USA 2018. Regie: Fritz Böhm. Darsteller: Liv Tyler, Brad Dourif, Bel Powley, James LeGros, Mike Faist, Collin Kelly-Sordelet

Offizielle Synopsis: Hingebungsvoll zieht der alleinerziehende Vater die kleine Anna zuhause auf. Und doch wird schnell klar, dass hier etwas nicht stimmt. Die beiden leben völlig isoliert in einer Hütte mit unverputzten Wänden und Anna darf ihr Zimmer nie verlassen. Wütet draußen eine Apokalypse, deren einzige Überlebende sie sind? Ist Anna das Opfer eines Entführers, oder doch bedroht von kinderfressenden Kreaturen, wie ihr Vater jeden Abend mahnt?

Kritik: Ich will die offizielle Synopsis nicht in Abrede stellen – aber sie kratzt nur an der Oberfläche, weil sie mehr am Setup als am Inhalt interessiert ist. Was da oben steht, deckt nur die ersten fünf Minuten des Films ab. Tatsächlich geht es in „Wildling“ um Annas Leben NACH der Gefangenschaft, um den Versuch, das traumatisierte und von der Welt isolierte Mädchen in eine vergleichsweise normale Gesellschaft einzubinden. Glaubt Sheriff Ellen Cooper anfangs noch, Anna sei von ihrem „Vater“ emotional gebrochen worden, so muss sie bald einsehen, dass die Andersartigkeit des Mädchens vielleicht ganz andere Ursachen hat…

Nach „Boarding School“ der zweite Horrorfilm von der Produktionsfirma Maven, die u.a. von Stings Ehefrau Trudie Styler gegründet wurde. Und wieder hat man das Gefühl, dass hier versucht wird, den üblichen Tropen des Genre etwas entgegen zu setzen und sich wieder auf die Seite der geknechteten Außenseiter zu schlagen, die vom „white male establishment“ unterdrückt werden. Kann nerven – wenn’s zu plakativ und aggressiv gemacht wird. Kann gut unterhalten – wie hier.

Wie schon Jacob in „Boarding School“ ist Anna erkennbar anders. Ihre Sozialisierung stockt, weil die Gesellschaft sie zu etwas machen will, was sie nicht ist. Freiheit kann sie erst erlangen, wenn sie ihrer Natur nachgibt, wenn sie Raum bekommt. Das ist erfreulich Anna-zentrisch erzählt – wir beobachten sie nicht durch die Augen von Ellen oder den Ärzten, sondern bleiben direkt an der Figur. Die Rituale, Pflichten und Erwartungen der durchorganisierten Zivilisation – sie sind ihr fremd. Das ist kein Defizit.

Die Entwicklung Annas wird dabei nach und nach in einen größeren Kontext gesetzt und steht stellvertretend für die Mythologie der Wildlings, einer faszinierenden Werwolf-Variation aus der amerikanischen Urgeschichte. Annas Geschichte ist die Geschichte unseres Umgangs mit wilden Wesen – einsperren oder ausrotten.

Das ist schick inszeniert, sehr überzeugend gespielt und diverse Mal auch ausreichend ruppig. Pluspunkt, dass der Film für die Horror-Legende Brad Dourif eine sehr schöne Charakterrolle bereit hält.

Aber es lässt sich kaum bestreiten, dass diese „Mädchen als Außenseiter in der Kleinstadt“-Nummer klar auf ein Twilight-Publikum zielt und weniger auf die Gorehounds des FFF. Ein Film, in den Mann die Freundin mitnehmen kann oder der auch für die 16jährige Patentochter geeignet ist. Man sollte ihn deshalb allerdings nicht unterschätzen – dafür ist er schlicht zu gut gemacht. Ich fühlte mich hier 90 Minuten lang deutlich besser unterhalten als von 90 Prozent des Restprogramms.

Regisseur Fritz Böhm ist übrigens Berliner, Production Manager und Effektkünstler aus Berlin – gerade deshalb erschrickt es mich, dass er die wenigen und wenig aufwändigen CGI-Shots total vergeigt. Ein Sprung von Anna von einer Klippe in einen Fluss sieht so scheiße aus, dass man nur froh sein kann, dass er so schnell vorbei ist.

Egal. Guter, und vor allem gut erzählter Film. Horror ist nicht nur für Jungs.

Fazit: Mädchen-Horrorfilm, der deutlich mehr Suspense, Story und World Building zustande bringt als viele männlich orientierte Genrebeiträge. Abgesehen von zwei, drei wackeligen CGI-Aufnahmen durchweg gelungen. 8 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Die kleine Schwester von „Border“. Auch hier eine gut durchgezogene Mythologie. Hat was.“



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