Die BabCon 25 ist rum und es war ein Heidenspaß:

Im Idealfall haben wir in absehbarer Zeit Zugriff auf die Videos und die Fotos, dann werde ich das alles hier bereitstellen, wenn es mir erlaubt wird. Bis dahin halte ich mich mit anderen Sachen über Wasser.

Da war z.B. Herr Erdmann. Er hat als Synchro-Redakteur und Regisseur die deutschen Übersetzungen von „Babylon 5“ betreut. Ganz ehrlich: ich hatte eher wenig Bock, mir sein Panel anzuhören, schließlich habe ich in meinem Buch zum Thema diverse Probleme gerade der deutschen Synchro angesprochen. Und bei meinem Versuch, seinerzeit bei ProSieben wenigstens angemessenere Episodentitel durchzusetzen, war ich komplett abgeblockt worden. Synchro-Redakteure haben was von Beamten und sind dementsprechend meist unspannend, wenn sie sich öffentlich äußern.

(dieses Bild ist übrigens – sagen wir’s relativ neutral – nicht GANZ aktuell)

Aber ich sollte mich irren.

Herr Erdmann ist, das vorab, außerordentlich nett, gebildet und charmant. Er kann wunderbar Anekdoten erzählen und ist vor allem auch bereit dazu. Hinzu kommt ein exzellentes Gedächtnis und eine sichtliche Liebe zum Beruf. So verging die Zeit im Fluge und viele Gäste der BabCon trauten sich, Fragen zu stellen. Ich besonders.

Weil ich das Nähkästchen, aus dem Erdmann plauderte, so spannend fand, möchte ich an dieser Stelle die wichtigsten Erkenntnisse zusammenstellen. Vielleicht erfahrt ihr ein paar Sachen über Synchronarbeit, die ihr so noch nicht wusstet.

Es mag als Einführung in das Thema Synchronisation angebracht sein, meinen Artikel über die Geschichte der fremdsprachigen Neuvertonung von 2012 zu lesen.

Alles klar soweit? Prima. Angefangen hat Erdmann nach dem Studium mit der Synchro des Steve McQueen-Klassikers „Bullitt“:

Danach betreute er viele Fernsehproduktionen, darunter japanische Kinderserien. Diese sind nach seiner Aussage sehr schwer zu synchronisieren, da die limitierte Anzahl von Frames und die singsangige Sprechweise der Asiaten es schwer macht, deutsche Dialoge drüber zu sprechen – die Münder der Figuren schließen sich einfach nicht oft genug. Siehe auch „Heidi“, wo die europäischen Abnehmer nach der ersten Staffel darum baten, den Figuren wenigstens Zähne zu malen, was wegen des Aufwands abgelehnt wurde – man einigte sich schließlich auf eine durchgehende weiße „Kauleiste“.

Wie bei amerikanischen Produktionen wurden von den japanischen Serien deutsche Grobübersetzungen angefertigt, die so nah wie möglich am Original bleiben mussten. Erst im Synchronstudio wurde in Feinarbeit sowohl die Aussprache als auch die Bedeutung dem deutschen Markt angepasst. Erdmann findet es auffallend und ärgerlich, dass heutzutage immer mehr Anglizismen durchgewunken werden und krumme Eindeutschungen wie „das macht Sinn“ und „er will Sie sofort sehen“ (statt „sprechen“, wie bei uns üblich).

Eine der ersten großen Prestige-Langzeitproduktionen, die Erdmann betreut hat, war der „Denver-Clan“. Er konnte tatsächlich bestätigen, dass die erste Synchronsprecherin von Pamela Sue Martin wegen Heirat mit einem australischen Viehzüchter ausstieg – das hatte ich in den 80ern mal in der Hörzu gelesen.

Von der Arbeit an „Star Trek: The Next Generation“ war Erdmann begeistert, er hat auch Rolf Schult als erste Stimme von Jean Luc Picard für das ZDF ausgewählt (nachdem Peter Aust den Part für die auf Video veröffentlichten Episoden übernommen hatte). Dieser hatte aber von vorne herein nur für ein paar Jahre Zeit. Mit dem Wechsel der Serie zu SAT.1 stieg er bei dem Projekt aus – wie Schult, der durch Ernst Meincke ersetzt wurde.

Zu „Babylon 5“ stieß Erdmann erst nach dem auf Video veröffentlichten Pilotfilm – seiner Aussage nach war dieser von einer Redakteurin betreut worden, die keinerlei Interesse an Science Fiction und deren Feinheiten hatte. So ist zu erklären, dass mal gefragt wird, wann ein Shuttle von Babylon 5 „los fährt“ statt „los fliegt“. Dass die Serie angesichts des horizontalen Storytellings eine besondere Sorgfalt in den Details braucht, war Michael Erdmann schon nach ein paar Folgen klar.

