Vor ein paar Jahren hatte ich eine Phase, in der ich aus beruflichen Gründen viel Bahn gefahren bin. Ich habe ja auch ein paar Mal drüber geschrieben. Mittlerweile hat sich das geändert – wir haben ein „Liebes Land“-Mobil, das mich zuverlässig durch die Republik schiebt, und pendeln muss ich ja auch nicht mehr.

Gestern war eine Ausnahme. Eine erzwungene. Ich war für eine Reportage in Speyer angemeldet und als ich den Wagen nach ca. einer Stunde Fahrt vor Ort abstelle, raucht es aus dem Motorraum. Und die Heckscheibe ist mit einem Dieselfilm überzogen. Ich weiß sogar, was das Problem ist – eine gelockerte Einspritzpumpe, die erst vorgestern vom VW-Händler zuverlässig repariert worden ist. Auf den Fachmann ist halt Verlass.

Egal – in kaum einer Stadt ist es für mich weniger schlimm, mit dem Wagen liegen zu bleiben. Denn kaum zwei Kilometer Luftlinie entfernt liegt die Verwaltung des Verlages und mit ihr der für den Wagenpark zuständige Mitarbeiter. Ich telefoniere kurz mit ihm und er verspricht, den Touran zeitnah einzusammeln. Er bietet mir auch einen BMW für die Rückfahrt nach Baden-Baden an – brauche ich nicht, denn in Fußweite ist der Bahnhof und die Strecke bin ich ja wahrlich oft genug gefahren.

An diesem Punkt hätte ich mich vielleicht daran erinnern sollen, dass ich auf der Herfahrt im Radio von einem ICE-Brand gehört hatte, der den gesamten Schienenverkehr des Tages negativ beeinflussen wird. Aber mein Gehirn entschließt sich, lieber im Hier und Jetzt zu bleiben.

Sechs Stunden später ist die Reportage abgeschlossen und ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof, der mich erfreulicherweise an meinem Stammmetzger und der Currysau vorbei führt. Ich kaufe etwas Fleisch für daheim und vermittagsesse mich mit Pferdewurst, Twister Fries und einem Radler. So gestärkt sollte ich die Konfrontation mit dem Bahn-Pöbel durchstehen. Denn wahrlich, ich habe keine Scheuklappen dabei – das Macbook liegt daheim und mein Handy ist alle. Zur Selbstverteidigung hole ich deshalb im Bahnhofskiosk die neuste Ausgabe des empfehlenswerten Comic-Magazins „Alfonz“. Lesen oldschool. Hoffentlich schafft das meine Brille noch.

34 Euro für ein Ticket von Speyer nach Baden-Baden – happig bei gerade mal 61 Kilometer Luftlinie. Der Automat bietet mir eine Verbindung mit dreimal (!) oder einmal umsteigen an. Also nach Norden über Mannheim, dann nach Süden wieder zurück. So werden aus 61 Kilometern schnell mal 101 Kilometer.

Der Zug hat fünf Minuten Verspätung. Ich werd’s überleben.

Die Fahrt nach Mannheim dauert knapp 20 Minuten und ist stressfrei, auch wenn mich wundert, dass der Schaffner sehr beflissen ist, meinen Anschlusszug noch mal zu prüfen – und dabei am mangelnden Empfang seines Handy-Fahrplans scheitert. Schließlich habe ich in Mannheim 15 Minuten zum Gleiswechsel von 9 auf 8. Das sollte auch mit fünf Minuten Verspätung kein Problem sein.

Am Gleis in Mannheim ahne ich schnell: es wird keine lässige Weiterfahrt. Das Bahngleis ist proppevoll, ich höre mit einem Ohr, dass wohl bereits ein ICE ausgefallen ist. Na super, einen eigenen Sitzplatz kann ich mir da vermutlich abschminken. Wenigstens wird die Fahrt nur ca. eine halbe Stunde dauern, das packe ich. Auch dank Alfonz. Ich wundere mich nur erneut über die seltsam sinnentleerten Durchsagen nach dem Prinzip: „Der Zug hat zehn Minuten Verspätung wegen Verspätung.“

Es kommt, wie es kommen muss – der ICE rollt mit 20 Minuten Verspätung ein, die Leute drängeln, es herrschen Zustände wie in der Tokioter Ubahn. Jeder für sich und Gott gegen alle. Ich lande schließlich in einem Pulk im Schlauchgang eines Abteilwagens der zweiten Klasse. Kein vor, kein zurück. Das wird eine lustige Fahrt, ho ho ho.

