Ich habe in den letzten Tagen damit begonnen, mich mal wieder in ein paar aktuelle Serien einzuschauen. Das geht bei mir nach Schnauze: ich sehe was, ich schaue das. Es hilft, wenn es eine Genre-Serie ist – muss aber nicht.

Origin

Irgendwann in der ferneren Zukunft: Eine Handvoll Passagiere eines Transportschiffs zu einem neuen Kolonistenplaneten erwacht. Das Schiff, eigentlich temporäre Heimat für tausende Neuanfänger, ist praktisch verwaist. Und ETWAS hat sich eingeschlichen…

„Origin“ ist eine Produktion von YouTube und beginnt recht vielversprechend als Mischung aus „Alien“ und Harlan Ellisons „The Starlost“ – reichlich gesprenkelt mit Ingredenzien von Paul W.S. Andersons „Event Horizon“. Der Mann ist schließlich Produzent und hat auch die ersten beiden Episoden inszeniert.

Das ist teuer produziert, erzeugt mit viel CGI einen erstaunlichen Realismus und ist in seiner Härte und den knapp getakteten Spannungssequenzen eine erfreuliche Abwechslung zum TV-Einheitsbrei. Dass die Charaktere und ihre Darsteller sehr offensichtlich um der Vermarktung willen albern international gecastet wurden? Damit kann ich leben. Dass der deutsche Schauspieler in der Riege ausgerechnet eine Figur namens „Baum Arndt“ spielt? Ein neues Beispiel für ein altes Problem.

Hauptsächlich krankt „Origin“ daran, dass hier eine Filmstory auf zehn einstündige Folgen gestreckt wird und man sich teilweise in einem Survival-Horror-Game wie „System Shock“ wähnt, ohne selber mitspielen zu können. Es ist zu wenig Fleisch für zehn Stunden vorhanden und die permanenten Spähereien in leere Korridore und von knalligen Geräuschen begleitete Schreckmomente ermüden dann doch irgendwann. Der Versuch der Macher, das durch üppig bebilderte Rückblenden der Figuren aufzufangen, bremst den Vorwärtsdrang der eigentlichen Geschichte dann noch mehr.

Ich verstehe ja das Problem: Die Sets, die CGI, die Darsteller, das muss amortisiert werden. Da verlangt die Produktionsfirma gerne mal 10 Episoden, wo eigentlich nur 3 drinstecken. Aber es reicht eben nicht, die Dramaturgie dann lediglich zu strecken. Ein Kaugummi, das man immer mehr zieht, wird immer dünner. Und „Origin“ ist am Ende dann doch ziemlich dünn.

Fazit: Sehr aufwändig produzierter B-Horror mit allen Zutaten, der sich am Versuch verschluckt, zu wenig Substanz über zehn Folgen zu retten.


A Discovery of Witches

Diana Bishop arbeitet als Historikerin in Oxford. Sie weiß, dass sie eine Hexe ist, hält sich aus den Streitigkeiten der drei Fraktionen (Hexen, Vampire, Dämonen) aber konsequent heraus. Das ändert sich, als sie unerwartet Zugang zum Alchemie-Klassiker Ashmole 782 bekommt, in dem die Herkunft der Vampire erläutert wird. Schon bald weicht der charismatische Blutsauger Matthew Clairmont nicht mehr von ihrer Seite – das Buch und Diana selbst könnten der Schlüssel zur Zukunft sein…

Von der Serie hatte ich gar nichts gehört und war nach der Pilotepisode rechtschaffen begeistert – üppige Aufnahmen von Oxford und Venedig, die sehr aparte Teresa Palmer und der immer überzeugende Matthew Goode, dazu eine erfreulich unaufdringliche Inszenierung ohne größeren Effekt-Schnickschnack. Ein geschmackvoller Grusel-Thriller mit ordentlich gebautem Okkult-Universum demnach?

Leider nein. Auch „A Discovery of Witches“ geht mit fortschreitender Folgenzahl linear die Luft aus. Das bisschen Story, was uns hier präsentiert wird, hätte wieder einen guten Dreiteiler gefüllt, aber niemals acht Stunden. Die ersten vier Folgen sind endlose Wiederholungen der Frage, wieso Diana das Buch rufen konnte und ob sie es wieder tun könnte, während der Rest der Episoden sich ausschließlich um das interne politische Gezerre der Kongregation dreht. Die elegante und schnittige Optik kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Dramaturgie mit zähflüssig noch freundlich beschrieben ist. Ist man anfangs noch begeistert, ist man bei Folge 3 nur noch zufrieden, bei Folge 5 etwas gelangweilt und bei Folge 8 dann endgültig genervt.

Ich hatte über das Dilemma des vertikalen Storytellings ja schon geschrieben – bei „Origin“ und „A Discovery of Witches“ ist es besonders offensichtlich. Allerdings sind die Gründe bei „Discovery“ andere als bei „Origin“: Die Serie kann nie verhehlen, dass sie auf einem sehr offensichtlichen „Twilight“-Abklatsch basiert und dass man entschlossen war, aus JEDEM der drei Bände eine Staffel zu pressen. Die Figuren sind so entsetzlich aus dem Baukasten, von der hübschen, aber verschüchterten Diana über den charismatisch-dunklen Matthew bis zur üblichen Riege an Freunden und Verwandten. Wer das Genre kennt, kann wirklich jeden Twist vorhersagen. Dass die achte Folge mit einem sehr abrupten Cliffhanger endet, ist nur deshalb verzeihlich, weil die nächsten beiden Staffeln schon eine ausgemachte Sache sind.

Fazit: Optisch elegant und überzeugend besetzt, krankt „A Discovery of Witches“ mit zunehmender Laufzeit an den ausgelutschten Klischees des Frauengrusels, die vielleicht einen TV-Film, aber keinesfalls eine ganze Staffel tragen können.


