Zu manchen Reviews kommt man wie die Jungfrau zum Kind. Ich bin nun wahrlich nicht der richtige Adressat für deutschen Genreschmodder – andererseits habe ich ein Herz für den Nachwuchs. Und so hat allein die Tatsache, dass das Team von „Skin Creepers“ um eine Besprechung bat, mich genau zu einer solchen inspiriert. Weil ich wegen der beigelegten Blauscheibe eh zu Kumpel Steffen stiefeln musste, wurde ein launiger Abend draus, zu dem mein gore-gestählter Bro auch noch die Scheibe „The Curse of Dr. Wolffenstein“ beisteuerte – weil zwei Trashfilme immer besser sind als einer.

Dachte ich zumindest…


Skin Creepers

Deutschland 2018. Regie: Ezra Tsegaye. Darsteller: Nikolas Szent, Nicolás Artajo, Barbara Prakopenka, Dieter Landuris, Milton Welsh, Mai Duong Kieu, Micaela Schäfer,  Annika Strauss u.a.

Story: Die Brüder Ben und Daniel wollen einen Horror-Sexfilm drehen, haben dafür sogar mit dem US-Pornostarlet Sasha Blue einen vermeintlichen „Star“ an Bord. Doch leider haben sie die Aktrice in einem Hotelzimmer mit teuflischer Vergangenheit einquartiert und eine Dämonenübernahme später beißt Sasha ihre Mit“spielerinnen“ und schwebt Obszönitäten brüllend über ihrem Bett. Zum Glück ist ein schmieriger TV-Okkultist nicht weit – sooo schwer kann der Exorzismus ja nicht sein, oder?

Kritik: Das klingt auf dem Papier gar nicht schlecht. Könnte auch ein TV-Film von ProSieben sein, nicht nur wegen der Präsenz von P7-Seriendarsteller Dieter Landuris. „Nacht der lebenden Loser“ trifft „Erkan & Stefan gegen die Mächte der Finsternis“. Klar, massiven Horror darf man hier nicht erwarten, aber das tut man bei „Tucker & Dale vs. Evil“ oder „Wolfcop“ ja auch nicht.

Leider bleibt der Wunsch der Vater des Gedankens und jeder gute Ansatz im Ansatz stecken. Weil nur wirklich, wirklich talentierte Leute mangelnde Moneten & Möglichkeiten durch Ehrgeiz & Einsatz wettmachen können (siehe Sam Raimi). Ich glaube den Jungs von „Skin Creepers“, dass sie viel Mühe investiert haben, aber es nutzt halt nix, wenn das Talentkonto in den Miesen steht.

Haken wir es ab: Die Darsteller rangieren von schlicht schlecht bis pflichtbewußt, erwartungsgemäß stechen Dieter Landuris (weil kann was) und Micaela Schäfer (weil kann nix) heraus, während sich der Rest zu erkennbar an den uninspirierten, viel zu langen und langweiligen Dialogen müht, die 80 Prozent der Laufzeit füllen.

Andererseits müssen die Dialoge so lang sein, weil der Plot (das Plötchen?) des Films keine 20 Minuten trägt und ich den Autoren mal dringlich anrate, sich mit dem Prinzip „3 Akt-Struktur“ auseinander zu setzen. Wenn man in seine Figuren und seine Story nicht investiert, dann darf man sich nicht wundern, wenn man die Laufzeit mit redundanten Szenen vor schrabbeliger Rückpro und so überflüssigen wie unspassigen Nebencharakteren füllen muss.

Und genau darum funktioniert „Skin Creepers“ auch als Comedy nicht – Horror mag es mitunter vertragen, wenn er elend gestreckt wird. Gags verpuffen sofort. Humor lebt von Verkürzung, Blackouts, Pointen. Geht es nicht straff, geht es gar nicht. Darum ist z.B. die Idee, riesige Dildos als Requisite einzuführen, im Prinzip gut – aber wenn man sie dann permanent im Bild hat und fünfmal für müde Gags einsetzt, stirbt schon das potenzielle Gekicher einen stillen Tod.

Es sei dem Nachwuchs ins Stammbuch geschrieben: gute Ideen. Nun müsst ihr noch lernen, sie gut umzusetzen. Dann braucht ihr auch so albernen Quatsch wie das unsägliche Micaela Schäfer-Cameo oder „lustige“ Figurennamen wie „Sasha Blue“ nicht.

Fazit: In fast allen Belangen missglückter Versuch einer deutschen Horror-Comedy, der aber wenigstens von einem Interesse der Macher zeugt, sein Publikum zu unterhalten.

Es ist übrigens ziemlich kontraproduktiv, wenn Artwork und Trailer einer Horror-Comedy den Comedy-Teil kackfrech unterschlagen:


The Curse of Dr. Wolffenstein

Deutschland 2015. Regie: Marc Rohnstock. Darsteller: Mika Metz, Isabelle Aring, Robin Czerny, Stephanie Meisenzahl, Roland Freitag, Oliver Krekel, Julia Stenke, Lena Nitro u.a.

