Über „Macho Man“ von 1985 habe ich seinerzeit geschrieben – ein Glücksfall des deutschen Trashkinos, gleichzeitig so deppert und doch so von der eigenen Glorie überzeugt, dass man vor pubertärer Begeisterung gar nicht wusste, wohin man die Cola prusten sollte. Eine Nürnberger Männer-Clique hat sich ein Denkmal gesetzt:

Hier waren Begriffe wie Trash und Kult mal nicht fehl am Platz, hier war alles richtig, weil alles so falsch war. Wie ich immer sage: wahrer Trash entsteht aus dem Abstand zwischen Anspruch und Ergebnis. Nach diesem Maßstab ist „Macho Man“ so legendär wie „Brut des Bösen“ und „Daniel der Zauberer“.

Es hat 30 Jahre gedauert – viel zu lange! -, bis endlich die Fortsetzung produziert werden konnte, die NATÜRLICH in Nürnberg Premiere feierte (WELTPREMIERE!), um danach in limitierter Auflage als DVD rausgehauen zu werden.

Eigentlich wollte ich mit Doc Acula an der Premiere teilnehmen, aber irgendwas lief schief. Läuft nicht immer irgendwas schief? Es hat dann ein paar Monate gedauert, bis ich meine Griffel endlich auf eine Silberscheibe von „Macho Man 2“ legen konnte.

Ich versuche mal , die Handlung irgendwie zusammen zu fassen, was nicht einfach ist, wenn man sich klarmacht, was Wikipedia zur Produktionsgeschichte schreibt:

Die Dreharbeiten starteten am 5. September 2015 in Italien, obwohl es noch kein Drehbuch und keine fertige Geschichte gab.

Es geht irgendwie um zwei Gangster, die einem Capo in Italien Organe bringen sollen, das aber vergeigen. Nebenbei töten sie noch den alternden Karate-Champ Michael, was natürlich Wut und Rache von Andreas Arnold (Star und Finanzier Peter Althof) und im Gefolge Dany Wagner (René Weller) nach sich zieht. Um den Einsatz zu steigern, kidnappen die Gangster auch noch Andreas‘ neustes Gspusi Sophia. Können Andreas, Dany und Konsorten die Böslinge stoppen, bevor es Sophia an die Nieren geht?!

Machen wir uns nichts vor: Es hat nicht nur am Anfang der Dreharbeiten kein Drehbuch gegeben – es gab auch am Ende keins. Das hier ist eine sehr lose Erzählung mit eher willkürlich aneinander gereihten Szenen, in denen viel improvisiert wird und Peter Althof mangels Alternativen immer wieder Variationen von „Die Schweine schnappen wir uns – die haben den Michael ermordet!“ schreit. Alte Freunde aus der Nürnberger Szene füllen die Nebenrollen und bringen Bordelle und aufgemotzte Luxusschlitten als Schauwerte mit. Wer immer gerade Zeit hatte, durfte beim Dreh die Nase in die Kamera halten – „Macho Man 2“ ist sicherlich das schamloseste Schaulaufen abgehalfterter C-Promis aus dem RTL2/Vox-Stall, das jemals eine Leinwand besudelt hat.

Dabei muss man den Gastauftritt der Horror-Regie-Ikone Ruggero Deodato wirklich gesehen haben: der tatterige Italiener wurde von Regisseur Davide Grisolia nach/bei einer Filmbörse vor die Kamera gezerrt und stammelt irgendeinen Unfug in die hastig heraus geholte Kamera, die Blu-Ray eines seiner Filme in Händen. Hat nix mit nix zu tun – aber hey, Gastauftritt von Ruggero Deodato. Respekt.

Ihr merkt schon: Man darf sich nicht der Illusion hingeben, die Beteiligten hätten einen Film gedreht – sie haben „Film gespielt“, wie kleine Kinder im Sandkasten. Das Verständnis von Dramaturgie ist rudimentär, die Fähigkeiten zur Umsetzung von Spannung, Action oder gar Stunts ist es auch. Ich denke mal, ganze Sequenzen sind am Morgen des Drehtages mit Sätzen entstanden wie „Und dann fährt der Peter mit dem dicken Schlitten hier auf den Hof, nimmt sich den Fuzzi und seine Jungs vor und es gibt kräftig Keile“. So einfach kann Kino sein.

