Es wurden in den letzten Tagen vielfach vermeldet – der neue Otto-Katalog wird auch der letzte Otto-Katalog sein. Damit folgt er dem Neckermann-Katalog (+2012) und dem Quelle-Katalog (+2009). Das Warenangebot wird künftig nur noch online präsentiert und damit natürlich flexibler in Sachen Preisgestaltung, Sortiment und Umfang.

Wir waren keine Katalog-Familie. Ab und an lag mal ein Quelle oder Neckermann rum, den meine Mutter irgendwo eingesteckt hatte. Wirklich bestellt haben wir da nie – ich erinnere mich an einen Moped-Overall für meinen Bruder, der aber gleich wieder zurück ging, weil er nicht genug gefüttert war. Da meine Mutter sowieso gegenüber eines Karstadts UND eines Kaufhofs arbeitete, war es einfacher, die Dinge des Lebens dort zu kaufen, wo man sie vorher anfassen und anprobieren konnte.

Aber ich kann nicht bestreiten, dass die Kataloge eine ungeheure Faszination auf mich ausgeübt haben. Im Zeitalter vor Amazon und den großen Shopping-Centern waren diese Wälzer einfach… viel. Und bunt. Und abwechslungsreich. Figuren wie in Comics, immer wieder neue Abteilungen, wechselnde Trends, ungeheure Neuigkeiten. Man konnte sich Meinungen bilden, dies gut finden, jenes ablehnen, über Moden und technische Fortschritte staunen. Der Katalog war – und das Klischee wird damit nicht überstrapaziert – eine eigene Welt, gelebter Konsum, heißes Versprechen.

Ich trauere ihnen nicht nach. Schon in den 80ern (ich war ja ein Kind der Öko-Bewegung) wurde mir regelrecht schlecht ob der unfassbaren Menge an Papier, die hier mit Chemikalien bearbeitet und bedruckt wurde, um dann unter hohem Energieaufwand durch das ganze Land gekarrt zu werden – oftmals nur, um vom Briefkasten gleich in die Mülltonne zu wandern. Und das jedes Jahr wieder. Millionen Wegwerfprospekte im Telefonbuchformat und mit einem Gewicht im Kilobereich. Unverantwortlich und eigentlich spätestens seit den 90ern nicht mehr zu rechtfertigen. Bestimmte Dinge – dazu gehören auch Telefonbücher – haben in der Internet-Ära keine analoge Lebensberechtigung.

Und trotzdem möchte ich für die Kataloge in die Bresche springen. Weil sie gerade als flüchtige Momentaufnahme einen kulturellen Wert darstellen. Kaum etwas stellt den Geschmack, die Lebenseinstellung, die Träume und das Selbstbewusstsein der Menschen so konkret und kompakt dar wie der Katalog. Mit vielleicht einem Jahr Verspätung fanden sich hier alle Trends und Fads. Hier konnte man nicht nur sehen, was der Markt hergab – hier konnte man sehen, was der Mensch haben wollte. Nicht der Style, wie ihn die großen Modenschauen und Hochglanzanzeigen herbei logen, sondern die tatsächliche Lebenswirklichkeit der Kunden.

Das wandelnde Gesicht der Republik – es spiegelt sich auf den Covern der Kataloge:

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Der Katalog ist – und ich sage das nicht leichtfertig – ein kultureller Zeitzeuge, ein Wegweiser, ein Bewahrer des „ist“ als „war“ in einer Ära des „wird“. Er ist dabei verwandt mit alten Tagesschau-Sendungen und Pop-Charts, die ebenfalls exzellente massenkulturelle Indikatoren sind.

Darum würde ich dafür plädieren, dass wir die Kataloge zwar nicht mehr neu verlegen und fortführen, dass es aber eine konzertierte Anstrengung gibt, fast 100 Jahre Konsumgeschichte in Form von sorgsam gescannten PDF-Dateien zu erhalten und Interessenten weiter zugänglich zu machen. Ein öffentliches Online-Archiv zur Lektüre und zum Download. Wenn die darbenden Großhändler selbst dazu nicht in der Lage sind, wäre mir sogar der Einsatz von Steuergeldern dafür recht.

Oder bin ich da nur wieder unangemessen nostalgisch? Wie seht ihr das?

 



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StefanHeinoWortvogelSigur RosWortvogel Recent comment authors
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MinkyMietze
MinkyMietze

Sehr gute Idee; auch wenn in meinem Elternhaus nie so ein Ding rumlag; es sind gedruckte Zeitzeugen und sollten in i-einer Form der Nachwelt erhalten werden; wobei ich Papier fast besser fände; wer weiß denn schon, ob man in 50 Jahren PDF noch wird lesen können.

Lars
Lars

Es gibt einen PDF Standard für Archive – ich behaupte mal, dass dieser die Zeit überdauern wird. Für die derzeit geläufigen Formate (PDF, JPEG, MP3, Word- & Excel, etc.) sehe ich dieses sowieso auch in Zukunft gewährleistet – bei Exoten bzw. Anwendungen mit geringer Anwenderschaft sehe ich da schon eher Probleme.

Jake
Jake

Als Fan des Blogs vongestern.com würde ich ein solches Projekt schon aus reinem Eigeninteresse klar befürworten!

heino
heino

Ach ja, da werden Erinnerungen wach. Meine Oma hat sehr viel aus Katalogen geordert, vor allem zu Weihnachten. Und auch ich habe vor 20 Jahren noch Sachen bei Otto und Quelle gekauft, weil man da in Raten zahlen konnte, ohne sich bei der Bank zu verschulden.

