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Nov 2018

An der Quelle: Katalog als Kultur

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Es wurden in den letzten Tagen vielfach vermeldet – der neue Otto-Katalog wird auch der letzte Otto-Katalog sein. Damit folgt er dem Neckermann-Katalog (+2012) und dem Quelle-Katalog (+2009). Das Warenangebot wird künftig nur noch online präsentiert und damit natürlich flexibler in Sachen Preisgestaltung, Sortiment und Umfang.

Wir waren keine Katalog-Familie. Ab und an lag mal ein Quelle oder Neckermann rum, den meine Mutter irgendwo eingesteckt hatte. Wirklich bestellt haben wir da nie – ich erinnere mich an einen Moped-Overall für meinen Bruder, der aber gleich wieder zurück ging, weil er nicht genug gefüttert war. Da meine Mutter sowieso gegenüber eines Karstadts UND eines Kaufhofs arbeitete, war es einfacher, die Dinge des Lebens dort zu kaufen, wo man sie vorher anfassen und anprobieren konnte.

Aber ich kann nicht bestreiten, dass die Kataloge eine ungeheure Faszination auf mich ausgeübt haben. Im Zeitalter vor Amazon und den großen Shopping-Centern waren diese Wälzer einfach… viel. Und bunt. Und abwechslungsreich. Figuren wie in Comics, immer wieder neue Abteilungen, wechselnde Trends, ungeheure Neuigkeiten. Man konnte sich Meinungen bilden, dies gut finden, jenes ablehnen, über Moden und technische Fortschritte staunen. Der Katalog war – und das Klischee wird damit nicht überstrapaziert – eine eigene Welt, gelebter Konsum, heißes Versprechen.

Ich trauere ihnen nicht nach. Schon in den 80ern (ich war ja ein Kind der Öko-Bewegung) wurde mir regelrecht schlecht ob der unfassbaren Menge an Papier, die hier mit Chemikalien bearbeitet und bedruckt wurde, um dann unter hohem Energieaufwand durch das ganze Land gekarrt zu werden – oftmals nur, um vom Briefkasten gleich in die Mülltonne zu wandern. Und das jedes Jahr wieder. Millionen Wegwerfprospekte im Telefonbuchformat und mit einem Gewicht im Kilobereich. Unverantwortlich und eigentlich spätestens seit den 90ern nicht mehr zu rechtfertigen. Bestimmte Dinge – dazu gehören auch Telefonbücher – haben in der Internet-Ära keine analoge Lebensberechtigung.

Und trotzdem möchte ich für die Kataloge in die Bresche springen. Weil sie gerade als flüchtige Momentaufnahme einen kulturellen Wert darstellen. Kaum etwas stellt den Geschmack, die Lebenseinstellung, die Träume und das Selbstbewusstsein der Menschen so konkret und kompakt dar wie der Katalog. Mit vielleicht einem Jahr Verspätung fanden sich hier alle Trends und Fads. Hier konnte man nicht nur sehen, was der Markt hergab – hier konnte man sehen, was der Mensch haben wollte. Nicht der Style, wie ihn die großen Modenschauen und Hochglanzanzeigen herbei logen, sondern die tatsächliche Lebenswirklichkeit der Kunden.

Das wandelnde Gesicht der Republik – es spiegelt sich auf den Covern der Kataloge:

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Der Katalog ist – und ich sage das nicht leichtfertig – ein kultureller Zeitzeuge, ein Wegweiser, ein Bewahrer des "ist" als "war" in einer Ära des "wird". Er ist dabei verwandt mit alten Tagesschau-Sendungen und Pop-Charts, die ebenfalls exzellente massenkulturelle Indikatoren sind.

Darum würde ich dafür plädieren, dass wir die Kataloge zwar nicht mehr neu verlegen und fortführen, dass es aber eine konzertierte Anstrengung gibt, fast 100 Jahre Konsumgeschichte in Form von sorgsam gescannten PDF-Dateien zu erhalten und Interessenten weiter zugänglich zu machen. Ein öffentliches Online-Archiv zur Lektüre und zum Download. Wenn die darbenden Großhändler selbst dazu nicht in der Lage sind, wäre mir sogar der Einsatz von Steuergeldern dafür recht.

Oder bin ich da nur wieder unangemessen nostalgisch? Wie seht ihr das?