Dank moderner Digitaltechnik und einigermaßen professioneller Nachbearbeitung sieht „Macho Man 2“ stellenweise FAST wie ein richtiger Film aus – dem nur der Regisseur, das Drehbuch und die Darsteller fehlen, um die Illusion komplett zu machen. Das Ergebnis hält durchgehend das Niveau von Regionalfenster-Reportagen im Privatfernsehen. Und genau genommen ist „Macho Man 2“ ja auch so etwas wie ein Regionalfenster-Programm des deutschen Kinos.

Das klingt nun alles furchtbar böse und zynisch – aber das ist es nicht. „Macho Man 2“ ist in seiner totalen Inkompetenz bei gleichzeitiger Selbstbegeisterung der Macher ein dem Original ebenbürtiges Stück Eierschaukel-Actionkino, wie es nur selten zustande kommt. Es ist offensichtlich, dass die Beteiligten schon irgendwie einen echten Kracher drehen wollten, aber weder die Zeit noch die Lust aufbrachten, das halbwegs professionell anzugehen. Nürnberg ist nicht Hollywood, da muss das bisschen Klamauk und Kloppe reichen. Ziel ist schließlich nicht der Oscar, sondern der joviale Schulterklopfer fränkischer Halbwelt-Größen bei der Premiere. Und dafür reicht’s gerade noch.

Wie Peter Althof den alternden Haudrauf gibt, mit fast schon verzweifeltem Posing unter völliger Absenz von Charisma, das entwickelt seinen ganz eigenen Reiz – schade, dass René Weller diesmal nur sporadisch nuschelnd Beihilfe leistet. Die Rollen sind vertauscht, das hier ist ein Star-Vehikel für Althof und Weller darf nur den Steigbügel halten. The student has become the master.

Was „Macho Man 2“ für Erotik, Humor und für Action hält, darüber werden die Filmhistoriker dereinst Doktorarbeiten schreiben.

Ich habe Freunden nach der Erstansicht geschrieben, dass ich uneins bin, ob „Macho Man 2“ Scheiße oder geile Scheiße ist. Aber ich kann dem Film nicht böse sein. Er hängt sich nicht billig an den Vorgänger und versucht auch nicht, diesen nachzuäffen. Er ist nicht aus kalkuliertem Zynismus inkompetent, sondern weil die Beteiligten schlicht immer noch im cineastischen Tal der Ahnungslosen leben. Hier wird aus dem gleichen Holz geschnitzt wie beim Original und dieses Level an ehrlicher Unfähigkeit wähnte ich in Zeiten von „Sharknado“ und „The Curse of Dr. Wolffenstein“ eigentlich ausgestorben. „Macho Man 2“ mag ein Film von 2017 sein, aber sein Herz schlägt 1985.

Es sollte mehr regionale Actionfilme geben, mehr räudige Hunde im Kino, deutschen Sleaze mit dem Geruch von Opel Ascona, der Mauer und Pommes rotweiß. Wo Stripperinnen Stripperinnen spielen, weil echte Schauspielerinnen sich für „so was“ nicht freimachen würden und wo die Wohnung vom Kumpel das teure Studio-Set überflüssig macht. Handgemachter Handkantensalat, extra scharf.

Fazit: Das Yin zu „Schneeflöckchens“ Yang, die Implosion zur Explosion des deutschen Actionfilms. Man weint vor Glück und Scham zugleich. Highly recommended.

P.S.: Es sei als Fußnote noch angemerkt, dass ich es viel besser gefunden hätte, wenn „Macho Man 2“-Hauptdarstellerin Diana Herold ihre Teilnahme an diesem Kracher und nicht die Nebenrolle im „Bullyparade-Film“ zum Anlass genommen hätte, sich nach 15 Jahren zum zweiten Mal für den Playboy auszuziehen. Wenn nix sonst, so macht das neue Shooting wenigstens eins der schlechtesten Cover der Playboy-Geschichte wett:

2002:

2017:

Und damit’s jetzt nicht heißt, der Wortvogel bedient nur die schwiemeligen Wünsche der Herren in seiner Leserschaft:



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Dietmar

„Level an ehrlicher Unfähigkeit“! Highly quotable! 😀