GB/USA 2018. Regie: John McPhail. Darsteller: Ella Hunt, Mark Benton, Malcolm Cumming, Sarah Swire, Christopher Leveaux

Offizielle Synopsis: Teenagersein ist kein Zuckerschlecken – davon kann auch Anna ein Lied singen. Ihr Vater versteht sie nicht, ihr Ex-Freund nervt und sogar auf ihren besten Kumpel John könnte sie manchmal eher verzichten. Doch wie sie bald feststellen muss, sind Elternstress und Highschool-Drama zu vernachlässigende Probleme, wenn sich auf dem Weg zur Schule der Weltuntergang offenbart. Während Anna und John nämlich noch dem täglichen Schrecken des Schulalltags entgegenblicken, fällt die gesamte Nachbarschaft um sie herum einer Horde Untoter zum Opfer. Spätestens aber als Anna in Notwehr einen blutrünstigen Schneemann köpfen muss, ist den beiden klar, dass der Unterricht heute wahrscheinlich ausfällt.

Kritik: Reden wir mal Tacheles. Ich liebe Horrorfilme. Ich liebe Musicals.

Musicals. Horrorfilme. Zwei Worte, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen. Auf der einen Seite eine (zumeist) heile Welt, in der die Leute singen und tanzen, und auf der anderen eine dunkle Seite unserer Realität, ein Zerrbild voller Grauen und Verderben, in dem eigentlich niemandem danach sein dürfte, lauthals seine Gefühle in die Welt hinaus zu singen.

Das Paradoxe daran ist jedoch, dass es sehr gut klappt, diese beiden so unterschiedlichen Welten miteiander zu kombinieren. Nehmen wir nur einmal das berühmteste Musikvideo aller Zeiten, Michael Jacksons THRILLER. Oder THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW, bzw dessen Bühnenvorlage. Überhaupt hat dieser Mix auf der Bühne in der Vergangenheit immer wieder sehr erfolgreich funktioniert, ob mit Andrew Lloyd-Webbers PHANTOM DER OPER oder Stephen Sondheims SWEENEY TODD: THE DEMON BARBER OF FLEET STREET, oder abseits der großen Bühnen mit Off-Broadway Adaptionen bekannter Horrorfilme wie EVIL DEAD: THE MUSICAL oder RE-ANIMATOR: THE MUSICAL. Von romantisch-morbide bis überdreht-viszeral, die Bandbreite moderner „Grusicals“ ist in etwa so weit gespannt wie die des Horrorgenres an sich.

Und von daher überrascht es mich auch immer wieder, wie wenig „Grusicals“ es auf die große Leinwand oder den Bildschirm geschafft haben. Klar, es gibt Filmadaptionen von sowohl dem PHANTOM DER OPER als auch SWEENEY TODD, aber zumindestens wenn es um Studioproduktionen geht, stehen die Filme von Joel Schumacher und Tim Burton doch ziemlich allein auf weiter Flur. Es gibt noch LITTLE SHOP OF HORRORS, die Filmadaption der gleichnamigen Bühnenadaption des gleichnamigen Roger Corman-Films, aber das war es auch schon. Eine Stufe kleiner sieht es schon ein wenig besser aus, allen voran mit Darren Lynn Bousman (mit dem der Hausherr ja so seine Problemchen hat) und dessen Musical-Triumvirat REPO! THE GENETIC OPERA, THE DEVIL’S CARNVIVAL und ALLELUIA!, Agnieszka Smoczyńskas THE LURE, STAGE FRIGHT oder Trey Parkers CANNIBAL! – THE MUSICAL (da fällt mir gerade erstmal auf, dass recht viele Horrormusicals ein Ausrufezeichen im Titel haben…).

Aber auch auf der Mattscheibe gab es das ein oder andere Horrormusical wie die Folge „Once more with Feeling“ aus BUFFY THE VAMPIRE SLAYER oder „The Phantom of Crowley High“ aus TODD AND THE BOOK OF PURE EVIL. Selbst der Disney-Channel hat versucht sich ein Stück von diesem Kuchen zu sichern, und im Frühjahr diesen Jahres ZOMBIES! (Da ist ja wieder dieses verfluchte Ausrufezeichen) in die heimischen Wohnzimmer geschickt. Ein Musical mit Zombies. Yeah.

Moment. Zombies. Musical. Da war doch was? Ach ja, stimmt: ANNA AND THE APOCALYPSE!

Noch da? Gut.

Der Abschlussfilm des diesjährigen Fantasy Film Fests beackert mehr oder weniger das gleiche Terrain wie Disneys ZOMBIES! Aber das ist ja auch nicht allzu schwer, denn wenn man will, kann man beide auf den gemeinsamen Nenner „Zombie-Musical“ herunterrrechnen. Aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf, denn wo ANNA… ein traditionell-schlurfender Zombiefilm mit Tanz- und Gesangseinlagen ist, ist ZOMBIES! (Argh) einfach nur HIGH SCHOOL MUSICAL mit Zombies. Mit tanzenden Zombies. Mit singenden Zombies. Irgendwie befürchte ich, dass Romero nach seinen letzten Zombiefilmen auch irgendwann diesen Weg gegangen wäre, wenn es ihn nicht letztes Jahr dahingerafft hätte. Bah, raus aus meinem Kopf, ihr schreckliche Gedanken…

Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf: Ist ANNA AND THE APOCALYPSE ein guter Film? Ja, schon, irgendwie. Er macht Spaß, er hat das Herz am rechten Fleck, hat sympathische Darsteller, das nötige Quentchen Gore und Effekte, und auch wirklich gute Songs, die einem noch lange im Ohr bleiben (ich hätte beinahe den Titel meines Lieblingsstücks ausgeplaudert, aber das wäre ein böser Spoiler gewesen…).

