Kanada 2018. Regie: Colin Minihan. Darsteller: Hannah Emily Anderson, Brittany Allen, Martha Macisaac, Joey Klein, Charlotte Lindsay Marron

Offizielle Synopsis: Eine abgeschiedene Waldhütte am malerischen See – als Genrefan weiß man, das ist keine Reklamekulisse für romantische Wochenenden, sondern gnadenloses Erfolgsrezept für Survival Horror! Jules hingegen ahnt das nicht, als sie hier mit Ehefrau Jackie ankommt, um den gemeinsamen Hochzeitstag zu feiern. Noch viel weniger scheint sie zu wissen, wen sie da eigentlich geheiratet hat.

Kritik: Die nächsten Kritiken werden aus organisatorischen Gründen in etwas wirrer Reihenfolge veröffentlicht, aber korrekt nummeriert. Ich bitte für etwaige Konfusion um Entschuldigung.

Ich gesteh’s mittlerweile ein: 2018 ist das Jahr, in dem mich viele Regisseure, die ich bisher so meh fand, positiv überrascht haben. Jim Hosking, Nicolas Pesce, Quentin Dupiex – und jetzt auch noch Colin Minihan, den ich als Teil der generischen LA-Posse „Vicious Brothers“ verachte, der mich aber schon 2016 mit dem einfallsreichen „It stains the sands red“ für sich gewinnen konnte. „What keeps you alive“ ist ein weiterer klarer Schritt voran in seiner Karriere, zeigt eine sichere Hand in Sachen Dramaturgie und Schauspielerführung. Minihan entfernt sich immer mehr von seinen trashigen Ursprüngen – und besser ist das.

Ich würde aber soweit gehen, dass „What keeps you alive“ von Minihans Vergangenheit profitiert, denn der Film müht sich nicht – wie so viele andere Beiträge dieses Festivals – eine Stunde lang daran ab, seine Personen und ihre persönlichen Dramen einzuführen. Er ist sehr straff erzählt, konzentriert sich auf die Details, die die Geschichte wirklich braucht. Alles, was in den ersten 10 Minuten erwähnt/gezeigt wird, ist von Bedeutung. Minihan hat das Prinzip von Tschechows Gewehr besser verstanden als viele seiner bedeutend erhabeneren Kollegen.

Und so lässt einen „What keeps you alive“ über die gesamte Laufzeit von 98 Minuten nicht los, findet immer wieder neue Haken, die er schlagen kann – und fordert dabei seiner Heldin wirklich alles ab. Dass es am Ende dann doch ein wenig ins Absurde kippt und man um der Glaubwürdigkeit willen auf ein oder zwei Twists hätte verzichten können, fand zumindest ich absolut verzeihlich.

Noch anzusprechen sei, dass man die Tatsache, dass es hier um ein Lesbenpärchen geht, verschieden auslegen kann. Für die Geschichte macht es keinen Unterschied – Jules oder Jackie könnten genau so gut ein Mann und eine Frau sein. Ist das positiv zu werten? Sollte ein Geschlechterwechsel nicht auch Folgen haben? Oder ist es fair und richtig, aus der sexuellen Orientierung der Protagonistinnen keinen dramaturgischen Saft quetschen zu wollen? Schwer zu sagen. Zumindest aber torpediert es jeden Versuch (den es trotzdem sicher geben wird), „What keeps you alive“ als lesbenfeindlich anzufeinden – der Film unterstellt ja nirgendwo, die Motivation der Figuren läge in ihrer sexuellen Orientierung oder wäre auch nur von dieser beeinflusst. Er zeigt aber, dass man sich problemlos von klassischen Figurenkonstellationen lösen kann, ohne das gleich plakativ thematisieren zu müssen.

Fazit: Cleverer Survivalthriller mit vielen Wendungen, eine weitere Steigerung/ Rehabilitation von Colin Minihan und nur im zu twistfreudigen Finale etwas unsicher. Erfreute 8 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Kanadischer Film, ein Pärchen im Wald: ich dachte, das wird die nächste Schlaftablette. Aber er ist erstaunlich spannend und überhaupt nicht lieb.“



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MattsWortvogelLutz Recent comment authors
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Lutz
Lutz

Dass die Geschlechterrollen so natürlich rüberkommen und nicht hinterfragt oder kommentiert werden, liegt vermutlich daran, dass eine der beiden Rollen ursprünglich für einen Mann geschrieben worden war, nachdem der vorgesehene Schauspieler wegen anderer Verpflichtungen ausgefallen war, dann aber mit einer Frau besetzt wurde und das Drehbuch dann unverändert verfilmt wurde. Das ist natürlich reine Spekulation, aber ich denke schon, dass die Dynamik zwischen den Figuren anders ausgefallen wäre, wenn der Autor von vornherein geplant hätte, zwei Frauen als Protagonistinnen zu nehmen.

Matts
Matts

Der hat mich irgendwie nicht so richtig gekriegt. Ich bin bereit zuzugeben, dass es vielleicht daran lag, dass ich nach dem Mittagessen noch etwas träge und müde war.
Ich sehe aber ein, dass das Pacing ordentlich war und die beiden Hauptdarstellerinnen ihre Sache schon echt gut gemacht haben. Vielleicht hat mich auch der allerletzte erwähnte Twist etwas zu sehr angenervt.