GB 2018. Regie: Johnny Kevorkian. Darsteller: Sam Gittins, Neerja Naik, Grant Masters, Abby Cruttenden, Holly Weston, Kris Saddler, David Bradley

Offizielle Synopsis: Nick fährt mit Freundin Annji über Weihnachten in seine Heimatstadt, um sie der Familie vorzustellen. Von Besinnlichkeit ist bei diesem Besuch allerdings keine Spur. Die dysfunktionalen Eltern, der rassistische Großvater, die neurotische Schwester und ihr Freund sorgen nicht gerade dafür, dass Annji sich willkommen fühlt. Als dann auch noch eine mysteriöse schwarze Barriere die Familie in ihrem Haus einschließt und düstere Befehle aus dem Fernseher ertönen, weicht die anfängliche Paranoia bald schierem Terror.

Kritik: Ich hatte die Diskussion auf dem FFF kurioserweise erst vor zwei Tagen wieder: viele Autoren können ein Setup nicht von einer Story unterscheiden. Wie oft habe ich Kollegen gehört, die Sätze anfangen mit „Also die Story ist, dass da ein Typ mit Gedankenkraft die Börse manipulieren kann…“. Nein. Das ist keine Story. Das ist ein Setup, ein Ausgangspunkt. Was er damit macht, DAS ist die Story. Und das Setup ist sehr verführerisch, weil es sich nur mit der dramaturgischen Frage beschäftigen muss, mit dem Anfang des Films. Es schert sich nicht um das Ende, um die plausible Antwort – und genau DA scheitern die meisten aktuellen Mystery-Filme.

Wobei scheitern ein relativer Begriff ist. Eigentlich seit „Akte X“, aber spätestens seit „Lost“ scheint eine befriedigende Auflösung gar nicht mehr nötig zu sein. Der Weg ist das Ziel – das Ziel ist letzten Endes wurscht, oder? Ich tue mich mit dieser Einstellung sehr schwer und stehe da eher bei Hitchcock, der das Schicksal der Marie Celeste deshalb nie verfilmt hat, weil er auf die verführerische Frage „was geschah an Bord?“ keine zufrieden stellende Antwort fand.

Und damit kommen wir zu „Await further instructions“, einem Dampfkessel-Thriller, in dem ein halbes Dutzend Menschen, die nicht miteinander können, in einer limitierten Location aufeinander gehetzt werden. Das Tier im Menschen, es zeigt schnell seine Fratze, regiert wird von oben nach unten, auch die familiären Bande stellen sich fast augenblicklich als wertlos heraus. Blut mag dicker als Wasser sein, aber es ist augenscheinlich dünner als Adrenalin.

Das ist relativ grob gezeichnet, keine der Figuren macht einen Schritt außerhalb der Klischees. Der Jock, die doofe Nuss, der rassistische Opa, der spießige Vater – die Weihnachtssketche von Loriot waren ungefähr genau so besetzt.

Aber es gibt diese Figuren ja, weil sie funktionieren, weil sie sich anbieten. Die simplen Instruktionen auf dem Fernseher, ungewisser Herkunft und Absicht, werden für den nach Autorität gierenden Vater schnell zur neuen Heilsbotschaft, die mental und moralisch Schwachen unterwerfen sich, nur der Außenseiter stellt die einzig relevante Frage: was ist hier überhaupt los?

Das ist spannend und im klassischen Sinne gruselig, die Paranoia überträgt sich von der Leinwand in den Kinosaal und man fragt sich unweigerlich: was würde ich in der Situation tun?

Aber erinnert ihr euch an meine einleitenden Absätze über das Problem von Frage/ Antwort in Mystery-Filmen? Nach ungefähr einer Stunde war mir klar, dass „Await further instructions“ sich schon so weit aus dem Fenster gelehnt hatte, dass ein plausible Erklärung für die Geschehnisse eigentlich kaum noch möglich war. Und richtig: am Ende wird zwar erklärt, WAS passiert ist – aber WIE und vor allem WARUM bleiben ausgeklammert. Das Familiendrama kippt in cronenberg-esken Bodyhorror, ohne irgendwelche Erklärung dazu zu bieten. Ist das alles eine Parabel auf den Fernseher als den neuen Gott der Familie? Auf die Gesellschaft als ferngesteuerte Masse von Drohnen, unfähig zum eigenen Denken? Oder doch nur Invasion? Man kann es sich nicht zusammen reimen, weil der Film keine ausreichenden Hinweise gibt.

Ich kenne viele Zuschauer, die so etwas nicht sehr stört – war doch super spannend, da muss am Ende doch nicht alles ausformuliert werden. Vielleicht liegt’s daran, dass ich als Autor selber oft genug mit Auflösungen gekämpft habe – mir reicht das nicht.

Fazit: Ein gelungenes Mystery, als beinharte Dekonstruktion einer dysfunktionalen Familie etwas plakativ erzählt, dem nach 90 Minuten Spannung die Eier für eine plausible Auflösung fehlen. 8 von 10 Punkten für die ersten 90 Minuten, dann 3 Punkte Abzug nachträglich für das Ende.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Solange der Film bei den Menschen bleibt, ist er interessant und gelungen. Das Ende ist jedoch unbefriedigend.“



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Hamburg, Tag 3, Film 1 – Filmisch eigentlich eine runde Sache aber zum Schluss hat sich das Drehbuch in eine Ecke gemalt und kann sich nur mit einem billigen Trick an einer Auflösung herum mogeln. Andererseits hatte ich einen Moment die Befürchtung, dass es auf „es war alles nur ein Traum … oder etwa nicht?“ hinaus läuft.

Fazit: Gutes Festival-Futter mit schwachem Abgang