USA 2018. Regie: Nicolas Pesce. Darsteller: Christopher Abbott, Mia Wasikowska, Laia Costa, Wendell Pierce u.a.

Offizielle Synopsis: Der perfekte Mord folgt wie die tollste erotische Fantasie oft einer Choreografie. Für den schüchternen Reed hat die etwas mit Chloroform und einer Säge zu tun. Akkurat plant er jeden Schritt, bevor er zum Rendezvous ins Hotel lädt. Dummerweise folgt im Leben nichts dem Skript, und so ist das einsame Callgirl da auf dem Bett womöglich gar nicht das wehrlose Opfer seiner Träume.

Kritik: Der Film, vor dem ich mich gefürchtet habe – und natürlich kam der mit großen Vorschusslorbeeren von anderen Festivals und vom Veranstalter. Aber was soll ich machen? Ich fand Nicolas Pesces Erstling „The Eyes of my Mother“ unsäglich und die Tatsache, dass die Kritik sich seinetwegen vor Begeisterung überschlagen hat, zeigt nur wieder mal, wie weit ich vom Filmkritik-Establishment entfernt urteile. Film ist für mich ZUERST Unterhaltung, DANN Kunst – und ich kann aus Letzterer nicht willkürlich Erstere generieren. Ausnahmen bestätigen natürlich immer die Regel.

Aber was soll ich sagen? „Piercing“ ist so weit entfernt von „The Eyes of my Mother“ wie „Psycho“ von „Transformers“. Pesce nutzt nicht nur eine völlig andere Bildsprache, sondern auch neue dramaturgische Spielregeln. Außer der Tatsache, dass seine Protagonisten immer noch verzweifelt in ihren Obsessionen gefangen sind, haben dieser Film und sein Vorgänger wirklich gar nichts miteinander zu tun. Vielleicht ist es der Tatsache zu verdanken, dass Pesce hier auf einen japanischen Roman als Vorlage zurückgreifen konnten, was trotz aller Wirrnis für eine stärkere innere Ordnung sorgt.

Letztlich ist „Piercing“ ein Zwei Personen-Stück, das in einer primärfarbenen Scheinwelt spielt, ähnlich wie „Luz“ oder „Keep an eye out“. Die Häuserschluchten der Stadt sind augenscheinlich Modelle, die in Straßen linsende Kamera erinnert an frühe Versionen von Grand Theft Auto. Auf dem Soundtrack: Klassiker der Giallo-Soundtrackgeschichte, mit dem „Piercing“ eine Seele teilt, ohne ihn einfach nachzuäffen.

Plastiktelefone, eine Frau im Pelz, schwerer Teppich auf dem Hotelzimmerboden – eine gewollte kitschige Stickigkeit durchzieht die Produktion, umhüllt die Figuren wie ein hölzerner Käfig aus einem 70er Jahre-Möbelkatalog.

Der Mann und die Frau. Was sie voneinander wollen, ist die Befriedigung ihrer düstersten Neigungen. Als sie mehr finden, sind sie verwirrt, aber unfähig, es zu kommunizieren. Er – dem der sorgsam geplante Mord zur Triebabfuhr außer Kontrolle gerät. Sie – die schwankt, ob sie ihren Drang zur Zerstörung an ihm oder an sich selbst ausleben soll. Sie ergänzen sich, was für beide tödlich enden könnte.

Und so entwickelt sich ein Spiel aus Macht, Gewalt, Kontrolle, Schmerz – aber praktisch keinem Sex, denn der Sex ist beide Seiten letztlich nur Nebenschauplatz. Hier haben sich zwei gefunden, die sich nie hätten finden dürfen.

Das ist am Anfang verführerisch leichtfüßig inszeniert, witzig teilweise. Aber spätestens, wenn die Frau im Bad beginnt, sich zu verstümmeln, nimmt die Geschichte eine tragisch-grausame Wendung. Das mag sicher nicht für jeden Zuschauer erträglich sein, ich würde sogar davon abraten, sich von meiner Wertung leichtfertig zum Besuch hinreissen zu lassen. Wer aber zum FFF geht, um sich auch mal in Sachen Kino-Tabus jenseits der bloßen Gewaltdarstellung herausfordern zu lassen, der ist hier richtig. Das ist ein Film für Fans von „We are the Flesh“, „Enter the Void“ und „The World of Kanako“.

Fazit: Artifizielles Erotikdrama, stellenweise schwer verdaulich und kryptisch, aber auf seltsame Weise auch humorvoll und berührend. 9 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Kein Trailer, aber ein Promo-Interview:

Philipps zweite Meinung:

„Hat mich leider nicht abgeholt, weil ich mich mit Sinnlosigkeit und Wahn schwertue.“



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MarcusSquirreliusmmS-Man Recent comment authors
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S-Man
S-Man

Oh mann… Hätte wohl doch bleiben sollen, damit ich dieses Jahr doch noch nen halbswegs guten Film zu Gesicht bekomme… Mist.

mm

Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.

Squirrelius

Klingt interessant, wobei mich das Poster- Motiv schwer beeindruckt. So was sieht man außerhalb der Nostalgie- DVD Abteilung heutzutage so gut wie nie

Marcus
Marcus

Darsteller und Look überzeugen, aber obwohl auch sonst gute Ansätze da sind, bleibt es mir dann doch einen Tick zu wenig zu Ende gedacht, zu sehr abstrakte Arthouse-Fingerübung für eine höhere Note. 7/10.