Was ich aber bemerke: Das Abteil, gegen das ich gedrückt werde, ist gar nicht voll besetzt. Gerade mal drei Leute teilen sich die sechs Plätze, darunter ein Kleinkind von vielleicht einem Jahr, das problemlos auf dem Schoß der Mama sitzen könnte. Wie man es schafft, zu dritt in einem brechend vollen Zug sechs Plätze zu belegen? Ist doch ganz einfach: Ein Reisender hat seinen großen Rucksack einfach neben sich auf den Sitz gestellt, statt ihn in die leere Gepäckablage zu wuchten. Die junge Mutter hat mit ihrem eingeklappten Kinderwagen UND einem Maxi Cosy gleich anderthalb leere Sitze zugebaut und das Kind dann weder in den Cosy noch auf den Schoß gesetzt – die Kleine bekommt natürlich einen eigenen Platz, auf dem sie herum hampeln kann. Ein weiterer glücklicher Platzbesitzer liest entspannt Zeitung.

Es ist auffällig, dass sie merken müssen, dass die Menschen draußen wie Sardinen gepresst stehen, aber jeden Blick in diese Richtung vermeiden. Es könnte ja zu unschönen Aufforderungen kommen, sechs Plätze für tatsächlich sechs Personen frei zu machen. Und weil ich bin, wie ich bin, sehe ich kein Problem darin, diesen Dialog zu eröffnen – ich habe mir den Satz „Entschuldigung, könnten Sie sich vielleicht so organisieren, dass hier noch zwei weitere Passagiere Platz haben?“ zurecht gelegt. Es geht mir weniger um mich selbst – neben mir steht eine Frau mit viel Gepäck, die womöglich noch bis nach Zürich will.

Die Mutter kommt mir zuvor, denn Wunder oh Wunder – sie muss in Karlsruhe raus und angesichts ihres Fuhrparks fängt die Vorbereitung zehn Minuten vor Ankunft an. So rücksichtslos ich ihre Ausbreitung im Abteil auch finde, so sehr bewundere ich ihre Fähigkeit als Packesel. Sie hat einen Kinderwagen dabei, einen Maxi Cosy, einen großen Overland-Rucksack, einen kleinen City-Rucksack, eine Handtasche UND ein paar  Tüten. Mit der Hilfe des Zeitungslesers baut sie zusammen, verpackt, verstaut, stapelt. Und dann drängt sie diese Masse an Material in Richtung Gang hinaus.

Ich denke mir: gut, brauche ich mich nicht einzumischen. Ich warte einfach, bis sie die Plätze freimacht – und dann können zumindest die bepackte junge Dame und ich bequem sitzen. Bingo! Doch ich merke: Die Mutter scheint den Platz in der Abteiltür für ideal zu halten, um auf die Ankunft in Karlsruhe zu warten. Sie blockiert nach vorne und nach hinten. Ganz entspannt.

Ich gebe ihr zwei, drei Minuten, um es selber zu merken. Als diese verstrichen sind, tippe ich sie höflich an: „Sorry, aber wenn Sie nur 30 Zentimeter von der Tür weggehen, könnten hier ein paar Passagiere in das Abteil.“

Sie entschuldigt sich nicht, sie ruckelt nur grob ihren gesamten Hausstand in Richtung Wagontür – wobei sie mehrere Passagiere unsanft gegen die Beine stößt. Tja, Deutschland ist kein Land mit Herz für Mütter, die statt einer Spedition die Deutsche Bahn nehmen.

Egal – Bahn frei! Ich lasse die junge Dame vor, helfe ihr mit dem Koffer für das Gepäckfach. Ich helfe einer zweiten jungen Frau mit dem Koffer für das Gepäckfach.

„Vorsicht, der ist sehr schwer – Bücher.“
„Frankfurter Buchmesse?“
„Nein, ich arbeite mein Bücherregal auf.“

Momentan liest sie sich durch den 24bändigen Brockhaus, wie es scheint. Wäre ich nicht müde und genervt, würde ich ein Gespräch über den Vorzug einer digitalen Bibliothek anfangen. So aber wuchte ich das Gepäck nach oben und lasse mich in einen frei gewordenen Sitz plumpsen. Der Rest der Reise gehört Alfonz und mir.

Leider nein.

Wir sind mittlerweile sechs Passagiere in einem 6er-Abteil, wie sich das gehört: neben dem Zeitungsleser und den zwei jungen Damen haben auch noch zwei junge Herren Platz genommen. Das wäre Potenzial für lärmiges Entertainment, aber dieser Nachwuchs interessiert sich mehr für „Finite Markovic Fields and their arithmetic applications“ als für Dosenbier und Böhse Onkelz. Soll mir recht sein. Ich komme mir nur ein bisschen doof vor mit meinem Alfonz.

