Israel 2018. Regie: Doron Paz, Yoav Paz. Darsteller: Alex Tritenko, Brynie Furstenberg, Hani Furstenberg, Ishai Golan, Lenny Ravich

Story: Litauen 1673: Die Pest wütet und rafft die Menschen dahin. Seit ihr Sohn vor sieben Jahren gestorben ist, konnte Hanna ihrem Mann keinen Nachkommen mehr schenken. Heimlich belauscht sie die Rabbiner ihrer kleinen Gemeinde und studiert, für eine Frau ungehörig, die Heiligen Schriften. Als es ihr mittels der Kabbala gelingt, einen Golem heraufzubeschwören, da erscheint das aus Lehm geschaffene Wesen in Form eines Kindes gerade zur rechten Zeit. Denn als benachbarte Christen aus Hass und Aberglaube das jüdische Dorf niederzubrennen drohen, befiehlt Hanna ihrem Golem anzugreifen. Noch ahnt sie nicht, wozu der Junge mit den eiskalten Augen wirklich im Stande ist.

Kritik: Ich hatte es vor ein paar Jahren ja mal erzählt – es gibt ein Drehbuch von mir, das die Golem-Sage als Akte X-Variation im Dritten Reich erzählt. Das hat den kuriosen Effekt, dass ich jeden Film über den Golem immer mit meinem unvollendeten Projekt vergleiche und mich frage: haben die das besser oder schlechter gemacht? Im Fall des israelischen „The Golem“ schwankte ich da teilweise in der Beurteilung.

Der Film fängt durchaus interessant an und gar nicht so aufgesetzt verkünstelt, wie ich das von einer israelischen Adaption des Themas befürchtet hatte. In knalligen Farben wird der Golem als muskulöses Muskelmonster dargestellt, das einem Rabbi die Birne platzen lässt – ist der Unhold gar ein Scanner?

Dann springt die Handlung in ein jüdisches Dorf in Litauen 1673 – auch nicht gerade eine ausgelutschte goldene Ära des Horrorfilms. Es herrscht allenthalben die Pest und die kinderlose Hanna – heimlich die Kabbala gelehrt – würde bösen Invasoren gerne einen jüdischen Rächer auf den Hals hetzen. Saftig Material für einen historischen Monsterkracher – es muss ja nicht immer gleich „Outlander“ sein.

Nun zeichnen sich dieses Jahr beim FFF zwei wiederkehrende Muster ab, und beide finden wir in sehr schädigender Form in „The Golem“: Da ist zum Einen der Fokus auf eine weibliche Hauptperson. Nun mag man ja gerne mal „go girls!“ rufen, aber dieser feministische Ansatz (wir reden ja nicht von damsels in distress oder final girls, sondern voll auserzählten Protagonistinnen) hat seine Tücken: Weil die Frauen natürlich nicht einfach nur Männer mit Brüsten sein sollen, dichtet man ihnen eine größere Empathie und einen weitgehenden Verzicht auf männlich aggressives Verhalten an. Im Ergebnis bedeutet das, dass sie teilweise hanebüchen dummes Zeug tun und verdammenswerte Entscheidungen treffen, wir das aber als „weiblich emotional“ hinnehmen sollen.

Hanna ist ein besonders krasser Fall: ihr erster Sohn ist ertrunken, das ganze Dorf erwartet von ihr einen Nachfolger, sie steht unter Druck, fühlt sich allein und unverstanden. Damit sollen wir uns identifizieren, wir sollen auf Hannas Seite gegen die gemeinen Mitbewohner stehen – und das, obwohl sie letztlich Schuld am gesamten Elend ist. Sie belügt ihren Mann, betrügt die Gemeinde, erschafft ein Monster, sorgt direkt für den Tod vieler Nachbarn, ohne je einen ernsthaften Anflug von Reue zu zeigen. Weil: Mutterliebe. Das kann so nicht funktionieren – und es geht gänzlich nach hinten los, wenn das Ende impliziert, Hanna habe auf irgendeiner Ebene „gewonnen“.

Besser wäre gewesen, man hätte die Geschichte aus der Sicht ihres Mannes Benjamin erzählt, der mitbekommt, wie seine Frau immer mehr in den Wahn abrutscht, mithilfe des Golems Rache zu nehmen und als Ersatzmutter zu fungieren. Er hätte hier der moralische Kompass sein können, der „The Golem“ komplett abgeht.

Das zweite Muster des diesjährigen FFF ist der Unwillen, einen Horrorfilm auch als Horrorfilm zu erzählen. Natürlich ist „The Golem“ nicht einfach eine Schauermär – im Kern ist es selbstverständlich ein Familiendrama und die Geschichte einer Frau, die nicht loslassen kann. Dem wird unangemessen viel Laufzeit eingeräumt und die tatsächliche „Golem action“ beschränkt sich auf vielleicht zehn Minuten.

Schade. Man hatte die Legende, das Setting, die Kostüme, die Darsteller – aber für einen einfachen, effektiven Horrorfilm waren sich die Beteiligten augenscheinlich zu schade. Sie wollten mehr. Und erreichten weniger.

Fazit: Was das Potenzial zu einem schicken Historien-Monsterkracher in einem frischen Setting hat, verkommt leider zu einer moralisch fragwürdigen Mutter/Kind-Geschichte ohne wirklichen Biss. Enttäuschte 5 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Ein paar nette Ideen, aber moralisch sehr fragwürdige Auflösung. Übrigens: Umsäumen ist keine Erfindung des 19. Jahrhunderts!“



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