 



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MinkyMietze
MinkyMietze
27. November, 2018 15:25

Sehr gute Idee; auch wenn in meinem Elternhaus nie so ein Ding rumlag; es sind gedruckte Zeitzeugen und sollten in i-einer Form der Nachwelt erhalten werden; wobei ich Papier fast besser fände; wer weiß denn schon, ob man in 50 Jahren PDF noch wird lesen können.

Wortvogel
Wortvogel
27. November, 2018 15:29
Reply to  MinkyMietze

Na ja, rein "erhalten" sind die in entsprechenden Nationalarchiven sowieso. Aber da nutzen sie uns nix. Ich will sie ja auch für jeden Bürger verfügbar sehen.

Lars
Lars
27. November, 2018 18:26
Reply to  MinkyMietze

Es gibt einen PDF Standard für Archive – ich behaupte mal, dass dieser die Zeit überdauern wird. Für die derzeit geläufigen Formate (PDF, JPEG, MP3, Word- & Excel, etc.) sehe ich dieses sowieso auch in Zukunft gewährleistet – bei Exoten bzw. Anwendungen mit geringer Anwenderschaft sehe ich da schon eher Probleme.

Wortvogel
Wortvogel
27. November, 2018 18:59
Reply to  Lars

So ist das – das Problem wurde ja schon in den 90ern erkannt und auch die großen Firmen haben kein Interesse, "digital rot" zuzulassen.

Jake
Jake
27. November, 2018 16:01

Als Fan des Blogs vongestern.com würde ich ein solches Projekt schon aus reinem Eigeninteresse klar befürworten!

heino
heino
27. November, 2018 16:43

Ach ja, da werden Erinnerungen wach. Meine Oma hat sehr viel aus Katalogen geordert, vor allem zu Weihnachten. Und auch ich habe vor 20 Jahren noch Sachen bei Otto und Quelle gekauft, weil man da in Raten zahlen konnte, ohne sich bei der Bank zu verschulden.

Natürlich sind sie Abbild der jeweiligen Entstehungszeit und somit der Aufbewahrung würdig. In meinen Augen reicht da aber das Nationalarchiv, da ich vermute, dass es kein so großes Publikum dafür geben wird, um noch eine allgemeine Verfügbarkeit notwendig zu machen. Eher wird das ein Fall für Historiker sein.

Wortvogel
Wortvogel
27. November, 2018 16:49
Reply to  heino

Reiche ich nicht als Zielgruppe, bzw. ihr, wenn ich euch dann schön kuratiert die größten Kuriositäten aus 100 Jahren präsentieren würde?!

Heino
Heino
28. November, 2018 06:54
Reply to  Wortvogel

Naja, das ist eine Kosten/Nutzen-Rechnung. Digitalisierung kostete ja auch viel Geld und ob es sich bei einem doch eher begrenzten Publikum wie uns rechtfertigen lässt, den Aufwand zu treiben, ist eine gute Frage.

Wortvogel
Wortvogel
28. November, 2018 10:20
Reply to  Heino

Das KANN es nicht sein – eine Halbtagskraft könnte die Kataloge locker in einer Woche scannen. Ich muss es wissen, ich scanne ja aktuell extrem viel. Und zum Kulturerhalt darf man eben nicht immer nach dem Geld fragen, vor allem, weil Originalkataloge bei Brand oder Wassereinbruch verloren gehen können, digitale Kopien aber ewig sind.

Heino
Heino
29. November, 2018 07:49
Reply to  Wortvogel

Ich glaube, du unterschätzt den Aufwand, vor allem den bürokratischen. Ich arbeite z.Z. bei einer Berufsgenossenschaft und habe da zum dritten Mal in meinem Berufsleben mit der Digitalisierung der Aktenbestände zu tun (die ersten beiden Male in der Privatwirtschaft). Wir reden hier von Hunderten von Katalogen mit etlichen Tausend Seiten und unterschiedlichen Papiersorten, so was lassen sich Scanfirmen sehr teuer bezahlen.