Er hat aber einen meiner Meinung nach eklatanten Fehler: seine Charaktere! Sicher, als Horrorfan bin ich es gewohnt, dass die meisten Figuren in einem Horrorfilm eher blass bleiben, bzw aus einer Aneinandereihung von Klischees bestehen, aber sie sind doch irgendwie als Charaktere spürbar, und das ist bei ANNA… leider nicht der Fall. Alle Figuren, quer durch die Bank , sind die sprichwörtlichen „Cardboard Characters“. Sie sind alle oberflächlich und so grob umrissen, wie es nur geht. Nehmen wir nur einmal die Titelfigur Anna. Sie ist die „Heldin“ des Films, hat einen Vater aber keine Mutter, hat einen Ex-Freund den sie nicht mehr leiden kann, und will nach dem Schulabschluss nach Australien. Wir wissen nicht, warum sie nur einen Vater hat (ist die Mutter gestorben, ist sie abgehauen?). Wir wissen nicht genau warum sie nach Australien will. Wir wissen nicht genau, warum sie ihren Ex nicht mehr leiden kann (wir bekommen zwar später in ein oder zwei Nebensätzen eine Erklärung, aber das macht die Maus auch nicht fett). All das ist „Anna in a Nutshell“. Und so ähnlich bzw noch flacher verhält es sich mit den anderen Charakteren.

Der beste Freund? Ist in Anna verliebt. Die beste Freundin? Liebt ihren Freund. Ihr Freund? Ist ein Videonerd. Die Klassenkameradin, die sich mit ihnen durch die Apokalypse schlägt? Ist lesbisch. Annas Ex-Freund? Ein Jock. Der böse Schuldirektor? Ist einfach ein böser Schuldirektor.

Kurzum: eigentlich sollten alle Figuren in diesem Film nicht funktionieren, und uns einfach kalt lassen. Aber das tun sie nicht, und das ist ein Verdienst, den man dem Regisseur des Films, John McPhail nicht hoch genug anrechnen kann. Die Charaktere mögen so platt sein, dass man bei jedem Windstoß Angst haben muss, dass sie gleich umfallen, aber doch interessieren wir uns für das, was ihnen Leinwand passiert, und all das Drama, das sich um sie herum entfaltet. Und Drama – davon hat der Film wahrlich genug. Als ich den Teasertrailer vor etwa einem Jahr das erste Mal gesehen habe, ging ich noch davon aus, dass es sich bei ANNA… um einen lauten, lustigen Zombie-Romp mit Songs handeln würde, doch weit gefehlt. Ähnlich seinem großen britischen Bruder SHAUN OF THE DEAD steht für die Figuren so einiges auf dem Spiel, und McPhail versteht es gekonnt, uns den einen oder anderen emotionalen Tiefschlag zu verpassen (nur um kurz darauf wieder ein paar Gags einzubauen). Und natürlich gibt es auch die ein oder andere Hommage oder Referenz an all die Zombiefilme, die vor ANNA… kamen. Beispiel gefällig? In einer Szene kommt eine Putzfrau namens „Mrs. Hinzmann“ vor (Bill Hinzmann verkörperte den ersten Zombie in Romeros NIGHT…).

Aber ein Film lebt natürlich nicht nur von der Regie und der Musik, sondern auch, oder besser gesagt vor allem, von seinen Darstellern, und da hat John McPhail mal ein richtig gutes Händchen bewiesen. Jung, frisch, unverbraucht und einfach nur gut. Besonders hervorzuheben sind da meiner Meinung nach Paul Kaye in der Rolle des fiesen Schuldirektors Savage, der einfach nur wunderbar schmierig rüberkommt (und mich stark an Atticus Murphy jr. Aus TODD AND THE BOOK OF PURE EVIL erinnert), Sarah Swire als Steph, und ganz besonders Marli Siu, als Annas beste Freundin Lisa, die die wahrscheinlich coolste Szene im Film hat (ich sage nur: Weihnachtsfeier). Alle drei fallen in die Kategorie: „Würde ich gerne öfter sehen.“

Fazit: Ist ANNA AND THE APOCALYPSE also der große Hit, den sich so mancher im Vorfeld erhofft hat, ein neuer Genreklassiker? Nein, leider nicht. Es ist einfach „nur“ ein verdammt sympathischer und unterhaltsamer kleiner Film, der die Zuschauer durch ein Wechselbad der Gefühle jagt, und in keiner Minute langweilt. Manchmal braucht man einfach nicht mehr als das, und deshalb gibt es von mir 8.5 von 10 lachenden und weinenden Augen



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Marcus
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What he said, just better. 10/10.

Die Figuren mögen keine Originalitätspreise gewinnen, aber dennoch glaubt und mag man sie. Und manchmal wird dann doch ein Widerhaken in die Charakterisierung eingebaut, den man nicht hat kommen sehen.

Stichwort Anna’s Jock-Ex: dem Klischee nach würde man ja erwarten, dass der durchgehend ein Arschloch bleibt, das Überleben der Gruppe gefährdet und am Ende, nachdem er Anna in aussichtsloser Lage im Stich gelassen hat, rechtzeitig zum Finale Zombiefutter wird. Würde man erwarten. Seht selbst…

Comicfreak
Comicfreak

Dein cliffhänger ist schlimmer als der im trailer