Südkorea 2018. Regie: Kim Ki-duk. Darsteller: Mina Fujii, Jang Keun-Suk, Ahn Sung-Ki, Lee Sung-Jae, Ryoo Seung-bum, Joe Odagiri

Offizielle Synopsis: In dieser brachial dystopischen Vision geht es um eine am Himmel gleitende, dem Weltuntergang entgegenstrebende Arche Noah. Der bunt zusammengewürfelte Haufen Eingesperrter – sozusagen ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung – entwickelt auf engstem Raum und angesichts der sich rasant verknappenden Ressourcen die widerlichsten Eigenschaften. Empathie, Bündnisse, Vernunft? Alles Fehlanzeige. Der Darwinismus regiert in Reinform und prügelt auf die Schwachen ein. Ein alter Mann, der Schmutz in einen Eimer kehrt, beobachtet das verrohte Spektakel und denkt sich seinen Teil.

Kritik: Alder, nach einem homogenen Drama wie „Border“ einen cineastischen Holzhammer wie „HSTH“ über den Schädel gezogen zu kriegen – das ist Fantasy Filmfest in Reinkultur. Was spielen Sie denn hier? Oh, wir haben beides – Schmutz und Schund. Es ist einer dieser Filme, der die Spreu vom Weizen trennt, die FFF-Allesgucker von den warmduschigen Gelegenheitsbesuchern.

Ich verstehe „HSTH“ nicht. Nicht, weil ich ihn nicht verstehe. Ich verstehe den Film schon. Ich verstehe nur die Existenzgrundlage des Films nicht. Woher hat der seinen Lebensberechtigungsschein? Es ist eine albern krude Parabel – natürlich ist das Land in diesem Film ein Kriegsschiff, es finden sich Repräsentanten von Militär, Politik, Verbrechen und Volk. Die Politik ist korrupt, das Verbrechen brutal, das Volk der unheiligen Allianz von beiden ausgeliefert. Alles wird Chaos, auf das Chaos folgt Tod, auf den Tod folgt Wiedergeburt, und die nachfolgenden Generationen tragen die Schuld in sich.

Das ist weder neu noch clever, sondern im Stil eines Kinderbuchs plakativ und damit eigentlich auch wertlos. Es liegt kein Nutzen darin, den Zuschauern zu erzählen, was sie wissen – oder zu wissen glauben. Und es liegt kein Nutzen darin, gleich mit mehreren brutalen Vergewaltigungen in die Story einzusteigen. „Man’s inhumanity to man“ mag ein trauriges Fakt sein – aber als filmisches Mittel ist sie nur begrenzt tauglich, wie auch schon Uwe Boll feststellen musste.

„HTSH“ überrascht uns nicht, er bedient nur unsere dumpfen Stammtischvorstellungen davon, wie „es läuft“ in der Welt. Und das macht er mit den dumpfsten und zynischsten Stilmitteln, die er finden kann, suhlt sich in Dreck, Gewalt, Sex und Drogen, ohne jemals des Status eines existenzialistischen Dramas zu erreichen.

Zugegeben: nach einer knappen Stunde der überzogenen Laufzeit von 122 Minuten fängt sich „HTSH“ etwas, findet einen gewissen Rhythmus und wandelt sich zu einer größeren Meditation über Tod und Wiedergeburt. Nur leider tut er das immer noch mit den Mitteln von Gewalt, Sex und Gewaltsex. WEM der Film WAS sagen soll, das hat sich mir nicht erschlossen. Vielleicht seid ihr schlauer.

Ich fühle mich aber noch bemüßigt, ein Erlebnis vom Ende des Films zu schildern. Philipp und ich verlassen erschöpft, aber von der Ausbeute zufrieden das Kino, als da ein Typ steht und uns ungefragt anquatscht (üblicherweise verhindert mein Gesichtsausdruck sowas), nach dem Motto: „Das knallte jetzt aber schon rein, was?“. Er grinst, als habe er gerade von der Freundin einen Kuchen bekommen. Unserer mangelnden Begeisterung wegen schiebt er nach: „Besser als der Krampf davor auf jeden Fall, was?“. Mit „der Krampf“ meint er „Border“. Ich schaue den Typ nicht an, sondern wende mich an Philipp: „Ich brauche das jetzt nicht“. Philipp nickt. Wir gehen kommentarlos weiter. Der Typ guckt jetzt so dumm, wie er vermutlich auch ist.

Fazit: Eine so bizarre wie banale Parabel auf den brutalen Kampf der korrumpierten gesellschaftlichen Schichten, der sich nach der Hälfte etwas fängt, nur um dann in ein krudes Kannibalengemetzel abzusacken. Harte Kost, einmal interessant, aber nicht guten Gewissens zu empfehlen. 4 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Einfache Botschaft, mit der Dampframme erzählt. Das Menschenbild dieses Films widert mich genauso an wie seine Darstellungen.“



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Hamburg, Tag 4, Film 4 – Ich denke ich bin filmisch ziemlich hart im Nehmen. Trotzdem bin ich heute bei „HSTH“ nach 30 Minuten aus dem Kino gegangen. Das hatte nicht nur mit dem Film zu tun. Ich muß morgen früh raus und bin von vornherein nur wegen der Dauerkarte in die Vorstellung gegangen. Aber wenn es der Film wert gewesen wäre hätte ich die Zähne zusammen gebissen und mich dann halt mit verschlafenem Gesicht durch einen Montag-Morgen gequält. „HSTH“ ging mir nun aber bereits nach 10 Minuten mit seiner plakativen Botschaft auf die Nerven. Von den Figuren will ich gar nicht erst anfangen. Ich habe „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Figuren gesehen die mehr Profil haben als das Personal auf diesem Schiff. Trotzdem habe ich versucht durchzuhalten. Ich hatte darauf gehofft das die platten Parolen nur satirisch gemeint waren und der Regisseur noch etwas anderes zu Bieten hat. Hatte er auch: Vergewaltigungen! Und zwar jede Menge davon. Und keine einzige davon wurde so inszeniert als sollte sie einen emotionalen Impact auslösen. Eher schon wie ein en-passant Zug beim Schach. Und somit war ich nach 30 Minuten nicht nur genervt sondern auch zutiefst angewidert. Und hab meine Jacke und Tasche gepackt und bin gegangen. Das macht mich offenbar zu einem Warmduscher und Gelegenheitsgucker, aber damit kann ich leben.

P.S. Jede Wette das sich der Regisseur, der sonst mehr Arthouse als Genre dreht, in der Rolle des Schmutz zusammen sammelnden Alten in den Film geschrieben hat. Nach dem Motto: ich zeige euch nur das, was ihr selber hinterlassen habt.

Fazit: nicht möglich.