Wortvogel
Wortvogel
29. November, 2018 10:03
Reply to  Heino

Du irrst – bei Quelle reden wir von ca. 140 Katalogen über 70 Jahre. Selbst wenn ich wahnsinnig hoch greife und die mit 1000 Seiten pro Katalog veranschlage, sind das 140.000 Seiten. Die schafft unser Xerox Workforce in der Firma (sofern man die Kataloge vorher beschneidet – was ich kann) in zwei Tagen halb-automatisch. Einzige Voraussetzung: das Papier darf dem automatischen Duplex-Einzug keine Probleme machen. Das müsste man vorher testen.

Sigur Ros
Sigur Ros
29. November, 2018 11:39
Reply to  Wortvogel

Da ich die Seiten des Quelle-Katalogs als sehr dünn und leicht reißend/knickend in Erinnerung habe, dürfte das in der Tat nicht einfach werden.

Wortvogel
Wortvogel
29. November, 2018 12:24
Reply to  Sigur Ros

Das ist schwer zu sagen – nach mehr als 300 gescannten Büchern und ebenso vielen Zeitschriften GIBT es keine verlässlichen Parameter: bei manchen Bänden ist das Papier hauchdünn und glatt, geht aber klaglos durch. Dann gibt es Taschenbücher, deren holzige und raue Oberfläche ideal für den Scanner sein sollte – und die produzieren nur Papierstaus. Trial and error.

Heino
Heino
30. November, 2018 07:06
Reply to  Wortvogel

Das kann ich bestätigen, die Papierqualität ist für Scanner immer problematisch. Wenigstens sind die Katalogseiten immer im gleichen Format, denn wenn da noch kleinere Zettel oder brüchiges Papier aus den 30ern dazwischen ist, muss man das noch kopieren, um es irgendwie scannen zu können

Heino
Heino
30. November, 2018 07:04
Reply to  Wortvogel

Das ist aber nur Quelle, da wären dann noch die Kataloge von Neckermann, Otto und Bader, die du ja auch digitalisiert haben willst, wenn ich dich richtig verstanden habe. Dann wäre die Frage, wer denn die Sachen digitalisieren und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen soll. Die Firmen selbst – soweit sie überhaupt noch existieren – haben da wohl kein Interesse dran, weil es ihnen kein Geld und auch sonst nichts einbringt. Natürlich kann man das mit dem Gerät in eurem Büro machen, aber die Regel ist, dass Firmen ihre Papierbestände nicht selbst scannen und digital vorhalten, so was wird quasi immer ausgelagert. Und das kostet halt. Nur mal, um eine Größenordnung zu nennen:bei meinem früheren Arbeitgeber hat nur die Bereitstellung der digitalisierten Akten (ohne das Scannen) pro Jahr € 30000 gekostet.

Sigur Ros
Sigur Ros
28. November, 2018 11:57
Reply to  heino

Es gibt ja auch Sammler-Plattformen wie ebay, wo solche Kataloge teilweise sehr günstig gebraucht erhältlich sind, das sollte doch für die Interessierten genügen. Zumal das gegenüber digitaler Archivierung den Vorteil hat, dass man wie zur guten alten Zeit darin blättern kann.

Dietmar
27. November, 2018 19:56

Ich kriege nur ungeordnete Gedanken eines bettschweren Geistes hin. Auch nicht schön. Also werfe ich mal so hin: Was soll man denn alles archivieren? Das Lebensgefühl oder was auch immer kommt in Filmen, Serien, Büchern, sonstiger Kunst gut durch, da bräuchte ich keine Bilder der Kataloge.

Aber ich könnte dieses Herausgepaulte nicht einmal richtig verteidigen. Vielleicht sehe ich das auch komplett falsch.

jürgen
jürgen
27. November, 2018 21:58

Meine Mutter hatte einen Quelle laden und meine Oma (später auch die Mutter) hatte einen Otto (neckermann) bestellservice.
Bei beiden habe ich 10% nachlass erhalten.
Irgendwie trauere ich beiden schon hinterher.

Motz-Zucchini
Motz-Zucchini
28. November, 2018 10:52
Reply to  jürgen

Wirklich den Bestellservices oder dem Alter, das du hattest, als es die noch gab?