In Karlsruhe stoppt der Zug. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie die junge Frau mit Kinderwagen, Maxi Cosy, Rucksäcken und Taschen über den Bahnsteig rappelt. Man wundert sich, dass sie das Kind nicht vergessen hat. So stelle ich mir die Flüchtlinge aus Schlesien nach dem Zweiten Weltkrieg vor.

Nun haben wir ja bereits eine knappe halbe Stunde Verspätung. Grund genug, Gas zu geben – bzw. Strom. Aber der Zug steht. Und er steht. Schließlich eine Durchsage der hörbar genervten Zugleiterin mit diesem Tenor: „Der Zug ist zu voll, schert euch raus, ihr Pack ohne Sitzplatzreservierung. Im Reisecenter bekommt ihr einen Gutschein.“

Natürlich sagt sie das nicht exakt so, aber es ist erschreckend nahe dran.

Kein Problem. WIR sitzen ja. Und WIR werden nicht aufstehen, das ist klar. Es stellt sich heraus, dass ich mir die perfekten Mitreisenden gesucht habe, denn es entspannen sich lauter launige Dialoge.

„Interessante Formulierung – wir sollen bitte aussteigen. Was heißt das? Müssen wir? Und was machen die, wenn wir nicht wollen?“
„Ich möchte den Schaffner sehen, wenn ich auf die Aufforderung ganz entspannt nein sage und sitzen bleibe. Es besteht ja keine Gefahr und ich habe ein Ticket.“

Die Zugleiterin meldet sich noch mal, mittlerweile angepisst – wenn nicht genug Leute aussteigen, um die Gänge freizumachen, geht die Fahrt nicht weiter. Und Gutschein.

„In zehn Minuten holen die ein paar osteuropäische Schläger aus dem Bahnhofsviertel, um uns hier aus dem Zug zu zerren.“
„Wie hoch ist wohl der Gutschein? 5, 10, 15 Euro?“
„5 Euro Startgebot, der Rest ist Verhandlungssache, denke ich mal.“
„Neee, das ist nur der Gutschein für den nächsten Zug.“
„Warum sollte ich für einen Gutschein für den nächsten Zug aus diesem Zug aussteigen?“
„Eben. Macht keiner. Wenn’s ein Gutschein für Essen und Getränke wäre, würde ich mir den holen und wieder einsteigen.“
„Genau – und den dann hier im Bordbistro einlösen.“

Ein drittes Mal Knatsch, ein drittes Mal die impotente Drohung, der Zug würde nicht weiterfahren, wenn nicht genug Leute ausstiegen.

„Es ist weniger die Aufforderung, die mich wütend macht – es ist dieser genervte Tonfall, dieses implizierte die gegen uns.“
„Genau – als ob WIR was dafür könnten, dass ein ICE ausgefallen ist.“
„Es sei denn, einer von uns hat heute Vormittag den Wagon bei Frankfurt abgefackelt.“
„Dazu sage ich nix.“
„Es geht um Kommunikation, darum, dass die Zugleiterin sich nicht mal zu einer formellen Entschuldigung durchringen kann. Die Bahn als Häuptling, der Kunde als Turnschuh.“

Ich weise darauf hin, dass ich im Fall von Hunger und Verteilungskämpfen ein paar Scheiben kalten Saumagen und etwas Dosenbratwurst beisteuern kann.

Endlich geht es doch wieder weiter. Keine Ahnung, ob die Zugleiterin aufgegeben hat oder ob tatsächlich irgendwann genug Leute ausgestiegen sind. Als sie sich per Lautsprecher meldet, kann man förmlich hören, dass sie vorher dreimal in eine Papiertüte geatmet hat, um sich zu beruhigen.

Eine knappe Stunde Verspätung mittlerweile auf einer Strecke, die gerade mal eine knappe Stunde dauern sollte. Ich hätte den BMW nehmen sollen. Aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer – wenn auch nicht ganz so schlau wie der Bengel mit den Markovic Fields. Meinen Alfonz habe ich mittlerweile fast durch.

Vor dem Abteil drängt sich eine Zugbegleiterin durch. Ein Reisender stellt sich ihr in den Weg, will Auskunft, was der ganze Heckmeck sollte. Sie erklärt so ruhig, wie es ihr gerade noch möglich ist, dass es halt Vorschriften gibt, Fahrpläne, etc. pp.

„Diese Sprüchlein wird die bis zum Triebwagen noch dreißigmal aufsagen müssen.“
„Ich würde mir ein T-Shirt mit ‚Ich bin nicht schuld‘ drucken lassen.“
„Ich würde mich bis zur Endstation im Klo einsperren.“
„Ist ja auch Quatsch, dass jetzt hinterher durchzukauen. Es geht schließlich weiter.“

Irgendwo vor Raststatt bleibt der Zug wieder stehen. Mitten auf dem Acker.

