Schweden/Dänemark 2018. Regie: Ali Abbasi. Darsteller: Eva Melander, Eero Milonoff, Viktor Åkerblom, Joakim Olsson

Offizielle Synopsis: Der Schauplatz ist eine Landesgrenze von Schweden. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Grenzwärterin Tina, die nicht nur ein etwas ungewöhnliches Erscheinungsbild besitzt, sondern auch ein ganz spezielles Talent: Sie hat einen siebten Sinn dafür, wenn Menschen etwas zu verbergen haben. Als Zollbeamtin ist es ihr deshalb ein Leichtes, Schmuggler aufzuspüren. Als sie eines Tages einen Mann untersucht, der nicht nur ähnliche Züge hat wie sie selbst, sondern auch noch ein Geheimnis mit sich herumträgt, das Tinas Leben gehörig aus den Fugen geraten lässt, entwickelt sie eine merkwürdige Faszination für den eigenartigen Fremden.

Kritik: Nachdem die Veranstalter mitgeteilt hatten, „Valley of Shadows“ wäre als Centerpiece in Betracht gekommen, hatte ich für „Border“ schlimmste Befürchtungen. Gerade beim Centerpiece wird dem persönlichen Geschmack der Rosebuddies Rechnung getragen – und der ist nicht notwendigerweise kompatibel zu meinem.

Und die erste halbe Stunde scheint das zu bestätigen. Das ist alles sehr skandinavisch langsam, die Kamera klebt am grobschlächtigen Gesicht der von der Gesellschaft geächteten Hauptfigur. Das Leben – es ist ein Jammertal. Der Frohsinn von ABBA und IKEA ist hier nirgends zu finden. Man kann sich eigentlich nur erschießen.

Aber langsam ist hier nicht langweilig, und es gelingt dem Film schnell, uns die tranige Tina sympathisch zu machen. Und dann das große Mysterium – was IST sie eigentlich? Eine Neanderthalerin in moderner Zeit, ein Gen-Defekt, ein Fabelwesen? Erinnerungen an „Thale“ werden wach. Mit dem Auftauchen von Vore beginnt nicht nur eine schwierige, teilweise auch schwierig anzusehende Liebesgeschichte – es beginnt die Reise unserer Protagonistin, die Suche nach der Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Was bin ich? Und was will ich sein?

Nach einer Dreiviertelstunde von „Border“ war ich überzeugt, den Film durchschaut zu haben. Es ist eine Parabel, die sich mit den Problemen von Trans-Menschen beschäftigt: Personen, die „anders“ sind, geboren mit einem undefinierten Geschlecht, fern der klassischen Zuordnungen. Ein Film darüber, dass man eine Gemeinschaft braucht, so klein sie auch sein mag. Dass das Bedürfnis nach Liebe nicht davon abhängt, ob man dazu gehört.

Dafür hätte ich 6 von 10 Punkten gegeben und den Film als sauber konstruiertes, aber doch etwas durchschaubares und belehrendes Drama besprochen. Doch „Border“ will und kann mehr. Immer, wenn wir zu wissen glauben, wie die Teile zueinander passen (eine Aussage, die im Kontext deutlich mehr Bedeutung hat, als ihr jetzt gerade glaubt), findet die Narrative einen neuen Weg, macht neue Aspekte auf. Tina und Vore sind eben doch nicht nur „anders“, sie sind ein Teil der skandinavischen Folklore, sind genauso Vergangenheit wie Gegenwart. Hier bietet der Film auch noch andere Interpretationen an, die nicht minder spannend sind.

Ich habe lange keinen Film mehr gesehen, der aus der Fantastik eine solche Erzählkraft zieht, der sein zutiefst menschliches Drama so perfekt in eine Genrehülle packt und aus der gegenseitigen Befruchtung so viel Spannung und Emotion generiert. Wer zum FFF kommt, um Filme wie „Hunt for the Wilderpeople“, „The Lobster“ und „Beasts of the Southern Wild“ zu entdecken, der ist bei „Border“ genau richtig. Wer eher für „Mandy“ und „Lesbian Vampire Killers“ die Eintrittskarte löst, sehe sich gewarnt.

Fazit: Ein stilles, exzellent beobachtetes und gespieltes Drama, das noch mal in Richtung Fantastik aufdreht, wenn es als LGBT-Parabel längst in den Nachspann gehen könnte. Keine leichte Kost, nicht für Jedermann/Jederfrau, aber für mich starke 9 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Einfühlsam, weist weit über das Erzählte hinaus. Ein wirklich relevanter Film, an dem ich noch etwas zu knabbern haben werde.“



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Matts
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Puh! Als jemand, der seinen Lebensunterhalt nicht mit Schreiben verdient, fällt es mir direkt schwer hierzu die rechten Worte zu finden. Ich fand ihn … gut.
Aber im Ernst: Ein echt schönes modernes Märchen, auch ohne ein klassisches Märchenbuch-Ende. Die über weite Strecken langsame Erzählweise hat für mich auch sehr gut dazu gepasst. Eine wirklich gutes Centerpiece für dieses Jahr (Das der Film der schwedische Oscar-Beitrag für 2019 sein wird, hat wohl auch zu der Auswahl beigetragen).

Thies
Thies

Der Film hat dann leider keine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film erhalten, aber dafür eine für die außergewöhnlichen Masken-Effekte, die entscheidend dazu beitragen, dass man sowohl die Herkunft der Hauptfigur akzeptieren als auch ihre Gefühle nachvollziehen kann.