Story (soweit ich sie verstanden habe): Dr. Wolffenstein will unsterblich werden, am besten im Selbstversuch, leider zieht das Experiment auch permanente Nekrose nach sich, weshalb der gute Doktor sich immer wieder Leichenteile anpfropfen muss. Zwar verbuddeln ihn die empörten Dörfler im Jahr 1930, aber nicht besonders gut. Und so zerlegt der wahnsinnige Wissenschuftler noch 80 Jahre später allerlei Pornopack, das er in seinem Labor auf den Seziertisch schnallt – womöglich auch die fünf Freunde, die auf dem Weg zu einem Bomben-Rave in der Gegend mit dem Wagen liegen bleiben?! Who will survive – and what will be left of them?

Kritik: Ich hatte es ja oben schon angedeutet – der hier kam nur in den Player, weil Kumpel Steffen ihn zur Hand hatte und wir nach „Skin Creepers“ dachten: jetzt ist eh‘ schon egal. Zwar war die Erwähnung Oliver Krekels auf dem Cover ein Warnsignal, aber ich versicherte mich, dass hier kein Walz, kein Bethmann und kein Schnaas am Werke waren. Sooo schlimm konnte es also nicht werden – oder?

Doch, doch. Konnte es.

Ich meide den deutschen Trash-Gore nach Kräften und immer wieder wird mir vorgeworfen, ich könne ja gar nicht beurteilen, zu welchen Leistungen sich das Genre mittlerweile aufgeschwungen habe. So wissen echte Fans zu berichten:

„Hey, wir leben hier in DEUTSCHLAND und wir haben hier auch guten Horror. Und die Amis trauen sich immer noch nicht den ultra-gore zu zeigen. Genital-splatter und zerlegte Kinder und sowas ist bei denen Tabu. Da geht es bei unseren Underground-Größen schon ganz anders ab. Deutscher Horror ist BESSER ALS SEIN RUF!“

Und dennoch oder vielleicht deshalb: „Dr. Wolffenstein“ ist genau das, was ich mir darunter vorgestellt habe. Im besten Fall ein Ärgernis, dem man ausweichen sollte, im schlimmsten Fall eine Kopfschmerzen hervorrufende Bankrotterklärung der gesamten deutschen Horrorszene, die sich als genau der Spackenverein outet, der zu sein sie immer lautstark bestreitet.

Ich habe ja schon mehrfach darüber gesprochen, dass in den Untiefen des Triebfilms die Mechanismen von Sex & Horror verwischen, dass die Befriedigung der Zuschauererwartung jeden Anspruch an Story und Umsetzung in den Hintergrund drängt. Porno und Splatter bedienen die gleichen Erwartungen, drücken die gleichen Knöpfe, zeigen die gleichen Vorgänge in den immer gleichen Rhythmen. Die Machete im Kopf und das spritzende Blut sind dem erigierten Penis mit seinem Ejakulat gleich – und darum ist es nur folgerichtig, wenn Filme wie „Dr. Wolffenstein“ beides zusammen bringen. Ob der Bösewicht die nackten (und grundsätzlich in den rasierten Schoß aufgenommenen) Opfer nun zerstückelt oder penetriert, macht letztlich keinen Unterschied. Es muss nur passieren – im monotonen 10 Minuten-Takt. Diese Sequenzen sind kein Bestandteil der Narrative, sie sind „scenes“ wie in einem Pornofilm, Gewalt- statt Geschlechtsakte in einem luftleeren Raum, von denen man mehr oder weniger in den Ablauf schneidet, bis die gewünschte Laufzeit erreicht ist. Es ist eben NICHT überraschend, dass zu den „Opfern“ auch Pornostar Lena Nitro gehört. Es ist nur konsequent.

Der hilflose Versuch einer Story dazwischen kann abgehakt werden – es geht um prolliges Pack, mit dem wir uns identifizieren sollen, das wir aber von der ersten Minute an tot sehen möchten. Die Figuren vertreiben sich die Zeit wie der Film selbst: Auto fahren, Disco, blödeln, saufen. Es soll ja nur überbrücken bis zur nächsten Ekelei. Wenn dann im dritten Akt beide Stränge zusammen finden, ist das so willkürlich wie lustlos (ein in diesem Zusammenhang mehr- und eindeutiges Wort). Es passiert nur, weil der Film ja irgendwann zu Ende sein muss.

Dass die Zielgruppe für so ein Kotzkino massiv was an der Murmel hat, kann man schon am ersten Satz ablesen, den ich online zum Film fand:

„deutsche durchaus ansehnliche und auch atmosphärisch dicht inszenierte Amateur-Splatter-Granate“ 

Nein. Nein nein nein. Selbst wenn man hin nähme, dass die Splattereien achtbar handgemacht sind, kann die schiere Amateurhaftigkeit der Aufbereitung nur den anspruchslosesten Allesgucker durch den Abend bringen. Es würde Tage dauern, alle Anschlussfehler, filmischen Ausfälle, technischen Defizite und inszenatorische Fehlentscheidungen aufzuzählen.

