Bei Facebook kommt immer mal wieder die Frage auf, ob ich diese oder jene Serie schon gesehen hätte. Mein Problem? Ich habe zu wenig Zeit und zu wenig Lust, um mich täglich durch sechs bis acht Stunden Neuware zu wühlen. Es ist ein goldenes Zeitalter für TV-Serien und als Geek hatte man noch nie eine so hohe qualitative wie quantitative Auswahl – aber es erschlägt mich ein wenig. Ich vermisse die Zeiten, als ich von wirklich JEDER neuen Serie die erste Folge anschauen konnte, um mitreden zu können. Das ist mittlerweile illusionär.

Trotzdem habe ich mir in den letzten Wochen ein paar New Releases angeschaut und gebe euch hier meine ersten Eindrücke wieder, basierend auf den jeweils ersten beiden Folgen. Mag sein, dass einige Serien in der Komplettansicht besser (oder schlechter) sind, aber das müssen andere Reviewer entscheiden.


Nobility

Über diese Serie bin ich eher zufällig gestolpert, bei einer nächtlichen Kruscherei auf Amazon. Wie jetzt – eine neue Space Opera mit humoristischem Star Trek-Ansatz und einem Haufen Gaststars aus anderen SF-Franchises?! Wie konnte mir das fast ein Jahr lang verborgen bleiben? Ich will den Manager sprechen!

Entwarnung. „Nobility“ ist ein rechter Scheiß auf Fanfilm-Niveau, dessen Skript so dürftig und die Inszenierung so fußlahm ist, dass selbst die drei gerade mal 15minütigen Episoden sich ziehen wie Kaugummi. Sets und Kostüme fahren so sehr auf Sparflamme, als sei das ganze Projekt in einer Doppelgarage inszeniert worden und nur die solide Raumschiff-CGI täuscht vor, es ginge hier um mehr als ein Amateurprojekt. Und selbst in diesem mageren Rahmen kann „Nobility“ nicht mit z.B. „Star Trek Phase II“ mithalten. Alles, was hier versucht wird, hat „The Orville“ dann professioneller gemacht.

Eigentlich beschämend, wie viele Schauspieler aus Star Trek, Stargate, Heroes und anderen Serien sich in so einem Klump verdingen, um ihre SF-Credibility (und damit ihre Con-Gagen) aufzuwerten.


Disenchantment

„Futurama“ ist durch, die müden „Simpsons“ werden im Culture War zerrieben – was macht eigentlich Matt Groening den ganzen Tag?! Das, was momentan alle machen: eine neue Serie für Netflix. Im Look von den „Simpsons“ inspiriert, technisch an „Futurama“ angelehnt, parodiert „Disenchantment“ die Klischees aller Fantasy-Welten von „Herr der Ringe“ an aufwärts. Die Präsentation im 3D/2D-Mix ist beeindruckend und die Charaktere sind erfrischend sperrig, aber weder hat mich die Story besonders mitgerissen noch ist die Gagdichte ausreichend hoch, um Bingewatching zu rechtfertigen. Aber ich bin sicher, das sehen viele von euch anders.


Chilling Adventures of Sabrina

Ich wußte spätestens seit „February“, dass Kiernan Shipka zu Größerem berufen ist als B-Horror-Filmchen. Die hat eine Ausstrahlung und einen Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann – ähnlich wie Anya Taylor-Joy. Und nun hat sie auch prompt die Hauptrolle in der aufwändigen Comic-Verfilmung, die so eine Art düstere Fortschreibung der „Sabrina the Teenage Witch“-Sitcom darstellt, aber in Sachen Effekten, Atmosphäre und Figuren deutlich in „Buffy“-Territorium wildert.

Optisch sehr schön zwischen Horrorfilm und Märchen-Fantasy wandelnd, ist „Sabrina“ eine gelungene Coming of Age-Saga, die trotz der pubertär weiblichen Tropen nicht im „Twilight“-Schmalz ausrutscht – mit einer Ausnahme: Wenn Sabrina in der ersten Folge einen Aufstand macht, um ein Trans-Mädchen zu beschützen, dann wird der ganz große Gender-Hammer rausgeholt und wir sind ratzfatz bei den Culture War-Buzzwords, die ganz „Charmed“ durchziehen. Das ist hier aber erfreulicherweise nur eine einzelne, auffällig nervig reingetackerte Relevanz-Hudelei.

Davon abgesehen: Ein weiterer Home Run für Netflix und man darf sich auf die zweite Staffel freuen, die ebenfalls schon in Produktion ist.


Murphy Brown

Das Remake einer Sitcom aus der Clinton-Ära. Geständnis: Ich habe die Originalserie in den 90ern nicht angeschaut. Die war (ähnlich wie „Late Line“ oder „Die Larry Sanders Show“ oder „Coach“) immer derart amerikanisch in ihrem kulturellen Kontext, dass sie für europäische Zuschauer kaum nachvollziehbar war. „Murphy Brown“ machte sich über die Kabel-Nachrichtensender lustig, bevor wir genau wussten, was Kabel-Nachrichtensender sind.

