem natürlich, weil er „in a place of power and privilege“ ist – der hat richtig was zu verlieren, da lohnt es sich. Man kann sich auf die Schulter klopfen und feiern lassen. You go, girl!

Wieder wäre meine Reaktion: runterkochen und sich nicht einmischen. Es ist nicht mal was passiert, da kann man sich auch einfach den Schuh nicht anziehen. Sie war schließlich weder Beteiligte noch Betroffene. Aber sag das mal Prudence:

„Absolutely, you should share your concerns with Adam’s employer; this man publicly told another man to sexually assault an unconscious woman on an airplane and then blame it on her when she woke up, used his full name to do it, and then laughed it off when someone tried to challenge him on it. There’s no reasonable expectation of privacy here. Get in touch with his boss or HR and include screenshots of your conversation.“ 

Shoot the bastard!

I just can’t. I can not. I have lost the ability to can.

Und zum Abschluss nicht mal eine Frage und eine Antwort – nur ein Absatz, der zeigt, wie kaputt das Dating-Verhalten im 21. Jahrhundert ist:

„I met a guy on a dating app, and after a few weeks of hooking up, he told me he was developing feelings for me and asked if I’d be interested in a relationship. I was thrilled! I told him yes, and so far it’s been a dream.“

Man trifft sich per App, rammelt ein paar Wochen, dann gibt es ein Gespräch: „Du, ich habe da auch irgendwie Gefühle bei entwickelt, wäre eine Beziehung für dich vorstellbar?“

Ich hatte berufliche Meetings, die mehr Romantik ausstrahlten.

Oder um es anders zu sagen:



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Dummvogel
Dummvogel

„Man trifft sich per App, rammelt ein paar Wochen, dann gibt es ein Gespräch: „Du, ich habe da auch irgendwie Gefühle bei entwickelt, wäre eine Beziehung für dich vorstellbar?““
Wie denn sonst? Per Beziehungs-Formular AA23?

Lothar
Lothar

> Man trifft sich per App, rammelt ein paar Wochen, dann gibt es ein Gespräch: „Du, ich habe da auch irgendwie Gefühle bei entwickelt, wäre eine Beziehung für dich vorstellbar?“
>
> Ich hatte berufliche Meetings, die mehr Romantik ausstrahlten.

Da muss ich spontan an Haindling denken: https://www.youtube.com/watch?v=uj060ekWhc4

Flossensauger
Flossensauger

Kannst du noch mal kurz den link geben, wo du über deine Hochzeit bloggst? Danke!

Dietmar

Da wird mal wieder eine selbstgemachte Hölle geschaffen. Und auf der anderen Seite surft der orange Utan auf „Locker room talk“. Unglaublich.

Illen
Illen

Aber locker room talk ist doch die selbe Seite, nicht die andere. Private Gespräche, in denen man sich gegenüber Freunden und Bekannten, die einen mutmaßlich etwas besser kennen, auch mal unüberlegter ausdrückt, oder härtere Witze macht, oder oder.

Es hat Trump ja auch bekanntlich nicht geschadet. Ich halte Slate und insbesondere Dear Prudence (ua!) deshalb auch nur eingeschränkt für einen Spiegel amerikanischer Befindlichkeiten. Eher ist es ein Spiegel des Teils, der Demokraten wählt, komme was wolle, und des eher kleinen Teils der aktivistischen sjw/blm/lgbtq-Gemeinde.

Was natürlich auch etwas über Amerika aussagt, sicher!

Illen
Illen

Achso, du meintest mit andere Seite gerade, dass es ihm nicht geschadet hat. Mein Fehler sorry! 🙂

invincible warrior
invincible warrior

Hochzeit: Wir haben die selbe Situation in unserer Familie. Die Familie meiner Tante legt SEHR viel Wert auf Status (typische mein Auto, mein Haus, mein Boot). Die nehmen also jede Gelegenheit mit, um damit zu protzen – auch gerne über deren erfolgreiche Schwiegersöhne mit ihrem Benz. Jedenfalls waren die alle (insgesamt 6 Erwachsene + 4 Kinder/Jugendliche) sowohl bei der Hochzeit meiner Schwester und meiner eingeladen, gegeben hatten die auch nur ca. 150 Euro plus Rosen. Das hat uns dann in meiner Familie auch nicht gefallen – wer groß angibt, der soll auch was zeigen.
Ich erwarte bestimmt nicht, dass jeder Gast hier die Kosten der Hochzeit wieder einbringt, ich will ja nur die Hochzeit feiern, die meine Frau sich wünschte. Aber manche Menschen zeigen da leider echt Ignoranz und fehlendes Benehmen – wenn das dann „Blutsverwandtschaft“ ist, ist das schon enttäuschend.

