Frankreich 2018. Regie: Gaspar Noé. Darsteller: Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub, Kiddy Smile, Claude Gajan Maull, Giselle Palmer, Taylor Kastle, Thea Carla Schøtt, Sharleen Temple

Story: Eine Tanztruppe übt in einer abgelegenen Mehrzweckhalle für eine USA-Tour. Bei der abschließenden Party sind alle sehr ausgelassen – und werden immer ausgelassener. Jemand hat LSD in die Sangria gemischt und der Trip geht für alle Beteiligten schwer nach hinten los…

Kritik: Ich erinnere mich gut an meine erste Begegnung mit Gaspar Noé (im wörtlichen Sinne – er war ja vor Ort). Es war eine Erfahrung, ein singuläres Ereignis. Die Erkenntnis, dass man Kino jenseits aller Konventionen machen kann, wenn man nur eine klare Vision hat, eine totale Kontrolle des Mediums, eine singuläre Vorstellung der Welt, die man bauen will.

Ich glaube nicht, dass Noé jemals wieder etwas wie „Enter the Void“ drehen wird – oder kann. Das mag schon daran liegen, dass Noé kein Interesse zeigt, sich zu wiederholen. Jeder seiner Filme ist ein Unikat, ein eigenes Universum mit Figuren, die menschlich sind und doch Aliens sein könnten. Vielleicht passt ein Vergleich mit der Malerei: die meisten Menschen mögen Landschaften, erkennbare Szenerien, Porträts. Noé ist ein Picasso, seine Figuren sind verzerrt, verzweifelt, sperrig, seine Botschaft ist weit besser im Bauch zu spüren als von der bloßen Betrachtung zu entschlüsseln. Noé macht die Sorte Kunst, die man auch respektiert, wenn man sie nicht versteht.

Sein neuster Film steht genau in dieser Tradition. Das Setup von „Climax“ ist verführerisch simpel: stecke mehr als ein Dutzend hoch trainierter, verwirrter, aufgedrehter und hormonell blubbernder Tänzer in eine Halle und gib ihnen Drogen. Nimm ihnen alle Schranken, mache sie nackt bis auf die Urängste, die Urtriebe. Wo andere Konsumenten sich hinlegen und den Trip ausschlafen würden, drehen die Tänzer auf, verwandeln ihre Körper in zuckende, fordernde, gebende und nehmende Biomaschinen. Hass, Geilheit, Paranoia – was für ein ganzes Leben reicht, wird hier in einen Abend gepresst. Sartre hatte ja recht: Die Hölle, das sind wir.

Im Gegensatz zu „Mandy“ weiß Noé auch, wie man die Bildsprache der Dramaturgie unterordnet – Kamera, Licht und Schnitt halten exakt mit dem Trip schritt, verlieren sich wie die Protagonisten, scheinen im Verlauf des dritten Akts jeden Versuch aufzugeben, Sinn und Ordnung in das Chaos zu bringen. Es steht alles auf dem Kopf.

Es wäre kein Noé-Film, wenn der Abstieg in die Urtrieb-Hölle nicht weit über das notwendige Maß hinaus in den Exzess hinein inszeniert wäre: minutenlange Kamerafahrten, ungeschnittene brachiale Tanzszenen, dazu hämmernde Electronik-Musik verschiedener Schulen und Jahrzehnte, ein torkelnder Wechsel zwischen den Figuren. Ein Trip nicht nur für die Figuren, sondern auch für die Zuschauer. Totales „mittendrin statt nur dabei“.

Noé hat in den letzten 20 Jahre nur vier Langfilme gedreht. Mehr muss auch nicht. Noé ist selber wie eine Droge – in Maßen genossen eine wichtige, augenöffnende Erfahrung. Mehr wäre eine Überdosis.

Aber Alter…

Fazit: Ein Höllentrip, hypnotisch bebildert und furchtlos gespielt, jenseits aller Normen und Selbstverständlichkeiten. Wer sein Kino brutal, experimentell und fordernd mag, ist bei Noé mal wieder richtig. 9 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Eindringliche Darstellung, tolle Tanzeinlagen und ein interessanter Aufbau, der mit den Konventionen des Films spielt.

 

 



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Sehr gut, jetzt freue ich mich noch etwas mehr auf die Vorstellung in München!

Udo

Klingt nach einem Film für mich. 🙂

Thies
Thies

Hamburg, Tag 2, Film 4:

Ich habe den Ausführungen des Wortvogels nichts hinzuzufügen.

Mein Fazit: Exzess – der Film!

Tobi
Tobi

Der Film tut weh. Aber ausser der Tatsache, dass er aus dem Rahmen fällt und sich an keine Konventionen hält, hat er mir nichts gegeben. Er ist kalt und oberflächlich und dient anscheinend nur dem Vorhaben des Regiesseurs, zu schocken und zu provozieren. Ansonsten sagt er mir nichts. Flache Dialoge, keine Charaktere, die irgendeine Tiefe entwickeln, alle so selbsverliebt, wie der Macher selbst. Die Tanzeinlagen waren auch nicht so aussergewöhnlich – für Zuschauer, die sich mit Tanz auskennen, war das höchstens Durchschnitt. Am Ende hatte ich ein Gefühl im Bauch, als hätte ich eine zu große Menge an Fast Food gefressen. Schwer verdaulich und ohne Nährwert…

Matts
Matts

Obwohl ich auch schon eine Zeit lang beim Festival bin, war das tatsächlich mein erster Noé. Jetzt will ich auf jeden Fall auch die anderen sehen. Denn dieser Film hat mich echt umgehauen!
Ich fand die Tanzsequenzen spitze – sowas sehe ich immer gerne in Filmen. Man merkt, dass Noé hier von der Bewegung des menschlichen Körpers fasziniert ist. Und wie er dann den Vorgang inszeniert, wenn aus Ordnung Chaos wird – sagenhaft!