The Little Drummer Girl

Ich gestehe – wir haben von der Neuverfilmung des John le Carré-Romans nur die erste Folge angeschaut. Zu mehr hat es nicht gereicht. Ich bewundere den Mut, den koreanischen Regie-Virtuosen Chan-wook Park eine Miniserie über die terroristischen Verstrickungen von Deutschland und Israel in den 70ern drehen zu lassen, aber bei allem gelungenen Lokalkolorit fehlt es einfach an den Figuren, die ich sehen MÖCHTE, an den Helden, an den Bösewichten. Florence Pugh, Alexander Skarsgård und Michael Shannon sind kein Ersatz für Hugh Laurie, Tom Hiddleston und Elizabeth Debicki in „The Night Manager“ – eine Miniserie, der „Little Drummer Girl“ sichtlich nacheifert. Hier wirkt alles zu dumpf, zu braungrau, zu sehr gefangen in einem sehr stickigen Jahrzehnt mit katastrophalen Frisuren und lächerlichen Brillen.

Fazit: Komplexer Spionage/Terrorismus-Thriller, der extrem von seiner Zeitperiode lebt und dessen Reiz mit der Begeisterung für diese steht und fällt.


Tell me a Story

New York. Menschen aus unterschiedlichen Schichten, unterschiedlichen Kulturen, mit  unterschiedlichen Problemen und unterschiedlichen Konflikten. Da sind das junge Mädchen mit roten Regenmantel, die drei Bankräuber mit den Schweinemasken, das linksliberale Paar und die exzentrische Großmutter. Ihre Wege kreuzen sich und kaum ein Happy End ist in Sicht.

Man sollte nicht unterschätzen, dass Kevin Williamson neben J.J. Abrams und Joss Whedon zu den Erneuerern sowohl der TV-Dramaturgie wie auch des Genre-Kinos gehört. Er hat mit „Dawson’s Creek“ in den 90ern das Teen-Drama neu definiert und mit den „Scream“-Filmen den postmodernen Horror erfunden. Alles, was heute ist, baut auf die Arbeit des Trios Williamson, Whedon und Abrams auf und wurde gegen harte Widerstände erkämpft (exzellente Lektüre dazu: das Buch „Season Finale“).

Man kann argumentieren, dass Williamson es sich nach ein paar misslungenen Projekten („Cursed“) in sicheren Gewässern bequem eingerichtet hat – dass ausgerechnet er die lächerlichen „Vampire Diaries“-Romane zur Edel-Soap aufgehübscht hat und mittlerweile sogar zwei Spin-Offs laufen, das lässt mich schon die Faust in der Tasche machen. Aber man kann nicht jeden Tag das Fernsehen revolutionieren.

„Tell me a Story“ ist Williamsons neustes Baby und wieder erheblich mutiger, als man nach der oberflächlichen Inhaltsangabe meinen möchte. Die Idee, Fabelwesen in die Gegenwart zu verlegen, ist ja wahrlich nicht neu – „Grimm“ hat das ebenso gemacht wie „Once upon a time“ oder die gescheiterte Serie „Sleepy Hollow“.

Aber „Tell me a Story“ geht die Idee anders an. Ja, hier werden die Protagonisten diverser Grimm-Märchen in eine modernes Setting gestellt, aber es ist keine Fantasy. Die moralischen Dramen, die Grundlage für die Märchen sind, interessieren Williamson mehr als die phantastischen Elemente. So ist Rotkäppchen eine früh versexte Lolita und der Wolf ein Lehrer ihrer Schule, den sie in einem Club abgeschleppt hat. Die drei Schweinchen sind Kleinkriminelle, denen ein Raubzug übel schief läuft. Und Hänsel und Gretel? Nach der Pilotfolge schwer zu sagen.

Es ist eine erwachsene Soap mit großem Cast vor großer Kulisse, hartes Drama ohne den beruhigenden Schleier der Fantasy, vollgestopft mit Drogen, Sex und Gewalt. Man hat keine Sekunde lang das Gefühl, dass in dieser Welt die Guten gewinnen und die Bösen in ihre Schranken gewiesen werden.

Fehlerlos in Sachen Skript, Darsteller und Regie – ich weiß aber wahrlich nicht, ob es für so etwas ein Publikum gibt. Soviel Respekt ich nach der ersten Episode hatte, so wenig Lust hatte ich auch, mir die zweite anzusehen.

ABER: „Little Drummer Girl“ und „Tell me a Story“ wiederholen wenigstens nicht den Fehler von „Origin“ und „A Discovery of Witches“ – hier ist ausreichend Story vorhanden, hier haben die Macher genug Fleisch, das sie braten können. Und das fällt selbst bei der oberflächlichen Betrachtung auf. Kevin Williamson bringt eine Stunde nicht rum – er FÜLLT sie. Und dafür war ich dann doch sehr dankbar.

Fazit: Grimms Märchen als verflochtenes Großstadtdrama auf verschiedenen Ebenen, düster und verführerisch, aber auch hart und gnadenlos.



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Heino
Heino

Von Williamson bin ich sehr enttäuscht, nach dem ersten „Scream“ kam da nichts mehr, was ich noch gut gefunden hätte. Auch seine Serie „The Following“ fing stark an, baute dann aber so rapide ab, dass ich schon bei Folge 4 raus war.

Von diesen Serien hier habe ich noch nie gehört. Gut zu wissen, dass ich meinen „Muss ich sehen“-Stapel nicht noch mehr erweitern muss.

Oibert
Oibert

Wieso ist Sleepy Hollow eine „gescheiterte Serie“? Sie hat es immerhin auf 4 Staffeln gebracht die ich durchaus unterhaltsam fand.