Beziehung: Das mit den Gefühlen ist so ein Ding, bei den amerikanisch/englisch geprägten Ländern. Für die ist love/feelings echt ein Ding, das erst ausgesprochen werden muss und dann auch ein echtes Ding draus gemacht wird. Habe das in Deutschland so nie erlebt mit Beziehungen. Das liegt imo auch daran, dass die in diesen Ländern eben offener/schneller Freundschaften schließen, die halt auch viel flacher sind als das was ein Deutscher Freundschaft bezeichnen würde. Das scheint dann wohl auch ähnlich mit Beziehungen zu sein.

Trollbart
Trollbart

„Wer groß angibt, der soll auch was zeigen“ ist vielleicht nicht die beste Einstellung, mit der man als Empfänger eines Geschenks an das Thema Geschenke herangehen sollte. Könnte man als Ignoranz und einen Mangel an Benehmen fehldeuten…

Zeddi
Zeddi

Hmmm, bei der Hochzeits-Geschichte bin ich son bisschen geteilt. In den USA ist man da tatsächlich oft recht teuer. Oft ist es wohl üblich für alle Gäste Hotelzimmer zu bezahlen, und die Hochzeit findet dann auch in diesen Hotels statt. Das ist alles nicht gerade Günstig.

Die Details sind schwierig. Haben die eine „Standard“ Hochzeit der „eigenen“ Preisklasse gewollt und bekommen, muss man halt imho damit rechnen das XYZ vill. nicht voll Zahlen. Das ist imho nur ein „Ist schön wenns so halbwegs die Kosten deckt, wenn nicht, naja wir haben die Party halt veranstaltet und müssen es bezahlen.“

Auf der anderen Seite, wenn eine bestimmte Seite der Familie gewisse „erwartungen“ hat wie „hochwertig“ so eine Hochzeit zu sein hat, und man die „für die“ so gestaltet, weil man weis man wäre sonst bei der Familie unten durch und die „möchten das so“ und kommunizieren das so „halb“, also natürlich „Zwingen“ sie einen nicht dazu, und man ist ja eigentlich „frei“, aber eigentlich weiß jeder was sache ist …

… dann finde ich es schon fair das der „Reiche“ Teil der das mit zu verantworten hat halt auch zumindest einen gewissen beitrag leistet.
Weil genau die sonst auch Pike-Beleidigt wären wenns nur die Kirchliche Trauung und dann ab in einen Pub geht, die erste Runde aufs Brautpaar jeder danach für sich, und niemand wie „Traditionell“ die Zimmer zahlt.

Flugzeug> Schreibt halt nicht son scheiss.
Wenn jemand sowas „Im Scherz“ schreibt … ich hab oft erlebt, als Mann, das genau die Leute dann nach X Jahren irgendwann auch die sind die dann wirklich „Hand anlegen“. Macht denen Klar das son verhalten scheisse ist.
Schon bei nem „Lustigen“ schreiben.
Wir haben viele lustige WA Gruppen und gespräche. Vieles auch „Unter der Gürtellinie“ – wirklich ich bin da für jeden spaß zu haben.
Aber auch nur andeuten das es irgendwie Lustig ist die beine von schlafenden Sitznachbarinnen (Oder Nachbarn) zu Berühren … Nein, wirklich, das ist genau die Richtung die irgendwann zu krasseren sachen führt.
Schreibt lieber das ihr denen nen Marienkäfer ins gesicht malen wollt. Genauso Lustig, aber Harmlos.