„Klar, wenn der Fahrplan im Eimer ist, dann müssen die Züge natürlich wieder neu koordiniert in die Bahnhöfe einfahren.“
„Oder die holen uns jetzt hier aus den Wagons und lassen uns zusammen schlagen. Keiner, der Hilfe holen könnte.“
„Ich könnte den Rest der Strecke zu Fuß gehen, wäre vielleicht schneller.“
„Nach Baden-Baden sicher, aber nach Zürich auch?“

Wir Privilegierten mit den Sitzplätzen können uns den Humor leisten – natürlich tun mir die Sardinen in den Gängen trotzdem leid.

Nach drei Minuten fährt der Zug ruckelig wieder an. Wir rollen im Schneckentempo an einer Bauruine vorbei.

„Schaut mal – das Kundencenter der Deutschen Bahn!“

Es soll die letzte Pointe auf meiner Reise werden – ein paar Minuten später rollen wir tatsächlich in Baden-Baden ein. Ich wünsche meinen Mitleidenden eine angenehmen Weiterreise. Es ist klar: Der Sarkasmus hat uns das Leben gerettet.

Da fahre ich lieber mit rauchendem Motor und im Diesel-Niesel…



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Lars
Lars

Schöne Story – ich hatte aber irgendwie schon fast damit gerechnet, dass Du im abgefackelten ICE warst 😉

Teleprompter
Teleprompter

Immer wieder nett zu lesen.
Sehr hübsch auch zu dem Thema: https://www.youtube.com/watch?v=wXjhszy2f9w

Ach ja: Als Autofahrer, der den brennenden ICE auf der Autobahn passieren wollte – war auch nicht so witzig. Immerhin hat Tante Google rechtzeitig gewarnt und das allerschlimmste verhindert.

Dietmar

Jeder für sich und Gott gegen alle.

Schwupps geklaut. Zu schön!

Dein Leid ist meine Freude, wenn es so unterhaltsam geschrieben ist. Ich habe mehrfach vor mich hin gelacht.

takeshi
takeshi

Ja, das Reisen mit der DB kann durchaus ab und zu ein fantastisches Abenteuer sein, während einen die Preise rasch wieder in die Realität zurückholen.

Als jemand, der selbst regelmäßig die DB nutzt, habe ich da inzwischen einen ähnlichen Gleichmut entwickelt, wie die Pathologen, die man ab und zu in einem Spielfilm sieht; ihren Lunch kauend am Seziertisch über einer offenen Leiche.

Als einzige Verteidigung der DB (nicht jedoch des Umgangs der Zugbegleiter mit den Kunden) fällt mir beim Lesen solcher Reisebeschreibungen nur immer wieder ein mittlerweile 12 Jahre alter interessanter Artikel aus der Zeit ein, den ich immer noch als Lesezeichen parat habe:

https://www.zeit.de/2006/48/Bahn-2/komplettansicht

Zitat: „Zupft man in Flensburg, dann wackelt es in Passau.“

Howie Munson
Howie Munson

Die Bahn könnte ihre Verspätungen auch einfach zeitnah und minutengenau auch auf dem Bahnhof anzeigen und nicht nur im Internet….

Markus Mäurer

Ich wollte Freitag mit dem ICE von Montabaur aus nach Frankfurt auf die Buchmesse. Es war einer der vorangegangenen ICEs, der kurz vor unserem Bahnhof abgebrannt ist, weshalb mein Zug und alle Folgezüge ausfielen. Zum Glück konnte ich aufs Auto ausweichen, da ich kurz hinter der Autobahnvollsperrung wohne und war doch noch pünktlich zu meinem Geschäftstermin auf der Buchmesse.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Launige Geschichte, allerdings hinkt der Vergleich mit der Tokioer U-Bahn ein wenig – die ist zwar schweinevoll, aber die Leute steigen da gesittet ein und aus, während bei der Bahn Krieg herrscht ;D

frater mosses von lobdenberg

Das muss ein grundsätzlicher kultureller Unterschied sein.

Zur Demonstration fahre man eine lange Strecke (hier: ca. 800 km) auf französischen Straßen (größtenteils Autobahnen, deren eine allerdings gegen 2 Uhr früh kurz vor Orange kurzfristig gesperrt war, was zu ca. 60 km nächtlicher Umleitung über Landstraßen führte) und biege dann am Sonntagvormittag bei Strassbourg/Freiburg auf die deutsche A5 ein. Kriegsähnliche Verhältnisse, Hass und Rücksichtslosigkeit von allen Seiten.