Ein Fan vor Ort kritisierte, dass Sheridan und Delenn sich nach ihrem ersten leidenschaftlichen Kuss immer noch gesiezt hätten. Michael Erdmann verwies auf den Sender, der eine immer noch notwendige Distanz der Figuren bewahren wollten, die ja auch politisch und diplomatisch miteinander umgehen mussten. Es gibt für solche Fälle Du/Sie-Listen, in denen Redakteure den aktuellen Stand nachschlagen können (besonders wichtig bei Seifenopern mit großem Cast).

Wie überhaupt Stimmen für Schauspieler ausgewählt werden? Erdmann hat uns erklärt, dass viele Schauspieler bereits dauerhaft etablierte Sprecher haben (wie Bruce Boxleitner mit Joachim Tennstedt) . Wenn nicht, dann hat der Synchro-Regisseur oft schon einen „Katalog im Kopf“, aus dem er den richtigen „Typ“ auswählt. Schwierig wird es, wenn eine Nebenfigur von einem Gelegenheits-Sprecher synchronisiert wird, sich dann aber als für die Serie sehr bedeutsam heraus stellt. Das ist bei „Babylon 5“ mehrfach vorgekommen, z.B. beim von Jeff Conaway gespielten Zack Allen, dem erst im Laufe der Zeit eine größere Rolle zugewiesen wurde. Da kann es auch schon vorkommen, dass man kleinere Teile neu synchronisiert, um der gewachsenen Position der Figur mehr Respekt zu zollen.

Zu einem Konflikt kam es bei den TV-Filmen zu Babylon 5, die von einer anderen Redaktion betreut wurden. Erdmann wollte die etablierten Sprecher anheuern, die Redakteurin hatte aber ein persönliches Problem mit Joachim Tennstedt und wollte die Stimme von Boxleitner neu casten. Erdmann drohte daraufhin mit seinem Ausstieg – und setzte sich letzten Endes durch.

Zumeist wurde versucht, so viele der Sprecher wie möglich gleichzeitig ins Studio zu holen. Damals wurde noch analog gearbeitet und die Darsteller sprachen Take für Take ihre Texte auf das Band. Musste ein Sprecher separat aufgenommen werden, konnte er immer nur den Satz hören, den er übersetzen sollte – nicht aber die Übersetzungen seiner Kollegen direkt davor und danach. Das konnte zu Problemen mit den Anpassungen an den Schnittstellen führen. Denn ja – jeder Satz wird einzeln eingesprochen. Auch große triumphale Reden, die von Charakteren geschwungen werden. Satz für Satz. Stück für Stück. Take für Take.

Der Sprecher von Londo Mollari, Bert Franzke, war viel am Theater beschäftigt und musste seine Parts oft separat einsprechen. In der Branche nennt man das Auslassen eines Sprechers in der Session „aus-x-en“.

Wegen des Zeit- und Kostenaufwands werden Synchronisationen heute immer schneller und unter immer mehr Druck produziert. Das führt dazu, dass immer mehr Parts ausge-x-t werden und die Sprecher ihre Sätze separat einsprechen. Allerdings hat die digitale Produktionsstrecke diesen Vorgang verbessert, denn mittlerweile kann man tatsächlich hören, was der Kollege vorher gesagt hat. Dadurch lassen sich Tonlage und Lautstärke deutlich besser anpassen. Hat also Vor- und Nachteile.

Abgesehen von „Babylon 5“ hat Erdmann auch noch viele andere Anekdoten erzählt, z.B. von der Schauspielern Tilly Lauenstein, die er als Dilberts Mutter für die Trickserie „Dilbert“ besetzen wollte – aber sie kam mit den ganzen technischen Fachbegriffen aus der Internet- und Technikwelt nicht klar und hatte die Größe, die Aufnahmen selber nach einem halben Tag abzubrechen.

Bei einem Japanischen Trickfilm bekam Erdmann gar keine Bücher und musste sich die Handlung komplett zusammen reimen. Es hat ihm viel Spaß gemacht, auch wenn es vermutlich nicht mehr viel mit dem Original zu tun hat.

Besonderen Aufwand machten immer die Arztserien mit ihrem medizinischen Jargon. Es war Usus, diese von Medizinern gegenlesen zu lassen und danach ein Handbuch mit den etablierten deutschen Ausdrücken anzulegen. Dieses wurde teilweise auch weiter gereicht, z.B. von „E.R.“ zur Synchronisation von „Grey’s Anatomy“.

Nicht von Erdmann, sondern von Freunden aus der Branche habe ich die Info bekommen, dass bei Kino-Blockbustern mittlerweile das gesamte Bild geschwärzt wird und in der Kopie für das Synchronstudio nur noch die Münder der Figuren zu sehen sind – um Raubkopien vorzubeugen. Was bekanntlich nicht funktioniert.

Während es bei den öffentlich-rechtlichen Sendern in den 70er und 80er Jahren üblich war, sich aus den Serienstaffeln nur die Folgen rauszupicken, die man haben wollte, mussten die Privatsender aus Kostengründen so viele Episoden einkaufen, wie verfügbar waren. So kam es, dass Erdmann Anfang der 90er einige Folgen von „Detektiv Rockford“ über 20 Jahre nach der Erstausstrahlung erstmals synchronisieren musste. Bei dieser Episode fragte er mehrfach, ob eine deutsche Version wirklich gewollt sei:

Ihr seht, das war dann doch ein sehr launiger Termin, der jedem große Freude bereitete, der sich für das Thema Synchronisation interessiert. Also ich, bzw. mir.

