Spanien 2017. Regie: Sergio G. Sánchez. Darsteller: George MacKay, Anya Taylor-Joy, Charlie Heaton, Mia Goth, Matthew Stagg, Kyle Soller

Offizielle Synopsis: Verhangene Spiegel, merkwürdige Flecken an der Decke und düstere Räume, die niemand mehr betritt – im Haus Marrowbone gibt es ein Geheimnis. Die vier Geschwister, die hier leben, versuchen es so gut wie möglich zu bewahren. Doch Einsamkeit und Angst machen ihnen zu schaffen und wieder und wieder droht die Wahrheit regelrecht aus der Wand zu brechen.

Kritik: Ich hab nix gegen stoffelige Gruselfilme in alten Häusern, besonders wenn sie im historischen Umfeld angesiedelt sind. Sowas wie „Awakening“ drückt bei mir genau die richtigen Knöpfe. Leider musste ich mich in den letzten Jahren allerdings immer mehr mit eher misslungenen Versuchen wie „Abattoir“, „Winchester“ oder „The Lodgers“ begnügen.

„Marrowbone“ beginnt durchaus vielversprechend: eine Familie zieht in ein einsames Haus ein. Definitiv bringt man einige Geheimnisse bereits mit. Die entspannten Sommertage am Meer weichen der Vorahnung, dass passieren wird, was vielleicht schon passiert ist – und das Verhalten der Kinder wird zunehmend unberechenbarer.

Tja, und dann… tritt der Film Wasser. Fast eine Stunde lang plätschert er vor sich hin, verkneift sich jede konkrete Spannung über das Grundrauschen hinaus, konzentriert sich stattdessen auf eine vergleichsweise banale Liebesgeschichte mit dazugehöriger Erpressung. Was wirklich vor sich geht, das wird erzählerisch umschifft, durch Zeitsprünge ausgelassen oder in Dialogen versteckt. Nun ist die elliptische Erzählweise, die dem Zuschauer durch Auslassung eigene Schlüsse abverlangt, üblicherweise ein Mittel zur Spannungssteigerung – in „Marrowbone“ bremst es aber den Flow, weil wir nie wissen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Wir sehen keine Geschehnisse, wir sehen nur deren Folgen. Es ist sehr offensichtlich, dass die Macher das bewusst als Stilmittel einsetzen – bei mir sorgte es nur für Verwirrung und schließlich Langeweile.

Erst gegen Ende wird klar, was das alles soll – es geht nicht um Geister, es geht um die Dämonen in uns, um das, was wir nicht zurücklassen können. Das Paranormale wendet sich ins Psychologische, ins Psychopathische. Kann man machen – wenn der Zuschauer tatsächlich mit den Figuren mitfiebert und ihr Scheitern als schmerzhaft empfindet. Doch leider macht sich „Marrowbone“ nicht die Mühe, auch nur einen der Protagonisten zu definieren oder mit einem anständigen Charakterbogen auszustatten. Die Figuren bleiben uns völlig fremd und damit auch völlig egal.

Schade. Man hatte das Geld, man hatte die Darsteller – aber anscheinend hatte man kein Interesse, Welt, Figuren und Geschichte so zu bauen, dass die 110 Minuten wen scheren. Letztlich belegt „Marrowbone“ nur eins: dass die erwartete Großkarriere der bezaubernden Anya Taylor-Joy („Witch“) tatsächlich unvermeidlich ist.

Fazit: Komplexer und gut gespielter, aber zu vage erzählter Geisterfilm mit psychoanalytischer Note, der einen stärkeren roten Faden und besser gezeichnete Charaktere dringend nötig hätte. 4 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„In der ersten Hälfte viele Längen, dann ein gut vorbereiteter Twist. Ein paar mehr Infos über den Vater anfangs und dafür weniger Alltag hätten den Film merklich verbessert.“



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..ist Philipp direkt eingeschlafen?

Thies
Thies

Beim Durchforsten des Programms hatte ich in (fast) jeden Trailer kurz reingeschnuppert um zu prüfen ob mich der Erzählton anspricht oder nicht. „Marrowbone“ hatte mich schon nach wenigen Sekunden überzeugt, so dass ich jede weitere Inhaltsangabe vermieden habe, da ich mir die Spannung nicht durch Spoiler verderben lassen wollte. Es stellt sich heraus, dass es dafür keine Spoiler gebraucht hätte.

Das Grundproblem ist das offensichtliche Auslassen eines wichtigen Ereignisses in der Handlung um das der Film einen sehr vorsichtigen Eiertanz vollzieht, da jede vorzeitige Enthüllung das Konstrukt sofort zum Einsturz bringen würde. Ein mühsam platzierter roter Herring kann den fehlenden Spannungsaufbau nicht ersetzen. Bis dann im letzten Viertel endlich die Katze aus dem Sack gelassen wird, was durch eine erklärende Rückblende geschieht die zu Folge hat, dass der Zuschauer das erste Drittel noch mal im Schnelldurchlauf gezeigt bekommt. Man möchte dem Film ständig „Get on with it“ zuraunen.

Spoiler
Das die Auflösung dann auch noch einer dieser billigen Tricks ist, bei deren Enthüllung ich mich schlicht und ergreifend verarscht fühle, macht dann leider den Deckel drauf.

Fazit: Für mich die bisher grösste Enttäuschung des Festivals