Kaum etwas illustriert die Einstellung sowohl der Filmemacher als auch der Figuren besser als Tinas Reaktion, wenn sie mitbekommt, dass ihr Crush David jetzt mit Emily zusammen ist: „Schade, ich hätte ihm gerne mal einen geblasen“. Das ist das Niveau und die erzählerische Tiefe, von der wir bei „Dr. Wolffenstein“ reden.

Aber ist das nicht komplett wurst? Muss man einem Film, der nur für seine Splatter-Version von „cum shots“ existiert, mangelnde Kompetenz in echtem Storytelling vorwerfen? Wäre es nicht Perlen vor die Säue gewesen, sich tatsächlich über die Sudeleien hinaus irgendwie zu bemühen? Wenn der Produzent es nicht kann und der Konsument es nicht braucht – who cares? Und DAMIT sind wir dann an dem Punkt, an dem ich mit dem deutschen Amateur-Horror fast nie zusammen komme. Weil er nicht missraten ist. Das würde nämlich implizieren, es gäbe den ernsthaften Glauben und das Interesse, es besser zu machen. Aber der deutsche Horror ist genau das, was er sein will – und deshalb immer sein wird. Und damit habe ich ca. 1990 abgeschlossen.

Fazit: Durch und durch verkommenes Stück Deppen-Gore für Gore-Deppen, dessen Unterhaltungswert für Zuschauer außerhalb der Zielgruppe mit einem Tritt in die Eier vergleichbar ist. Nachschub für die wirklich niedersten Instinkte.

Der Trailer ist eine ziemlich gute Messlatte – wer das hier mag, der soll sich ruhig die Scheibe kaufen (und mich aus seiner Freundesliste streichen):


Abschließende Gedanken

Ein harter Abend für den guten Geschmack. Beide Filme zeigen deutlich, was beim deutschen Horrorfilm schief läuft – alles. Da fehlt jedes Gespür für Story, für Inszenierung, für Humor oder echte Spannung. Mag sich das Genre seit „Zombie 90“ auch technisch weiter entwickelt haben und ist der Super-VHS-Look mittlerweile einem kristallklaren HD gewichen, so sind die Inhalte doch immer noch pubertär, strunzdumm und jedem peinlich, der seine Wochenenden nicht entweder auf DVD-Börsen oder zu Emo-Chicks masturbierend verbringt. Den Deckel drauf macht man mit der irrigen Annahme, die Integrität der filmischen Realität dem Marketing einer Sexstarlet-Besetzung opfern zu müssen. Selten genug, dass ich ein Bibelzitat zur Schelte von Machern und Darstellerinnen heranziehen muss:

„Und sie waren beide nackend, der Mensch und sein Weib, und schämeten sich nicht“

Und doch gibt es Unterschiede. Man merkt „Skin Creepers“ an, dass er ein kommerzieller Film sein möchte, so mit allem – er versucht es wenigstens. Er möchte gerne gute Darsteller haben, findet sie nur nicht. Er möchte gerne witzig sein, ist es nur nicht. Er möchte gerne tolle Effekte haben, kann sie nur nicht. „Dr. Wolffenstein“ hingegen ist alles egal: Titten + Splatter = Gejohle. Seine Macher haben die cineastische anale Phase nie überwunden und zeigen mit debilem Stolz auf ihren Haufen. Es ist der Unterschied zwischen „gewollt, aber nicht gekonnt“ und „nicht mal gewollt“.



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tbee

Na wenn das mal nicht eine emotionalle Kritik ist – herrlich 🙂 Danke dafür!
Dann bin ich mal gespannt was sich noch so an Kommentare einfinden und richte mir schon mal eine gute Portion Popcorn 🙂
Weiter so…

tna
tna

aber ich versicherte mich, dass hier kein Walz, kein Bethmann und kein Schnaas am Werke waren. Sooo schlimm konnte es also nicht werden – oder?

Aber auf dem Cover steht doch warnend Marc Rohnstock’s.
Der hat Necronos – Tower of Doom verbrochen. Über 2 Stunden geballte Inkompetenz, geistiger Dünnschiss und zwischendurch ein bisschen Geschmodder.

Marco
Marco

Oh boy …
Oefter werde ich mal gefragt, ob es denn nicht auch gute deutsche horror gaebe, die ich empfehlen koennte. Jedesmal wenn es eine neue Kritik hier gibt hoffe ich. Aber das scheint ja alles eher schlimmer als besser zu werden. Und ja, habe mir einige der besprochenen Sachen angeschaut und meistens finde ich des Wortvogel’s Urteile noch zu milde …
Ich werde also weiter empfehlen, bei eigenen Produktionen zu bleiben oder andere EU Laender auszuprobieren…

Mencken
Mencken

Bin mir nicht sicher, ob das als „deutscher Horror“ etikettiert werden kann. „Amateur Gore-Porn“ scheint mir eher ein internationales Nischengenre zu sein, das aus unerfindlichen Gründen in Deutschland besonders populär zu sein scheint.