Danke an das gesamte BabCon-Team und besonders an Michael Erdmann.

 



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Habt ihr denn nun über die Synchro-Probleme und die teilweise unmöglichen Episodentitel gesprochen?
Und was hat er dazu gesagt?

dyson

Interessanter Bericht, danke dafür!

Passt für mich insofern ganz gut, als dass ich gerade an einigen deutschen Synchronfassungen arbeite. Zwei Langfilme sind derzeit fertig geschrieben, parallel dazu entsteht bereits die deutsche Variante einiger Kurzfilme. Untertitel mache ich ja eh schon lange.

Die angesprochenen Unsauberkeiten (auch bei UT) kann ich bestätigen. Teils werden da einfach Dinge 1:1 übersetzt, die einfach kein korrektes Deutsch sind. Ich versuche da immer, passende Alternativen zu finden. Ich kann allerdings zu einem Teil verstehen, dass ab und an einfach der „Platz“ nicht ausreicht, um eine adäquate Lösung anzubieten, so dass man doch auf eine Krücke ausweicht.

Die meiste Zeit geht tatsächlich dafür drauf, die Dialoge noch einmal auf Lippensynchronizität zu prüfen. Nichts ist schlimmer als Gummilippen, bei denen Bild und Ton überhaupt nicht übereinander passen (z. B. weil der Text zu lang ist). Aber das findet man mittlerweile öfter mal bei äußerst preisgünstigen Synchros, ebenso wie … verbesserungswürdige Schauspieler.

Das mit den Schwarzbildern, in denen nur noch Münder zu sehen sind, wurde mir vor ein paar Jahren mal bestätigt, da ging’s konkret um den HOBBIT. Da können die Schauspieler dann nur noch als bessere Sprechautomaten dienen, da sie ja nicht einmal mehr Gestik und Mimik der Filmschauspieler sehen, an denen sie sich zusätzlich orientieren können. Wenn da der Synchronregisseur nicht entsprechend zuarbeitet, wird’s noch schwieriger (im konkreten Fall war’s zusätzlich noch schwierig, weil der Darsteller den Mund unter seinem Bart kaum deutlich bewegt hat).

Das x-en ist mittlerweile wirklich Standard, aber dafür kann man tatsächlich günstiger produzieren, obwohl es im Ensemble natürlich besser, organischer klingt. Wenn man dann noch Freiheiten bei der DF hat (wie damals Brandt/ Brunnemann), kann während der Aufnahme auch noch allerlei Schönes passieren ;).

Christian Siegel

Ich nehme an, der Fehler, für Delenn in „Verloren in der Zeit/Babylon Squared“ für die Szene mit ihr auf B4 (wo man nur sieht, wie sie ihre Hand auf Sinclairs Schulter legt) eine andere Besetzung zu nehmen, wurde nicht thematisiert? Das hätte mich nämlich schon immer interessiert, wie das Zustandegekommen ist.

RobertPraetzler
RobertPraetzler

ein sehr lesenswerter Beitrag, danke dafür. Erinnerte mich an zwei legendäre Fehler bei TNG, einmal in der ersten Ausstrahlung die Fehlübersetzung des Borgs, der den Namen „Hugh“ annahm, mit „du“ (aus „you“, klingt ja gleich, führte zu dem tollen Satz „Ich bin du“), und dann war da noch Data mit „Die Schilde werden eventuell zusammenbrechen“ (false friend aus „eventually“)…

H2M

Xen ist mittlerweile wirklich der Standard, ist aber auch organisatorisch bei dem Boom an Serienproduktionen etc. auch gar nicht mehr anders möglich, weil heutzutage sogar mittelmäßig talentierte Sprecher so viel zu tun haben, dass man sie gemeinsam terminlich alle gar nicht mehr vor‘s Mikro bekäme.

Dass mit den rotoskopierten Bildern (also dass man nur Gesichter oder Münder sieht) bei Blockbustern wird auch langsam wieder etwas besser – manchmal jedenfalls.

Und was Besetzungen angeht: wenn es keine Feststimmen gibt, gibt es in der Regel heutzutage umfangreiche Castings, bei Serien für die Hauptrollen, bei Kino manchmal sogar für kleine Rollen, wo dann meistens so 3 bis 4 SprecherInnen pro Rolle gecastet werden.
Der deutsche Sender / Verleih und / oder das Produktionsstudio in den USA (manchmal sogar die Original-Regisseure, die für jedes Land die Synchronstimmen selbst auswählen) entscheiden dann darüber.
Und wer zum Casting geladen wird, diskutiert meistens der Synchron-Aufnahmeleiter zusammen mit dem Synchron-Regisseur, manchmal auch noch gleich in direkter Absprache mit dem Kunden.