Natürlich sind sie Abbild der jeweiligen Entstehungszeit und somit der Aufbewahrung würdig. In meinen Augen reicht da aber das Nationalarchiv, da ich vermute, dass es kein so großes Publikum dafür geben wird, um noch eine allgemeine Verfügbarkeit notwendig zu machen. Eher wird das ein Fall für Historiker sein.

Sigur Ros
Sigur Ros

Es gibt ja auch Sammler-Plattformen wie ebay, wo solche Kataloge teilweise sehr günstig gebraucht erhältlich sind, das sollte doch für die Interessierten genügen. Zumal das gegenüber digitaler Archivierung den Vorteil hat, dass man wie zur guten alten Zeit darin blättern kann.

Dietmar

Ich kriege nur ungeordnete Gedanken eines bettschweren Geistes hin. Auch nicht schön. Also werfe ich mal so hin: Was soll man denn alles archivieren? Das Lebensgefühl oder was auch immer kommt in Filmen, Serien, Büchern, sonstiger Kunst gut durch, da bräuchte ich keine Bilder der Kataloge.

Aber ich könnte dieses Herausgepaulte nicht einmal richtig verteidigen. Vielleicht sehe ich das auch komplett falsch.

jürgen
jürgen

Meine Mutter hatte einen Quelle laden und meine Oma (später auch die Mutter) hatte einen Otto (neckermann) bestellservice.
Bei beiden habe ich 10% nachlass erhalten.
Irgendwie trauere ich beiden schon hinterher.

Motz-Zucchini
Motz-Zucchini

Wirklich den Bestellservices oder dem Alter, das du hattest, als es die noch gab?

Sigur Ros
Sigur Ros

Oh je, bei diesem Artikel kickt auch bei mir trotz meiner erst 30 Jahre die Nostalgie mal wieder hart. Ich habe in meiner Kindheit und frühen Jugend auch immer gerne im Quelle-Katalog meiner Mutter geblättert, die typische Gestaltung und den typischen Geruch werde ich nie vergessen. Klar waren diese dicken Wälzer furchtbar unpraktisch und hat sich das Konzept im Zeitalter von Amazon und eBay überlebt, aber den speziellen Charme dieser Kataloge werden Online-Shops nie haben, und zu so einem Spiegel der kleinbürgerlichen Träume und Lebensrealität werden sie auch nie werden. Deshalb finde ich diese Kataloge auch zu historischen Zwecken erhaltenswert.

Zum Ende des Quelle-Katalogs vor neun Jahren hat damals der Spiegel einen sehr lesenswerten Artikel gebracht: http://www.spiegel.de/einestages/abschied-vom-quelle-katalog-a-948565.html

Michael
Michael

Ein Aspekt fehlt hier noch ganz. Ich (Baujahr 75) kannte bis 1989 die sich einzeln verirrenden Kataloge von Otto, Quelle und Neckermann als Fenster in die grosse Konsumwelt der Bundesrepublik. Wenn auf Umwegen mal so ein Katalog in die Familie gelangte, wurde der rumgereicht und wie ein rohes Ei behandelt.

Ich sass dann schon mal mit dem Taschenrechner vor dem Ding und rechnete mir meine Wunschwohnungseinrichtung zusammen. 😉

Achja, und Unterwäsche, es gibt doch kaum einen männlichen Teenager der Acht- und Neunziger der nicht… aber das ist eine andere Geschichte.

Sigur Ros
Sigur Ros

Kommst du demzufolge aus dem Osten? Dort hattet ihr doch sogar euren eigenen Katalog für West-Produkte: Den Genex-Katalog. 😉

Michael
Michael

Ja, Mecklenburger. Alldestotrotz waren Otto, Quelle, Neckermann die dreifaltigen Heiligkeiten des Konsums. Genex war übrigens für die BRDler die etwas in den Osten schicken wollten. Das war also nicht „unserer“, sondern „eurer“. https://de.wikipedia.org/wiki/Genex

Michael
Michael

Das osteigene System um Osties mit Valuta in die Nähe von BRD-Waren zu bringen, nannte sich Intershop. Läden voll mit „Westwaren und -geruch“ in denen man mit originaler DM oder mit Forumschecks bezahlen konnte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Intershop_(Handel)

Das mit dem „Westgeruch“ ist kein Scherz. Diese Läden rochen immer anders als normale DDR-Läden. Ich glaube das dir das jeder Mecklenburger, Sachse, Sachsen-Anhalter, Thüringer und Brandenburger bestätigen kann.

(PS: Gut merken, das könnte die Wer wird Millionär 1.000.000 € Frage sein. Benennen Sie die fünf neuen Bundesländer! 1990 Edition)

Sigur Ros
Sigur Ros

Ja, schon klar, aber er bot halt den Ostbürgern die zumindest theoretische Möglichkeit, alle möglichen West-Produkte zu erhalten – auch wenn man natürlich schon etwas privilegiert sein und betuchte Westverwandtschaft haben musste. Aber es soll auch Ost-Bürgern möglich gewesen sein, daraus zu bestellen.

Stefan

In einer Ferienwohnung lag mal ein Faksimile eines Versandhauskatalogs aus den 1910er Jahren herum. Das war wirklich wie aus einer anderen Welt. Zum Beispiel konnte man damals Hundebomben für sein Fahrrad kaufen. Man radelte damals nämlich noch viel durch Wälder, und da gab es streunende Hunde, die man so verjagen konnte.