Es macht durchaus Sinn, die Serie neu aufzulegen: mit Trump ist das genaue Gegenteil von Bill Clinton im Weißen Haus und die politische Stimmung ist genau der richtige Gegenwind für die eigentlich pensionierte Moderatorin Murphy. Außerdem ist die Welt heute noch viel deutlicher als vor 20 Jahren von den Kabelnachrichten durchseucht. War „Murphy Brown“ in den 90ern relevant, so ist sie heute zwingend. Und weil der Charakter Murphy Brown das auch so sieht, tritt sie noch mal an.

Ist man linksliberaler Gesinnung, dann ist das durchaus intelligente, beißende Polit-Comedy. Klar kann man Gastauftritte wie den von Hillary Clinton (!) für extrem kriecherisch halten und Trump für ein arg banales Ziel, aber es gibt momentan nicht genügend Lacher, die einem nicht im Halse stecken bleiben. Außerdem zeigt Murphy Brown, dass man nie zu alt für den Widerstand ist. Go, Murphy!


Magnum PI 2018

Ich könnte jetzt lange schwadronieren. Darüber, dass es zwar kein Remake dieser Kultserie braucht, es aber nur stimmig ist, nach dem Erfolg von „Hawaii 5-0“ auch den Quasi-Nachfolger noch mal abzustauben. Darüber, dass diesmal deutlich mehr auf Verfolgungsjagden und Stunts gesetzt wird, was den Humor ein wenig zu sehr in den Hintergrund drängt. Darüber, dass der vorhandene Humor mir persönlich ein wenig zu zynisch und teilweise auch herablassend ist – Magnum war nie zynisch.

Aber das ist alles Wurst. Weil der Erfolg der Originalserie „Magnum“ primär am Casting von Tom Selleck hing. Der konnte Action UND Humor, der war gleichzeitig baumlang sexy und doch immer der nette Junge von nebenan. Magnum und Selleck, das waren ein Arsch und ein Eimer wie Remington Steele und Brosnan, wie MacGyver und Anderson, wie Knight und Hasselhoff. Perfekte Serien mit perfekten Stars.

Und genau da ist „Magnum PI 2018“ der Rohrkrepierer. Jay Hernandez ist kein Tom Selleck. Er wirkt schmierig, wenn er witzig-sexy wirken soll und hat einfach nicht die Ausstrahlung eines Mannes, dem man augenblicklich sein Leben anvertrauen will. Und mag die (ja, die!) neue Higgins auch sexy britisch sein – ich brauchte nie eine „will they / won’t they“-Nummer in „Magnum“. Und ich brauche sie immer noch nicht.


Star Wars Resistance

Okay, die Trickserie „Star Wars Rebels“ ist nach vier Jahren durch und es geht fast nahtlos mit „Star Wars Resistance“ weiter. Dabei handelt es sich um ein Prequel zu „The Force awakens“, Poe Dameron ist ebenso mit dabei wie General Leia Organa. Inhaltlich geht es um ein paar Jungspunde, die als Pilotennachwuchs der Rebellen geheime Missionen erfüllen. Es wird VIEL geflogen und geschossen.

Ich sag’s ganz ehrlich: mein’s ist es nicht. Wie schon bei „Rebels“ finde ich den Stil der Animation beeindruckend in seiner Dynamik und er passt auch sehr gut zum Star Wars-Universum. Aber die Serie ist halt doch sehr auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten mit ihren simplen Plots und den hochgekochten Emotionen der Figuren, bei denen eine übertriebene Mimik den Mangel an Details wettmachen soll.

Ein wenig mehr Ernst und ein weniger cartooniges Charakter-Design und „Resistance“ hätte eine sinnvolle Ergänzung des Kanons werden können. Zumindest für mich funktioniert das SO aber nicht wirklich. I’m too old for this.



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Ingo
Ingo

Deine Einschätzung zu Haunting of Hill House würde mich mal interessieren…

noyse
noyse

ich persönlich denke dass Hill House zwei Folgen zu lang ist. die gesamte letzte Folge zieht sich wie Kaugummi. ein bisschen war ich dann an die letzte Lostfolge erinnert 🙁 Ansonsten hat mir die Unaufgeregtheit gefallen mit der der grusel aufgebaut wird. Aber zum Schluss hätte man dann doch mal aufdrehen sollen meiner Meinung nach

sergej
sergej
heino
heino

Ich habe von diesen Serien bisher nur Disenchantment begonnen, aber wegen akuter Witzlosigkeit nach 6 Folgen abgebrochen. Wenn das alles ist, was Groening noch liefern kann, kann ich darauf verzichten.

Markus

Absurd übrigens auch, dass „Magnum“ (die Originalserie) mehrfach in „Hawaii Five-0“ erwähnt wird, das Remake aber nun im selben Serienuniversum spielt.

Chris
Chris

„Ein Remake von Magnum P.I.: Magnum ist ein 1,74 m großer Mexikaner ohne Schnurrbart und Higgins eine Frau.“
„Das kann nur gut werden.“

Ist allerdings auch nicht so schlecht wie erwartet. Die Oberflächlichkeit und A-Team-Haftigkeit der alten Serie ist gut getroffen. Ich bin noch nicht raus.

Matts
Matts

Deine Meinung zu „Disenchantment“ deckt sich mit dem, was ich auch schon von anderer Seite darüber gehört ab. Schade, ich hatte echt gehofft, dass aus dem neuen Projekt von Matt Groening was Anständiges wird.
Die Sabrina-Serie, auf der anderen Seite, sieht recht interessant aus!