3. Full Ack, da kann man nur zustimmen 🙂

Lutz
Lutz

Zu der Hochzeits-Geschichte: Ich finde das auch krank, aber ich habe bei Recherchen, als ich vor Jahren einmal damit rechnen musste, zu einer amerikanischen Hochzeit eingeladen zu werden, festgestellt, dass dieses Aufrechnen nicht unüblich ist. Ich habe jede Menge Ratgeber im Netz gefunden, die genau diesen Ratschlag gaben, dass man zusehen sollte, dass man mit seinem Geldgeschenk über den Geldwert, den die Brautleute für einen ausgeben, kommt. Wie gesagt, albern, aber so ist es wohl. Allerdings kann ich mir schon vorstellen, dass man sich leicht geplättet fühlt, wenn man feststellt, dass ausgerechnet die Person auf der Feier mit dem meisten Geld, noch dazu ein näherer Verwandter, den geringsten Wert schenkt. Ich würde darüber allerdings kein Fass aufmachen, aber eine kleine mentale Notiz, und sei es nur für eine beschwenkte Anekdote im angetrunkenen Freundeskreis, würde ich mir schon machen.

Bei der Flugzeuggeschichte muss ich dir in soweit zustimmen, dass ich es für absolut falsch von der derzeitigen Prudence halte, das Anschwärzen des Kommentar-Posters gutzuheißen. Ich denke nicht, dass man da einen gesellschaftlichen Auftrag für sich herausziehen sollte, andere Menschen vor unüberlegt gemachten Kommentaren zu warnen.
Andererseits ist es aber nun einmal so, dass durch diese ganzen Möglichkeiten, seine Meinung im Internet kundzutun (Facebook, Twitter, Youtube, Blogs, Kommentare zu Blog-Einträgen…..) wir im Moment an einem Punkt sind, wo alle diese Posts noch ernst genommen werden. Gerade in den USA siehst du ja selbst in den Nachrichten immer wieder die Rubriken, in denen geschaut wird, was Twitter zu diesem oder jenem umgefallenen Sack Reis sagt. Der Präsident der USA macht seine meisten Ankündigungen per Tweet und all diesem Scheiß wird Gewicht gegeben. In sofern denke ich doch, dass man soviel gesunden Menschenverstand haben sollte, dass man es für möglich hält, dass jemand anders den Witz in einem Kommentar nicht versteht oder sogar, wenn es um derzeitige heikle Themen geht, Konsequenzen fordert. In sofern: Scheiß Ratschlag, aber trotzdem kein Mitleid für den „Täter“ von mir.

Und zu deinem letzten Rant: Ich denke, man muss heutzutage akzeptieren, dass das Kennenlernen über Social Media gleichwertig ist mit jeder anderen gängigen Kennenlernmethode. Auch eine Person, die ich auf einer Party kennenlerne, kann ich wochenlang rammeln und dann fragen, ob wir nicht die Beziehung intensivieren wollen. Da ist zwar die romantische Note in der Kennenlerngeschichte dann nicht so stark, aber die wird eh überbewertet. Ich finde, wichtig ist, was dabei rauskommt. Als Schwuler möchte ich noch hinzufügen, dass ich meinen Partner vor nunmehr 5 Jahren durch ein Sex-Date über eine Dating-App gefunden habe. Warum ich dabei unbedingt dazusagen musste, dass ich schwul bin? Weil gerade Menschen, die nicht 100%ig der Norm entsprechen wesentlich weniger Möglichkeiten haben, gleichgesinnte zu finden. Man kann nicht bei jedem Menschen, den man auf der Straße sieht, automatisch annehmen, dass der Andere in derselben Weise von der Norm abweicht wie ich und läuft im Extremfall sogar Gefahr, sich eine gewalttätige Abfuhr abzuholen. Außerdem ist nicht jeder in der jeweiligen Szene der Normabweichler zu Hause. In sofern hilft das Internet dabei schon sehr schön und dass sich dabei aus einem ONS eine lockere Beziehung oder sogar irgendwann eine feste Beziehung entwickelt, halte ich für durchaus vertretbar. Daher denke ich auch, dass Menschen, die voll der Norm entsprechen, ebenso das Recht haben, auf diese Art einen Partner zu finden, Wir können nicht alle darauf warten, dass unser zukünftiger Partner vor uns auf den Fußboden stolpert oder als Hollywood-Star zufällig in unseren kleinen Buchladen läuft.