Sigur Ros
Sigur Ros
28. November, 2018 11:54

Oh je, bei diesem Artikel kickt auch bei mir trotz meiner erst 30 Jahre die Nostalgie mal wieder hart. Ich habe in meiner Kindheit und frühen Jugend auch immer gerne im Quelle-Katalog meiner Mutter geblättert, die typische Gestaltung und den typischen Geruch werde ich nie vergessen. Klar waren diese dicken Wälzer furchtbar unpraktisch und hat sich das Konzept im Zeitalter von Amazon und eBay überlebt, aber den speziellen Charme dieser Kataloge werden Online-Shops nie haben, und zu so einem Spiegel der kleinbürgerlichen Träume und Lebensrealität werden sie auch nie werden. Deshalb finde ich diese Kataloge auch zu historischen Zwecken erhaltenswert.

Zum Ende des Quelle-Katalogs vor neun Jahren hat damals der Spiegel einen sehr lesenswerten Artikel gebracht: http://www.spiegel.de/einestages/abschied-vom-quelle-katalog-a-948565.html

Michael
Michael
28. November, 2018 19:51

Ein Aspekt fehlt hier noch ganz. Ich (Baujahr 75) kannte bis 1989 die sich einzeln verirrenden Kataloge von Otto, Quelle und Neckermann als Fenster in die grosse Konsumwelt der Bundesrepublik. Wenn auf Umwegen mal so ein Katalog in die Familie gelangte, wurde der rumgereicht und wie ein rohes Ei behandelt.

Ich sass dann schon mal mit dem Taschenrechner vor dem Ding und rechnete mir meine Wunschwohnungseinrichtung zusammen. 😉

Achja, und Unterwäsche, es gibt doch kaum einen männlichen Teenager der Acht- und Neunziger der nicht… aber das ist eine andere Geschichte.

Sigur Ros
Sigur Ros
28. November, 2018 19:56
Reply to  Michael

Kommst du demzufolge aus dem Osten? Dort hattet ihr doch sogar euren eigenen Katalog für West-Produkte: Den Genex-Katalog. 😉

Michael
Michael
28. November, 2018 21:54
Reply to  Sigur Ros

Ja, Mecklenburger. Alldestotrotz waren Otto, Quelle, Neckermann die dreifaltigen Heiligkeiten des Konsums. Genex war übrigens für die BRDler die etwas in den Osten schicken wollten. Das war also nicht "unserer", sondern "eurer". https://de.wikipedia.org/wiki/Genex

Michael
Michael
28. November, 2018 22:11
Reply to  Michael

Das osteigene System um Osties mit Valuta in die Nähe von BRD-Waren zu bringen, nannte sich Intershop. Läden voll mit "Westwaren und -geruch" in denen man mit originaler DM oder mit Forumschecks bezahlen konnte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Intershop_(Handel)

Das mit dem "Westgeruch" ist kein Scherz. Diese Läden rochen immer anders als normale DDR-Läden. Ich glaube das dir das jeder Mecklenburger, Sachse, Sachsen-Anhalter, Thüringer und Brandenburger bestätigen kann.

(PS: Gut merken, das könnte die Wer wird Millionär 1.000.000 € Frage sein. Benennen Sie die fünf neuen Bundesländer! 1990 Edition)

Sigur Ros
Sigur Ros
29. November, 2018 09:01
Reply to  Michael

Ja, schon klar, aber er bot halt den Ostbürgern die zumindest theoretische Möglichkeit, alle möglichen West-Produkte zu erhalten – auch wenn man natürlich schon etwas privilegiert sein und betuchte Westverwandtschaft haben musste. Aber es soll auch Ost-Bürgern möglich gewesen sein, daraus zu bestellen.

Stefan
3. Dezember, 2018 23:30

In einer Ferienwohnung lag mal ein Faksimile eines Versandhauskatalogs aus den 1910er Jahren herum. Das war wirklich wie aus einer anderen Welt. Zum Beispiel konnte man damals Hundebomben für sein Fahrrad kaufen. Man radelte damals nämlich noch viel durch Wälder, und da gab es streunende Hunde, die man so verjagen konnte.

Matts
Matts
13. Dezember, 2018 14:41

Ich stimme zu, dass man als umweltbewusster Mensch der Katalog-Ära nicht hinterhertrauern sollte. Als kulturgeschichtliche Momentaufnahme archivieren?
Naja, warum nicht? Ich finde, da es gibt wichtigeres, aber der verfügbare Speicherplatz wird sich auch weiterhin vergrößern. Dann kann sich auch in Zukunft über die Hundebomben, die der Vorposter ewähnt hat, wundern.